Sturms Fokus auf den großen Wurf und einige Fragezeichen
Wer in den ersten zwölf Spielen der Saison lediglich einmal verliert, befindet sich in Österreich mit ziemlicher Sicherheit im Kampf um den Europacup, unter Umständen sogar im Titelkampf. Bleibt es bei Letzterem für den SK Sturm Graz? Eine Analyse von Geo
Den SK Sturm Graz hatte wohl niemand so recht auf dem Zettel für den Titel in der Saison 2016/17. 16 Spieler verließen den Verein, acht externe Kicker kamen, drei wurden aus der zweiten Mannschaft hochgezogen, einer kam von einer Leihe zurück. Bei vielen anderen Sportdirektoren wären wohl die Augenbrauen hochgegangen, heißt dieser Günter Kreissl ist die Wahrscheinlichkeit jedoch hoch, dass viele Transfers aufgehen. Uros Matic, Deni Alar und Fabian Koch schlugen voll ein. Philipp Huspek, Stefan Hierländer und Christian Schulz sind gute Verstärkungen. Keeper Daniel Lück und Stürmer Philipp Zulechner konnten sich noch nicht beweisen.
Es ist auch nicht so schwierig. Immerhin weiß man, was man an Trainer Franco Foda hat und was zu erwarten ist. Freilich war Sturm der Konkurrenz schon weit enteilt, aber es gibt eben weder die taktische Variabilität, noch das personelle Breite im Kader, um nicht auch in eine Minikrise zu schlittern, wie dies seit Ende Oktober der Fall ist. Sturm nutzte das Momentum und bestach mit Konsequenz vor dem Tor und Schnelligkeit. Die Sache kam erst Richtung Winter hin ins Stocken.
Aber Kreissl beweist auch jetzt im Winter, warum er geholt wurde. Uros Matic und Bright Edomwonyi wurden um siebenstellige Beträge veräußert, die Vertragsverlängerung mit Franco Foda steht noch aus, da der freilich nach der tollen Hinrunde auch die Chance wittert, es noch einmal in seinem Geburtsland Deutschland zu versuchen – und er nicht unbedingt der Typ ist, der jährlich junge Talente heraus bringt.
Fanplus, Minus bei den Jungen
Mehr als ein Viertel mehr Fans im Vergleich zur Vorsaison strömten zu den Heimspielen der Blackies. Die Tabellenspitze ist anziehend. Mit einem Schnitt, der sich in Richtung 11.000 Fans bewegt, ist Sturm neben Rapid ganz deutlich das Zugpferd der Zuschauerstatistik. Das Fundament beim endlich wieder finanziell gesunden Klub ist aber durchaus als tönern zu bezeichnen. Sturm spielt da Dorfklub auf höherem Niveau. Im erweiterten Kreis der ersten Elf befinden sich mit Marc Andre Schmerböck und Sandi Lovric nur zwei Eigengewächse.
Unter den Topklubs hat Sturm die wenigsten Jungen
Der Altersschnitt der 18 in der Liga meist eingesetzten Spieler beträgt gerundet 26 Jahre. Nur fünf Spieler unter 23 Jahren konnten Einsatzzeit verbuchen. Sturm ist der Ausreißer unter den Topklubs. Während die anderen Vereine der oberen Tabellenhälfte auf mehrere junge Spieler setzen, spielen im Schnitt bei den Grazern nicht einmal zwei U23-Stammspieler
Sturm investiert durchaus ins Rundherum. Franco Foda setzt aber nur dann auf junge Spieler, wenn es nicht anders geht. Während andere Topklubs mit Spielern wie Valentino Lazaro, Konrad Laimer, Louis Schaub oder Tarkan Serbest Stammspieler haben und Jungkicker wie Xaver Schlager, Tamas Szanto oder Dominik Prokop heftig einen Stammplatz reklamieren, wirkt das unter Foda eher notgedrungen. Das Label als Ausbildungsklub hin oder her: Wer nachhaltig oben mitspielen will, muss auf junge Spieler setzen und nicht Jahr für Jahr zukaufen.
Foda tut, was Foda kann
Sturm Graz verließ sich in diesem Herbst eigentlich durchgehend auf ein sehr orthodox ausgerichtetes 4-4-2. Abgesehen von einem Spiel gegen Altach, in dem man ein 5-3-2 versuchte, dies jedoch etwas halbgar und eigenartig. Dieses Spiel konnte man erst in der letzten Minute ausgleichen. Alar und Edomwonyi bilden im 4-4-2 meist die Doppelspitze, mit Jeggo, Matic und Jeggo auf den Sechser-Positionen. Dahinter komplettieren Spendlhofer und Schulz die zentrale Achse.
In der Offensive agiert man oft mit breiten Flügeln, die nur situativ in die Halbräume einrücken. Der Fokus auf die Flügel ist bei den Grazern prävalent und auch einer der Gründe, für die gute Saison von Deni Alar. Durch viele Hereingaben kommt er zu mehr Schüssen aus besseren Positionen als noch bei Rapid, wo er oft als Zehner agierte und mehr spielerische Aufgaben zu erledigen hatte, als dies bei Sturm der Fall ist. Im Aufbau agierte man recht pragmatisch, suchte zwar den oft tiefer agierenden Jeggo, wurde die Mitte aber zu gestellt, dann spielte man recht bald auf die Außenverteidiger und versuchte von dort den Angriff mit Tempo aufzubauen. Durch schwache Halb- und Zehnerraum-Besetzung gab es für die Grazer meist nur zwei Spielrichtungen: Gerade nach vorne oder zurück. Oft gleicht die Ballzirkulation einem „U“, der Ball wird also von einem Außenverteidiger über die Innenverteidiger zum anderen gespielt, ohne jegliche Durchdringung der gegnerischen Linien.
Auch in der Defensive verließ sich Sturm Graz auf eine 4-4-2-Formation. Hierbei agierte man meist mit Mittelfeldpressing und versuchte durch Mannorientierungen Zugriff zu generieren. Gegen vermeintlich schwächere Gegner, wie etwa den SKN St. Pölten, attackierte man situativ höher. Auch hier agierte man mit Mannorientierungen, oft auch im 4-4-1-1 um auf zentrale Spieler engeren Zugriff zu haben. Im Mittelfeld wurde der Gegner meist sehr eng verfolgt, was für einige Schnittstellen in der Formation der Blackies sorgte. Diese wurden von den meisten Gegnern jedoch nicht gut genug bespielt. Probleme hatte man vor allem, wenn man, wie Altach, die Halbräume stark fokussierte. Defensiv war man dennoch verhältnismäßig recht stabil und schaffte es durch eine konsequente Endverteidigung Chancen zu vereiteln. Organisiertes Gegenpressing suchte man vergebens, meist gab es nur individuelles Nachsetzen nach Ballverlust zu sehen.
Die erste Mannschaft ist toll, aber...
Günter Kreissl hat wohl - zumindest was die Öffentlichkeit betrifft - einen ruhigen Job. Während in Niederösterreich aus sportlicher Sicht jeder Transfer sitzen musste, gibt es in Graz eine kontrollierbare Haus- und Hofpresse - in Form von Krone und Kleiner Zeitung - und damit Potential für nicht so durchschlagende Transfers. Mäßig erfolgreiche Transfers wie Daniel Lück oder Philipp Zulechner hätte es dabei wohl eher nicht gebraucht und hätte sich Kreissl in Neustadt auch kaum leisten können. Es spricht aber für Kreissls Auge, dass ein Uros Matic bereits weg ist und ein nettes Körberlgeld brachte, genau so wie Edomwonyi; und dass Charalampos Lykogiannis und Deni Alar bei möglichen Transfers auch Geld bringen werden. Zudem spielen viele der Neuzugänge eine echte Rolle.
Das wiederum spricht ein bisschen gegen Franco Foda. Über Fodas eher reaktive Taktik kann man geteilter Meinung sein; dass die Zeiten von gewinnbringenden Transfers der Marken Leitgeb, Prödl, Jantscher und Beichler vorbei sind, liegt wohl auch am Coach, der dem Erfolg der ersten Elf mehr Priorität gibt, als dem Einbau junger Talente. Spieler wie Florian Kainz erbringen von anderen Klubs aus das Zehnfache. Es ist ja logisch: Wenn man schon alles auf die erste Elf ausrichtet, muss man aus Transfers das Maximum herausholen. Das geht kaum einfacher, als vorhandene Talente einzubauen. Und die gibt es in Graz. Das wirft eher dunkle Schatten auf die jüngsten Erfolge und auch auf die Spielzeiten zuvor.
Kritik im Erfolg
Wer in diesem Beitrag zu viel Kritik und zu wenig Lob liest, könnte verwundert sein. Dass ein Verein wie Sturm Graz, immerhin Österreichs Nummer vier, im Kampf um die Europacupstartplätze mitmischt, ist aber nicht weiter verwunderlich. Darum muss die Frage nach der Substanz gestellt werden. Denn eine gute Halbsaison bekommen auch kleinere Klubs hin. Erst der Winter und das Frühjahr werden weisen, ob dieses Jahr für Sturm außergewöhnlich ist.
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