Keine Ausreden mehr

Im August war Rapid noch Titelkandidat Nummer eins. Im November kämpfen die Hütteldorfer darum, den Anschluss an die Tabellenspitze nicht zu verlieren. Die Zeit der Ausreden ist vorbei, jetzt sind die nächsten Entwicklungsschritte bei der Klubführung und

 

Nach fünf Siegen in den ersten sechs Saisonspielen, zwischenzeitlich acht Zählern Vorsprung auf Red Bull Salzburg und begeisternden Auftritten im Europacup wähnte so mancher Grün-weißer den SK Rapid schon auf dem Weg zur Erfüllung der Mission 33. Im November, einen Tag vor dem Europa-League-Spiel in Pilsen, sieht die Situation wieder gänzlich anders aus.

 

In Hütteldorf kann man sich gegenwärtig bei vielen Dingen bedanken. Etwa bei Felix Roths Hand. Bei Simon Piesinger, bei Frau Hofmann, die drauf achtet, dass der ewige Kapitän brav sein Gemüse ist. Die Stärke bei Standards sei auch erwähnt, die Rapid schon das eine oder andere Spiel gerettet hat. Oder das "Glück" bei der Auslosung in der kommenden Runde. Die bedingt, dass sich Austria und Salzburg kommenden Samstag auf jeden Fall Punkte wegnehmen, Rapid „nur" Grödig knacken muss. Wobei Grödig für Rapid in der Vergangenheit nicht immer eine Erfolgsgeschichte war.

 

Fakt ist: Fünf Saisonniederlagen, das ist einfach sehr viel nach 14 Runden. Für Rapid zu viel. Freilich muss man in diesem Zusammenhang die Hofmann-Abhängigkeit oder Barisic' zauderndes Coaching negativ sehen. Aber es handelt sich beim SK Rapid nun auch wieder um einen Verein, dessen Trainer frei heraus sagt: „Die [Philosophie] gibt es aber erst seit zwei Jahren, davor hat es eigentlich keine Philosophie gegeben." Während sich die Austria etwa schon nach dem Ende der Ära 2007 neu erfinden musste oder ein Philosophie-Wechsel in Salzburg rigoroser und mit dem nötigen Kleingeld vonstatten lief, sind Präsident Krammer, Trainer Barisic und die zwei deutschen Sportdirektoren Schulte und Müller eben erst seit einem kurzen Zeitraum da. Davor lebte Rapid lange, eigentlich zu lang unter Ex-Präsident Edlinger noch tief im 20. Jahrhundert.

 

Natürlich stellt sich nun die Frage, wo Rapid hingeht. Zoran Barisic hat das heimische Flaggschiff stabilisiert, für den Europacup ein passendes, reaktives Taktikkostüm gefunden, das wohl oder übel im ersten internationalen Überwintern seit zwei Jahrzehnten münden wird. Ob er es schafft, in den nächsten Wochen und Monaten die richtigen Reize zu setzen, ist wiederum die andere Frage. Nach der dritten Liga-Niederlage und vor den Siegen gegen Austria Salzburg und Sturm Graz sagte er: „Kleinigkeiten laufen gegen uns." Wer glaubt, dass ein Kantersieg gegen einen Krisenklub vom Tabellenende der zweiten Liga und einem knappen 2:1 gegen Sturm daran etwas ändern, ist wohl auf dem Holzweg. Selbst wenn Rapid durch einen Sieg am Wochenende und einem Bullensieg in Favoriten den Rückstand zur Tabellenspitze wieder auf zwei Zähler verringert und europäisch überwintert, braucht es intensive Arbeit.

 


Rapids Hauptaufgaben für die nächsten Wochen

In der Liga erzielten Steffen Hofmann, Stefan Schwab und Florian Kainz je drei Tore, dazu kommen noch die drei von Robert Beric. Niemand erzielte mehr Treffer. Insgesamt ist Florian Kainz der Mann mit den meisten Volltreffern. Von seinen bewerbsübergreifend sieben Treffern waren allerdings drei gegen die unterklassigen Klubs Weiz und Amstetten im Cup. Von Robert Beric hat man sich schlichtweg noch nicht emanzipiert. Es stimmt etwas nicht, wenn Alex Gorgon und Jonny Soriano drei Mal so viele Ligatore schießen wie die treffsichersten Rapidler.

 

Zudem: Elf der 27 Ligatore folgten bei Rapid auf Standards. Schon bevor Beric ging, war dieser Wert hoch. Nun müssen sich die Offensivkräfte besser auf die Stürmer Prosenik, Jelic oder Alar einstellen. Hier ist auch der Trainer gefordert. Das heißt aber auch kurzfristig: Wenn man Spiele nicht mehr so wie früher gewinnen kann, dann sollte man tunlichst Niederlagen vermeiden – auch wenn dieser Satz ein Fall für das Phrasenschwein ist. Bestes Beispiel: Dem Erzrivalen in violett gelingt genau das derzeit sehr gut. Trotz mauer spielerischer Darbietungen musste man seit dem 2:5 gegen Rapid erst eine Niederlage in neun Spielen einstecken.

 

In der Winterpause
Der eingeschlagene Weg bei Rapid stimmt prinzipiell, auf Schiene ist bei den Hütteldorfern aber längst noch nicht alles. Zu sehr hängen die Versäumnisse der Nullerjahre noch nach. Das Herz der Mannschaft heißt noch immer Hofmann, bis auf Louis Schaub, Max Hofmann und Mario Pavelic musste man sich die Stammspieler der Saison mühsam „zusammenscouten" und kaufen. Dann kommt noch dazu, dass ein ewig langer Verbleib von Spielern wie eben Schaub, aber auch Kainz oder Schobesberger sehr fraglich ist. Die internationalen Scouts sind nicht blind und zwei oder bei aller Liebe vielleicht vier Europa League-KO-Spiele halten kaum einen Spieler zwischen 20 und 25 davon ab, Österreich zu verlassen. Zwar gibt es Back-Ups – aber für die braucht es besser heute als morgen ebenfalls Back-Ups, wenn die größeren Ligen mit den Geldscheinen winken.

 

Weg bestätigen
Rapid steht rund um die Winterpause vor einigen Abzweigungen – und es gilt die richtigen zu nehmen Zoran Barisic wird zeigen müssen, ob er den nächsten Schritt in der Entwicklung gehen kann oder ob er an seinem Zenit angekommen ist. Die Liga ist sehr knapp und wenn die Führungsriege nicht aufpasst, steht man im Sommer im neuen Stadion, ist nach wie vor vom dann 36 Jahre alten Hofmann abhängig, hat die besten Talente verkauft und kann sich den Europacup im Fernsehen ansehen. Dann hat man trotz aller guten Intentionen alles falsch gemacht.