So denkt Argentinien über das ÖFB-Team

So denkt Argentinien über das ÖFB-Team

Österreich trifft auf den amtierenden Weltmeister. Doch wie schätzt man die ÖFB-Elf in Argentinien ein? Wir haben nachgefragt.

Während sich Österreich beim WM-Auftaktsieg gegen Jordanien als Favorit mehr mühen musste als erwartet, hatte Argentinien mit Algerien leichteres Spiel.

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Nach dem ersten Spieltag ist jedenfalls eines klar: Die Wahrscheinlichkeit, dass Österreich die Gruppenphase übersteht, beträgt knapp 95 Prozent.

Doch noch ist es längst nicht so weit. Zunächst geht es gegen Argentinien und ein Duell mit Superstar Lionel Messi (Montag, 19 Uhr im LIVE-Ticker). Das wird unter allen Umständen ein komplett anderes Spiel.

Das fängt schon beim Personal an: Wer sich den Kader von Jordanien angesehen hat, muss lange nach bekannten Namen suchen.

Algerien ist trotz des verpatzten Auftakts alles andere als ein Jausengegner, angesichts von Kapazundern wie Rayan Aït-Nouri (Manchester City), Ramy Bensebaini (Borussia Dortmund) und Co. Bei Argentinien ist das alles leichter.

Die Weltstars aus Argentinien

Denn die meisten Menschen kennen die Stars der Albiceleste. Angeführt von Supermegastar Lionel Messi, gespickt mit großen Namen wie Lautaro Martínez (Inter Mailand) oder Alexis Mac Allister (Liverpool), wird schnell klar: Hier sind Alaba und Co. (krasse) Außenseiter.

Messi hat gezeigt, warum er noch immer zu den besten Spielern der Welt gehört. Österreich hat ebenfalls überzeugt und bewiesen, dass die Mannschaft nicht nur Qualität, sondern auch den nötigen Kampfgeist besitzt.

Carlos Chaile

Um zu verstehen, wie Argentinien dieses Spiel sieht, hilft ein Blick von innen – und gleichzeitig von außen. Carlos Chaile hat genau diese doppelte Perspektive. Der Spieler aus San Miguel de Tucumán im Nordwesten Argentiniens schnürte seine Fußballschuhe von 2003 an in der Bundesliga bei Pasching und Austria Kärnten und blieb dann in Österreich.

Nach Stationen als Trainer in der Kärntner Akademie bzw. dem WAC war Chaile von 2015 bis 2024 lange in der AKA St. Pölten, ehe er 2024 als Individualtrainer bei Meister LASK anheuerte. Mit dem Weltfußball kennt er sich aus. Nicht nur als langjähriger Kicker, sondern auch, weil er 1991 bei der U17-WM in Italien antrat und dort Dritter wurde.

Nach den ersten Auftritten von Argentinien und Österreich sagt er im 90minuten-Interview: "Besonders Messi hat gezeigt, warum er noch immer zu den besten Spielern der Welt gehört. Österreich hat ebenfalls überzeugt und mit dem 3:1-Sieg bewiesen, dass die Mannschaft nicht nur Qualität, sondern auch den nötigen Kampfgeist besitzt."

Letztlich sind die Rollen hier klar verteilt: Der Weltmeister ist Favorit, Österreich Außenseiter.

Österreich hat Chancen

Trotz dieser Schieflage beginnt jedes Spiel bei 0:0 und Österreich hat schon bewiesen, dass man große Nationen schlagen kann. Das ist die Meinung des 51 Jahre alten ehemaligen Innenverteidigers.

Österreich wird mittlerweile auch in Argentinien respektiert
Foto © IMAGO / Action Plus
Österreich wird mittlerweile auch in Argentinien respektiert

Chaile ordnet die Entwicklung der ÖFB-Elf ein: "Vor zehn, 15 Jahren hätte jeder gedacht, dass Österreich ein Gegner ist, den man leicht schlägt. Das hat sich mittlerweile geändert. In Argentinien hat man Respekt, das Nationalteam ist nicht zu unterschätzen."

Respekt von der Albiceleste

Österreich habe nicht nur wie viele andere Nationen gute Legionäre bei namhaften Klubs, "speziell die jetzige Generation ist zu einem echten Team geworden, das auf internationalem Niveau reüssiert".

Das ist nicht nur eine höfliche Floskel. Rangnicks Österreich steht für kompromissloses Pressing, hohes Tempo und kollektive Arbeit. Argentinien dagegen für technische Klasse, Spielkontrolle und individuelle Brillanz. Es treffen also zwei gegensätzliche Ansätze aufeinander.

Sein Heimatland müsse aber seine Stärken auspacken, den Ball in den eigenen Reihen halten und Umschaltmomente vermeiden.

Mit Härte kennt man sich in Argentinien aus, wie Carlos Chaile hier im Dress von Austria Klagenfurt beweist - Körperlichkeit sollte Österreich auch an den Tag legen
Foto © GEPA
Mit Härte kennt man sich in Argentinien aus, wie Carlos Chaile hier im Dress von Austria Klagenfurt beweist - Körperlichkeit sollte Österreich auch an den Tag legen

Österreichs Pressing ist durchaus respekteinflößend, aber die Albiceleste werde deshalb trotzdem nicht den Bus parken: "Ich denke, wir werden versuchen, das Pressing spielerisch zu umgehen."

"Wenn ich Teamchef wäre..."

Einen Tipp, wie mit den Weltmeister-Kickern umzugehen wäre, hat er jedenfalls. Chaile hat diese Einschätzung nicht nur aus der Distanz. Er hat in Österreich gespielt, gearbeitet, trainiert – und sieht die Partie deshalb mit einem ungewöhnlich klaren Doppelfokus.

Darum ist Chaile mittlerweile einer von neun Millionen Teamchefs. Das war übrigens dem Zufall geschuldet. Eigentlich wollte er nach dem Ende der Karriere zurück nach Argentinien.

Allerdings hatte sich seine Ex-Frau 2007 von ihm getrennt. Der Innenverteidiger lernte im Deutschkurs in Linz eine Ungarin kennen, der Verein übersiedelte bekanntlich von Pasching nach Kärnten: "Sie wollte wie ich zurück in ihre Heimat, da kam das Angebot von Austria Kärnten. Wir dachten: Wenn es dort mit uns funktioniert, soll es so sein."

Wenn ich Trainer wäre und weiß, wie gut die argentinischen Spieler sind, würde ich diese Maschine unterbrechen und nicht in den Flow kommen lassen.

19 Jahre und drei gemeinsame Kinder später meint er also aus Sicht seines Gastlandes: "Wenn ich Trainer wäre und weiß, wie gut die argentinischen Spieler sind, würde ich diese Maschine unterbrechen und nicht in den Flow kommen lassen. Wenn sie den Ball haben, kann Österreich seine Stärken nicht ausspielen."

Es brauche demzufolge eine gute Portion Härte und Ideen im eigenen Ballbesitz sowie "eine gute Mischung daraus. Du kannst nicht zehn Leute laufen und kämpfen lassen". Das wird hoffentlich auch Ralf Rangnick wissen.

Zweiter Platz zählt nichts

Abseits taktischer Überlegungen entspricht der südamerikanische Fußball auch im Gespräch mit einem Argentinier gängigen Klischees: Die Spieler sind technisch mehr als nur beschlagen, dazu gibt es viel Körperkontakt, mehr als in Europa erlaubt ist.

Das Credo laut Chaile: "Keiner sagt, dass man den Gegner nicht schlagen kann – selbst wenn jeder weiß, dass er besser ist, wollen wir es ihm so schwer wie möglich machen."

In Argentinien wird Fußball "geatmet"
Foto © IMAGO / Matrix Images
In Argentinien wird Fußball "geatmet"

In Argentinien "atmen wir Fußball. Fußball ist das Leben, die Familie, eine Religion. Wenn wir an einem Turnier teilnehmen, wollen wir es gewinnen", sagt Chaile.

Zwar dauerte es vom zweiten Weltmeister-Titel 1986 bis zum dritten 2022 lange, aber dazwischen war Argentinien zwei Mal Zweiter und überstand stets die Vorrunde – außer 2002. In einer Gruppe mit England, Schweden und Nigeria reichte es nicht für einen Aufstieg:

"Wir hatten ein super Team, einen tollen Trainer. Das war eine Katastrophe. Die Spieler haben sich monatelang nicht auf die Straße getraut." Diese Mentalität sitzt. Auch er vermied zu Beginn seiner Karriere öffentliche Auftritte, wenn er verloren hatte.

Letztes Duell liegt 36 Jahre zurück

Die Bilanz spricht jedenfalls für Argentinien - doch das Sample ist sehr klein. 1980 setzte es in einem Test ein 1:5 im Praterstadion, Kurt Jara traf in der 20. Minute zum zwischenzeitlichen 1:3 - nachdem Maradona schon mit dem 0:3 seinen ersten von drei Treffern an dem Abend erzielt hatte.

Im Vorfeld der WM 1990 gab es in einem Freundschaftsspiel ebenfalls im Prater ein 1:1. Manfred Zsak brachte Österreich in Front, Burruchaga traf nach einer halben Stunde, nach Vorarbeit von Maradona. Dieses Spiel (sowie das 3:2 gegen die Niederlande) entfachte eine Euphorie, der das Nationalteam Österreichs nicht gerecht werden konnte.

Das wird dieses Mal wohl nicht passieren, zumindest nicht, wenn es nach Chaile geht. Er tippt auf 2:1 - für sein Geburtsland.


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