Warum Österreichs EM-Pleite ein Auftrag an die Bundesliga ist
Drei Thesen, warum die österreichische Bundesliga auch am Auscheiden des Teams bei der Euro Verantwortung trägt. Und welche Lehren daraus zu ziehen wären ... Eine Gegenansicht von Georg Sander
ÖFB-intern rumort es. Christian Fuchs soll nicht rein aus privaten Gründen zurück getreten sein. Das Teamcamp zu lange, zu wenig Abwechslung, taktische Umstellungen ohne Bewerbspraxis; vieles, was in der Quali gut lief, wendete sich gegen das Team – Stichworte: Chancenauswertung, Wechselpraxis, Plan B und auch das Spielglück.
Doch es trägt auch der heimische Ligafußball einiges dazu bei, dass es im Nationalteam unrund läuft. Dass die letzte Saison fußballerisch und international eher mau war, muss jedem Fan klar sein. Aber darüber ist viel geschrieben worden. 90Minuten.at präsentiert nun drei Thesen, warum es möglicherweise schief lief und welche die Erkenntnisse daraus zu ziehen sind:
These 1: Fast nur Legionäre = sportlicher Erfolg
Die Achtelfinalisten Schweiz (18 Legionäre), Wales (21), Nordirland (22), Kroatien (16), Portugal (15), Frankreich (18), Irland (23), Slowakei (20), Belgien (19) und Island (23) vertrauen zum Großteil auf Fremdarbeiter (Anm.: Bei Wales gilt es zu bedenken, dass die besten Vereine ins englische Ligensystem eingebunden sind.). Dass England (0), Italien (5) und Deutschland (9) sowie Spanien (9) mit den stärksten europäischen Ligen hingegen kaum Legionäre vorzuweisen haben, überrascht kaum. Polen allerdings fuhr nur mit 13 Fremdarbeitern nach Frankreich, Ungarn gar nur mit 11 – und dochschafften alle die Vorrunde. 346 der 552 gemeldeten Spieler sind Legionäre - gut zwei Drittel.
Österreich stellte 22 Legionäre und Robert Almer hätte vermutlich auch eine Saison in Hartberg auf der Bank sitzen können und wäre Einsergoalie gewesen. Natürlich haben eher kleinere Ligen eher mehr Legionäre. Die besten Spieler sind billig und die Scoutingsysteme gut. Das führt dann dazu, dass auch ein Land wie Island seine Legionäre in der Premier League, der Ligue 1 oder der Serie A hat. Doch gerade die Beispiele Ungarn und Polen sollten zu denken geben. Denn was ist denn der Vorteil von Spielern bei heimischen Spitzenklubs, die im Nationalteam spielen? Richtig, sie haben oftmals mehr Spielpraxis als die handvoll Superlegionäre, die schon beinahe jedes Fußballland vorzuweisen hat.
Die fehlen bei Österreich einfach. Valentino Lazaro war der einzige Feldspieler der Liga, der ins Vorcamp berufen wurde. Und nicht einmal der spielte eine Bombensaison, sondern war halt gemessen an seinem Talent eher Durchschnitt. Es wechseln immer viele Spieler, aber wo sind die heimischen Überkicker? Florian Kainz war wohl der einzige, der eine außergewöhnliche Saison spielte, aber da gibt es eben Arnautovic links vorne.
Und sonst? Mario Sonnleitner ist zu fehleranfällig, Konrad Laimer zu jung, Alex Gorgon zu langsam, Louis Schaub wartet auf den nächsten Schritt und so weiter. Hier muss die Liga ansetzen. Eine Ligengemeinschaft, die einen Champions League-Fixstartplatz will, muss die eigenen Talente besser fördern und halten. Dass das noch nicht funktioniert, zeigen die Transferaktivitäten für abgewanderte. Beispiele: Keita geht, ein Deutscher kommt, Kainz geht, ein Isländer kommt, Gorgon geht, ein Brasilianer kommt.
These 2: Realistische Selbsteinschätzung der Ligenstärke
Schaut man sich mit Österreich vergleichbare Länder wie Tschechien, Rumänien oder Schweden an, dann fällt einfach auf, dass der Legionärsanteil im EM-Kader sehr hoch, die Ligen aber grundsätzlich im vorderen europäischen Drittel zu finden sind. Das könnte bedeuten, dass die Qualität der in den heimischen Ligen beschäftigten Spieler eben nicht so hoch ist. Stärkere Nationen mit starken Ligen und dennoch hohem Legionärsanteil wie Frankreich, Portugal oder Belgien entsenden viele Spieler in noch bessere Ligen. Bei fußballerischen Zwergen wie Island oder Irland ist die Liga zu schwach, als dass die Kicker dort spielen könnten. Ist es nur Zufall, dass die Ligen der acht in der Vorrunde gescheiterten Teams auf den Plätzen 7 (Russland), 8 (Ukraine), 10 (Türkei), 12 (Tschechien), 15 (Rumänien), 17 (Österreich), 18 (Schweden) der Fünfjahreswertung liegen, nur Albanien als 38. hier nicht unter den 20 besseren Nationen ist?
Während sich These 1 um Spieler dreht, geht es bei These 2 eher um die Klubs und die nationale Selbstwahrnehmung. Allen Ligen gemein ist etwa, dass herausragende Erfolge einzelner das (relative) Versagen des Rests zudecken. Um die Latte nicht zu hoch zu legen, sehen wir uns das Sechzehntelfinale der Europaleague 2015/16 an. Von den 32 Teams kamen mit Rapid Wien, Schachtjor Donezk, Galatasaray und Fenerbahce, FK Krasnodar und Lok Moskau sowie Sparta Prag nur sieben Teams aus diesen Ligen. Im Jahr davor waren es ebenfalls nur sieben, noch ein Jahr früher auch nur zehn, ein Jahr zuvor noch elf.
Die Fünfjahreswertung verzerrt nun einmal die Perspektive. Man muss aufhören, sich in die Tasche zu lügen. Auf Österreich umgemünzt heißt das, dass man es endlich schaffen muss, Ende August, wenn es um die Plätze in Europa- und Champions League-Gruppenphasen geht, da zu sein. Dort können sich dann heimische Spieler beweisen und aufzeigen. Die UEFA-Fünfjahreswertungs-Arithmetik begünstigt nun einmal auch kleine Nationen. Wenn man dann aber weit oben ist, sollte man nicht denken, dass dann automatisch auch die Liga super ist. Erfolge einzelner können Missstände ordentlich zudecken.
These 3: Das Alter der Akteure ist wurscht
Dem Jugendwahn ist ohnehin keine Mannschaft verfallen. Deutschland und England weisen mit 25,9 Jahren Altersdurchschnitt die jüngsten Mannschaften vor, Irland stellte mit 29,9 Jahren den ältesten Kader. Österreich liegt mit 27,6 Jahren in der Mitte. Zum Vergleich: Nur zwei Bundesligavereine der tipico-Bundesliga sind in der Altersspanne der EM-Endrundenteilnehmer. Der Rest ist im Schnitt jünger. Wenn nun Christian Fuchs noch der eine oder andere Kandidat mit einem Rücktritt folgt, dann ist das kritisch zu betrachten. Da lacht der Zoltan Gera, der zehn Jahre in England bei West Brom und Fulham gekickt hat und schon 37 Jahre alt ist. Vom 40-jährigen Jogginghosenträger Gabor Kiraly ganz zu schweigen. Von der im Schnitt 29-jährigen Squaddra Azzura, die gefühlt schon mit den Dritten klappert, ganz zu schweigen.
In Österreich wird mit Oldies anders verfahren. Von der EM-Endrunde 2008 noch dabei waren nun noch Ramazan Özcan, György Garics, Sebastian Prödl, Christian Fuchs und Martin Harnik. Einige Profikarrieren sind noch nicht beendet, so mancher Routinier trat freiwillig zurück, wie etwa Martin Stranzl oder Alex Manninger. Geeignet als Routinier gewesen wären wohl die Innenverteidiger Stranzl und Pogatetz, im Mittelfeld eventuell Andi Ivanschitz. Kicker wie Jürgen Säumel oder Joachim Standfest wurden in die zweite Liga abgeschoben (auch wenn Standfest wieder hoch kam).
Bei einer Endrunde geht es eben um Erfahrung. Ein Spieler Anfang/Mitte 20, wie etwa Dragovic oder Hinteregger, wird eine Situation auch bei noch so viel gewonnen Titeln und gesammelten Erfahrungen nun einmal anders einschätzen als ein echter Routinier der Preisklasse 30+. Die verschwinden aber in Österreich oftmals einfach. So rühmlich eine junge Elf sein mag, so sehr können Routiniers gerade in den schwierigen Situationen helfen. Vor allem, wenn sie noch voll im Saft stehen. In Österreich hingegen ist Alter im Fußball oft ein Makel, vor allem für den Finanzvorstand. So richtig wahr haben will das aber kaum ein Verein. Aber man könnte mal bei Rapid oder Wolfsberg nachfragen, warum ein Hofmann oder Standfest so wichtig sind.
Fußball ist eine nationale Angelegenheit
Man mag zu Nationalismus stehen, wie man will. Den gibt es in verschiedenen Ausprägungen. Polen und Ungarn wählen den autoritären Weg, Island mit seinen zahlreichen Investitionen in die Infrastruktur eher einen weltoffenen und selbstbewussten Weg. Aber die Themenkreise Legionäre, Selbsteinschätzung und Bewusstsein, dass Alter im Fußball auch ein Wert ist, scheinen dem heimischen Fußball nicht so geläufig zu sein. Es ist aber nun einmal Aufgabe der Liga, dafür zu sorgen, wie der Kick international dann dasteht. Drauf zu hoffen, dass Vereine in Bremen oder Stoke schon ein paar Kicker ausbilden oder sich brav um Routiniers kümmern, ist zu wenig.