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Bullenflucht

Just nach der „längsten Champions League-Qualifikation“ verlassen unzählige Leistungsträger Red Bull Salzburg. Ein Fehler im Management? Jedenfalls eine schwierige Aufgabe für das neue Trainerteam.

Ein Kommentar von Georg Sander

 

Der Trainer Marco Rose und ein Großteil des Betreuerteams sind weg, werkeln nun bei Borussia Mönchengladbach. Im Winter kam den Salzburgern schon Amadou Haidara (verletzt, Leipzig) abhanden, im Sommer gehen Hannes Wolf (ebenfalls verletzt, ebenfalls Leipzig), Xaver Schlager (Wolfsburg), Fredrik Gulbrandsen (Vertragsende, Istanbul Başakşehir), Munas Dabbur (Sevilla) und Stefan Lainer (Mönchengladbach). Natürlich sind Sportchef Christioph Freund und Co. vorbereitet.

Mit Walke, Ulmer und Junuzovic gibt es Routine, die Liste nachdrängender Talente oder Jungspieler, die weniger Einsatzzeit bekamen, ist lang: Mwepu, Szoboszlai, Daka, Prevljak, Haland, Minamino oder Bernede. Oben drauf kommen noch Rückkehrer wie Hwang, Ashimeru oder Koita, die auch spielen wollen.

 

Gleichzeitigkeit

Durch die wegfallenden Stolperfallen in der Champions League-Qualifikation haben diese Kicker nun gemeinsam mit dem aus dem Red Bull-Universum entstammenden Jesse Marsch eine Hand voll relativ ungefährlicher nationaler Bewerbsspiele, bevor man sich auf der größten Bühne Europas beweisen darf. In Zahlen sind das bis zum ersten Spieltag am 17./18. September eine Cuprunde und sieben Bundesligarunden. Unter den Ligagegnern sind mit Rapid und dem Europacup-Starter WAC nur zwei (ansatzweise?) große Kaliber.

Dieser Sommer wird kein einfacher für Salzburg-Sportchef Christoph Freund

Selbst wenn man aufgrund der – Stand heute – Achse Stankovic-Ramalho-Ulmer-Samassekou-Junuzovic-Minamino-Prevljak und mit ähnlichen Methoden unter Marsch wie unter Marco Rose eine Kontinuität herstellt, muss man einiges ersetzen. 72 Treffer erzielten die oben genannten bewerbsüberbreifend in der Saison 2018/19, Dabbur zeichnet alleine für 37 Tore verantwortlich. Hinzu kommen noch 55 Torvorlagen. Zum Vergleich: Insgesamt erzielten die Salzburger in der abgelaufenen Spielzeit 131 Tore. Mehr als 50 Prozent der Tore sind, wenn man es so sehen will, weg.

 

Weitblick?

Natürlich lukriert Red Bull Salzburg große Transfererlöse. Freilich hat man mit den Leihen vor der Saison und diversen Transfers während der Saison vorgearbeitet. Dennoch muss sich Christoph Freund die Frage gefallen lassen, warum just vor der Spielzeit, in der man endlich Champions League spielt und sich mit den besten Klubs Europa matchen kann, so viele Leistungsträger gehen.

Individuell ist es verständlich. Wer spielt nicht lieber in La Liga oder in der deutschen Bundesliga oder unterschreibt bei einem potenten Großklub in der Türkei? Doch angesichts der Masse an Transfers, des Zeitpunkts und eben des Ziels ist es schon verwunderlich, dass man alle ziehen lässt oder ziehen lassen muss. Vor allem, weil das Transferfenster noch lange offen ist und es auch um andere Spieler – Samassekou, Szoboszlai – Transfergerüchte gibt.

 

Hoffen und Bangen

Hat der neutrale Fußballfan in den letzten Jahren darauf gehofft, dass die Salzburger über gar nicht so große Kaliber wie Malmö, Rijeka oder Roter Stern drüber kommen, muss man nun hoffen, dass Christoph Freund und Jesse Marsch einen wirklich guten Plan in der Hinterhand haben, um innerhlab von acht Bewerbsspielen eine europäische Topmannschaft auf den Beinen zu halten oder zu stellen.

Sonst wird der erste Auftritt in der Königsklasse der roten Bullen der Beweis sein, dass man halt doch nur der österreichische Meister ist - und nicht der Topverein, dessen Nachwuchs die Youth League gewann, der es zuletzt ins Europa League-Halb- und Achtelfinale schaffte.

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