Grün-weiße Arbeitssiege: Mit 'situationselastischer' Philosophie zum Meistertitel?
Rapid will künftig auch mit Schweinskick wichtige Punkte im Kampf um den Titel holen, ohne dabei darauf zu vergessen, was von Rapid - Stichwort Philosophie - eigentlich erwartet wird. Von einem Abrücken an den eigenen Ansprüchen will Rapid-Sportdirektor A
Jahr für Jahr stellt sich für Rapid die Meisterfrage. Seit mehr als zwei Jahren ist Zoran Barisic dabei derjenige, der das Team coacht und laut Sportdirektor Andreas Müller das Team weiterentwickelt hat, wie der Deutsche im Interview mit 90minuten.at vor ein paar Tagen beschrieben hat. Immer wieder hörte man dabei in den vergangenen Jahren sinngemäß eine Aussage: "Der Abstand zu Salzburg soll verringert werden, um beim Thema Meistertitel ein ernsthaftes Wort mitreden zu wollen."
Austria wurde Meister durch Siege gegen die „Kleinen“
Die Vergangenheit hat gezeigt: Die Meisterschaft holt man sich nicht vorrangig in den vier Duellen gegen Salzburg, sondern in den Spielen gegen die vermeintlich kleinen Teams. Bestes Beispiel dafür ist der letzte Meistertitel der Veilchen: Stögers Team wurde Meister, ohne Salzburg in vier Spielen auch nur einmal besiegt zu haben. Der Weg zum Titel führte über Konstanz gegen die Kleinen der Liga. Gegen die vermeintlich Kleinen der Liga (also gegen alle bis auf Salzburg, Rapid und Sturm) punktete die Austria, bis auf 3(!) Spiele, immer voll.
Rapids Problem
Genau hier hat Rapid bislang ein Problem. Die Performance gegen die vermeintlich kleinen Teams lässt – zumindest was die nackten Zahlen betrifft – zu Wünschen übrig. Wie schon vor ein paar Tagen berechnet, ist die Entwicklung unter Barisic unter diesem Aspekt nicht positiv zu sehen: „In der ersten vollen Saison unter Barisic holte Rapid gegen Admira, Grödig, WAC, Wiener Neustadt und Wacker Innsbruck 48,33% der möglichen Punkte. In der Folgesaison gab es gegen die „fünf kleinen“ immerhin eine Steigerung auf noch immer schwache 60% der möglichen Punkte. Und wie sieht es in der aktuellen Saison aus? Rapid holte gegen Admira, Grödig, WAC, Mattersburg und Altach matte 15 von 30 Punkten, das entspricht einer Quote von nur 50%.“
"Nicht mit aller Gewalt seine Philosophie spielen"
Wenn es nach Rapid-Sportdirektor Andreas Müller geht, soll dieses Dilemma bald gelöst sein. "Natürlich will man in allen Spielen seine Philosophie, seinen Stil durchbekommen. Manchmal muss man aber auch etwas verändern, vielleicht hat man auch nicht immer die gleichen Möglichkeiten, weil Offensivspieler nicht die Frische haben, die notwendig ist. Davon lebt unser Offensivspiel", sagt Müller im 90minuten.at-Gespräch auf die Frage, ob Rapid künftig gegen die vermeintlich kleinen Teams anders auftreten wird, und ergänzt: "Es gibt auch Tagen, an denen Spieler leer sind. Man muss in diesen Fällen nicht mit aller Gewalt seine Philosophie spielen, ohne dabei jedoch die Identifikation zu verlieren. Am Ende geht es um nackte Punkte. Da muss man auch einfach einmal sagen: Wie ich mir die fehlenden Punkte hole, ist egal. Vielleicht steht dann am Ende sogar auch einmal der Meistertitel."
Rapid hat mittlerweile einen Stil – und verlässt diesen zum Teil wieder
Wenige Tage zuvor hat Andreas Müller im 90minuten.at-Interview noch darauf verwiesen, dass man Rapid mittlerweile am eigenen Stil erkennt. Nun soll dieser - quasi situationselastisch - wieder verlassen werden. Kurz gesagt: Der Schweinskick - in Müllers Worten ein Arbeitssieg - soll Partien zumindest punktemäßig retten, die man früher verloren hat. Müller: "Wir müssen eine Konstanz gegen diese Mannschaften reinbringe. Es ist nicht fatal, wenn man in Wolfsberg, Grödig oder Altach 1:1 spielt. Wenn man aber 80% Ballbesitz hat und dann mit 0:2 verliert, ist das ärgerlich. Am Ende wird die Meisterschaft dann vielleicht um einen Punkt entschieden."
Schweinskick Arbeitssieg als Merkmal?
Die naheliegende Frage daher: Werden Rapid-Spiele künftig häufiger am Schweinskick Arbeitssieg zu erkennen sein? Müller widerspricht: "Ich glaube, dass es eine ganz wichtige Phase der Entwicklung der Mannschaft ist, auch ergebnisorientiert Punkte mitzunehmen, ohne zu vergessen, welchen Spielstil Rapid eigentlich hat. Mir geht es darum, dass eine Mannschaft soweit vorbereitet ist, dass sie selbst im Spiel merkt, dass an diesem Tag mit den normalen Waffen das Spiel nicht zu gewinnen ist und dann aber weiß, dass man noch andere Möglichkeiten hat, um zumindest dieses Spiel nicht zu verlieren." Ähnlich hat dies Müller im 90minuten.at-Interview vor ein paar Tagen bereits angedeutet. Der Realist Müller rechnet vor: "Wir haben acht Spiele im Herbst verloren, hätten wir nur vier Spiele verloren und vier Punkte mehr auf dem Konto, wären wir ganz vorne mit dabei“. Die Rechnung von Müller klingt nachvollziehbar.
Mangelnde Entwicklung unter Barisic?
Ist durch diesen Plan B auch die bisherige Trainerarbeit zu hinterfragen? Ist die Entwicklung unter Barisic nicht weit genug gegangen, um die eigene Philosophie über alles zu stellen? Müller sieht dies anders: „Ich bin mit Barisic in diesem Punkt in völliger Abstimmung und Übereinstimmung. Wir wissen, dass es eine gewisse Erfahrung für die Mannschaft darstellt. Diese Freiheit der Mannschaft zu geben, auch einmal zu sagen: Heute nehmen wir den Punkt mit. Das ist aber natürlich nicht die Erwartungshaltung, die man an Rapid generell hat. Möglicherweise ist es aber dann auch am Ende der entscheidende Punkt.“
Chance und Risiko
Klar ist: Mit den derzeitigen Mitteln – Spieler & Trainer – kann Rapid die gewünschte Spielphilosophie anscheinend nicht bedingungslos durchziehen. Daher gibt es jetzt auch – Stichwort Schweinskick – einen Plan B. Und sollte Rapid mit diesem Plan Meister werden, fragt am Ende niemand mehr, ob Rapid an der eigenen Philosophie - zumindest zum Teil - gescheitert ist. Doch es gibt wie immer auch eine Kehrseite der Medaille: Sollte Rapid mit diesem Paradigmenwechsel unter dem Duo Müller/Barisic jedoch nicht den erwünschten Erfolg erzielen, bleibt der fahle Beigeschmack, dass man den Mangel bereits frühzeitig erkannt hat und daraus die falschen Schlüsse gezogen hat.
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Ist der von Andreas Müller skizzierte Weg der richtige?