2013

Wembley und Camp Nou: 7 Tage zwischen den Kathedralen

Oder: Besoffene Russen und Kiffen am Klo: Zwei Samstage im Wembley und Camp Nou - Nur mit etwas Glück und guter Planung kommt man in den Genuss zwei europäische Fußballkathedralen in einer Woche zu sehen, die bei näherer Betrachtung unterschiedlicher nich

 

Samstag Camp Nou, Samstag Wembley
Es sind die Momente, um die es wirklich geht. Das Stadion wird langsam zwischen den Häusern sichtbar und immer größer. Wir laufen der großen Masse aus Spaniern und Fußballtouristen hinterher und schließlich steht es, zwar etwas unscheinbar, aber dennoch groß und mächtig vor uns. Das Camp Nou. Heimat, Aushängeschild und Sinnbild für ganz Katalonien und seinen großen FC Barcelona. Am Stadion angekommen, die überteuerten Tickets vorgezeigt, geht es ans Stiegen steigen. Höher immer höher bis das Rumoren lauter und lauter wird. Das Indiz für: Weit konns nimma sein. Die Hymne erklingt und wir erreichen den Platz an dem sich das Oval in all seiner Wucht und Größe präsentiert.

 

camp nou

 

Eine Woche später sitzen wir in der U-Bahn. Zeitig, denn man möchte sich noch mit Bierchen, Burger und dem einen oder anderen Schal eindecken. Anders als in der Vorwoche sieht man keinen Touristen, sondern gut gelaunte Engländer, die schon zwei Stunden vor Anpfiff sehr konzentriert wirken und sich mit dem Millwall Schlachtgesang „No one likes us..." auf den größten sportlichen Erfolg der letzten Jahre vorbereiten. So weit hat man es schon lange nicht mehr geschafft und die Chance auf ein Weiterkommen könnte schlechter sein. Millwall, im unteren Mittelfeld der zweiten Liga trifft im FA-Cup-Halbfinale auf den Pauli Scharner Club, Wigan. Die Lethics, die sich in der ungewohnten Rolle als Favorit wiederfinden, haben sich mit einem eindrucksvollen 3-0 gegen Everton für das Halbfinale qualifiziert.

wembley

 

Wembley Park ist erreicht. Beim Verlassen der Station sieht man die gar nicht so alte Dame dann in unmittelbarer Nähe. Trotz des neuen Baus spürt man die Bedeutung, welche Wembley für den englischen Fußball besitzt. Wir machen uns auf den Weg und gehen auf dem Boulevard, der uns schnurstracks zum Stadion führt. Wir sehen Millwall Kiddies, die laut singend, fahnenschwenkend wie kleine Stars von den Eltern gefilmt werden, als würden sie zum ersten Mal alleine Fahrradfahren. Mit Rolltreppen geht es schließlich äußerst modern in den fünften Stock. Wartend auf den Moment, den jeder kennt und der auch im eigenen Stadion immer wieder die gleiche fesselnde Wirkung besitzt. Der Moment wenn man den Ab- oder Aufgang betritt und zum ersten Mal einen Blick über das gesamte Stadion hat. Den Moment, den man kurz festhalten möchte, egal ob in Wembley ,Camp Nou oder Hanappi, ehe man sich auf seinen Platz begibt und hofft, dass der Kick doch endlich losgeht.

 

Més que un Club
Der Verein sowie die Marke FC Barcelona sind zu einem Tourismus-Faktor geworden. Barcelona hat, wie kaum eine andere Stadt, von den Olympischen Spielen profitiert und sich zu einer weltbekannten Sportstadt entwickelt. Der FC Barcelona ist das Aushängeschild, die Weltweit beste Mannschaft mit dem besten Spieler (der an diesem Abend leider verletzt war - ja oft hast a Pech). Das Camp Nou wird immer stärker für den Tourismus genutzt, ist in allen Reiseführern zu finden und lockt auch viele Besucher an, die keine großen Fußballfans sind.

camp nou panorama

 

camp nou 2

 

Karten für das Museum (by the way, richtig cool! vor allem die alten Videos vom Goleador Hansi Krankl) wie die Spiele sind an vielen Plätzen erhältlich und Hop on Hop off Busse halten direkt am Stadion, sodass auch jeder einmal beim großen FCB einen Besuch abstattet. Die Preise sind, um es vorsichtig auszudrücken, gesalzen und zwar für alles, ob Quietscheentchen mit Barca-Logo oder Auswärtstrikot für 110€. Die gut geölte Marketingmaschinerie hat in den letzten Jahren ihren Beitrag jedenfalls geleistet.

 



Der Vorhang öffnet sich - die Vorstellung beginnt

Ein Stadionbesuch in Barcelona vermittelt das Gefühl von Zirkus. Man nimmt Platz, die Vorstellung beginnt und das Publikum, eine Mischung aus angetrunkenen Russen, Niederländern und Spaniern wartet drauf, dass die Show beginnt. Mit „OOhhhs" und „AAAhhhs" werden Aktionen kommentiert, wenn Dani Alves zwei Übersteiger macht oder Andres Iniesta dem Gegner die Gurkn gibt. Die Sache erinnert stark an Theater, denn der RCD Mallorca, der an diesem Abend die Arschkarte gezogen hat, nimmt die Nebenrolle als dominierter, sich nicht wehrender, taktisch schwacher Kontrahent, zu gut an.

tickets barca

 

Ballstafette folgt auf Ballstafette, wie wir es aus den letzten gefühlten 20 Jahren her kennen. Anrennen bis zu Torlinie, doch was gegen die Bayern drei Wochen später in einem Desaster endete, wird hier ein Schützenfest. Fabregas, der Messi-Ersatz, erzielt ein Traumtor nach dem anderen und am Ende steht ein souveränes 5-0 zu Buche. Laut wird es trotzdem nicht, wenn da nicht das Comeback von Eric Abidal gewesen wäre. Nach über einem Jahr Zwangspause, durch seine Krebserkrankung wurde das Aufwärmen wie auch die Einwechslung zu einem besonderen Moment. „AAAbi AAAbi"-Rufe hallten durchs Camp Nou, wie eine schöne Welle die von Spaniern und Touristen gleichermaßen getragen wurde. Danach passiert nicht mehr viel, der Vorhang schließt sich, die 70.000 sind zufrieden, die U-Bahnen sind überfüllt, schöner Abend.


„Fuck you Ref you fuckin Wanker"

In London muss man auf die Emotionen nicht so lange warten. Von Anfang an herrscht dank der Millwall-Fans eine elektrisierende Stimmung. Ein Vater und sein 12-jähriger Sohn haben die Plätze neben uns. Nachdem an Sitzen nicht zu denken ist, steht der Junge auf dem Sitz, um irgendwas zu sehen und hält sich um Stabilität bemüht, ungefragt beinahe die ganze erste Halbzeit, an meiner Schulter an. Man rückt zusammen, pusht sich, feiert sich selbst, treibt die Mannschaft an, wirft die gesamte Stimme gegen den Gegner, der jedoch etwas humorlos nach ca. 20 Minuten in Führung geht. Vater und Sohn fluchen nahezu synchron im wenig politisch korrekten Slang „Fuck you Ref you fuckin Wanker." Die Halbzeitpause steht im Zeichen des Bieres und der Verwunderung, dass trotz des strengen Rauchverbots und dem beeindruckenden Polizeiaufgebot die Klos an Slowakische Raucherbars in den frühen Achtzigern erinnern. Der Marihuana Geruch ist intensiv und reicht bis auf den Gang.

 

wembley panorama

 

wembley innen 2

 


Das Spiel entwickelt sich wie erwartet. Milwall rennt gepeitscht von den Anhängern an, hat jedoch die Rechnung ohne Pauli Scharner gemacht. Der Wigan-Verteidiger gewinnt jeden Kopfball und verhindert nicht nur einmal den Ausgleich. Wenig später fällt die Entscheidung, Arouna Koné, der ehemalige Sturmpartner von Didier Drogba in dessen Nationalmannschaft, zeigt einmal mehr, warum er der beste Spieler auf dem Platz ist und bereitet das 2-0 mit einem mustergültigen Pass vor.

 

Man geht auch nicht vor Abpfiff!
Die Enttäuschung ist groß, gefeiert wird trotzdem. Der Weg bis nach Wembley war kein einfacher für die Lions, umso bewusster wurde dieses Ereignis wahrgenommen. Die Fans feiern sich, nachdem sie sich zuvor etwas auf die Fresse gehaut haben. Jaja, diese Engländer verstehen nun mal keinen Spaß, wenn man das eigene Team vor Abpfiff im Stich lässt. Die Polizei greift ein und nimmt zahlreiche Millwall Anhänger fest. Wir lassen das Spiel im Pub bei Bier und Burger ausklingen und überlegen warum ausgerechnet Paul Scharner eine noch geilere Partie verhindert hat. Im Pub treffen wir auf einen Deutschen Arsenal Fan der trotz vieler Hinweise „Oida!! Du kannst mit uns deutsch sprechen" unbeirrt in einem rheinisch-englischen Slang weiterspricht und uns schließlich mehrere Biere ausgeben sollte. Was ein trauriger Blick und ein Millwall Shirt alles ausmacht.

 

heimweg wembley

 

Ein paar Wochen später gewinnt Scharner mit Wigan den FA Cup, nicht schlecht für einen ausgemusterten Bundesliga-Profi, der nach England abgeschoben wurde. Drei Tage später ist es amtlich: Wigan steigt ab. So schnell gehts nun mal im Weltfußball.

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