Reportage / News-Archiv / 2017

Der Bundesligadino verdammt zum Abstieg?

Der SV Mattersburg ist Letzter. Diese Entwicklung kommt nicht überraschend. Der Verein, der seit 15 Saisonen im Profifußball ist, könnte sich bald davon verabschieden. Ein neuer Trainer soll den SVM jetzt in der Liga halten. Von Georg Sander, Michael Fial

 

25 Punkte holte der SVM in der Hinrunde 2015. 28 im gesamten Kalenderjahr 2016. Der Punkteschnitt fiel von 1,25 im Herbst 2015 auf lediglich 0,78 in diesem Jahr. Was ist heute anders als vor einem Jahr? Karim Onisiwo? Ja, aber nicht nur. Der SV Mattersburg versucht am Feld viel, was nicht so recht klappen will. Vielleicht liegt es auch an der Person Markus Karner. Er kam unter Alfred Tatar in der zweiten Liga als Co-Trainer und blieb es unter Ivica Vastic. Wie man sich bei einem von Alfred Tatar geholten Betreuer denken kann, nahm er auch beim bei der Wiener Austria nicht gerade durch taktische Finesse aufgefallenen Vastic eine prägende Rolle ein. Doch mit der Wintervorbereitung 2016 wurde seine Rolle, so berichten Insider, zurück gefahren. Im Sommer ging er, heuerte bei Stegersbach an und Kurt Russ vom Kapfenberger SV kam.

 

Seitdem taumelt eine taktisch allzu oft schwach eingestellte, noch dazu oftmals eher unfit wirkende Truppe, durch die Liga. Kein Team kassiert in der letzten halben Stunde mehr Tore als die Burgenländer. Es wäre aber zu schön, um wahr zu sein, wenn das das einzige Problem der Burgenländer wäre – die ja überhaupt nur so nah dran am schwachen Aufsteiger SKN St. Pölten dran sind, weil es Wetter- und Fußballgott gnädig meinen. Von den letzten acht Zählern wurden drei gegen Red Bull Salzburg erschwommen, einer gegen einen angeschlagenen SK Rapid geholt und auch über den Zufall, der die Führung gegen die Admira brachte, braucht man kaum zu diskutieren. 14 Punkte aus 20 Spielen sind deutlich zu wenig.

 

Raus reißen soll die Mattersburger nun ein neuer Trainer. Ein spätes Ziehen an der Reißleine, denn dass Vastic sich im Oberhaus schwer tut, hatte er schon im Frühjahr bewiesen. Vor allem auch, weil Gerald Baumgartner den Beweis, dass er es ganz oben kann, noch schuldig geblieben ist. Richtig erfolgreich war er mit dem FC Pasching und dem SKN St. Pölten, wohlgemerkt im Cup. Vielleicht die richtige Aufgabe, ist nun doch jedes Spiel ein KO-Spiel. Dass sich Baumgartner mit dem SVM schon beschäftigt hat, zeigt wohl auch, dass er mit Martin Baier seinen eigenen Athletikcoach mitgebracht hat. Aus burgenländischer Sicht könnte das aber alles zu spät gewesen sein.

 


Die alten Burgenländer will kaum wer sehen

Die Gründe für die Mattersburger Misere gehen weit über einen Co-Trainer und einen nunmehrigen Kicker des FSV Mainz hinaus. Nur noch 2.712 Fans kommen im Schnitt, ein Minus von fast 45 Prozent gegenüber der Aufstiegssaison.

 



 

Warum sollte man auch kommen?

Bis auf ein paar UEFA-Adaptierungen auf der Haupttribüne und dem erzwungenen Einbau der Rasenheizung tat sich im Pappelstadion in den letzten zehn Jahren so gut wie nichts. Da sieht sogar die Untersbergarena nach deutlich weniger Zeit im Profifußball mehr nach modernem Stadion aus. Der Kader, der zwar die drittmeisten Österreicher ausweist, ist aber relativ alt, mit 26 Jahren im Schnitt mehr als drei Jahre älter als jener der Admira. Immerhin leistet sich der SVM eine Akademie, die er zu je einem Drittel mit dem Burgenländischen Fußballverband und der Stadt Mattersburg betreibt. Zu sehen von diesem Nachwuchseinsatz ist aber recht wenig. Nur Sturm, St. Pölten und der WAC setzen auf weniger Spieler unter 23. Wäre da nicht Keeper Markus Kuster, lege der SVM auch in dieser Tabelle ganz hinten.

 



 

Das sind eben die Sünden der Vergangenheit, für die der SVM nun seit einem Jahr büßt. Anscheinend denkt man, es wird schon alles irgendwie passen, der Kader wird schon reichen, wenn's ein Junger schafft, ist es Zufall. Wie das „Stadion“ reicht diese Einstellung aber selbst im lange fußballerisch rückständigen Österreich nicht mehr. Vermutlich kommen deshalb auch nur noch wenige Fans unter die Pappeln. Da sind die Klubs im Umkreis von einer Autostunde in Wien und Umgebung deutlich attraktiver. Nicht nur, aber vor allem auch, weil sie in vielen Punkten einfach moderner sind.

 



 


Taktik als Baustelle

Die Mannschaft von Ivica Vastic und Kurt Russ ist dennoch interessant anzusehen, da viel probiert wird. Man konnte die Burgenländer bereits mit einer Mittelfeldraute, einem 3-1-4-2 oder auch einem 4-2-3-1 beobachten. Dies zeigte zumindest die prinzipielle Anpassungsfähigkeit und die Bemühung des Trainerteams, sich kreativ mit den Gegnern und den eigenem Spielermaterial auseinander zu setzen. Gegen Sturm presste man zum Beispiel im Mittelfeld in einem 5-4-1 und nutzte das schwache Aufbauspiel der Grazer, überlud die von den Blackies bevorzugten Flügel und konnte somit Durchbrüche auf ein Minimum reduzieren. Im Aufbau hingegen agierte man im 3-4-3, hatte jedoch selbst starke Probleme das Zentrum und die Halbräume zu bespielen. Der Flügelfokus ist zu stark ausgeprägt, eigene kluge Anpassungen werden dadurch zunichte gemacht. So spielte man zu oft zu früh auf die Flügel oder hohe Bälle, Chancen kamen meist nur durch Flanken zustande.

 

Gegen Altach vor wenigen Wochen presste man beispielsweise etwas tiefer im 4-4-2. Mit der Doppelspitze wollte man die Altacher Dreierkette neutralisieren. Der SVM agierte prinzipiell passiv, deckte den Sechser Jäger ab, konnte ihn zu zweit besser vom Rest der Mannschaft abkappen und mit dem zweiten Stürmer situativ Druck auf den Ballführenden ausüben. Dieses Pressing gelang gut, bis Altach auf eine Doppelsechs anpasste, woraufhin die Vastic-Elf Probleme bekam und sich nicht anzupassen wusste. Im eigenen Ballbesitz agierte man in der ersten Halbzeit ebenfalls im 4-4-2, auch hier waren die Probleme beim Bespielen des Zentrums ersichtlich, viele hohe Bälle und Longline-Pässe waren zu sehen. Die Altacher mussten in der ersten Halbzeit einen Ausschluss verbuchen, daraufhin passten sich die Mattersburger prinzipiell gut im 4-2-3-1 an. Die Ballzirkulation zeigte sich sofort verbessert, die Burgenländer wurden jedoch mit der Zeit ungeduldig und passten erneut an, nun agierte man im 3-4-1-2. Bereits im 4-2-3-1 nutzte man Flanken zu oft und verfrüht, obwohl man eine deutlich bessere Staffelung zur flachen Ballzirkulation hergestellt hatte. Im 3-4-1-2 mit breiten Flügeln und einer Doppelspitze forcierte man das Flankenspiel nun, man wurde instabiler und fing sich schlussendlich sogar noch ein 2:1 ein. Viel taktische Variabilität, aber die Maßnahmen greifen nicht so richtig.

 


Wer nichts ändert, ist schuld

Exakt zwei Transfers tätigte Franz Lederer, an und für sich Sportdirektor, im Sommer. Ja, Lederer ist auch noch immer da. Passt doch zusammen, Lederer kickte schon für den SVM, seit 2002 ist er in verschiedenen Positionen bei der ersten Mannschaft. Er hat es im Sommer verabsäumt, die Mannschaft für die neue Saison aufzubauen. Wer Flügelspiel will und die Stürmer dazu hat, braucht auch die Assistgeber. Die Kombination Taktik/Spielermaterial klappte schon im Frühjahr nicht, nachdem sich nichts änderte, muss dieses ruhige Vorgehen am Transfermarkt als Fehler dem Sportdirektor angelastet werden. Vielleicht will aber auch niemand ins Burgenland.

 

Gut, für die weitläufig verbreitete Ansicht, dass man aus Mattersburg als Spieler nicht weg kann, kann Lederer als Sportdirektor nicht viel. Dass sich seit seinem Antritt als sportlicher Leiter zur Saison 2013/14 hin nichts daran ändert, sehr wohl. Man google nur mal kurz Patrick Farkas, der trotz Nachwuchsnationalteamerfahrung en masse noch immer in Mattersburg kickt. Onisiwo musste sich aus dem Vertrag raus klagen. Der SVM muss natürlich nicht aus finanziellen Spieler veräußern, aber mit dieser Methode fahren andere Vereine ganz gut und es sieht so aus, dass es es eher mehr werden, die damit erfolgreich sind. Wenn dann auch noch der Trainer es nicht schafft, ein schlagkräftiges Konzept für die erste Mannschaft auf die Beine zu stellen, ist man eben Letzter. Und kann nur noch drauf hoffen, dass der neue Reiz mit dem neuen Trainer die Saison rettet.

 

Auf lange Sicht zum Scheitern verurteilt

Es ist das Verhalten der Leitung auf allen Ebenen, das Mattersburg zum Abstiegskandidaten Nummer eins nach der Hinrunde macht. Selbst der neue Trainer Baumgartner ändert am Dino-Verhalten der Burgenländer nichts. Vielleicht geht es noch eine Saison gut, vielleicht stellt sich ein anderer Verein noch schlechter an. Im Hinblick auf die Zwölferliga ab 2018/19 könnte man aber fast wetten, dass Mattersburg - zumindest aus sportlicher Sicht - nicht dazu gehören wird.

 

>>> Weiterlesen - Nur 13 Stadien in Österreich sind Bundesliga-tauglich

 

Schon gelesen?