Alexander Kokorin, die russische ‚Nachwuchshoffnung‘

Alexander Kokorin ist 25 und ist damit so etwas wie die Nachwuchshoffnung des russischen Teams; vor allem auch bei der EM in Frankreich. Von Alexander Kords.

 

Wenn man sich nicht unbedingt für die russische Premjer-Liga interessiert, dann kommt man nur sporadisch an Informationen über Spieler der russischen Nationalmannschaft. Die allermeisten von denen spielen nämlich im eigenen Land. Somit sind die Auftritte von ZSKA Moskau, Zenit St. Petersburg und Co. in den europäischen Wettbewerben normalerweise die einzigen Gelegenheiten, Kicker der Sbornaja in Aktion zu sehen. Im Hinblick auf die Weltmeisterschaft 2018 im eigenen Land ist es derzeit die schwierige Aufgabe von Nationaltrainer Leonid Slutski (beziehungsweise seinem designierten Nachfolger), den überhöhten Altersschnitt der Mannschaft zu verringern. Einer der Spieler, denen wohl die Zukunft in der russischen Auswahl gehört, ist Alexander Kokorin.

 

Geboren im März 1991 in Waluiki im Südwesten Russlands, schloss sich Kokorin im Alter von elf Jahren dem Traditionsclub Lokomotive Moskau an. Von dessen U19-Mannschaft ging es im Jahr 2008 weiter zum Stadtrivalen Dynamo Moskau, für den der Stürmer noch im gleichen Jahr sein Debüt in der obersten russischen Liga gab. In der Partie gegen Saturn Ramenskoje im Oktober 2008 musste Dynamos Stürmer Fedor Smolov schon Mitte der ersten Halbzeit verletzt ausgewechselt werden. Und auch sein Ersatzmann Alexandr Dimidko hatte gesundheitliche Schwierigkeiten und blieb zur Pause in der Kabine. Das brachte Kokorin auf den Plan – und der erzielte in der 72. Minute tatsächlich den 1:1-Ausgleichstreffer für sein Team. Mit seinen 17 Jahren und 199 Tagen war er damit der jüngste Torschütze in Dynamos Premjer-Liga-Geschichte.

 




 

Ohne Treffer in der gesamten Saison
Es dauerte nur wenige Wochen, bis Kokorin auch von Beginn an spielen durfte, und schon seinen zweiten Einsatz in der Startelf krönte er im November 2008 mit dem 1:0-Siegtor gegen seinen Ex-Club Lokomotive Moskau. In den Jahren 2009 und 2010 gehörte Kokorin zwar der Stammformation seines Vereins an, erzielte jedoch nur zwei Tore in 48 Spielen. Dabei brachte er es als Stürmer sogar zustande, in der Spielzeit 2010 komplett ohne Treffer zu bleiben. Dennoch kam er weiterhin regelmäßig zum Einsatz – und wurde für drei Tore, die er im Jahr 2011 schoss, mit einer Nominierung in den Kader der russischen Nationalmannschaft belohnt. Im November 2011 kam Kokorin, der zuvor schon über 40 Partien für diverse Nachwuchsteams seines Landes absolviert hatte, im Freundschaftsspiel gegen Griechenland zu seinem ersten Einsatz für die A-Nationalmannschaft. Zudem durfte er mit zur EM 2012 fahren, wo er allerdings nur zu einem Kurzeinsatz im Gruppenspiel gegen Tschechien kam.

 

Erstes Tor für Russland
Nichtsdestotrotz löste die Berufung in den Kreis der Besten seines Landes einen Leistungssprung bei Kokorin aus. In der Saison 2012/2013 schaffte er mit zehn Ligatreffern den Durchbruch bei Dynamo und wurde zum besten linken Außenstürmer der Premjer-Liga ernannt. Dazu erzielte er im September 2012 gegen Israel sein erstes Tor für Russland. Die Leistungsexplosion rief sofort die finanzstarke Konkurrenz auf den Plan: So war Anschi Machatschkala im Juli 2013 bereit, die 19 Millionen Euro Ablöse, die in Kokorins Vertrag festgeschrieben waren, zu bezahlen.

 


Trauergastspiel bei Anschi Machatschkala

Als Grund für seinen Wechsel gab der Spieler neben den Perspektiven mit seinem neuen Club auch sein gesteigertes Gehalt an – kein Wunder, war Anschi doch zwei Jahre zuvor vom Oligarchen Suleiman Kerimow übernommen worden. Dessen Plan, sich im Sommer 2013 ein europaweit konkurrenzfähiges Team zusammenzukaufen, wurde jedoch eingebremst, als er herbe Aktienverluste hinnehmen musste. Machatschkala musste kurzfristig seinen Etat senken, und viele Spieler wurden verkauft – darunter auch solche, die gerade erst erworben worden waren. Im Zuge dessen ging auch Kokorin zurück zu Dynamo, ohne auch nur eine Partie für Anschi absolviert zu haben. Im gewohnten Moskauer Umfeld machte der Stürmer da weiter, wo er vor dem Intermezzo in Machatschkala aufgehört hatte, und schoss pro Saison mindestens acht Tore. Im September 2013 trug er sich zudem in die Geschichtsbücher des russischen Fußballs ein, als er im WM-Qualifikationsspiel gegen Luxemburg nach 21 Sekunden traf und damit das schnellste Länderspieltor Russlands erzielte.

 



  

Ende 2015 kamen Gerüchte darüber auf, dass Kokorin für einen Wechsel zum FC Arsenal im Gespräch war. Vor allem die Flexibilität des Russen, der sowohl im Sturmzentrum als auch auf den Flügeln und hinter den Spitzen spielen kann, machte ihn für Arsène Wenger interessant. Zudem erkannte Arsenals starker Mann, dass Kokorin noch jede Menge Potential hat, sich weiterzuentwickeln. Nichtsdestotrotz sah der Franzose von einer Verpflichtung ab. Stattdessen wechselte der Spieler für eine nicht veröffentlichte Transfersumme zu Zenit St. Petersburg, wo er sich im Februar 2016 – erstmals in seiner Karriere – auch in der Champions League präsentieren durfte. Außerdem gewann er mit seinem neuen Club im Mai 2016 den russischen Pokal und damit den ersten großen Titel seiner Laufbahn. Über kurz oder lang wird Kokorin jedoch wohl den Sprung aus seinem Heimatland heraus und in eine stärkere Liga wagen müssen, um seine Karriere voranzubringen – und damit auch die Chancen für Russland, bei der anstehenden EURO sowie der Heim-WM in zwei Jahren eine wichtige Rolle zu spielen.