Die Mission Champions League beginnt bereits jetzt

Sie sind zwar wieder mittendrin im Titelkampf, Red Bull Salzburg wacht aber ein ums andere Mal zu spät auf, um den nächsten Schritt zu nehmen. Eine Analyse von Georg Sander, David Goigitzer und Michael Fiala

 

Red Bull Salzburg stagniert. Zieht man das fehlgeschlagene Experiment mit Peter Zeidler im letzten Herbst ab, will der nächste Schritt einfach nicht gelingen, zumindest was die internationale Performance betrifft. Denn dass nur große Zufälle einen Meister Red Bull Salzburg verhindern können, ist beinahe statistisch belegbar. Daran können auch die alle sechs Monate aufkommenden Abgänge etwas ändern. Keita weg? Laimer macht den nächsten Schritt. Hinteregger weg? Upamecano übernimmt. Upamecano weg? Sörensen, Igor sind eh da. Für die Liga wird das schon reichen. Einfach weiter punkten wie bisher und vier Punkte aus den zwei Spielen gegen Altach und der Teller geht das vierte Mal in Folge an die Salzburg. Und wenn nicht? Nach drei Titeln in Folge wird wohl auch „Big Spender“ Dietrich Mateschitz einen zweiten oder dritten Platz verschmerzen können.

 

Aber was nützt es, nun am Weg zum vierten Double in Folge zu sein, wenn man international nicht vom Fleck kommt? Die großen Ziele Champions League und dann in weiterer Folge Aufstieg in der Europa League-Gruppenphase hat man verpasst. Kann jetzt freilich mit Pech argumentiert werden: So knapp war es gegen Zagreb und in weiterer Folge gegen Krasnodar! Die Verletzten! Miranda zu Beginn der Saison, dann Schwegler, Wanderson und Soriano! Dann erst die Slapsticktore in der Europa League! Aber Glück und/oder Pech zählen nichts. Die Integration derer, die diese Ausfälle kompensieren können, stockte. Wohl auch deshalb, weil Oscar Garcia sich just im Spätsommer über Dinge aufregen musste, die er bei Vertragsschluss doch wissen hätte können. Was bleibt, ist wieder nur die Liga, wo man Muskeln spielen lässt. Oberlin wurde einmal aus Altach geholt, Atanga an Mattersburg verliehen – das klappte schon mit Ilsanker.

 


Die Zuschauer strafen Salzburg ab

Knapp 22 Prozent weniger Fans im Stadion im Vergleich zum Vorjahr beim Liga-Betrieb in Wals-Siezenheim. Nur noch 6.699 Fans kommen im Schnitt zu den Spielen der roten Bullen. Von einem Schnitt über 10.000, den es schon einmal gab und der immer möglich sein muss in Salzburg, ist man weiter entfernt denn je. Dabei gäbe es in der Red Bull Arena einiges zu bestaunen. Gemessen an späteren Erfolgen von Spielern wie Naby Keita, Marcel Sabitzer, Kevin Kampl oder Sadio Mané, die sich in den besten Ligen der Welt durchsetzen konnten, kann man sich in Salzburg wohl einen Teil der Zukunft des Weltfußballs ansehen.

 



 

RBS folgt der eigenen Philosophie

Unter den zehn meist eingesetzten Spielern befinden sich mit Valentino Lazaro und Konrad Laimer zwei große Versprechen für Fußballösterreich. Auch sonst nimmt man das Thema Nachwuchs ernst. Von den insgesamt 19.077 Ligaeinsatzminuten des Kaders (ohne Hinteregger und Bernardo) fallen 8.383 Minuten auf Spieler, die 22 Jahre oder jünger sind. Die Hälfte der Feldspieler sind also Jungkicker.

 

 

Was das für die Nachhaltigkeit heißt, wird sich erst weisen, wenn sich (voraussichtlich schon dieses Jahr) Leipzig und Salzburg für die internationalen Bewerbe qualifizieren. Da ist dann die Frage, welche rechtlichen Bestimmungen die UEFA geltend macht. Laut Red Bull ist man sich sicher, dass es klappt; dass beide Vereine international antreten können. Ein bisschen viele „Wenns“ gibt es aber schon. Wobei die nationale Konkurrenz wohl nichts dagegen hätte, wenn es dann tatsächlich zu einem Liefering A in der Bundesliga käme.

 

 

 


Slapstick hinten und vorne

Im Sommer experimentierte Oscar Garcia mit einem Flügelspielfokus im 4-3-3/4-2-3-1-Grundsystem. Die Idee war, sich von der personellen Abhängigkeit von Naby Keita und Jonatan Soriano zu befreien. Keita verabschiedete sich ohnehin, der Versuch ein anderes, in der Offensive breiteres System zu etablieren, scheiterte aber. Immerhin ist der Fokus im RB-Nachwuchs und auch bei den Verpflichtungen auf Spieler gelegt, die sich durchs Zentrum durchspielen. Einzig Wanderson könnte so einen Flügel geben, durch Asymmetrien und den stetigen Zug zur Mitte von Breitegeber Andreas Ulmer auf der anderen Seite war dieses System aber zum Scheitern verurteilt. Wenn dann noch eine mangelnde Chancenauswertung dazu kommt, wird es schwierig. Die Defensive wiederum steht beinahe bombensicher – einer der Hauptverdienste von Garcia. Wer maßgebliche Gegentore Revue passieren lässt, merkt das. Das war vor allem in den Europacupspielen eine Häufung individueller Fehler. Immerhin ein gutes Zeichen, dass der Defensivverbund klappt. Trotz namhafter Gegner musste man nur zwei Mal mehr als zwei Gegentore hinnehmen, nur drei weitere Male je zwei. Da gibt es nichts zu meckern. Es liegt auch daran, da Garcia im Gegensatz zu Schmidt/Hütter/Zeidler auf einen etwas tieferen Ansatz setzt, nach Führungen oftmals die Staffelung ein wenig ändert und das giftige Offensivpressing durch weniger Personal durchführen lässt.

 

 

 

Waren es in der Defensive schon Slapstickeinlagen, so gilt das auch für vorne. Die Effizienz der Offensivkräfte ließ auf sich warten, vor allem bis zu jenem Zeitpunkt, als aus dem 4-3-3 ein 4-2-3-1 und letztlich das gewohnte 4-2-2-2 wurde. Erst seit Oscar Garcia Ende Oktober, als die europäische Musik schon quasi vorbei war, auf dieses altbewährte System umstellte, klappte es. Aber hier wurden ein paar Dinge augenscheinlich: Die mögliche Qualität der Soriano-Ersatzleute ist doch nicht so hoch. Was Dabbur/Gulbrandsen/Hwang vernebelten, ist schwer zu glauben. Dass die Offensivspieler Berisha und Lazaro ebenfalls nicht die torgefährlichsten sind, setzt der Torte die Kirsche auf. Auf den höchst effizienten Takumi Minamino setzte Garcia erst, als der Rest der Chancenvernebler verletzt war. Dabei gibt es neben dem schnellen Direktspiel durch die Mitte doch Adaptierungen. Beinahe klassische Angriffszüge sind etwa der flache Vertikalpass links oder rechts an den Innenverteidigern Richtung Sechzehnereck; die Stürmer hinterlaufen mit diagonalen Wegen die Verteidigung und schon brennt der Hut. Oder die flachen Hereingaben in den Sechzehner Richtung Elfmeterpunkt. Wären da abgezockte Vollstrecker zu finden, würden nun taktische Loblieder auf einen Champions League-Teilnehmer und souveränen Tabellenführer gesungen. So müht sich Salzburg eben, weil Offensivtaktik und individuelle Klasse nicht ganz zusammenpassen.

 


Wer hat das Sagen? Trainer, sportlicher Leiter oder doch Leipzig?

Wieder einmal hat man also den Sommer verhunzt. So folgerichtig es wohl war, den Keita-Transfer nicht erst rund um eine mögliche Champions League-Qualifikation über die Bühne zu bringen, so sehr agierte man lange kopflos. Die Causa Bernardo ist da nur das Tüpfelchen auf dem I. Sicherlich wollte sich Oscar breiter aufstellen, sein gewünschtes Flügelspiel hätte die sportliche Leitung aber untersagen können – oder sogar müssen. Denn wie sich nun zeigt, überzeugten vor allem die Jungen in der Zentrale – Laimer, Schlager, Upamecano, Samassekou – mit dem im Nachwuchs erlernten, zentrumslastigen Pressingspiel. Christoph Freund und Jochen Sauer konnten sich da, so möchte man meinen, weder gegen den Coach durchsetzen, noch gegen die Avancen aus Leipzig. Was damit endete, dass man Ende August wieder in der letzten Runde der CL-Quali raus flog. Geschäftsführer Sauer verlässt übrigens den Klub, man wird sehen, was das heißt.


Einen Vorwurf muss sich das Dreiergespann bestehend aus Sauer, Freund und Garcia aber machen lassen: Die sportliche Leitung in Salzburg hat es wieder einmal nicht geschafft, mit Ruhe, Kontinuität und Ordnung in die Champions League einzuziehen. Schafft man es, die nächsten zwei Transferperioden friktionsfrei zu überstehen, ist schon der größte Grundstein für die großen Ziele gelegt. Derzeit passen die Taktik sowie die Einsatzzeiten von arrivierten, neu geholten und Nachwuchsspielern gut zusammen. Ob sie das auch in sechs Monaten tun werden, ist eben die große Frage.

 

Kontinuität im Kurzfristigen

Es geht in die nächste Runde des Spiels „Kann Salzburg endlich einmal so viel Kontinuität reinbringen, dass die CL-Quali gelingt“. Und dieses Spiel beginnt jetzt. Will man das Ziel des internationalen Erfolges ernsthaft verfolgen, dann muss nun die Marschroute stimmen. In der Liga ist man normalerweise sowieso in der Lage, Meister zu werden. Aber die Truppe muss nun weiter stabiler werden, Ausrutscher wie gegen Mattersburg und die Admira auslassen und sich ganz vorne festigen. Wer im Sommer den nächsten Versuch Richtung Champions League (oder das Überstehen der Europa League-Gruppenphase, je nachdem) mitmachen will, muss dem Verein schon zum Trainingsauftakt im Jänner klar sein. Der Weg der letzten Wochen stimmt wieder, nun muss die Bestätigung folgen.

 

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