Das Supertalent des EM-Geheimfavoriten

Die belgische Nationalelf gilt als Geheimfavorit für das Turnier in Frankreich. Mittlerweile rückt bereits die nächste Generation an Supertalenten nach. Einer davon ist Divock Origi vom FC Liverpool. Von Alexander Kords

 

Wenn es um Geheimfavoriten für große Fußballturniere geht, dann gehört die belgische Nationalmannschaft seit Jahren zu diesem Kreis. Ob der Tipp inzwischen noch als geheim gelten kann, ist allerdings zu bezweifeln, schließlich nahm das Team von November 2015 bis März 2016 den ersten Platz der Fußball-Weltrangliste ein. Auch für die anstehende Europameisterschaft hat sich die Elf souverän qualifiziert. Und Trainer Marc Wilmots ist in der komfortablen Situation, sein Team aus Stars wie Kevin de Bruyne, Eden Hazard, Marouane Fellaini und Romelu Lukaku zusammenstellen zu können. Mittlerweile rückt zudem bereits die nächste Generation von hochtalentierten belgischen Kickern nach. Einer von ihnen ist Divock Origi vom FC Liverpool.

 

Bei manchen Fußballern scheint es genetisch vorbestimmt zu sein, dass sie irgendwann beruflich gegen das Leder treten. Origi, geboren 1995 in Ostende, gehört definitiv dazu. Sein Vater Mike Origi spielte 120 Mal für die kenianische Nationalmannschaft, und drei seiner Onkel waren für Clubs im afrikanischen Herkunftsland der Familie aktiv. Zudem ist Arnold Origi, der derzeitige Stammtorhüter Kenias, Origis Cousin. Divock selbst fing schon mit drei Jahren mit dem Fußballspielen an, als ihn seine Eltern beim Kleinclub KFC De Zwaluw Wiemismeer anmeldeten. Ein Jahr später ging es weiter zum KRC Zuid-West-Vlaanderen, bis sich Origi 2001 der Jugendakademie des KRC Genk anschloss. Nachdem der Stürmer dort einige Nachwuchsteams durchlaufen hatte, wechselte er 2010 zum französischen Verein OSC Lille. Bei diesem spielte er von 2012 an in der Reservemannschaft und gehörte seit Anfang 2013 dem Kader des ersten Teams an. Für dieses feierte Origi im Februar 2013 ein äußerst erfolgreiches Debüt, als er im Ligaspiel gegen den ES Troyes AC für die letzten 22 Minuten eingewechselt und nach nur sechs Minuten auf dem Feld gleich den Ausgleich für seine Mannschaft erzielte.

 


 

Der Torerfolg brachteihm bis zum Saisonende neun weitere Einsätze ein, wobei allerdings keiner davon länger als 20 Minuten dauerte. Mehr Spielzeit bekam Origi in der nachfolgenden Saison, doch trotz 30 Ligapartien, in denen er nur vier Mal über die vollen 90 Minuten auf dem Platz stand, schaffte er nicht so recht den Sprung vom Ergänzungs- zum Stammspieler. Dennoch wurden Mitte 2014 gleich mehrere Entscheider auf den Belgier aufmerksam. Zum einen brachte der kenianische Verband sein Interesse zum Ausdruck, Origi in seine Auswahl zu holen. Doch der Spieler, der von der U15 an in sämtliche Nachwuchsmannschaften Belgiens berufen worden war, entschied sich für sein Geburtsland und wurde im Mai 2014 von Marc Wilmots in den Kader für die Weltmeisterschaft in Brasilien berufen.

 


Wenig später debütierte Origi für die Nationalmannschaft im Freundschaftsspiel gegen Luxemburg. Am 22. Juni 2014 trug sich der Stürmer schließlich in die Geschichtsbücher des belgischen Fußballs ein. Eingewechselt in der 58. Minute für Romelu Lukaku, erzielte er zwei Minuten vor Schluss den 1:0-Siegtreffer im WM-Gruppenspiel gegen Russland und wurde damit im Alter von 19 Jahren und 65 Tagen der jüngste belgische Torschütze bei einer WM-Endrunde. Zudem markierte er als erster Spieler mit kenianischen Wurzeln einen Treffer bei einer Weltmeisterschaft. Auch wenn es im Verlaufe des Turniers bei dieser Torausbeute blieb, wurde Origi bei der Wahl zum belgischen Sportler des Jahres als „vielversprechendstes Talent“ ausgezeichnet. Wenige Wochen nach dem Weltturnier gab zudem der FC Liverpool bekannt, Origi verpflichtet und ihn sogleich wieder an den OSC Lille verliehen zu haben. Die Ablösesumme lag bei unglaublichen 12,6 Millionen Euro – und das, obwohl Origis Marktwert zu dieser Zeit lediglich auf eine Million geschätzt wurde.

 

In der Saison 2014/2015 spielte der Belgier endlich in der ersten Mannschaft von Lille und erzielte im März 2015 drei Treffer gegen Stade Rennes. Das weckt bei den Liverpooler Fans große Erwartungen – die der Spieler allerdings zunächst nicht erfüllen konnte. So gönnte ihm Trainer Brendan Rodgers in den ersten acht Ligapartien der Spielzeit 2015/2016 gerade mal einen Einsatz. Die Wende kam für Origi, als Anfang Oktober 2015 mit Jürgen Klopp ein neuer Coach das Ruder in Liverpool übernahm. Auch bedingt durch den Ausfall einiger seiner Stürmerkollegen, spielte Origi gleich bei Klopps erstem Spiel durch und markierte Anfang Dezember 2015 im League-Cup-Spiel gegen den FC Southampton drei Treffer. Als er wenige Tage später auch gegen West Bromwich Albion in der Liga traf, schien Origi, der schon Gefahr lief, in Liverpool als Fehlkauf eingeschätzt zu werden, endlich in England angekommen zu sein. Dann aber verletzte er sich und musste bis Mitte Februar aussetzen.

 

 

Seine Rückkehr feierte er mit einem Tor gegen Aston Villa. Und dann, im April 2016, folgten zwei Partien, die sich tief in die Erinnerungen der Fans des FC Liverpool und von Borussia Dortmund eingruben. Im Europa-League-Viertelfinale zwischen den Clubs erzielte Origi im Hinspiel den 1:0-Siegtreffer und war auch am sensationellen 4:3 im Rückspiel mit dem Tor zum zwischenzeitlichen 1:2 aus Liverpooler Sicht beteiligt. Dass sich Origi nur eine Woche nach dem zweiten Spiel gegen Dortmund eine Knöchelverletzung zuzog, ist zwar tragisch, wird aber wohl seine Teilnahme an der EM nicht gefährden. Sein Marktwert hat inzwischen beinahe den Betrag erreicht, den Liverpool vor knapp zwei Jahren nach Lille überwiesen hat. Und möglicherweise sorgt Origi bei der EURO dafür, dass die belgische Mannschaft endlich den Status als Geheimfavorit verliert und ihren ersten großen Titel gewinnt.