Traps großer Rückblick
"Ich habe noch nicht fertig": Giovanni Trapattoni polarisierte stets. Nun blickt er in Form eines Buches auf sein bisheriges Leben zurück. Gelesen von Jürgen Zacharias
„Was erlauben Strunz?“ Giovanni Trapattoni wirbelte 1998 als Trainer des FC Bayern ordentlich Staub auf. In einem Rundumschlag kritisierte der Coach damals seine Spieler. Warf ihnen vor wie eine „Flasche leer“ zu spielen. Redete sich ohne Punkt und Komma in Rage. Ließ raus, was raus musste, aber vielleicht nicht raus sollte. Knapp zwei Jahrzehnte später blickt der Startrainer in seiner gemeinsam mit seinem langjährigen Freund Bruno Longhi geschriebenen Autobiografie „Ich habe noch nicht fertig“ (Delius Klasing Verlag, 2016) zurück auf diese Episode und kann sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. Die Wutrede hätte auch deshalb so hohe Wellen geschlagen, so „Trap“, weil „strunz/stronzo“ im neapolitanischen Dialekt so viel bedeute wie „Arschloch“. Im übrigen habe er damals nicht alles so gemeint, wie es ihm von Medien und Öffentlichkeit ausgelegt wurde. In der Nachbetrachtung sei er aber auch ein klein wenig Stolz, habe es sein letzter Satz „Ich habe fertig“ – trotz grammatikalischen Fehlers – schließlich sogar in einen Buchband mit historischen Zitaten geschafft. „Dort steht der Satz nun neben Zitaten wie ‚I have a dream‘ von Martin Luther King“, so Trapattoni. „Nicht schlecht.“
Erfolge, Erfolge, Erfolge
Nicht schlecht ist auch seine Trainerkarriere: Mit Juventus Turin und Inter Mailand holt der Lombarde insgesamt sieben Mal die italienische Meisterschaft. Dazu zwei Mal den Cup, drei Mal den UEFA-Cup, je ein Mal den Cup der Landesmeister, den Cup der Cupsieger und den Weltpokal. Mit Bayern München die deutsche Meisterschaft, Cup und Ligacup, mit Benfica die portugiesische und mit Salzburg die österreichische Meisterschaft. Zudem stehen noch ein italienischer Supercup und ein europäischer Supercup in seiner Vita und mit der irischen Nationalmannschaft 2011 als bislang letzter Titel der von den Nationalmannschaften Irlands, Schottlands, Wales und Nordirlands ausgetragene Nations Cup.
In seiner Biografie blickt der Startrainer auf seine Stationen und Erfolge zurück und widmet dabei vor allem der Anfangszeit viel Platz. „Trap“ erzählt über seine Spielerkarriere beim AC Milan (274 Spiele/3 Tore), deren Ende beim Varese FC (10/0) und seine Zeit in der Nationalmannschaft (17/1). Über die Zeit als Jugendtrainer und als Chefcoach der „Rossoneri“ und seinen anschließenden Wechsel zu Juventus Turin, wo er in seiner Debütsaison direkt den „Scudetto“ und den UEFA-Pokal gewinnen konnte. Und über seine Bedenken, zu Milans Stadtrivale Inter zu wechseln. Dabei zeigt er sich dann und wann ein wenig zu selbstverliebt, wenn er etwa davon schwadroniert Mateschitz in Salzburg „mit meiner einfachen, pragmatischen Art überzeugt“ zu haben. Bisweilen lässt er auch alte Wunden erkennen: „Mich mochten die Intellektuellen nie, das war mein Schicksal. Sie mögen mich nicht, und ich mag sie nicht; wir gehören einfach in zwei verschiedene Kategorien.“
Interessante Einblicke
Unter dem Strich eröffnet „Ich habe noch nicht fertig“ aber interessante Einblicke in das Leben und den Alltag eines der erfolgreichsten Fußballtrainer aller Zeiten. Und quasi nebenbei plaudert „Trap“ auch ein wenig aus dem Nähkästchen: Dass ihn im Jahr 2000 beispielsweise der DFB als Nachfolger von Erich Ribbeck engagieren wollte, was so übrigens nicht ganz stimmen dürfte, wie er mittlerweile auch selbst einräumte. Dass er hinter dem irischen Ausscheiden in der Qualifikation zur Weltmeisterschaft 2010 die intensive Beziehungen von Adidas zur FIFA und zu Gegner Frankreich vermutet, während Irland nur von Umbro ausgerüstet worden sei und dass Lothar Matthäus während der gemeinsamen Zeit bei Inter Mailand oft besonders emotional auf Kritik reagiert habe. Dabei erzählt Trapattoni von einer Halbzeitpause, in der er den Deutschen für sein Verhalten auf dem Platz zurechtgewiesen habe. „Erst stotterte er irgendetwas, dann begann er zu weinen, zog sich das Trikot aus und sagte: ‚Ich spiele nicht mehr.‘ Wie ein Kind!“. Er habe daher die restliche Mannschaft aus der Kabine geschickt und Matthäus getröstet: „Ich versuchte es im Guten, gab ihm einen zärtlichen Klaps und versuchte, ihn zu trösten: ‚Es tut mir leid. Du weißt doch, dass du der Beste der Welt bist, verdammt! Ohne dich gewinnen wir gar nichts.‘“ Anschließend habe Mattähus zugestimmt, zur zweiten Halbzeit doch wieder auf den Platz zurückzukehren.
Ob auch Giovanni Trapattoni noch einmal auf die Trainerbank zurückkehren wird? Bei der Buchpräsentation vor einigen Monaten in München zeigte sich der bald 78-Jährige jedenfalls noch hungrig. Seine Frau Paola sage ihm zwar, dass er schon zu alt dafür sei, „aber ich fühle mich nicht alt“, so der Startrainer. „Ich habe noch den Geist, die Erfahrung, Anreize und große Ziele“, sagt er. Er habe also noch nicht fertig? „Nein, noch nicht!“