Vize-Meister Sturm: Den Umständen entsprechend
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Vize-Meister Sturm: Den Umständen entsprechend

Der Titelverteidiger wurde entthront. Neben eines herben Qualitätsverlusts im Kader sind zu viele Dinge über die Saison nicht rund genug gelaufen. Viel leichter wird es auch in der kommenden Spielzeit nicht.

Sturm Graz beendete die Saison in der ADMIRAL Bundesliga auf dem zweiten Platz und mit ein paar Tagen Abstand nach der letzten Runde lässt sich das auch nüchtern so zur Kenntnis nehmen.

Der LASK war das Team der letzten Monate und in jeglicher Hinsicht einen Schritt voraus. Die besseren Spieler, das größte Selbstvertrauen und das Momentum – all das war spätestens seit der Frühjahrmeisterschaft in Linz verortet.

Auch wenn die Grazer, dem katastrophalen Saisonstart des LASK im Sommer 2025 geschuldet, den Titel eine Zeitlang noch aus eigener Kraft hätten holen können, war es am Ende keine Überraschung mehr, dass es die Kühbauer-Elf ganz nach oben geschafft hat.

Hinten und vorne wenig Tore ergibt Platz zwei

Sturm hatte in dieser Saison alles in allem zu viele Baustellen im Verein, um die Zielstrebigkeit und Dominanz wie in den letzten beiden Spielzeiten ausstrahlen zu können.

Da waren der Aderlass im Kader, das ganze Theater rund um die Entlassung von Jürgen Säumel, ein Sportchef, der erst zu spät in der Saison einigermaßen Tritt gefasst hat, und all das umrahmt von einer suboptimalen Kommunikation nach außen.

Nachdem sie lange geleugnet wurden, sind die Probleme im Sturm-Kader inzwischen allgemein anerkannt und öffentlich benannt.

Jürgen Pucher

Sich das vor Augen führend, ist Platz zwei ohnehin ein Erfolg. Sturm stand mit einem Kader am Feld, dem speziell im Angriff und der Außenverteidigung wesentlich Qualität abging. Fabio Ingolitsch hat zwar ab dem Winter die lückenhafte Defensive stabilisiert und so kein Meisterschaftsspiel mehr verloren, offensiv blieb der Titelverteidiger allerdings ohne Durchschlagskraft, war auf Einzelaktionen von Otar Kiteishvili, Standardsituationen oder Elfmeter angewiesen.

Das genügt schlichtweg nicht für ganz oben, auch wenn in dieser Saison einiges weniger an Punkten gereicht hat, um die Liga zu gewinnen.

Die kommende Transferzeit, für die die Vorbereitungen natürlich längst begonnen haben, wird für die Schwoazn eine sehr wichtige. Nachdem sie lange geleugnet wurden, sind die Probleme im Kader inzwischen allgemein anerkannt und öffentlich benannt.

Spardruck als Transferhindernis

Ein Goalgetter und Durchschlagskraft auf den Seiten müssen her.

Ein Problem beim Ausstrecken der Fühler am Transfermarkt könnte für Michael Parensen der inzwischen mantraartig vom Vorstand eingeforderte Spardruck werden. Schon im Winter wurde der eine oder andere Stürmertransfer aus Kostengründen wieder abgeblasen. Geendet hat die Geschichte mit der Leihe eines gewissen Rory Wilson. Ein junger Mann aus England, der es im Frühjahr auf 23 Spielminuten brachte.

Ein in der Nachbetrachtung fast lächerlicher Not-Transfer, der den Makel einer ansonsten durchaus gelungenen Wintertransferphase darstellt. Mit Ryan Fosso, Albert Vallci, Paul Koller oder Gizo Mamageishvili holte der Sportchef nämlich durch die Bank Verstärkungen in die Mannschaft. Die Leihe von Jusuf Gazibegovic geht auch als sinnvoll durch, obwohl der Fanliebling am Ende unter den Erwartungen blieb.

Im Kader sind einige teure Spieler, die man lieber heute als morgen loswerden würde, für die es ob ihrer Leistungen aber schwer sein wird, einen Abnehmer zu finden.

Für die Außenverteidigung und den Angriff wird Sturm in diesem Sommer Geld in die Hand nehmen müssen, wenn es Spieler sein sollen, die gleich weiterhelfen. Aus der Vereinsführung hört man aber schon wieder die Direktive des Winters. Nur Geld, das vorher eingenommen wurde, kann auch ausgegeben werden.

Nordkurve meisterlich

Im Kader sind einige teure Spieler – wie zum Beispiel Emanuel Aiwu oder Maurice Malone –, die man lieber heute als morgen loswerden würde, für die es ob ihrer Leistungen aber schwer sein wird, einen Abnehmer zu finden. Und es kommen mit Amady Camara und Szymon Włodarczyk zusätzlich noch Leute von Leihen zurück, für die es wohl in Graz keine Verwendung mehr gibt.

Michael Parensen steht vor einem Husarenstück, wenn er unter diesen Voraussetzungen große Summen freimachen will. Was in jedem Fall wichtig sein wird, egal was am Ende an Zu- oder Abgängen passiert: Eine sinnvolle, abwägende und nachvollziehbare Kommunikation vor der nächsten Saison, was man für möglich hält und was die Zielsetzungen sind. Ein Herumgeeiere, wie es über weite Strecken der letzten Meisterschaft stattgefunden hat, ist tunlichst zu vermeiden.

Schon hingelegt hat das Husarenstück in den letzten Monaten die Grazer Fanszene. Wie die Nordkurve bei Heim- und Auswärtsspielen ihre Mannschaft – in einer Saison, die atmosphärisch nicht immer einfach war – konsequent unterstützt hat, verdient sich eine Extra-Erwähnung. Als andere Fans – zugegeben Unterstützer eines seit mehr als einem Jahrzehnt chronisch erfolglosen Teams – Schneebälle auf ihre Kicker geworfen haben, hat die Nordkurve die Sturmspieler mit Motivationsreden gepusht.

Duran-Abgang: Eine Stilfrage

Nach dem letzten Spiel gegen Rapid kam beim Verabschiedungsreigen vor der Kurve eine Meldung dann doch überraschend: Co-Trainer Sargon Duran muss den Verein verlassen.

Im Jänner hat ihn Fabio Ingolitsch bei seinem Amtsantritt noch im Team behalten, im Gegensatz zu Martin Lassnig, dem anderen Assistenten von Vorgänger Jürgen Säumel. 

Abgesehen davon, dass Sargon Duran den Jahresetat nicht über die Maßen belastet hat, wirken die Argumente für seine Entlassung ein wenig vorgeschoben.

Jürgen Pucher

Duran ist ein anerkannter Fachmann, hat sich bei Sturm zunächst als Frauen-Cheftrainer etabliert und ist nach dem Abgang von Chris Ilzer samt Staff mit Säumel in die Männer-Bundesliga gewechselt. In der Länderspielpause im März wurde er informiert, dass es für ihn in Graz nach der Saison nicht weitergehen wird.

Umstrukturierungen werden als Grund genannt und – wieder einmal – Einsparungen. Ein Hybrid aus Videoanalyst und Assistenztrainer soll die Lücke füllen. Abgesehen davon, dass Sargon Duran den Jahresetat sicher nicht über die Maßen belastet hat, wirken diese Argumente auch sonst ein wenig vorgeschoben.

Wenn Ingolitsch für seine erste ganze Saison bei Sturm ein Team komplett aus selbst ausgewählten Leuten will, sei ihm das unbenommen. Aber dann hätte er das im Winter bei seiner Ankunft schon klar machen müssen. Mit Duran hat es bis zur Information, dass er gehen muss, kein Gespräch gegeben, es dürfte also relativ klar gewesen sein, dass man ohnehin nicht mehr mit ihm über den Sommer hinaus geplant hat. Stil kann man nicht kaufen, heißt es.

In Liebenau wird's finster

Und dann fehlt freilich noch eines, wenn es um Sturm geht. Das Stadion in Liebenau. Es ist nämlich schon wieder etwas passiert.

Nicht nur, dass die vereinigte kommunistisch-rechtspopulistische politische Peinlichkeit der Stadt Graz und des Landes Steiermark keinen gemeinsamen Beschluss zum Umbau vor den Gemeinderatswahlen zustande gebracht hat – jetzt ist beim in die Jahre gekommenen Fußballplatz auch wieder etwas kaputt.

Das Flutlicht mit den alten Lampen, für das man die Ersatzteile schon in Übersee bestellen musste, weil es sie in Europa nicht mehr gibt, genügt jetzt endgültig nicht mehr den Anforderungen. Neue LEDs werden eingebaut und das dauert mit allem was dazugehört leider so lange, dass Sturm und GAK ihre ersten Spiele der neuen Saison allesamt auswärts austragen müssen.

Was für ein Moment für eine Vereinslegende. Was für ein Moment für den letzten Akt. Eine Geschichte für die Ewigkeit.

Jürgen Pucher

Für die Schwoazn noch bitterer: Das nicht ganz unwesentliche Champions-League-Quali-Spiel Ende Juli muss deshalb wieder einmal in Klagenfurt ausgetragen werden. Der ganze Schlamassel mit dem Stadion in Graz hängt Sturm zum wiederholten Mal eine sportliche Hypothek um den Hals, bevor es mit der neuen Saison überhaupt richtig losgehen wird.

Der Hierli-Moment

Ich möchte diesen Eintrag nicht mit dem leidigen Stadion-Thema beenden, deswegen abschließend ein paar Zeilen zu Stefan Hierländer. Nach zehn Jahren bei Sturm, davon viele Jahre als Kapitän, bestritt er gegen Rapid am Sonntag seine letzte Partie in der "Ersten". Und wie.

Schon beim Aufwärmen frenetisch von der Nordkurve besungen, dann großer Jubel bei seiner Einwechslung und im Anschluss beendete der "Capitano" seinen letzten Auftritt mit einem zauberhaften Freistoßtor in der Nachspielzeit. Vor seiner Kurve. Was für ein Moment für eine Vereinslegende. Was für ein Moment für den letzten Akt. Eine Geschichte für die Ewigkeit.

Jürgen Pucher ist Buchautor, Politikwissenschaftler, Fußballjournalist und praktizierender Sturmfan in Wien. Der Steirer war Mitgründer der Fanplattform Sturm12.at. Seit 2015 ist Pucher als Betreiber des Podcast BlackFM aktiv, der sich den "Schwoazn" widmet. Für 90minuten.at schreibt er in regelmäßigen Abständen die Kolumne "12 Meter".

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