"Ansa-Lee" und "Zwara-Lee" nennen sie die Austria-Fans in der Reihenfolge ihrer Ankunft in Wien-Favoriten liebevoll.
Seit dem Sommer spielen Kang Hee Lee (24) und Taeseok Lee (23) im violetten Trikot. Innerhalb des Vereins hat man sich übrigens auf "Lee" und "Tae" geeinigt.
Nach dem unspektakulären Leih-Engagement von Jin-hyun Lee in der Saison 2017/18 sind sie die Südkoreaner Nummer zwei und drei, die für den FAK auflaufen.
90minuten hat die beiden Lees gemeinsam mit ihrem Dolmetscher Seung-Hwan Hwang getroffen und mit ihnen über das Leben in Europa sowie das südkoreanische Nationalteam gesprochen.
Ihre gemeinsame Geschichte
2024 kreuzten sich die Wege der beiden zum ersten Mal, als sie gemeinsam in der U23-Nationalmannschaft aufliefen. Zunächst bejubelten sie im Frühjahr den Sieg in der "WAFF U23 Championship", einem Turnier des westasiatischen Fußballverbands, kurz darauf scheiterten sie schon im Viertelfinale des "AFC U23 Asian Cups" an Indonesien.
Kang Hee vergab in einem 24 Versuche andauernden Elferschießen letztlich den entscheidenden Versuch, nachdem er seinen ersten noch getroffen hatte.
So erfreulich war unser erstes gemeinsames Erlebnis gar nicht.
"So erfreulich war unser erstes gemeinsames Erlebnis also gar nicht", sagt er.
Taeseok ergänzt: "Jedenfalls hatten wir seit damals losen Kontakt. Ich habe mich sehr gefreut, als ich gelesen habe, dass er aus der 2. koreanischen Liga, wo ihn mein Vater trainiert hat, nach Österreich wechselt. Wenige Wochen später kam praktisch aus dem Nichts mein Wechsel zum selben Klub."
Die Wechsel nach Wien
Anfang Juli wechselte Kang Hee für etwas mehr als 400.000 Euro vom Gyeongnam FC nach Wien.
Einen Monat später folgte die Verpflichtung Taeseoks, für den die Veilchen 800.000 Euro an die Pohang Steelers überwiesen. Beide unterschrieben Verträge bis Sommer 2029.
Ich habe mich erst nach dem Wechsel so richtig erkundigen können.
Kang Hee erinnert sich: "Es war fast unvorstellbar, als ich zum ersten Mal vom möglichen Transfer nach Österreich gehört habe. Es ist dann auch alles extrem schnell gegangen. Um ehrlich zu sein, habe ich mich erst nach dem Wechsel so richtig über den Klub und das Land erkundigen können."
Auch sein Landsmann erklärt, vor dem Wechsel nicht wirklich Zeit gehabt zu haben, um Informationen zu seinem neuen Arbeitgeber und seiner neuen Heimat einzuholen.
Das Leben in Wien
In Wien teilen sich die beiden eine Wohnung. Und gewissermaßen auch ein Leben. "Abgesehen vom Schlafen, sind wir immer zusammen", lacht Taeseok, der im Gegensatz zu seinem Landsmann auch Englisch spricht.
Kang Hee führt aus: "Wir fahren in der Früh gemeinsam ins Stadion, fahren nach dem Training gemeinsam nach Hause. Und wir kochen am Abend oft gemeinsam."
Die Geschäfte schließen sehr früh, das ist gewöhnungsbedürftig.
Zwei koreanische Restaurant-Tipps haben sie auch: Das "Sura" in der Singerstraße und das "Bibim" am Rennweg. "Ich bin oft in der Stadt, in Cafés", sagt Taeseok. Sein Teamkollege erweitert die liebsten Freizeitbeschäftigungen um "Shoppen".
Dass das Leben im Herzen Europas grundsätzlich anders ist als jenes in Ostasien, liegt auf der Hand.
"Es gibt sehr viele Unterschiede, vor allem zu Beginn haben wir das stark gespürt. Was uns immer noch sehr stark auffällt: die Geschäfte schließen alle sehr früh, haben an Sonntagen gar nicht offen. Das ist gewöhnungsbedürftig", sagt Taeseok.
Der Fußball in Österreich
Auch der Fußball und die dazugehörige Kultur sind anders. "Die Menschen haben eine ganz andere Sichtweise auf den Fußball. In Korea gibt es ist den Stadien viel mehr weibliche Fans. Hier sind viel mehr Ultras", sagt Taeseok.
Kang Hee fällt auf: "Die Menschen hier lieben und leben Fußball."
Seit Kang Hees erstem Testspiel vor Fans gegen Hertha BSC sind "Lee, Lee, Lee!"-Rufe in der Generali-Arena zu hören.
Während Kang Hee zunächst aufgrund von Personalproblemen als Innenverteidiger auflief, inzwischen aber auf eine der beiden Positionen auf der Doppel-Sechs gerückt ist, ist Taeseok unumstrittener Stammspieler als linker Schienenspieler.
Es gibt ein anderes Mindset, was das Gewinnen angeht.
"Das Spiel hier ist physischer, die Geschwindigkeit höher", findet der Linksfuß, der immer mit einer Bandage an der linken Hand spielt ("Reine Vorsichtsmaßnahme, ich habe mir mal das Handgelenk gebrochen.").
Kang Hee meint: "Das Timing und das Pressing sind anders. Wir haben beide viel in der Defensivarbeit gelernt. Die Integration ist uns leicht gefallen, alle haben uns mit offenen Armen empfangen. Ich habe hier sehr viel mehr Spaß am Fußball."
Und dann ist da noch ein Unterschied. "Es gibt ein anderes Mindset, was das Gewinnen angeht. Es ist zu spüren, dass es jedes Mal ums Gewinnen geht. Hier will keiner verlieren."
Das Länderspiel Österreich-Südkorea
Verlieren will freilich auch keiner am 31. März, wenn das ÖFB-Team im Wiener Ernst-Happel-Stadion zum WM-Vorbereitungsspiel die südkoreanische Nationalmannschaft empfängt.
"Es ist ein wichtiges Spiel für uns, es ist die Vorbereitung auf die WM. Ich erhoffe und erwarte mir ein gutes Ergebnis", sagt Taeseok.
Der Austrianer, der schon 13 Länderspiele in den Beinen hat, steht im Kader – wie zuletzt immer.
Viele Spieler sind bei Klubs aus Europa unter Vertrag, diese Diversität ist etwas sehr Positives.
Seine Teamkollegen sind unter anderem Hochkaräter wie Heung-min Son (Los Angeles FC), Kang-in Lee (PSG), Hee-chan Hwang (Wolverhampton) und Min-jae Kim (Bayern).
Doch geht es nach Taeseok, stehen gar nicht einzelne Stars im Fokus: "Wir haben einen sehr starken Teamspirit. Viele Spieler sind bei Klubs aus Europa unter Vertrag, diese Diversität ist etwas sehr Positives. Es kommen gewissermaßen verschiedene kulturelle Einflüsse zusammen."
Mitbewohner Kang Hee verspricht: "Ich werde mir noch Karten für das Spiel besorgen, und natürlich Korea anfeuern."
Taeseok bei der WM
Taeseok hat sein WM-Ticket gewissermaßen sicher, Teamchef Myung-bo Hong setzte ihn 2025 in neun von 13 Spielen in der Startelf ein, in drei weiteren Partien kam der Austrianer von der Bank.
2002, als Südkorea bei der Heim-WM sensationell Vierter wurde, war sein Vater Eul-yong Lee in vier Spielen von Beginn an dabei, bejubelte ein Tor und zwei Assists. Insgesamt absolvierte der linke Mittelfeldspieler 51 Länderspiele.
Was es ihm bedeute, bei der WM 2026 in die Fußstapfen seines Vaters zu treten? "Darüber mache ich mir nicht zu viele Gedanken. Ich sehe diese WM als Chance für mich, um mich zu zeigen. Das ist etwas, das man nicht jeden Tag erlebt", sagt der Sohnemann.
In Mexiko gegen Mexiko - die Stimmung wird sicher unglaublich!
Südkorea absolviert alle drei WM-Gruppenspiele 2026 in Mexiko. Zunächst geht es gegen einen europäischen Playoff-Sieger (Dänemark, Nordmazedonien, Tschechien oder Irland), danach gegen Mexiko und abschließend gegen Südafrika.
Vor allem das Duell mit dem Gastgeber wird ein Highlight. "Das ist ein großes Spiel, es wird sicher eine unglaublich gute Stimmung sein! Wir hatten im September 2025 in Nashville ein Testspiel gegen sie, ein 2:2. Wir wissen, auf welchem Level sie spielen, kennen sie. Es wird sicher ein cooles Spiel", sagt Taeseok.
Das erste Ziel sei das Achtelfinale, erklärt er. Kang Hee ergänzt: "Diese WM ist eine sehr große Chance für uns, es sind sehr viele gute Spieler in diesem Team."
Harald Prantl