Foda-Fußball mit einem Schuss Osim

Seit Sommer ist Nestor El Maestro Trainer bei Sturm in Graz. Er ist seitdem durchaus aufgefallen. Auf unterschiedliche Art und Weise. Wer dieser Mann tatsächlich ist und was hinter teils skurrilen Auftritten steckt, bleibt stets ein wenig im Dunkeln. Der Versuch einer Annäherung.

Je länger man sich mit NEM unterhält, desto öfter drängt sich ein Vergleich mit einem auf, der sich selbst als “The special one” bezeichnet: Jose Mourinho. Nicht nur hinsichtlich Fußballverständnis, auch hinsichtlich der Attitüde, die an den Tag gelegt wird.

Plattitüden und Klischees sind ihm jedenfalls ein Greuel. Seine Antworten entsprechen nahezu immer den tatsächlichen Ansichten.

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Im Juni 2019 saß ein schlanker, etwas gebückt wirkender Mann im Zentrum des Podiums in Graz-Messendorf, flankiert von Präsident, Vorständen und Geschäftsführern des SK Sturm. Es war Pressekonferenz und die Grazer Schwarz-Weißen stellten ihren neuen Trainer vor, der die eher verkorkste Zeit unter Roman Mählich vergessen machen soll. Die üblichen lobenden Worte wurden von den Verantwortlichen über die Neuverpflichtung erzählt. Der Angesprochene blickte währenddessen meist zu Boden, als ginge ihn das alles nichts an. Und fast hatte es den Anschein, als wäre er überrascht, als der Pressesprecher auch ihn um ein Statement bat. 

Merkwürdige bis skurrile Momente in Interviewsituationen sollten sich in den ersten Monaten, in denen Nestor El Maestro nun Trainer von Sturm Graz ist, noch öfter wiederholen. Manchmal ein wenig teilnahmslos, manchmal ein wenig zynisch und manchmal beinahe Endzeitstimmung. Dann gibt es aber auch Wutausbrüche an der Linie und in Mattersburg, nach fragwürdigen Schiedsrichterentscheidungen, sogar einen sich in Rage befindlichen Sturmtrainer, der auf das Inventar im Kabinengang eindrosch. Was von diesen Auftritten ist echt? Was ist eine Maske? Man ist sich nie ganz sicher, beim Mann aus Serbien, der heute einen britischen Pass hat. Wer ist also dieser Nestor El Maestro?

 

Die schönsten Siege mit Kontrolle

Bei einer persönlichen Begegnung deckt sich zunächst die Wahrnehmung mit jener in vielen TV-Momenten. Zurückhaltend, fast scheu, merkbar vorsichtig und abwartend, so lässt sich ein erster Eindruck in etwa beschreiben. Je länger und je konkreter der Austausch mit NEM aber wird, desto eindeutiger und direkter werden seine Reaktionen. Er gibt nur, wenn man ihm auch gibt. Im Zwiegespräch deutet er an, dass er Situationen, die nur an der Oberfläche bleiben - wie etwa TV-Flashinterviews - hasst. Bekommt ein Gespräch Substanz, dann kommt der Mann, der bereits als Teenager Trainer werden wollte, aber nach und nach aus der Reserve. Er sprudelt nicht wie ein Jürgen Klopp, wenn er spricht. Er überlegt, manchmal sehr lange, bevor er etwas sagt. Danach kann es aber durchaus ein Monolog werden, vor allem dann, wenn er zu einem Thema wirklich eine Leidenschaft hegt. Beispiel: So ungefähr alles, was es bei einer Fußballmannschaft strategisch-taktisch zu besprechen gibt. 

Was die “Medien” dazu zu sagen haben, wischt NEM im BlackFM-Live-Gespräch Anfang Oktober verächtlich vom Tisch. Dort seien nur Überschriften zu finden. Wieder diese Oberflächlichkeit, die er so ablehnt. Der Sturmcoach räumt aber ein, dass er sich mit der Szene in Österreich zu wenig beschäftigen würde, um auch die Dinge zu finden, wo es Substanzielleres zu lesen gäbe. Das, was er mitbekommt, nimmt er aber merkbar nicht sehr Ernst. Besonders angetan hat es ihm diesbezüglich ein Spiel in der bisher laufenden Saison. Der Auswärtssieg von Sturm beim WAC. Allgemein wurde danach von einem Glückssieg gegen einen weit besseren Gegner gesprochen. NEM könnte das unterschiedlicher nicht bewerten. Er sagt, solche Siege seien die schönsten für ihn. Seine Team hätte immer alles unter Kontrolle gehabt und mit Effizienz im Strafraum das eine entscheidende Tor erzielt. Kontrolle zu haben, sei so ziemlich das wichtigste für ihn als Trainer. Und wenn der Gegner dann anläuft und sich so ärgert, weil er trotzdem knapp verliert, dann ist NEM ein zufriedener Mann. Schadenfreude ist ihm also nicht ganz fremd.

 

Erfolg ist fast immer auch schön

Zudem driftet der 36-Jährige, wenn er einmal Fahrt aufgenommen hat, gern ein wenig ins Martialische ab. Er spricht von Krieg und Schlacht, wenn es sich um intensive Duelle am Fußballfeld dreht. Es ginge ums Gewinnen. Immer. Wenn das schön anzuschauen sei, umso besser. Aber im Prinzip ist das Credo seines Trainerseins der Erfolg. “Und wenn eine Mannschaft erfolgreich spielt, ist es fast immer schön”, meint NEM. “The holy grail” dafür seien eine Philosophie und ein Plan. Mit langfristiger Entwicklung oder der Ausbildung und Weiterentwicklung von jungen Spielern braucht man ihm dabei aber gar nicht erst kommen. Das sei mit das Schwierigste im Fußball überhaupt und in Österreich hätte nur Red Bull die Kapazitäten dafür, so etwas durchzuziehen. Bei Klubs wie Sturm gelte es mit dem was da ist schnellstmöglich etwas zu finden, was auch funktioniert. Wenn sich die Möglichkeit bietet, einen Mann wie Kiril Despodov zu leihen, müsse man sie nützen. Auch wenn der Spieler spätestens nach einer Saison weiterziehen wird. Werden der LASK oder der WAC genannt, wenn es um strategischen Aufbau mit weniger Budget als Salzburg geht, dann wird NEMs Miene finster. Dabei ginge es um einen paar Saisonen bzw. überhaupt nur ein paar Spiele mit einem Trainer, wo in etwa der gleiche Plan verfolgt worden wäre. Mit einer langfristigen Strategie hätte das nichts zu tun. Vergleich abgelehnt. Der Absolutheit, mit der der Serbe seine Standpunkte vertritt, ist oft schwer etwas entgegenzusetzen. 

Seine Lieblingsmannschaft international ist Atletico Madrid. Die Mischung aus der kampfkräftigen und kompromisslosen Defensive und den individuellen Weltklassespielern im Angriff mag er sehr. Die individuellen Könner, er nennt es “Entscheidungsspieler”, sind aus seiner Sicht wesentlich für eine Mannschaft in der Offensive. Je länger man sich mit NEM unterhält, desto öfter drängt sich ein Vergleich mit einem auf, der sich selbst als “The special one” bezeichnet: Jose Mourinho. Nicht nur hinsichtlich Fußballverständnis, auch hinsichtlich der Attitüde, die an den Tag gelegt wird. NEM bezeichnet sich selbst als eher distanzierte Person, die nach eigener Beschreibung das Vieraugengespräch mit Spielern nicht besonders pflegt und sie eher wie Schachfiguren sieht. Er sagt das ohne Arroganz und durchaus selbstkritisch. Es wäre wahrscheinlich besser, selbst auch Spieler gewesen zu sein, um die Kicker besser zu verstehen, sagt er zum Beispiel. Für ihn ist aber der “Frontalunterricht” das Hauptkommunikationsmittel. 

 

“Wenn du den Schein einmal hast, fährst du wie du willst”

Der Trainer der Blackys tut sich in diesem Fall mit einem Rollenwechsel schwer. Trotzdem er sich selbst seit seinen Anfangsjahren viel Weiterentwicklung zugesteht. Vor allem Demut. Er wäre früher sehr arrogant gewesen, hätte gemeint er wisse Bescheid und die anderen nicht. Das sei mittlerweile anders. Vor allem bei Mirko Slomka war er über viele Jahre als Assistent, bei Schalke 04, bei Hannover und beim HSV. Die wichtigste Zeit für ihn als angehender Übungsleiter, sagt er heute. NEM vertritt die Ansicht, man lerne im Wesentlichen in der Praxis. Der Trainerschein sei wie ein Führerschein. Man muss ihn machen um fahren zu dürfen. “Sobald du ihn hast, fährst du aber ohnehin wie du willst”. Wer seinen Fußball oder seine Spielweise in Frage stellt, bekommt meist sehr direkte Konter. Nie respektlos oder unhöflich, aber mit eindeutiger Botschaft. “Fußball ist kein Wunschkonzert, mein Freund”, heißt es da schon einmal. Oder: “Sie können nicht wissen wie das als Trainer ist, weil Sie es nicht sind”.  

Geht man nach ein paar Stunden mit NEM auseinander, bleibt der Eindruck eines Menschen, der sehr eindeutig weiß was er will und wie er es tun wird. Von seinen Überzeugungen ist er nicht abzubringen und er vertritt sie mit Nachdruck. Das aber nie unreflektiert oder gar forsch. Er ist kein Schwarz-Weiß-Maler, betrachtet die Dinge immer von mehreren Seiten. Aber NEM kann schwer verbergen, wenn er etwas geringschätzt. Diese leichte Überheblichkeit des “Wissenden” kann er nicht ablegen. Viele der merkwürdig anmutenden öffentlichen Auftritte haben wahrscheinlich ein gewisses Kalkül dahinter. Er will damit auch provozieren, wie er selbst zugibt. Dass er die deutsche Sprache zwar fließend, aber im Ausdruck nicht perfekt beherrscht, ist dabei immer wieder ein Problem. So einiges hatte in der Tiefe wahrscheinlich eine andere Bedeutung als jene, die ihm im Anschluss zugeschrieben wurde. 

 

Immer gerade heraus 

Plattitüden und Klischees sind ihm jedenfalls ein Greuel. Seine Antworten entsprechen nahezu immer den tatsächlichen Ansichten. Sogar bei Themen, wo fast jeder ein bisschen Weichzeichner verwendet. NEM lässt sowohl das Bauchpinseln der Fans oder des eigenen Klubs sein, noch macht er einen Hehl daraus, dass seine wirklichen Ziele als Trainer woanders als in Liebenau liegen. Diese Ehrlichkeit mag vor den Kopf stoßen. Aber sie regt auch dazu an, einmal zu hinterfragen, ob das nicht vielleicht der bessere Zugang ist, als das ewige: “Wir haben die geilsten Fans und ich liebe es Sturmtrainer zu sein.” 

Aber passt so ein Mann, der so gar nicht in die üblichen Schablonen des Gewohnten passt, zu einem Klub wie Sturm Graz? NEM selbst meint durchaus. Er war schon in Bulgarien und der Slowakei bei Traditionsklubs mit ausgeprägter Fankultur. Das gefalle ihm, auch der damit verbundene Stress und dass immer was los sei. Dass sein Fußball für diese Liga mit diesem Klub der richtige ist, davon ist er ohnehin überzeugt. Mit Franco Foda sei Sturm doch sehr erfolgreich gewesen, stellt er in den Raum. Und so anders seien seine Vorstellungen am Feld nicht. Als Mensch könnte er aber unterschiedlicher nicht sein, als der aktuelle Teamchef. Das ist Chance und Gefahr zugleich. Graz ist Typen wie NEM nicht mehr gewohnt. Aber wer den SK Sturm schon etwas länger als seit der Zeit mit Foda verfolgt, dem kommt bald ein gewisser Ivica Osim in den Sinn. Da waren am Anfang auch oft alle Journalisten im Raum ein wenig ratlos, was sie mit dem Gesagten nun anfangen sollen. Wenn er überhaupt etwas gesagt hat. Und heute ist er der große Philosoph und seine Zeit war wohl die größte Liebesbeziehung die Sturm Graz jemals mit einem Trainer hatte.

 

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