Altach Leicester City?
Die Rechnung scheint einfach: Zwei Mal nicht gegen Salzburg verlieren und weiter punkten wie bisher. Aber ist die Substanz in Altach wirklich da? Eine Analyse von Georg Sander, David Goigitzer und Michael Fiala
2010/11 lachte die SV Ried nach 20 Runden von der Tabellenspitze. Am Ende gewann Sturm die Meisterschaft, Ried wurde Vierter. Da wie dort ist es eine außergewöhnliche Taktik, die Erfolg verheißt. Notiz am Rande: Ried verlor beide Spiele gegen Salzburg bis hierhin. Vielleicht ist Salzburg also doch nicht der Gradmesser? Auch die Veilchen machten in der Meistersaison 2012/13 nur zwei Punkte gegen die Bullen. Altach hält bei einem. Aber es ist eben die Konstanz gegen die anderen Gegner. Die Vorarlberger verbuchten vier Niederlagen, je eine gegen Ried, Sturm, Austria und Salzburg. Altach erarbeitet sich die Punktgewinne. Neun der 13 Saisonsiege waren mit nur einem Tor Unterschied. Sieben Spiele wurden durch späte Tore entschieden.
Das vermutlich Bemerkenswerteste aber an Altach sind weder die Fitness, noch ein gutes Auge bei der Kaderzusammenstellung oder die daraus folgende Konsequenz, sondern vielmehr der Trainer. Damir Canadi hat eine fitte Mannschaft hinterlassen und Werner Grabherr wusste mit dieser bestens umzugehen. In den sechs Spielen unter Grabherr gab es nur eine Niederlage und ein Unentschieden gegen die direkte Konkurrenz aus Salzburg und Graz. Hier zeigt sich der Unterschied zu vielen anderen Überraschungsteams: Die Substanz, die die Verantwortlichen aufgebaut haben. Fallstricke gibt es aber auch. Eines der großen Fragezeichen ist sicherlich, wie Martin Scherb im Frühjahr performen kann. Der Niederösterreicher war längere Zeit nicht als Trainer tätig; ein Experte in Sachen Dreierkette ist er wohl auch nicht. Aber wer hätte gedacht, dass es mit Grabherr so gut klappt?
Die Fans haben Blut geleckt
Nach dem Abstiegskampf im letzten Jahr verbucht der SCR Altach ein Zuschauerplus von über zehn Prozent. Und es soll noch besser werden. Im Rheintal wird gebaut. Aus dem 26 Jahre alten Stadion soll eine Europacup-taugliche 8.500er-Arena werden, die national bis zu 10.000 Fans fassen soll. Die Kosten betragen rund 1,9 Millionen Euro, der Verein selbst wird 1,4 Millionen aufbringen. Wird diese Saison nicht zur Eintagsfliege, winken hier höhere Einnahmen. Einerseits, weil die Spitzenspiele gegen die Konkurrenz weiter östlich gegeben sein werden. Mittelfristig ist zudem damit zu rechnen, dass mit Wacker Innsbruck und Austria Lustenau auch Lokalrivalitäten in der Zwölferliga gepflegt werden können.
Jungkicker mit Fragezeichen und Ausbaupotential
Altach liegt bei dem Einsatz junger Spieler unter 23 gut im Ligaschnitt, übertrifft diesen leicht. Trotzdem gibt es auch hier Fragezeichen. Dimitri Oberlin wurde jetzt einmal nach Salzburg zurück beordert. Nikola Dovedan, mit sieben Toren und fünf Assists ebenfalls sehr wichtig und vom LASK geliehen, ist sicherlich auch schon so manchem Verein aufgefallen. Andreas Lukse wird umworben.
Altach wäre nicht der erste Verein, der im Winter Probleme durch Avancen größerer Klubs bekommt. Zudem - das zeigen Dovedan und Oberlin - gibt es wenig Spieler, die in letzter Zeit über den eigenen Nachwuchs kamen. Lediglich drei Spieler im Kader sind jung, kamen von Altach II oder der Akademie. Hier gilt es aufzuholen.
Die Drei ist die magische Zahl
Springen wir wieder zur Ried-Analogie. Wie Ried 2010/11 überzeugt Altach mit einer Grundordnung, die defensiv eine Dreier-/Fünferkette bildet. Das dichtet einerseits das Zentrum ab, mit laufstarken Außenbahnspielern und klug herausschiebenden Innenverteidigern ist man andererseits gegen schnelle Vorstöße über die Seite gewappnet. War das Rieder 3-3-3-1 eher aus der Not geboren, so entsprang das Konzept der Dreierkette Canadis Kalkül. Schon gegen Ende der letzten Saison experimentierte er mit einem 3-5-2. Die Erfolge des Systems in jüngerer Vergangenheit, vor allem von Wales bei den Europameisterschaften, bestätigten Canadi in seiner Annahme, so Erfolg haben zu können. Die Altacher variieren das 3-5-2 von Gegner zu Gegner, ändern die Staffelung in der Mittelfeldzentrale zwischen einem und zwei Sechsern, ab und an auch drei Achtern. Gegen Systeme, die mit zwei Außenbahnspielern im 4-4-2 oder 4-2-3-1 operieren klappt das gut. Vor allem, wenn man wie Canadi/Grabherr viel Zeit in die Gegneranalyse steckt und Details adaptiert.
Zugegebenermaßen profitiert Altach aber auch von der guten Rolleninterpretation seiner Offensivkräfte. Spieler, die wie bei Wales mit einer gehörigen Portion individueller Klasse ausgestattet sind und von ihren Teamkollegen diese Freiheiten auch bekommen. 33 Treffer erzielten die Vorarlberger, 16 davon steuerte das geliehen Duo Dovedan/Oberlin bei – beide mit eben dieser Portion Extraklasse. Es gehört aber mehr dazu als treffsichere Offensivkräfte. Ohne die anderen Akteure, mögen sie nun Boris Prokopic, Louis Ngwat-Mahop oder Patrick Salomon heißen, die durch ihre taktische Disziplin dem Duo und auch Neuzugang Nicolas Ngamaleu den Rücken freihalten, ginge es nicht. Altach zeichnet sich durch einen variablen und stabilen Defensivplan aus, der durch Umschaltspiel, individuelle Klasse und auf den Gegner abgestimmte
Der Anti-Schinkels
Mit Georg Zellhofer hat Altach eine Konstante in die sportliche Entwicklung der Vorarlberger gebracht. Trainer, die mit Zellhofer zu tun hatten, schätzen die sachliche Gesprächsbasis. Zellhofer ist quasi der Anti-Schinkels. Mit dem ehemaligen Rapid- und Austria-Trainer wird man keine Marketing-Preise gewinnen, dafür bleiben böse Überraschungen aber aus. Die Entscheidung zu Scherb ist aber dennoch spannend und durchaus mit ein bisschen Risiko behaftet: Wird der Ex-Sky-Experte in relativ kurzer Zeit seine Trainer-Gene aktivieren können? Dass er es kann, hat er bewiesen, fraglich ist aber, wie er es als Trainer eines Tabellenführers anlegt.
Gut möglich, dass Scherb die eine oder andere taktische Variante ins Siel der Vorarlberger einbringt, mit der die direkten Konkurrenten um den Titel am Anfang ihre Probleme haben werden. Insofern könnte der Wechsel zu Scherb ein nicht unwesentlicher Mosaik-Stein zu einem Meistertitel 2016/17 sein. Leicester City lässt grüßen!
Die unglaublich lange Liste
der Rapid-Verletzten