Dieses Mal klappt es aber wirklich
Klingt komisch, ist aber so: Noch nie waren die Voraussetzungen für Red Bull Salzburg so gut, die Gruppenphase der Champions League zu erreichen. Von Georg Sander
Wenn Salzburg heute Abend (20:30, ORF eins) gegen FK Liepaja antritt, dann geht es allen öffentlichen Aussagen zum Trotz wieder einmal darum, dass Red Bull Salzburg sich für die Champions League qualifizieren soll – oder soll man sagen muss? Sportchef Christoph Freund wird zwar nicht müde zu betonen, „eine internationale Gruppenphase“ würde reichen und man können nichts „herbeireden“. Aber das Ziel ist natürlich klar. Die Salzburger dominieren die Meisterschaft Jahr für Jahr, doch der CL-Antritt blieb ihnen im Gegensatz zu Rapid oder Austria bisher verwehrt. Natürlich wurde 2012 bei Red Bull Salzburg ein neues Kapitel aufgeschlagen. Nach Startrainer Trapattoni und der holländischen Phase mit Adriaanse, Stevens und Moniz, hielt mit Sportdirektor Ralf Rangnick und Roger Schmidt deutsche Wertarbeit Einzug in Salzburg.
Doch bekanntlich scheiterten auch Schmidt zwei Mal und seine Nachfolger Adi Hütter und Peter Zeidler an den Hürden Düdelingen, Fenerbahce und zwei Mal Malmö. Der Spanier Oscar Garcia soll es nun erstmals schaffen. Die Vorzeichen stehen so gut wie noch nie:
Oscar Garcia ist ein Pragmatiker
So begeisternd Schmidts Offensivfußball, so offensiv formvollendet die Fortführung unter Adi Hütter war, so fehlte doch etwas. Die Zeit unter Peter Zeidler zeigte, wie sehr der bedingungslose Offensivfußball, den sich Ralf Rangnick vorstellt, von Kleinigkeiten abhängig ist. Oscar Garcia - sein Vertrag wurde erst diese Woche bis 2018 verlängert - hingegen ist eher der Pragmatiker. „Seine“ Bullen können Lochpassfußball im Höchsttempo ebenfalls. Aber der Spanier versteht sich auch aufs Schalten, Kontrollieren und Verwalten. Roger Schmidts Einserschmäh mit Spielfeldverengung, den er gegen Ajax auf die Spitze trieb, hat nun einmal Schwächen. Härte, ein strenges und einfacheres Defensivkonzept und eine gute Chancenauswertung zerstören diesen Kick. Zuletzt zeigte es sogar das kleine Minsk, wie das geht. Der Offensivkick ist super, aber langt nicht für die nächste Stufe. Dass Oscar pragmatisch auch einmal gewinnen kann oder gerne auch ein Remis nimmt, wenn der Gegner nichts anderes zulässt, zeigte etwa das Duell mit Rapid im Frühjahr. Und das ballesterischer Pragmatismus gerade in KO-Duellen gepaart mit dem Beherrschen von wunderbarem Scheiberlkick etwas bringt, zeigten jüngst die Portugiesen bei der Europameisterschaft.
Kaderfragen geklärt
Naby Keita ist weg. Dass das passiert, war klar. Und ja, der Zeitpunkt ist günstig. Statistisch gab es in der abgelaufenen Saison kaum einen Unterschied, ob er spielte oder nicht, der Punkteschnitt war immer über zwei. Stuss wie mit Sadio Mané oder Martin Hinteregger möchte man nun nicht mehr haben. Auch der dritte bekannte Unruhestifter, Jonathan Soriano, ist mit der Verpflichtung Oscars und dem nagenden Alter, das einen Transfer in eine europäische Topliga nicht unbedingt wahrscheinlicher macht (auszuschließen ist er aber auch nicht), zufrieden gestellt. Zwar kann es sein, dass Salzburg noch ein paar Leute für Liefering holt und den einen oder anderen jungen Kicker wie Hee-Chan Wang verleiht, aber derzeit passt es. Die wichtigsten Transfers sind durch, erstmals in der Geschichte seit Ralf Rangnick kamen einige fertige Spieler, alle Positionen sind qualitativ gut besetzt.
Punktuelle Verstärkungen
So wie eine ausbalancierte Taktik im Allgemeinen, hakte es seit ein paar Jahren am Flügelspiel. Hier legte man nach, vor allem mit Stefan Stangl und Wanderson, die wohl auch da sind, um bewährten Kräften Feuer unterm Hintern zu machen. Mit Munas Dabbur steht nun auch neben Soriano ein treffsicherer Stürmer im Aufgebot, der ebenfalls über die Seiten kommen kann, Fredrik Gulbrandsen kann ein Brecher sein, denn gerade Soriano verschwand oftmals von der Bildfläche, wenn der Gegner mit Manndeckung und Körper arbeitete. Fasst man den Keita-Abgang als „eh unvermeidlich“ auf, dann sind die gekommenen vom Alter und der Erfahrung her sicherlich über Abgänge wie Schmitz, Pehlivan oder Atanga, ferner die ohnehin verliehenen Ankersen und Djuricin zu stellen. Ganz klar zu attestieren ist auch eine gewisse Kontinuität. Auf Keita konnte man sich ausruhen, ja, er war zuverlässig als Matchwinner. Aber der Stamm der Double-Mannschaft ist geblieben, Keita ist im Grunde der einzig wichtige Abgang. Vor der Saison 15/16 gingen Ilsanker, Ramalho und Keeper Gulacsi, im Winter zuvor Kampl und Alan.
Die Spielerkombination passt
Zunächst einmal die Routiniers: Der wieder genesene Christoph Leitgeb, die Außenverteidiger Andi Ulmer und Christian Schwegler, Goalie Alex Walke, Jonny Soriano – für sie wird es nicht mehr hundert Chancen geben, in den exklusiven Genuss der Königsklasse zu kommen. Für viele ist Red Bull Salzburg natürlich eine Zwischenstation zu höheren Weihen. Das betrifft Kicker wie klarerweise Martin Hinteregger oder Valentino Lazaro, sicherlich auch einen Stefan Stangl, Konrad Laimer oder Stefan Lainer. Die sind fast schon überreif, es fehlt an der letzten Bestätigung ihres Könnens. Ein guter Herbst in der Königsklasse und schon winken Verträge in größeren Ligen. Denn klar ist, dass Rasenballsport Leipzig nicht alle guten Salzburg-Kicker nehmen wird. Gerade für diese Kicker sollte dieser Sommer eine Extramotivation sein. Und dann gibt es auch noch die Legionäre, die bei Salzburg spielen. Die sind von Paulo Miranda über Marc Rzatkowki bis hin zu Duje Caleta-Car und Takumi Minamino allesamt sicherlich nicht dran interessiert, sieben Jahre gegen – bei allem Respekt! - Wolfsberg und Altach zu spielen. Die schielen fix auf Kampl, Mané und die Leipzig-Connection. Dazu braucht es aber außergewöhnliche Leistungen.
Alles hat ein Ende
So lustig es für (nahezu) alle Fans der anderen Klubs ist, wenn Red Bull Salzburg in der CL-Quali erneut scheitert, so klar ist auch, dass diese gehäuften Unglücke im August Österreich nichts bringen. Die Austria konnte aus der CL-Teilnahme maximal finanzielles Kapital schlagen, bei Rapid wird es noch Jahre dauern, bis man eine Erfolgsmannschaft länger zusammen halten können wird – sofern das überhaupt möglich ist. Die kleineren Klubs, die für die Quali in Frage kommen, bringen zumeist nur eine Handvoll punktueller Erfolgserlebnisse zustande und dann dauerte es länger, bis sie wieder für den Europacup in Frage kommen. Da würde ein fünfter Startplatz helfen. Gut, Siege sind in der Europa League leichter als in der Champions League, aber eine Stagnation im Klubfußball ist einfach da. Unabdinglich scheint es jedoch, eben einen regelmäßigen Champions League-Teilnehmer zu haben.