Der englische Straßenkicker

Für Dele Alli könnte die EM den Sprung in den Fußball-Olymp bedeuten. Die Geschichte eines englischen Straßenkickers. Von Alexander Kords

 

Als einzigem Team gelang es der englischen Nationalmannschaft, sämtliche Spiele der Qualifikation zur EURO 2016 zu gewinnen. Noch dazu mit beeindruckenden 31 Toren – nur Polen war mit 33 noch treffsicherer. Und auch wenn mit Wayne Rooney der erfolgreichste englische Torjäger aller Zeiten so langsam in die Jahre kommt, stehen mit Danny Welbeck, Theo Walcott und Harry Kane seine potentiellen Nachfolger längst in den Startlöchern. Und auch im Mittelfeld der Three Lions tummeln sich einige talentierte Spieler, denen die Zukunft gehört. Einer von ihnen ist Dele Alli von Tottenham Hotspur.

 

Bamidele Jermaine Alli, so der vollständige Name von Dele Alli, wurde im April 1996 – also im Jahr der EM in England - in Milton Keynes, knapp 100 Kilometer nordwestlich von London, geboren. Das Umfeld, in dem er aufwuchs, lässt sich wohl am ehesten als „schwierig“ bezeichnen: Jedes der vier Kinder seiner Mutter hat einen anderen Vater, und um dem Alltag zu entfliehen, griff sie jahrelang zu alkoholischen Getränken. Auch Dele fand einen Weg, so oft wie möglich die kleine Sozialwohnung zu verlassen: Fußball. Regelmäßig trat der Junge auf der Straße gegen den Ball und entwickelte dadurch früh seine besonderen technischen Fertigkeiten.

 

Um diese in koordinierte Bahnen zu lenken, meldete er sich bald beim örtlichen Fußballclub City Colts an. Mit zehn Jahren lehnte er ein Probetraining bei den Milton Keynes Dons an, ein Jahr später schloss er sich doch dem Nachwuchs des damaligen Drittligisten an. Daneben kickte er weiterhin auf der Straße. Weil dort aber auch Gangs präsent waren, drohte das Jugendamt, Deles Mutter das Sorgerecht zu entziehen, wenn sie den Umgang ihres Sohnes nicht anders regelte. Deshalb sah sie es als einzige Möglichkeit an, den damals 13 Jahre alten Dele bei einem befreundeten Ehepaar in Cosgrove Village leben zu lassen. Sobald sich seine persönlichen Verhältnisse ins Positive gewendet hatten, konnte sich Alli ganz auf den Fußball konzentrieren.

 




 

Bei den MK Dons durchlief er die Nachwuchsteams und stand im November 2012, im Alter von 16 Jahren und knapp sieben Monaten, erstmals im FA-Cup-Spiel gegen Cambridge City für die Kampfmannschaft auf dem Spielfeld. Symptomatisch für sein Können war Allis erster Ballkontakt im Profifußball: ein Hackentrick. Weil die Partie gegen Cambridge mit 0:0 endete, musste zwei Wochen später ein Entscheidungsspiel her – und in dem trug sich Alli mit einem Distanzschuss aus 30 Metern in die Torschützenliste ein. In der nachfolgenden Saison 2013/2014 gehörte der zentrale Mittelfeldspieler schon zur Stammformation der Dons und erzielte in 33 Ligaspielen sechs Tore. Diese Bilanz konnte er in der Spielzeit 2014/2015 sogar noch steigern, kam er doch in 39 Partien in der League One auf 16 Treffer und neun Vorlagen. Beim geradezu historischen 4:0-Sieg gegen Manchester United im League Cup im August 2014 saßen bereits die Scouts namhafter Vereine wie FC Liverpool und Bayern München auf der Tribüne, um Alli zu beobachten.

 


Wechsel zu Tottenham
Letztlich wechselte dieser im Februar 2015 für rund 6,5 Millionen Euro zu Tottenham Hotspur, wobei ihn sein neuer Club noch bis zum Ende der Saison an die MK Dons verlieh. Am Ende der Spielzeit stiegen die Dons in die zweite englische Liga auf, und Alli wurde mit einem Football League Award als bester junger Spieler aus den drei Ligen unterhalb der Premier League ausgezeichnet. Gleich in seiner ersten Saison bei den Spurs spielte sich Alli in die Stammformation und schoss zehn Ligatore. Sein Team erreichte letztlich einen überraschenden dritten Tabellenplatz, Dele selbst wurde zum PFA Young Player of the Year ernannt und ins Premier-League-Team des Jahres gewählt.

 




 

Obwohl Dele schon seit 2012 regelmäßig in die englischen Nachwuchsteams berufen worden war, versuchte John Fashanu, ein englischer Fernsehkommentator mit nigerianischen Wurzeln, Alli Anfang 2015 für die nigerianische Nationalmannschaft zu gewinnen. Für die wäre Alli wegen seines nigerianischen Vaters spielberechtigt gewesen. Der Spieler entschied sich allerdings dafür, für England aufzulaufen, und gab im Oktober 2015 im EM-Qualifikationsspiel gegen Estland sein Debüt. Allis größter Vorteil für Club und Länderauswahl ist seine Flexibilität: Sei es als genialer Passverteiler hinter den Spitzen oder als harter Zweikämpfer vor der Abwehr – Alli ist auf jeder Position im zentralen Mittelfeld gut aufgehoben. Dazu ist er dank seiner technischen Fähigkeiten immer für einen Überraschungsmoment gut. Nicht nur deshalb fährt Alli sicher mit den Engländern zur EURO, und vielleicht trägt er seinen Teil dazu bei, dass sein Heimatland erstmals nach 1966 wieder nach einem Titel greifen kann.