Theo Walcott – von allen Zwängen befreit

Acht Treffer und zwei Torvorlagen in elf Spielen. Im Schnitt jubelt er alle 116 Minuten, hat seinem Team so auf Platz zwei verholfen, nur ein Tor hinter Manchester City. Die Rede ist von Theo Walcott. Der Engländer galt vor fast zehn Jahren als das Talent

 

Ein Artikel in Kooperation mit Cavanis Friseur

 

 

Walcotts Antritt und seine absurd wirkende Dynamik sind für viele jene Stärken, die ihn seitjeher ausmachen. Und wo stelle ich schnelle Spieler hin? Korrekt, auf den Flügel. Bis zur Saison 2012/13 lief er vornehmlich auf einer der beiden Flügelpositionen auf. Einsätze in der Spitze gab es nur vereinzelt, da Arsène Wenger mit Thierry Henry und Robin van Persie immer erstklassige Mittelstürmer zur Verfügung hatte. Mit dem Verkauf des Holländers kam es zur Umstrukturierung im Sturmzentrum der Gunners. Der aus Montpellier verpflichtete Olivier Giroud brauchte zunächst einige Zeit, um in die großen hinterlassenen Fußstapfen hineinzuwachsen. Wenger nutzte Walcott daher fortan vermehrt auch als Mittelstürmer oder verkappte Spitze auf der rechten Seite. In besagter Saison erzielte er in 43 Spielen prompt 21 Treffer und bereitete 16 weitere vor. Im darauffolgenden Jahr kam er allerdings aufgrund eines Kreuzbandrisses und einer Verletzung der Bauchmuskulatur nur zu 18 Einsätzen. Umso ärgerlicher ist es, dass er bis zum Zeitpunkt seiner Verletzung sechs Treffer und sieben Assists verbuchen konnte. Die Saison 2013/14 verlief für ihn mit vielen Verletzungen ebenso ernüchternd.

 

Der Engländer stand nur 22-mal auf dem Platz und erzielte dabei sieben Treffer. Im letzten Jahr gelangen Walcott in 42 Partien neun Tore und sammelte sieben Assists. In diesen Spielzeiten wurde er immer wieder von seiner bisherigen Hauptposition auf dem Flügel ins Zentrum verschoben, um eine dynamischere Alternative zum kantigen Giroud in das schnelle Offensivspiel der Gunners zu schaffen. Zugegeben: 43 Treffer und 31 Vorlagen in 125 Spielen sind eine gute, aber eben keine herausragende Quote für einen Topstürmer oder zumindest für einen Stürmer des FC Arsenal, den sich die Fans so sehnlichst wünschen und bislang immer als externen Neuzugang forderten.


Warum ist Theo Walcott also der Typ Spieler, von dem die Fans schon lange träumen, der für Arsenal der ideale Stürmer ist? Die vergangenen beiden Spielzeiten haben gezeigt, dass die Gunners mit Mesut Özil, Alexis Sánchez, Santi Cazorla und Aaron Ramsey aus dem Mittelfeld enorm viel Kreativität ausstrahlen. Allesamt sind sie feine Fußballer, die ihre Mitspieler in Szene setzen und mit ihren Pässen und Dribblings Abwehrketten sprengen können. In diesem Umfeld von Kreativen ist es wichtig, dass zielstrebige, abschlussorientierte Spieler ebenso auf dem Platz stehen. Bei den Spaniern kam dies zum Beispiel bei der EM 2012 vermehrt vor. Iniesta, Fábregas & Co. ließen den Ball zwar sicher im Mittelfeld laufen, viel weiter nach vorne kam man häufig damit nicht. Die Zirkulation verlor sich meist irgendwo vor dem Tor, ohne, dass das Sturmzentrum besetzt wurde. Diesem Problem stand Wenger nach dem Verkauf van Persies ebenfalls gegenüber. Zwar ist Giroud ein passabler Stürmer, der von vielen Fans unterschätzt, allerdings von seinen Trainern überschätzt wird. Will heißen, dass der Franzose dann stark ist, wenn er sich auf einfache Dinge beschränkt ohne überambitioniert Bälle in der Spitze verteilen zu wollen. Seine Abschlussqualitäten sind eher durchschnittlich, weshalb er für die Londoner auf eine ganze Saison gesehen, vor allem in der heißen Phase und in den wichtigen Spielen, nicht unbedingt die perfekte Lösung darstellt.

 


Walcott bringt sich verhältnismäßig oft in vorteilhafte Situationen
Walcott ist ihm hier mindestens einen Schritt voraus. Zum einen ist der Engländer in und um den Strafraum in dieser Saison ein Killer: Auf 90 Minuten gesehen hat er 4,25 Ballaktionen im Strafraum und gibt 3,40 Schüsse ab. Von diesen Schüssen landen laut dem „Expected Goals“-Model 0,18 im Tor des Gegners. „Expected Goals“, oder kurz xG, ist ein Wert, der anhand der räumlichen Gegebenheiten die statistische Wahrscheinlichkeit beschreibt, mit der der Schuss eines Spielers im Tor landet. Wird der Schuss beispielsweise aus kurzer Distanz freistehend abgegeben, ist die Wahrscheinlichkeit höher, als wenn der Schuss aus 30 Metern abgegeben wird. Das Modell will also veranschaulichen, welche Qualität eine Torchance hatte. Bekannt wurde diese Betrachtungsweise vor allem durch Michael Caley. Arsène Wenger selbst sprach einst von der Wichtigkeit diese Werte. Theo Walcott ist laut dieser Statistiken ein sehr guter Spieler. Seine Chancen haben in der Regel einen hohen xG-Wert, da er sich selbst immer wieder in vorteilhafte Situationen bringt. Häufig braucht Walcott nur einen oder maximal zwei Kontakte, um den Ball aufs Tor zu bringen. Sein Treffer gegen Chelsea zeigt, wie sich der Londoner Chancen selbst kreieren kann. Zunächst fordert er den Pass in die Schnittstelle zwischen David Luiz und Azpilicueta. Als er bemerkt, dass er hier nicht angespielt werden kann, zieht er weiter in die Mitte, um den Passweg auf Bellerín zu öffnen. Walcott selbst stiehlt sich im Rücken der Chelsea-Defensive davon und steht alleine vor Courtois. Dieses überragende Timing in der Box ist eine seiner der Spezialitäten. Dank seiner Explosivität ist es für die Verteidiger schwer, ihn überhaupt zu stellen.


Theo Walcott kann in der Offensive sowohl den Vorbereiter, als auch den Vollstrecker sein. Seine Hereingaben sind allerdings nicht so gefährlich wie jene von Angel Di Maria oder Mesut Özil. Vielmehr sind es flache bis halbhohe Querpässe in den Strafraum, die er spielt. Dies dürfte auch ein Grund sein, wieso Walcott in der Öffentlichkeit nie den Stellenwert erreichte, der ihm im Grunde zusteht. Er ist nicht dieser typische Flügelspieler, dessen Schuhspitze von der Kreide der Grundlinie weiß eingefärbt ist. Sein Passspiel und seine Fähigkeiten im Dribbling auf engstem Raum sind ebenfalls nicht stark genug ausgeprägt, um als typischer Flügelspieler durchzugehen. Seine Palette an Fähigkeiten ähnelt am ehesten der eines Mittelstürmers. Im improvisierten, frei beweglichen Offensivspiel der Gunners hat Walcott daher die Möglichkeit die Lücken, die Özil & Co. reißen zu nutzen. Da sich Sánchez als Mittelstürmer gerne auf die Seiten fallen lässt und Özil dahinter ebenfalls alle Freiheiten besitzt, sind die Synergien im Verbund mit Walcotts Fähigkeiten sehr ordentlich.

 

Letzterer hat nun nicht nur einen Platz im System der Gunners gefunden, der seine Fähigkeiten optimal zur Geltung bringt, sondern darüber hinaus mit seinen Nebenmännern ein extrem variables und gefährliches Offensivspiel geschaffen, in dem gerade Walcott durch seine Kaltschnäuzigkeit wenige Chancen für ein Tor benötigt. Die sommerlichen Rufe der Fans nach einem Topstürmer á la Higuain oder Lacazette schienen zum damaligen Zeitpunkt berechtigt, jedenfalls schienen sie nachvollziehbar. Der eitle Elsässer hat aber seinen liebsten Weg gewählt, indem er spart und Spieler aus den eigenen Reihen entwickelt. Dank einer kleinen Personalrochade, die Alex Iwobi oder auch Alex Oxlade-Chamberlain als Sánchez-Vertretung auf dem Flügel ermöglichten, hat man die Torgefahr eines extern zu verpflichtenden Mittelstürmers auf Sánchez, Özil und natürlich Walcott verteilt. Arsène knows eben. Auch wenn die Aussichten der letzten Jahre zum gleichen Saisonzeitpunkt ähnlich vielversprechend waren, bestehen wohl die größten Chancen auf den Titel wie seit zehn Jahren nicht mehr. Dabei ist man aber von Walcotts Fähigkeiten abhängig, zu der die Fähigkeit, sich schnell mal durch eine Verletzung einige Monate an den Spielfeldrand zu setzen, leider dazugehört. Spart er sich dies aus, baut er vehement an seinem persönlichen Nimbus Topstürmer – und erfüllt nicht nur die Erwartungen an ihn, sondern auch die Träume der Gunners-Anhänger.

 

Ein Artikel in Kooperation mit Cavanis Friseur