Das Jukic-Vorbild - Was Fußballer von einem Schwimmer lernen können

Dinko Jukic macht gerade das, was der Großteil der ÖFB-Kicker jahrelang verabsäumte: Verantwortung übernehmen für den eigenen Verlauf der Karriere und die grundsätzliche Weiterentwicklung der eigenen Sportart. Ein Plädoyer für mündige Sportler. von Ger

logo_qualitaetsjournalismusDinko Jukic macht gerade das, was der Großteil der ÖFB-Kicker jahrelang verabsäumte: Verantwortung übernehmen für den eigenen Verlauf der Karriere und die grundsätzliche Weiterentwicklung der eigenen Sportart.
Ein Plädoyer für mündige Sportler.

von Gerald Gossmann

Dinko Jukic hat Luft geholt und losgelegt, im Moment seines größten Erfolges. Ganz bewusst und überlegt. „Von mir wird erwartet, dass ich mich mit einem Michael Phelps messe. Aber dann muss sich der Verband auch mit den amerikanischen Funktionären vergleichen lassen.“ Punkt. Das sitzt.

 

Die Gazetten des Landes betitelten die Sager des Schwimmers mit dem handelsüblichen Begriff „Rundumschlag“, auch wenn die Bezeichnung „konstruktive Kritik“ dem Ganzen ein Stück näher gekommen wäre. Rundumschläge gibt es von Sportlern generell selten, von Fußballern nahezu nie. Da regieren eher Floskeln – vor und nach dem Spiel. Hie und da versucht es einer mit konstruktiver Kritik. Emanuel Pogatetz war so einer, auch Paul Scharner.

 

Zu Zeiten als die beiden längst bei Vereinen in England ihr Geld verdienten und Josef Hickersberger das Teamzepter schwang. „Wir gehen in ein Spiel wie Schüler die für eine Schularbeit nichts gelernt haben“, mokierte sich Pogatetz und kritisierte damit die fehlenden taktischen Vorgaben, die er im Ausland längst als Standardrepertoire schätzen gelernt hatte. Beide wurden abgewatscht. Rundumschlag, riefen Medien und ÖFB-Verantwortliche. Die Diskussion war beendet ehe sich begonnen hatte. Die beiden Aufmüpfigen wurden verbannt. Dabei hatte die Kritik ihre Berechtigung. Damals genauso wie eine Ära später. Weil aber die Kritik der beiden Aufmüpfigen unter Hickersberger sofort im Keim erstickt wurde, wagte Kritik unter Constantini so gut wie niemand mehr. Und tat es doch einer wurde er verbannt.


Es wurde dem Fußballland zusehend zum Verhängnis, dass das System bewusst Spieler produziert, denen nur dann Professionalität attestiert wird, wenn sie Befehlsempfänger aber keine Spur mündig sind. Das Ergebnis: eine verschenkte Qualifikation unter Constantini gegen schwächelnde Belgier und Türken. Das System hat sie auch gelehrt, besser den Mund zu halten, auch wenn ein kollektiver, konstruktiver Aufschrei wohl die bessere Lösung gewesen wäre. Nach der Ära Constantini klangen Spielerinterviews jedenfalls zumeist wie Statements von Befreiten jahrelanger Diktaturen. Plötzlich durfte man sagen, dass unter Constantini keiner seine Laufwege wusste, dass jetzt alles viel professioneller und moderner sei und sowieso und überhaupt. Dabei fällt auf: Das System toleriert also Kritik nachdem der Stillstand nicht mehr fortzuführen war, aber nicht Jahre davor um den Stillstand erst zu verhindern. Eigentlich ein Paradoxon, wenn Spieler ihre Verantwortung für den eigenen Beruf an der Vereinseingangstür abgeben, im Sinne des Vereins, den sie damit aber schädigen.


Die Professionalität der Befehlsempfänger

Der deutsche Fußballtorhüter Frank Rost sagte einmal gegenüber der Tageszeitung „Welt“, dass man als Fußballer nichts Dümmeres tun kann, als seine Meinung zu sagen: „Sagt man seine Meinung extern, bekommt man eins auf den Deckel. Sagt man sie intern, bekommt man auch nicht immer ein Dankeschön. Selbst wenn die Kritik konstruktiv ist. Heutzutage muss man aufpassen was man sagt. Wer Kritisches anspricht, gilt schnell als Querulant oder Nestbeschmutzer.“ So erging es Pogatetz und Scharner mit ihrer Kritik.

 

So könnte es auch Jukic ergehen. „Ich weiß, dass ich mir im Funktionärswesen keine Freunde mache. Sehr viele haben auch politische Tätigkeiten. Aber ich weiß, dass ich mir sehr viele Freunde unter den Sportlern mache, die sich selber nicht trauen, das auszusprechen. Aber solange ich Erfolg habe, kann ich das sagen. Nachher wird mich vielleicht keiner mehr anschauen oder mich mit Füßen treten. Aber wenn in zehn Jahren ein neuer Dinko Jukic kommt, dann hat er es vielleicht leichter.“ Einige Teamspieler sollen bei Constantini einen internen Versuch konstruktiver Kritik gestartet haben und hatten es danach schwerer ihren Platz in der Startelf zu festigen. Externe Kritik äußerte nur mehr Garics. Er wurde verbannt.


Jukic bricht mit seiner Kritik eine Lanze – für alle Sportler. „Es ist ja nicht nur bei uns Schwimmern so, dass es diese Probleme gibt. Es gehört viel mehr Professionalität in den Sport.“ Seine Aussagen werden ohne Konsequenzen bleiben. Jukic hat den Vorteil unersetzbar für seinen Verband zu sein. Begehrt einer eines 24-Mann-Fußballkaders auf, ist das eine andere Situation. Die Verbannung des Rundumschlägers eines Teams ist jedenfalls wesentlich wahrscheinlicher als bei Einzelsportlern. Deshalb sind Fußballer still, auch weil sie die Vergangenheit gelehrt hat. Auch weil sie von Vereinsseite vordergründig zu Professionalität geschult werden, aber damit zeitgleich auch zu unmündigen Befehlsempfängern. Oft zum Nachteil ihrer Sportlerkarrieren, noch öfter zum Nachteil und Stillstand der eigenen Sportart und des eigenen Vereins.

g.gossmann@90minuten.at.