Wir müssen über Erwartungshaltung sprechen. Über realistische Einschätzungen. Über den Unterschied zwischen dem, was man sich wünscht, und dem, was möglich ist.
Die WM 2026 war gewissermaßen eine Zäsur im ÖFB-Team. Plötzlich waren Marko Arnautovic, Marcel Sabitzer und David Alaba nicht mehr da – mal sehen, ob die beiden Letztgenannten nochmal zurückkommen.
Außerdem fehlt Christoph Baumgartner immer noch verletzt.
Viele Wünsche
Das lässt die Fantasie blühen, nährt die Hoffnungen all jener, die sich zuletzt irgendwie an den immergleichen Gesichtern im ÖFB-Team sattgesehen hatten.
Der eine Spieler vom Lieblingsverein wäre mal cool, und dieser eine aufstrebende Legionär auch, außerdem hätten sich dieser und jener längst mal eine Chance verdient.
Wenig Zeit
Doch wie viel Zeit bleibt einem Neuling, im ÖFB-Team anzukommen? Dass Teamchef Ralf Rangnick für eine ganz bestimmte Art von Fußball steht – und auch immer stehen wird – sollte inzwischen allen bewusst sein. Dass es dafür eine Elf braucht, in der jeder genau weiß, wann er welchen Weg machen muss, ist auch nichts Neues.
Wenn in diese Rechnung dann noch einfließt, dass in 14 Tagen vier Spiele sind, drei Flugreisen dazu kommen, an Tagen nach einem Match Regeneration angesagt ist, und die Spieler in zwei Wochen schon auch einen freien Tag verdient haben, bleibt so gut wie gar keine Trainingszeit mehr übrig.
Dementsprechend schwierig ist es, sich an die neue Spielweise – viele Arbeitgeber verlangen ja ganz andere Dinge – anzupassen.
Punktuelle Experimente
Und dann geschieht eben genau das, was wir in den vergangenen zwei Wochen gesehen haben.
Rangnick probiert punktuell, setzt aber natürlich auf ein Gerüst aus Kickern, die schon genau wissen, was sie am Rasen zu tun haben.
Und die Neuen wissen meistens nicht so recht zu überzeugen. Nicht, weil ihnen grundsätzlich die Qualität fehlen würde, sondern weil ihnen die Trainingszeit abgeht, um in dieser Mannschaft anzukommen.
Erfreuliche Ergebnisse
Angesichts dieser komplizierten Gemengelage sind die Ergebnisse sehr erfreulich. Zwei Siege, zwei Unentschieden. Mit einem Heimsieg gegen Irland kann im November bereits im vorletzten Spiel Platz eins fixiert werden.
Das ist insofern großartig, weil Rangnick durch die komfortable Ausgangslage auch im nächsten Lehrgang wieder die Möglichkeit hat, die eine oder andere Sache auszuprobieren.
Denn auch, wenn man sich wünscht, dass ein Umbruch ruckzuck geht und die Neuen, die man immer schon mal im ÖFB-Team sehen wollte, alle voll einschlagen, so erfordert eine erfolgreiche Verjüngung der Mannschaft eben Zeit und Geduld.
Harald Prantl