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Meisterliche Selbstaufgabe

Rapid und Austria hadern wieder einmal mit der Chancenauswertung. Doch der Schein trügt: Selten war es so leicht, Meister zu werden. Die Wiener Klubs sind jedoch nur Meister im Tiefstapeln. Eine Gegenansicht von Georg Sander

 

Red Bull Salzburg wird auch bei einer Niederlage heute und bei einer weiteren nächste Woche Meister werden können, weil man trotzdem einfach nicht weniger Punkte macht als Rapid Wien. Die Austria hat sich nach einem 4:1 in Wals-Siezenheim selbst aus dem Titelrennen gequatscht.

 

Die Veilchen sind in der 2016er-Tabelle lediglich Tabellensiebter, in der bisherigen Rückrundentabelle sogar auf dem vorletzten Platz (!). Der SK Rapid Wien hat zwar vor dem Admira-Spiel der Bullen in der Frühjahrstabelle gleich viele Punkte wie Salzburg, in den letzten fünf Runden gelang aber kein einziger Sieg. Und das, obwohl beide Teams gegen Mannschaften wie den Wolfsberger AC oder SCR Altach spielten. Vor dem Rückspiel gegen Valencia sagte Zoran Barisic etwa Folgendes: „Valencia ist klarer Favorit, sie sind das zehnfache wert.“ Wer so etwas sagt, wer stets meint, Salzburg habe so viel mehr Geld als man selbst, sollte aber nicht vergessen, dass man im Verhältnis deutlich mehr hat als die erwähnten Klubs aus Vorarlberg und Kärnten. 

 

rueckrundetabellentabelle 2016 Die untere Hälfte der Rückrundentabelle - Austria ist auf dem vorletzten Platz.

 

Neun bzw. zehn Saisonniederlagen sind zu viel
Auf taktischer Ebene muss konstatiert werden, dass Trainer wie Oliver Lederer (gewann 2 Saisonduelle gegen Rapid), Heimo Pfeifenberger bzw. Co Christian Ilzer mit dem WAC (holte vier Punkte gegen die Veilchen) es schaffen, eine vom individuellen Können her maue Truppe gefährlich aufs Feld zu schicken. Das Spiel machen ist freilich immer schwieriger, als passiv zu sein. Aber neun oder zehn Saisonniederlagen gegen Mannschaften, die finanziell so deutlich weniger Möglichkeiten haben, sind einfach viel zu viele.

 

Red Bull Salzburg hat vier Saisonniederlagen. Trotzdem stehen sie ganz oben. Salzburg hat den dritten Trainer in der Saison. Trotzdem stehen sie ganz oben. Salzburg hatte unglaubliche interne Querelen mit Martin Hinteregger. Trotzdem stehen sie ganz oben. Bei den Bullen war zuweilen eine ganze erste Elf verletzt. Trotzdem stehen sie ganz oben. Garcias Zentralachse lautet manchmal Caleta-Car (19), Laimer (18), Keita (mit Malaria, 21), Oberlin (18). Trotzdem stehen sie ganz oben. Man spielt in den letzten Wochen zum Teil einen grausigen Stiefel. Trotzdem stehen sie ganz oben.

 

Dass die Salzburger derzeit die Tabelle anführen und vermutlich Meister werden, lässt sich in der Saison 2015/16 längst nicht mehr mit dem ach so vielen Geld erklären. Die Schuld, warum kein Wiener, sondern wieder einmal die Salzburger vorne stehen, liegt einzig und allein in Wien 10 und 14. Denn merke: Man hat eben nur vier Mal nicht gepunktet! Unter Adi Hütter gab es bis zum Schluss und bis zur 24. Runde sieben Niederlagen. Um es ganz deutlich zu sagen:

 

So eine fußballerisch miese Saison legte man das letzte Mal unter Ricardo Moniz hin.

 


"Wir können über alles reden, nur nicht über die Meisterschaft"

Aber vermutlich liegt der Grund, warum die Wiener es nicht schaffen, im Kopf. Ziele innerhalb der Saison sind nichts statisches, auch wenn das alle gerne sagen. Wer seiner Mannschaft nicht irgendwann verklickert, dass man Meister werden könnte, hat schon verloren. Bei Rapid wurde das M-Wort so lange nicht in den Mund genommen, bis nun fünf sieglose Partien zu Buche stehen. „Vielleicht haben wir uns zu lange vor dem Begriff Meister geschützt“, sinnierte Rapid-Sportdirektor Andreas Müller nach dem Heim-1:1 gegen Salzburg.

 

Die Austria hätte selbst nach dem desaströsen Auftritt in Wals-Siezenheim noch locker den Kontakt zur Spitze halten können. Gegen Sturm, den WAC, Altach und Grödig kann eine Austria schon einmal mehr als zwei Punkte holen. Klar, die Austria war letzte Saison Siebter. Aber dieses Jahr auch Herbstmeister. Darauf angesprochen sagte Sportdirektor Franz Wohlfahrt damals gegenüber der Krone: „Wir können über alles reden, aber nicht über die Meisterschaft.“ Und dann wird man auch pampig; Trainer Thorsten Fink etwa vor dem Spiel gegen den WAC ziemlich gereizt: „Wir sind Austria Wien, spielen zu Hause, spielen eine gute Saison und wollen dieses Spiel gewinnen. Es kommt nicht der FC Barcelona.“ Nach dem Spiel brach er die Pressekonferenz mit den Worten „Wenn Sie noch besseren Fußball sehen wollen, müssen Sie in ein anderes Stadion gehen. Sucht euch einen neuen Trainer!“ ab. So wird man Dritter. So übrigens auch.

 

Viel mehr als diese Saison kann Salzburg nicht falsch machen

Aber anscheinend kann man in Hütteldorf und Favoriten damit zufrieden sein. Der Europacup scheint sicher, Saisonziel erreicht. Wer mit Rang zwei und drei zufrieden ist, für den ist Platz eins weit weg. Mit durchaus unglücklichen Spielen, die man trotz vieler Chancen nicht gewinnt, kann dann bequem vom eigenen Problem abgelenkt werden. Als ob Salzburg solche Spiele nicht hätte, wie etwa beim 0:1 in Ried - oder Grödig oder .... Als ob Rapid und Austria die einzigen Teams wären, die ab und an als bessere Mannschaft nicht punkten.

 

Die Sorgen um einen möglichen Titel 2016/17 muss man sich dann eh nicht mehr machen. Dann sind Salzburgs Talente wie Hwang, Bernardo, Lazaro, Oberlin oder Minamino wieder einen Tick erfahrener. Dann spielen wieder langzeitverletzte Stabilisatoren wie Leitgeb oder Yabo. Dann kann Oscar all seine Ideen weiter festigen. Vielleicht kommt noch ein treffsicherer Stürmer wie Munas Dabbur aus Zürich.

 

Rapid hatte nach sechs Runden acht Punkte Vorsprung auf Salzburg. Die Austria war im Herbst nach 16 Runden Tabellenführer. Und viel mehr als Salzburg kann man in dieser Saison nicht falsch machen. Aber nicht einmal dann reicht es für einen Wiener Meistertitel. Die Wiener Großklubs sind derzeit höchstens Meister im Tiefstapeln und Schönreden.

 

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