Sturm Graz: Der Umbruch muss überall ankommen
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Sturm Graz: Der Umbruch muss überall ankommen

Dass beim regierenden Meister kaum ein Stein auf dem anderen blieb, ist mittlerweile amtlich. Dieser Umstand muss jetzt unters Volk und die Weichen für die Zukunft gehören gestellt. Dazu braucht es vor allem eines: Mut zu Entscheidungen.

Sturm erkämpfte gegen Schlusslicht Blau-Weiß Linz einen 1:0-Heimsieg und steht damit fix in der Meistergruppe. Das ist freilich eine gute Nachricht.

Es nimmt Druck vom neuen Trainer, der damit zumindest in den nächsten beiden Runden etwas entspannter an die Sache herangehen und den Fokus auf die Dinge legen kann, die das Werkl wieder besser ins Laufen bringen sollen.

Die noch bessere Nachricht ist, dass in der abgelaufenen Woche die Zeit offenbar genutzt wurde, um auch intern zu einigen Dingen noch mehr Klarheit zu gewinnen. Man hat erkannt, dass Vieles bei den Schwoazn (Umbruch, Finanzsituation, Kaderqualität) nicht ausreichend und viel zu spät kommuniziert wurde.

Die Information muss unters Volk

Präsident Christian Jauk verwendete das Wort "Umbruch" im Sky-Pauseninterview ganze drei Mal und hat damit erreicht, dass auch so manche Kommentatoren in großen Zeitungen als letzte Gruppe auf den Zug aufgesprungen sind. Plötzlich wurde sogar dort erkannt und vor allem benannt: "Öha, bei Sturm, da ist ja ein Umbruch im Gange."

Sturm soll einen nicht unwesentlichen Teil der Einnahmen aus der Champions League auf die Seite gelegt haben, der nicht angerührt wird. Für schlechte Zeiten sozusagen.

Bis es im ganzen Umfeld sickert, dass beim Meister jetzt kleinere Brötchen gebacken werden, wird es noch dauern. Ein Umstand, den man durch schlechte, beziehungsweise keine Kommunikation selbst verursacht hat. Es gilt jetzt gegenzusteuern und die Fakten unters Volk zu bringen.

Diese sind: Sturm soll einen nicht unwesentlichen Teil der Einnahmen aus der Champions League auf die Seite gelegt haben, der nicht angerührt wird. Für schlechte Zeiten sozusagen. Zugleich wird ein Trainingszentrum errichtet, für das der Verein laut Vorstand rund 20 Millionen Euro in die Hand nimmt. Dazu kommen weitere Infrastrukturmaßnahmen, die insgesamt auch in den siebenstelligen Bereich gehen.

Fangruppen wieder einmal Seismograph für Entwicklungen

"Transferbomben" wie Emanuel Emegha oder Rasmus Hojlund werden aufgrund einer veränderten Marktsituation schwieriger, nichtsdestotrotz will Sturm bei seinen Aktivitäten den Fokus auf Potenzialspieler legen, die später gewinnbringend veräußert werden können.

Die Entwicklung dieser Leute dauert in der Regel, was eine gewisse Geduld und zwischenzeitige Reduktion der Kaderqualität bedeuten kann. All das muss nicht nur in die Köpfe der Experten, sondern auch in die von allen Sturm-Fans.

Die kommunikativen und personellen Fehlentwicklungen haben die Fangruppen schon lange erkannt und intern sowie zuletzt auch per Aussendung scharf kritisiert.

Minimalziele wie Meistergruppe und in Folge aussichtsreiche Europacup-Qualifikation bleiben aufrecht. Das benennt zugleich den Spagat, den Fabio Ingolitsch hinkriegen wird müssen, um über den Sommer hinaus Sturm-Trainer bleiben zu können. Eine Mammutaufgabe in der aktuellen Situation, wie er im Podcast "BlackFM.at" selbst zugibt.

Wie immer ein guter Seismograph für Entwicklungen bei Sturm sind die Gruppen der organisierten Fanszene. Die kommunikativen und personellen Fehlentwicklungen haben sie schon lange erkannt und intern sowie zuletzt auch per Aussendung scharf kritisiert. Im Stadion wählten sie beim Heimspiel gegen Blau-Weiß Linz allerdings den emotionalen Zugang. Die Kicker wurden nach dem Aufwärmen zur Kurve zitiert, bei der Ehre gepackt und mit einer feurigen Motivationsrede in die Kabine geschickt.

Mut und Innovation sind notwendig

Die Spieler könnten am wenigsten dafür, hieß es, und das Einzige, was sich die Kurve erwarte, sei Leidenschaft und den letzten Tropfen Schweiß. Das hat das Team in den folgenden 90 Minuten auch geliefert. Es war kein schönes Fußballspiel, aber Sturm hat den Sieg erkämpft und so die Qualifikation für die besten sechs Mannschaften der Bundesliga fixiert.

Die Annahme, die Strukturen seien stabil genug, um nach dem Abgang von Andreas Schicker und Christian Ilzer wie gehabt weiterarbeiten zu können, war ein Irrtum.

Ein wichtiger Schritt, aber nur eine Zwischenstation für anstehende Weichenstellungen für die Zukunft. Neben den Kommunikationshausaufgaben, die benennen müssen, was man will, warum man es will und was das zu bedeuten hat, gilt es weiters bis zum Sommer zu evaluieren, wie sich der gesamte Verein personell aufstellen wird müssen, um mittelfristig wieder in die Spur zu kommen.

Die Annahme, die Strukturen seien stabil genug, um nach dem Abgang von Andreas Schicker und Christian Ilzer wie gehabt weiterarbeiten zu können, war ein Irrtum. Da müssen die Entscheidungsträger in den nächsten Wochen und Monaten die Köpfe zusammenstecken und überlegen, wie sie das wieder hinbekommen.

Dabei geht es einerseits um das "Wie" der internen Zusammenarbeit und andererseits natürlich auch um die Köpfe, die diese Arbeit ausführen. Ob der Sturm-Vorstand die Kompetenz, den Willen und die Durchsetzungskraft hat, um genauso mutige und innovative Entscheidungen wie 2020 zu treffen, wird sich bis zum Sommer zeigen.

Jürgen Pucher ist Buchautor, Politikwissenschaftler, Fußballjournalist und praktizierender Sturmfan in Wien. Der Steirer war Mitgründer der Fanplattform Sturm12.at. Seit 2015 ist Pucher als Betreiber des Podcast BlackFM aktiv, der sich den "Schwoazn" widmet. Für 90minuten.at schreibt er in regelmäßigen Abständen die Kolumne "12 Meter".

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