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Der schlechteste Aufsteiger seit langem

Es hat sich in den letzten Jahren fast als Amen im Gebet „Hinrunde“ eingebürgert: Der Aufsteiger, egal wie groß oder klein, sammelt mächtig viele Punkte und steigt nicht ab. Die Landeshauptstädter aus Niederösterreich widerlegen diese These. Von Georg San

 

Seit 1993/94 gibt es in Österreich eine Zehnerliga, seit 1995/96 die Dreipunkteregel. Und seit 1998/99 stieg kein Aufsteiger mehr direkt ab, damals war es Vorwärts Steyr. Nur 18 Punkte oder weniger aus den ersten 20 Spielen nach dem Aufstieg schaffte nach Steyr (damals nur sechs!) zuletzt Kapfenberg 2008/2009. Seitdem sind gute Performances der Aufsteiger die Regel, nicht die Ausnahme. Und selbst Überraschungsaufsteiger wie der SV Grödig verhielten sich klüger als der SKN. Pölten, wenn es in die erste Bundesligasaison ging. Sportchef Schinkels verhökerte mit Cheikou Dieng gleich einmal einen der Architekten des Aufstiegs zu Basaksehir, baute den Kader kräftig um. Nicht zu vergessen die Farce rund um die Routiniers Wisio und Beichler.

 

Den zweiten Architekten, den konservativen Coach Karl Daxbacher, chasste er im Herbst. Aber mit einer Taktik, die im wesentlichen vor zehn Jahren einmal up to date war, gewinnt man (Fußballgott sei Dank) in der Bundesliga keinen Blumentopf mehr. Der Rauswurf war natürlich verständlich, bedenkt man die sportliche Misere. Diese aber als Sportchef durch das Verhalten am Transfermarkt mit einzuleiten und dann den Trainer rauszuwerfen, muss kritisch betrachtet werden. Seit Interimscoach Jochen Fallmann zu Werke geht, sieht der Fußball schon um einiges besser aus, zehn Punkte holte er in sechs Spielen. Sieben waren es in deutlich mehr zuvor. Das überzeugte die Verantwortlichen so sehr, dass Fallmann nun das „interims“ streichen konnte. Dennoch kann die zusammengewürfelte Truppe die Fans in St. Pölten nicht so richtig überzeugen. 

 


Ein schönes Stadion allein reicht nicht

Eine Akademie, ein Schmuckkästchen von einem Stadion, die erste Bundesligasaison. Alles wäre eigentlich angerichtet, um sich zuschauermäßig relativ weit vorne einzureihen. Die Latte liegt ohnehin nicht hoch. Doch die Misere am Platz vertreibt auch die Fans. Zu Heimspielen gegen die direkte Konkurrenz verlieren sich die 2.000 Fans in der NV-Arena. Gegner wie der FC Liefering, Wiener Neustadt oder der FAC lockten letztes Jahr im Schnitt 2.733 Fans in die NV-Arena. Heuer gereicht es nur für 3.771, obwohl die Gegner Rapid, Sturm, Salzburg und Austria heißen und es die Aufstiegssaison ist.

 



 

Kein organisches Wachstum

Man darf eben nicht vergessen, dass der SKN nicht organisch gewachsen ist, sondern nach dem Konkurs des VSE 2000 neu aufgebaut wurde, kräftig unterstützt von Onkel Erwin. Das fußballerische Einmaleins vergaß man. Den Akademiekickern oder Talenten aus dem Land Niederösterreich konnte kein glaubhaftes Angebot gemacht werden, beim SKN zu Stars zu werden. Mit über 26 Jahren Altersschnitt ist die erste Mannschaft eine der ältesten der Liga. So sprngt kein zündender Funke auf die Fans in der Landeshauptstadt über. Das ganz Österreich abgrasende Red Bull hin, die Nähe (30 Minuten mit dem Zug) zu Hütteldorf her: dass David Stec mit 22 Jahren der einzige "Local Hero" ist, ist eigentlich ein schlechter Witz in einer Ausbildungsliga. Der Stammspielerfaktor der Spieler unter 23 und jünger von 1,54 ist einer der schlechtesten der Liga. Trotz bester Bedingungen.

 



 

Dass zuletzt überspitzt formuliert nur noch die VIPs in des Landeshauptmanns erweitertes Wohnzimmer kommen, wundert da nicht. Wie gesagt: Es gab schon andere Sensationsaufsteiger, aber die konnten doch um einiges mehr zünden als die St. Pöltner.

 



 


Taktische Steinzeit

Unter Coach Daxbacher agierte der SKN sehr wechselhaft und taktisch auf veraltetem Niveau. Man setzte prinzipiell auf ein 4-4-2 und attackierte den gegnerischen Ballbesitz recht tief, mit einigen Ausnahmen wie zum Beispiel beim Match gegen die Admira im August. In diesem 4-4-2 nutzte man durchwegs Mannorientierungen. Dies hatte zur Folge, dass es immer wieder Lücken im Defensivverbund gab und auf den Flügeln wurde der Gegner recht weit verfolgt, sodass die Zuschauer teilweise Sechserketten-Staffelungen mit ansehen mussten. Im eigenen Ballbesitz fokussierte man die Flügel sehr stark und spielte oft im frühen Aufbau schon über die Außenverteidiger die Linie entlang. Dies lag auch daran, dass mit Fortlauf der Saison Daxbacher auf die spielstarken Michael Ambichl und Florian Mader verzichtete, was dem Spiel zusehends an Kreativität nahm, sodass Tore meist durch zufällige Konter oder Flanken fielen und selten systematisch heraus gespielt wurden.

 

Unter Jochen Fallmann zeigte man sich bereits im ersten Spiel gegen den SK Sturm verbessert. Dies lag zum einen daran, dass der Interimscoach endlich wieder auf Ambichl und Mader vertraute. Jene beiden strukturierten das Aufbauspiel der Niderösterreicher, man war nun deutlich flexibler und wusste das Zentrum sowie auch die Flügel besser zu nutzen. Über gute Bewegungen vom leicht höher agierenden Ambichl und Thürauer konnte man sich auch immer wieder durch die Halbräume kombinieren, einen Durchbruch durch eben jene Räume sah zum Beispiel zum 1:1 gegen Sturm bei Fallmanns erstem Spiel. Bei gegnerischem Ballbesitz setzte man auf einen 4-4-1-1/4-4-2 Hybrid und achtete deutlich mehr auf Kompaktheit, als dies noch unter Daxbacher der Fall war. Vor allem ballnah sah man immer wieder Mannorientierungen, um den Zugriff zu verbessern, schaffte es jedoch prinzipiell den Zwischenlinienraum zu verengen und mehr Druck auf den Ballführenden auszuüben. Gegen die Austria sah man ein 4-4-2, das oft zu einem 4-1-4-1 wurde, da sich die zentralen Mittelfeldspieler an den Bewegungen von Grünwald und Windbichler orientierten, während Segovia als Keil agierte. Diese Mannorientierungen wurden jedoch flüssiger und besser eingebunden als noch unter Daxbacher. 

 


Ich kauf mir einen Kader und es geht nicht

Das Überraschende ist, dass der SKN nicht überrascht. Sportchef Schinkels muss sich der Kritik stellen, dass er einen nur mäßig Bundesliga-tauglichen Kader auf die Beine stellte. Den Trainerrauswurf kann man schon machen, es wäre aber wohl vermessen, Schinkels einen validen Plan B zu unterstellen, den neuen Coach bereits in der Hinterhand zu haben. Natürlich ist der miserable Saisonstart unter Henne-Ei abzulegen: War der Kader zu falsch für Daxbachers Qualitäten oder hat er die Spieler einfach falsch eingesetzt? Dass es nicht passte, ist aber angesichts des Abschneidens evident. Wozu man so eine Masse an Legionären holt, ist auch fraglich. Kai Heerings, Jeroen Lumu, Alhassane Keita und Kevin Luckassen kommt gemeinsam nur auf 2.167 Einsatzminuten, sind also quasi ein Stammspieler.

 

Und dann wurde noch gar nicht über die Person Schinkels geredet. Denn meist, wenn er etwas sagt, wird das medial aufgenommen, Marke polternder Sportdirektor. Immer kritisch beäugt, mit Hang zum Skurrilen. Da steht er zwar Ausfällen seiner Kollegen Müller oder Freund wenig nach; auch sie polterten. Bedenkt man aber das Wie bei Schinkels und seine Rolle als niederösterreichischer Society-Adabei, muss gefragt werden, ob das mehr bringt, als es schadet. Natürlich kann er im Winter den Kader erweitern, Babacar Diallo soll die Defensive stärken, Cheikhou Dieng kehrt auf Leihbasis für sechs Monate zurück. Gespielt hat der Offensivwirbelwind beim türkischen Tabellenführer aber nur 324 Minuten. Einige, die keine Rolle spielten, sollten gehen. Das wirkt eher nach „hail mary“, als nach Plan.

 

Mattersburg sei Dank

Der SKN St. Pölten kann nichts dafür, dass die Aufsteiger in den Jahren zuvor überraschten. Einmal nicht abzusteigen ist sicherlich eines der Hauptziele eines Liganeulings. Doch es ist halt um einiges zu viel passiert in wenigen Monaten Bundesligazugehörigkeit. Für einen Aufsteiger ist so eine Performance in Österreich einfach außergewöhnlich. Es bleibt dabei, dass St. Pölten froh sein kann, dass die Konkurrenz am Tabellenende ebenfalls mit dem Punkten geizt.

 

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