Das ist nicht (mehr) mein Fußball

Was bleibt über von der Euro 2016 abseits der sportlichen und rot-weiß-roten Analysen? Es gibt zu viel Fußball. Viel zu viel. Ein Kommentar von Michael Fiala

 

Der letzte Ball wurde getreten, Portugal und vor allem Ronaldo feiern den Titel. In Frankreich sitzt der Schock am Tag danach vermutlich noch immer tief, auch wenn in vielen Kreisen die Freude überwiegt, dass die Euro ohne Terror über die Runde gekommen ist.

 

Fußball, Fußball, Fußball

In den Tagen nach dem Turnier dominieren noch einmal die Analysen. Von denen gibt es derzeit viele: Die Dreierkette ist das System der Zukunft, Österreichs Team wurde vercoacht oder die Gründe für das unglaubliche Ausscheiden der Deutschen im Halbfinale. Jedes Land hat seine eigenen Geschichten, möglicherweise auch den einen oder anderen Skandal. Millionen dieser Zeilen werden derzeit gedruckt. Dazu gibt es ein paar europaumfassende Storys wie etwa das Drama um Ronaldo, die erfrischenden Isländer oder auch Österreichs kommenden WM-Quali-Gegner Wales - ganz im Sinne der UEFA. 

 

Noch kann sich logischerweise jeder Fan, der die EM verfolgt hat, an das Turnier erinnern. Doch wie sieht es in drei, vier Monaten oder gar in einem Jahr aus? Wer wird sich noch an diese Euro erinnern können? Diese Frage stellte sich auch Christian Spiller in der Zeit vor ein paar Tagen. “Kaum ein Spiel, kaum eine Aktion, das das Potential hat, in die Fußballgeschichte einzugehen, von einem recht archaisch-düsteren isländischen Fangesang und dem kardiologisch bedenklichen Elfmeterschießen Deutschlands gegen Italien einmal abgesehen. Stattdessen kann es gut sein, dass man in 30 Jahren mit dem Finger auf dieses Turnier zeigen und sagen wird: 2016, das war das Jahr, in dem alle gemerkt haben, dass es so nicht weitergehen kann”, schreibt er in seinem aktuellen Artikel.

 

Und wie Recht er damit hat. Der Fußball droht eine fatale Entwicklung zu nehmen. Bei der FIFA wird darüber diskutiert, 40 Teams bei der WM zuzulassen, die EM 2020 wird in 13 verschiedenen Städten stattfinden - so wird das klassische Endrunden-Turnier hingerichtet. Ist das der europäische (Welt-)Fußball der Zukunft? 

 

Doch während diese Entwicklungen stattfinden, klopfen sich die UEFA-Granden auf die Schulter: Zum Abschluss der EM wurden noch einmal Rekord-Umsatzzahlen präsentiert. Die EM ist dabei aber nur ein Puzzlestein im weltumfassenden Fußball-Netzwerk, in dem UEFA und FIFA das runde Leder ausquetschen wie eine Zitrone: Meisterschaft, Europa- und Championsleague, Qualifikation, dann bald auch die UEFA Nations League, etc.

 

Ich ermüde

Immer häufiger ertappe ich mich dabei, bei der Masse der (austauschbaren) Fußballspiele zu ermüden oder zu resignieren: Letztens war ich am Tag des Spiels zwischen Italien und Deutschland zu einer Hochzeit eingeladen. Was mich vor ein paar Jahren noch maßlos geärgert hätte, war mir dieses Mal relativ egal. Und selbst im Nachhinein ärgerte ich mich nicht, die wohl dramatischsten Sekunden dieser Europameisterschaft verpasst zu haben. Ich habe mir am nächsten Tag die wichtigsten Szenen angesehen und relativ emotionslos zur Kenntnis genommen. Lediglich über meinen falschen Tipp im privaten Tippspiel habe ich mich geärgert - und das entsprechende Abrutschen im Ranking. 

 

Es ist natürlich ein höchst subjektiver Eindruck, den ich hier vermittle, vielleicht habe ich mich einfach zu lange, zu intensiv mit Fußball beschäftigt. Aber mir persönlich ist das zu viel Fußball, zu austauschbar, zu - bei aller Notwendigkeit - kommerziell. Auch das Märchen rund um Island kann diese EM für mich nicht retten. Nicht mal ansatzsweise. Höchstwahrscheinlich zeigt sich das runde Leder von diesen Zeilen vollkommen unbeeindruckt. Das ist sein gutes Recht.

 

Fußball ist mein (berufliches) Leben. Doch die letzten Wochen haben mir wieder gezeigt, dass es zum Glück aber auch noch viele Alternativen gibt. Darüber sollte man in den Fußball-Zentralen dieser Welt möglicherweise doch ein bisschen nachdenken.

 

m.fiala@90minuten.at