‚Österreich müsste die Ungarn wohl gut bespielen können'
Taktik-Analyse mit Oliver Lederer auf 90minuten.at: Irgendwann einmal waren die Ungarn wer im internationalen Fußball. Das sind sie mittlerweile nicht mehr, der Niedergang ist mit jenem der heimischen Nationalmannschaft bis tief ins neue Millenium verglei
Pflichtsieg ist ein hartes Wort bei einer Europameisterschafts-Endrunde; auch wenn 24 von 54 möglichen Teilnehmern mit dabei sind. Admira-Trainer Oliver Lederer, der die Gegnerbeobachtung für 90minuten.at macht, sieht gute Chancen für die rot-weiß-rote Elf: „Von der Spielanlage und den Spielertypen her, kann Marcel Kollers Nationalmannschaft die Ungarn wohl gut bespielen.“ Vielleicht kennt Lederer die Rolle des Außenseiters besser als jene des Favoriten; oder kannte. Wie Österreich gab ja auch die Admira in den letzten Monaten eine Visitenkarte ab, auf der nicht 'krasser Außenseiter' steht.
Oliver Lederer analysiert für 90minuten.at die ungarische Nationalmannschaft
Taktische Grundordnung
„Mit Donaufußball von vor Jahrzehnten hat das Spiel der ungarischen Nationalmannschaft wenig zu tun“, sagt Oliver Lederer, „Sie spielen in einer 4-2-3-1/4-4-2-Grundordnung.“ Im Fokus steht eine Kompaktheit, wie sie viele kleinere Mannschaften an den Tag legen. Das Team von Bernd Storck, der in diesen Belangen eher auf seine Co-Trainer vertraut, will aus einer kompakten Abwehr mittels Umschaltspiel zum Erfolg kommen. So weit, so gewöhnlich für eine Mannschaft, die nicht unbedingt über die spielerische Klasse von Alaba, Baumgartlinger oder Arnautovic verfügt.
Die Viererkette steht dabei relativ hoch, positioniert sich bis zu 40 Meter vor dem eigenen Tor, presst eigentlich nie hoch an. „Sie wollen den Ball erobern und dann schnell und vertikal ins letzte Angriffsdrittel vorstoßen. Mir ist aufgefallen, dass sie die Angriffe nicht unbedingt zu Ende spielen. Häufig wird der Abschluss von außerhalb des Strafraums gesucht, der Ball wird nicht ins gegnerische Tor getragen.“ Dieses nicht unbedingt zu Ende gespielte Offensivspiel zeigt sich auch anhand der Torausbeute in der Quali. Nur Albanien erzielte mit zehn Toren weniger Treffer, so wie Wales qualifizierten sich die Ungarn ebenfalls mit nur elf Toren. Ungarn ist ein Außenseiter mit Außenseitertaktik, so Lederer, was aber nicht heißt, dass „die nicht wissen, was sie tun. Die haben einige feine Kicker.“
So will Ungarn Tore erzielen
Vertikal ins letzte Angriffsdrittel zu kommen ist keine Welterkenntnis. Interessant ist das Einrücken der Außenbahnspieler. „Sie versuchen, im letzten Drittel viele Anspielstationen für das Kurzpassspiel zu haben, versuchen zwischen die Abwehr und das Mittelfeld zu kommen. Das funktioniert oft über das Einrücken der Außenbahnspieler“, skizziert Lederer das Angriffsspiel, „Die Flügel werden dabei etwas vernachlässigt.“ Die Ungarn lassen im Spielaufbau den Sechser, Adam Nagy von Ferencvaros Budapest, oft zwischen die weit auseinander aufgestellten Innenverteidiger abkippen, positionieren die Außenverteidiger sehr hoch. Mit den eingerückten Offensivspieler geht es dann schnell vor das Tor. Hier kann es bisweilen behäbig zugehen. Nagy beherrscht den Aufbau recht gut und kann mit den Verteidigern das Pressing ohne allzu viele hohe Bälle passabel um spielen.
Aufgrund der vielen Anspielstationen verwaisen die Flügel, die Außenverteidiger können die Flanken nicht wirklich überladen. Egal ob mit einem oder zwei Stürmern, die Strafraumpräsenz der Ungarn ist nicht allzu hoch. Für Österreich heißt das, die vornehmlich über die linke Seite vorgetragenen Angriffe zu verhindern, diese Seite zuzustellen und in den Halbräumen Präsenz zu zeigen. Tritt dieser Fall ein, dann bleibt den Ungarn nicht viel mehr als der lange Ball, um über die erste Pressinglinie und die zugestellte Seite vor zu kommen. Klingt alles easy, aber „das Zentrum ist schon recht stark, das sollte man nicht unterschätzen. Sie sind dann, wenn sie durchkommen, sehr konkret und schließen vielleicht auch unerwartet aus der Distanz ab.“
Das Spiel gegen den Ball
Gegen den Ball herrscht kluge Defensivarbeit mit zwei Viererketten. Pressing wird maximal situativ verwendet. Ansonsten positioniert sich die Abwehr recht hoch, die vordersten zwei Offensivspieler versuchen ab der Mittelauflage den Gegner auf die Seiten zu zwingen. Das geht alles sehr schnell, offensive Überzahlsituationen sind schwer zu generieren. „Das ist klassisch. Sie ziehen sich schnell zurück, machen die Mitte zu. Im eigenen ersten Spielfelddrittel passiert wenig, das kann der Gegner haben“, analysiert Lederer. Das Angriffsspiel soll so auf die Seiten gelenkt werden. Weil die Abwehr noch dazu recht hoch steht, wird es schwierig, hier mit Kombinations- und Tempofußball zu agieren. Einen bespielbaren Zwischenlinienraum gibt es in der Regel eher nicht. Arbeitet sich der Gegner nach vorne, wandern die Viererketten immer tiefer. „Ich hatte auch den Eindruck, dass sie nicht nur gegen den Raum verteidigen“, meint Lederer weiter, „es gibt jetzt keine strikte Manndeckung, aber der eine oder andere Spieler verfolgt die Gegenspieler schon situativ.“ Das klingt und ist unangenehm.
Für Österreichs Offensivpläne heißt das Folgendes: Die Außenbahnspieler müssen versuchen, durch diagonale Läufe aus dem Halbraum einen ungarischen Außenverteidiger quasi „mitzunehmen“. Durch kluges Passspiel können so Räume entstehen, die Spieler wie Arnautovic oder Harnik nutzen können „Ich habe da im Spiel gegen Deutschland auch leichte Kommunikations- und Abstimmungsprobleme in der Defensive geortet. Wer geht mit, wer hält die Position?“, sagt Oliver Lederer. Während also das Zentrum gut zugestellt wird, können so ohne hohe Bälle Räume im letzten Angriffsdrittel gefunden werden. Dabei sollte man sich auf die linke Abwehrseite – also Klein/Harniks-Angriffsseite – konzentrieren, hier probiert Storck personell mehr, hier kann man ansetzen. Kurz zusammengefasst: Ohne großartiges Pressing versuchen die Ungarn Zwischenlinienräume zu vermeiden, lenken die Angriffe auf die Seite. Dort kann man hinkommen, wenn die eigenen Außenverteidiger hoch aufrücken und so für Beschäftigung für den Gegner sorgen. Der entstandene Raum kann bespielt werden.
Oliver Lederers Fazit
Wie Eingangs erwähnt, passen Österreichs und Ungarns Spielstile zu einander, vor allem aus heimischer Sicht. „Man kann die Ungarn wohl gut bespielen und Marcel Koller wird das alles wissen“, sagt Admira-Trainer Oliver Lederer, „dennoch muss man aufpassen. Sie können das recht gut und sind auch sehr unangenehm, vor allem im Zentrum.“ Was aber bleibt: Wer die Gruppenphase überstehen will, der muss die Ungarn schlagen.
Was man über die ungarische Nationalmannschaft wissen sollte
1954, als Österreich WM-Dritter wurde, verlor Ungarn das in Bern. In Deutschland nennt man es Wunder. Wie 1938 ging das Finale verloren, diesmal nicht gegen Italien. 1964 und 1972 wurden die Ungarn Dritter und Vierter bei den EM-Endrunden, 2016 war die erste EM-Quali seit 1976; zu den Weltmeisterschaften schaffte man es zuletzt 1986. Die Liga wird 2016/17 das zweite Mal als Zwölferliga ausgetragen. Die Klubs selbst sind in Europa wie die Geschichte der Nationalmannschaft und die anvisierte Ligengröße ebenfalls mit Österreich vergleichbar. Europacupfinalteilnahmen liegen lange zurück, manchmal gereicht es zur Quali für eine Gruppenphase.
Im Kader befinden sich zum Großteil Spieler aus der eigenen Liga, wie etwa der alte Mann im Tor, Gabor Kiraly, stets mit langer Hose am Feld und bekannt von Hertha BSC oder einigen Jahren in England. Mittlerweile spielt der 40-Jährige daheim bei Haladás Szombathely. Nach einigen Jahren Absenz ist er seit 2015 wieder Stammkeeper. Ein Ersatzmann ist Peter Gulacsi, der von Salzburg bekanntlich nach Leipzig wechselte. Hierzulande ebenfalls bekannt sind die Deutschlandlegionäre Laszlo Kleinheisler (Werder), Zoltan Stieber (Nürnberg) und Adam Szalai (H96). Ansonsten finden sich viele Kicker der heimischen Liga im Kader. Trainer ist der Deutsche Bernd Storck, der in den 1980er-Jahren hauptsächlich beim BVB kickte, dann zuerst in Deutschland Co-Trainer war und seitdem vor allem im Osten als Chefcoach tätig war, 2015 wurde er vom ungarischen U20-Coach zum Sportdirektor des Verbandes und kurz darauf zum Sportdirektor.
Ungarn spielt in einer 4-2-3-1-Grundordnung; die Abwehr mit der Doppelsechs ist recht konservativ ausgelegt. Davor rotieren vier Offensivkräfte. Mit vier Siegen, vier Unentschieden und zwei Niederlagen konnte sich Ungarn so einen dritten Platz in der in allen Belangen mäßig spannenden Gruppe hinter Nordirland und Rumänien, vor Finnland, den Färöern und Griechenland sichern. Im Playoff wurde Norwegen mit 1:0 und 2:1 nieder gerungen.