Rapids seltsame Werbung für Streaming der deutschen Bundesliga

Viele Rapid-Fans trauten ihren Augen nicht: Zwei Tage nach dem Remis in St. Pölten bewerben die Hütteldorfer einen Streamingdienst mit Spielen der deutschen Bundesliga. Die Reaktion der Klubführung ist symptomatisch für die Entwicklung des Vereins in den vergangenen Jahren.

Wir machen jedenfalls nicht Werbung für Spiele der deutschen Bundesliga, sondern unterstützen einen Partner, der u.a. auch durch Bandenwerbung bei unseren Heimspielen präsent ist

Christoph Peschek

Die Reaktion von Peschek zeigt: Mit dem Eingestehen etwaiger Fehler und einer öffentlichen Selbstreflexion tun sich die Hütteldorfer schwer, das ist bekannt.

Michael Fiala

Die 91. Minute von Michael Fiala

 

Die Bundesliga braucht mehr Fans in den Stadien. Das ist keine besonders neue Erkenntnis, jedem Klub zwischen Altach und Wien ist dieser Umstand bekannt, 90minuten.at begleitet dieses Thema Runde für Runde. Rapid ist einerseits in diesem Bereich der Platzhirsch, hat mit Abstand die meisten Fans (aber auch das größte Einzugsgebiet). Andererseits sind die Hütteldorfer Klubvertreter auch immer ganz schnell mit Tipps für andere Klubs mit dabei, wenn es darum geht, wie man mehr Sympathisanten ins Stadion holen kann. Umso mehr hat eine Aktion des SK Rapid dieser Tage sehr viele Rapid-Fans vor den Kopf gestoßen und auch das Ligaumfeld mehr als verwundert.

 

„Auch wenn der SK Rapid gerade nicht spielt“

 „Die Saison 2019/20 hat gerade erst gestartet und ihr könnt nicht genug Fußball bekommen? Dann haben wir gute Neuigkeiten für euch: Mit DAZN könnt ihr ab sofort noch mehr von eurem Lieblingssport live erleben. Auch, wenn der SK Rapid gerade nicht spielt. Denn der Streamingdienst hat sich einen Teil der Übertragungsrechte an der deutschen Fußball-Bundesliga gesichert und überträgt künftig jene 40 Spiele pro Saison, die bisher auf Eurosport zu sehen waren.“ (Siehe Screenshot oben)

Mit diesem Absatz beginnt ein (nicht gekennzeichnetes) Advertorial auf der Homepage des SK Rapid für den Streamingdienst DAZN, das am Dienstag online ging und auch auf Facebook gepostet wurde.

 

Fans erbost

90minuten.at berichtet sehr selten über Shitstorms in den sozialen Medien, weil es meist übertriebene Darstellungen von wenigen Usern sind, die dann als Grundlage für einen Artikel herhalten müssen. Was sich aber unter dem entsprechenden Facebook-Posting in weiterer Folge abgespielt hat, hat den Namen Shitstorm sehr wohl verdient, denn fast ausnahmslos alle Reaktionen fallen negativ aus.

Ein paar Beispiele der Kommentare auf Facebook:

„Ich verstehe nicht... soll ich mir jetzt lieber auf DAZN die deutsche Bundesliga anschauen als Spiele von Rapid? Das überschneidet sich a bissal findet ihr nicht? Ihr solltet eure Beiträge als Werbung markieren, wenn sich nichts mit Rapid zu tun haben....“

„Hatte am Sonntag das erste mal meine Freundin im Stadion mit. Nach 70 Minuten hat sie mich gefragt was man tun muss um guten Fussball zu sehen. Dass ihr hier jetzt die Antwort bringt ist vorbildlich. Und ihr werdet langsam ein wenig lächerlich.“

Oder:

„Aha. Die Spiele unserer Rapid und die Performance der Mannschaft sind inzwischen also so irrelevant, dass man sich lieber die dt. Bundesliga anschauen sollte...“

„Scheiße, ernsthaft SK Rapid Wien? Ihr macht Werbung für die deutsche Bundesliga?“

„Gibt ja in den allermeisten Dingen zwei Sichtweisen, aber DAS? Keine 48 Stunden nach einem neuerlich megazachen 2:2 gegen St.Pölten? Ein Angebot, das sich noch dazu mit Rapid-Spielen überschneidet? GENIOUS! Ihr habt den Ernst der Lage noch immer nicht erkannt...“

„Keine Werbung für Spiele der deutschen Bundesliga“

Doch nicht nur Fans haben sich über dieses Posting geärgert, auch im Ligaumfeld hat das Bewerben für Streaming der deutschen Bundesliga für Verwunderung gesorgt. Allgemeiner Tenor: Werbung für ein Produkt zu machen, noch dazu mit Spielen der deutschen Bundesliga, die in direkter Konkurrenz zur Tipico Bundesliga stehen, ist mehr als zu hinterfragen.

Gegenüber 90minuten.at meint dazu Rapid-Geschäftsführer Christoph Peschek, angesprochen auf den Dazn-Artikel: „In der abgelaufenen Saison konnten wir bereits eine Kooperation mit DAZN im Zuge unserer Europa League Spiele starten und natürlich war die Hoffnung auch in der aktuellen Saison u.a. Europa League Spiele des SK Rapid zu bewerben. Wir machen jedenfalls nicht Werbung für Spiele der deutschen Bundesliga, sondern unterstützen einen Partner, der u.a. auch durch Bandenwerbung bei unseren Heimspielen präsent ist“, so Peschek, der ergänzt: „Wir haben zahlreiche Medienkooperationen bzw. Partnerschaften, auch mit „konventionellen“ TV-Sendern wie den Ligapartnern Sky (zeigt übrigens noch viel mehr deutsche Bundesliga als DAZN) oder dem ORF. Im erwähnten Artikel wird übrigens ganz gezielt von uns darauf hingewiesen, dass man via DAZN seinen Lieblingssport auch live (und noch mehr on Demand) genießen kann, wenn der SK Rapid gerade nicht spielt! DAZN bietet übrigens in seinem Paket u.a. Spiele der Europa League, Champions League, La Liga, Serie A und viele mehr an.“

Und ist der Artikel nicht kontraproduktiv, wenn man das Ziel verfolgt, möglichst viele Personen ins Stadion zu bekommen, wenn man über einen Streamingdienst Spiele der deutschen Bundesliga bewirbt? Peschek: „Priorität hat natürlich für uns immer, möglichst viele Menschen zu einem Stadionbesuch zu animieren, für den österreichischen Fußball im Allgemeinen und Rapid im Besonderen zu begeistern. Hierzu veranstalten wir bekanntlich eine Reihe an Aktivitäten. Hinsichtlich der Anfrage zur DFL: Bei den wie folgt angegebenen Sendezeiten zur DFL spielen wir allerdings selten bis nie und zwar „Im DAZN Paket inbegriffen sind die Freitagsspiele (20:30 Uhr), die Partien am Sonntagmittag (13:30 Uhr) und die Montagsspiele (20:30 Uhr). Zusätzlich gibt es die vier Relegationsspiele sowie den deutschen Supercup.“

Kann Rapid Fehler eingestehen?

Die Reaktion von Peschek zeigt: Mit dem Eingestehen etwaiger Fehler und einer öffentlichen Selbstreflexion tun sich die Hütteldorfer schwer. In keiner einzigen Zeile der Antworten von Peschek wird auch nur ansatzweise eingeräumt, dass dieser Artikel möglicherweise nicht die beste Idee war, selbst wenn 99% der Rapid-Fans auf Facebook negativ reagieren. Und jene Fans, die Rapid zu einer Stellungnahme auf Facebook gebeten haben, werden allein gelassen, denn eine öffentliche Reaktion der Hütteldorfer zu diesen Postings (Stand: 8.8.2019, 09:00) gibt es nicht.

 

Fehlende Balance zwischen Sport und Wirtschaft

Ein Dazn-Artikel auf der Homepage des SK Rapid wird nicht dazu führen, dass hunderte Rapid-Fans nicht mehr ins Stadion kommen und lieber am Wochenende deutsche Bundesliga streamen. Das Advertorial wird aber im Gegensatz auch nicht bewirken, dass sich die vielen Rapid-Sympathisanten, auf die Rapid laut Studien so stolz ist, Tickets für Rapid-Matches kaufen. Im Gegenteil: Die Verärgerung ist groß. Es bleibt daher die Frage offen: Muss man alles kommerzialisieren, was man kommerzialisieren kann? Vor allem dann, wenn es indirekt oder direkt um eine Konkurrenz zu den eigenen Spielen, der eigenen Liga geht?

Die Aktion und vor allem auch die Reaktion der Hütteldorfer Klubführung zeigen leider eines auf: Rapid hat zum Teil jegliches Gefühl verloren, wenn es darum geht, die Balance zwischen sportlicher und kommerzieller Entwicklung zu finden. Und: Diese Aktion ist ein weiterer Beweis dafür, warum Rapid in den vergangenen Jahren bei gemeinsamen Liga-Entscheidungen immer öfters alleine im Eck gesessen ist.

 

>> Lesetipp: Auch abseits.at hat sich mit dieser Thematik befasst

 

>> Check: rapid.90minuten.at - Alle Rapid-News auf einen Blick