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Sympathisch aus den falschen Gründen

Leicester City spielt sich derzeit in die Herzen vieler Fans. Doch der Kampf David gegen Goliath täuscht. Von Marco Stein

 

Ein Artikel in Kooperation mit Cavanis Friseur

cavanis friseur

 

Es gibt wohl kaum eine Person, an der nicht vorbeigegangen ist, dass Leicester City an der Spitze der Tabelle rangiert. Ein Underdog, vor rund einem Jahr noch auf dem letzten Platz zu finden, ärgert die Großen und gewinnt Woche für Woche weitere Sympathien. Selten wünschten sich so viele verschiedene Fans, dass dieser eine Verein die Premier League gewinnen sollte. Die Gründe dafür sind schnell erkannt. Leicester City steht für die kleinen Vereine. Für die Vereine, die hart arbeiten und gegen die großen, reichen Vereine sonst nur wenig Chance haben. Alter, traditioneller Fußball. Es stimmt schon, im Vergleich zu großen Vereinen gab Leicester City deutlich weniger Geld aus, und wir wollen die Leistung der Foxes auf keinen Fall schmälern. Dass der Verein jedoch dennoch im Besitz eines reichen Asiaten ist, der sehr wohl große Mengen an Geld in den Verein pulvert, scheinen viele zu vergessen – oder einfach gar nicht erst zu wissen.

 

Im August 2010 übernahm der Präsident der thailändischen King Power Group, Vichai Srivaddhanaprabha, den Verein für rund zwei Milliarden Baht – umgerechnet rund 51 Millionen Euro. Sein Sohn sollte Geschäftsführer werden. Jahre vor der Übernahme zog der Verein ins neu erbaute Stadion, doch die neue Heimstätte sollte zum eigenen Grab werden. Die Kosten stiegen ins Unermessliche, was die Insolvenz für den Verein zur Folge hatte – der letzte Verein, der damit übrigens ohne Punkteabzug davonkam. Ex-Leicester-Spieler Gary Lineker übernahm mit einem Konsortium den Verein und rettete so Leicester City. Jedoch waren die finanziellen Mittel sehr gering. Sogar so gering, dass man wenig später vor einem erneuten Insolvenzantrag stand, aber bevor es dazu kam wurde der Verein im Februar 2007 an Milan Mandaric verkauft. Der serbisch-amerikanische Geschäftsmann hatte Jahre davor Portsmouth übernommen und viel Geld in Pompey gepumpt, jedoch ist er auch bekannt dafür, Vereine in Krisenzeiten zu kaufen, viel Geld zu investieren und um noch viel mehr nach kurzer Zeit wieder zu verkaufen. Dennoch konnte der erstmalige Abstieg in die dritte Liga, die League One, nicht verhindert werden.

 

Der Aufstieg nach dem Abstieg

Die Insolvenz war abgewendet, die Angst dennoch extrem groß. Die Fans waren nach dem Abstieg wütend auf Milan Mandaric, zudem hatte man Angst ein zweites Portsmouth zu werden und einen ähnlichen Abstieg hinzulegen wie der Verein aus dem Süden. Die Proteste schreckten viele mögliche Käufer ab, doch letztendlich wurde im August 2010 in der King Power Group ein neuer Besitzer gefunden. Mandaric blieb den neuen Besitzer als Berater erhalten, was sich später als einer der klügsten Schritte des Vereins herausstellen sollte. Der Geschäftsmann kannte die Insel und die Spieler, die thailändischen Besitzer hätten keinen besseren Berater finden können.

 

Aber ebenso hätten die Foxes keine besseren Besitzer finden können. Ein Paradebeispiel, wäre das von King Power gewünschte Rebranding des Vereins. Es sollten ein neues Logo und ein neuer Name her, um den Verein besser vermarkten zu können. Die Angst eines jeden Fans. Doch die Foxes machten den neuen Besitzern klar, dass sie dies nicht wollen und so wurde diese Idee einfach nicht umgesetzt. Bis heute handhaben es Vichai Srivaddhanaprabha und seine Kollegen so. Das Wichtigste sind die Fans, sie sollten das letzte Wort haben und es sollte im Sinne des Vereins gehandelt werde. Der Traum eines jeden Fans.

 

“How can you not like owners who give every fan a free beer? – twice!!” – Chris Forryan, Gründer der Fan-Plattform “Leicester Till I Die”< /div>< /div>

 

Vor einigen Jahren machte sich Unmut bei den Fans breit, als diese sich über die Reisen zu Auswärtsspielen ärgerten. Die Besitzer hörten davon und gaben jedem ein Reisepackage und vor dem Stadion wurden gratis T-Shirts verteilt. Bereits zweimal wurden allen (!) Leicester-Fans gratis Bier spendiert. Die Thailänder wissen, wie sie die Herzen der Engländer gewinnen. Als Vichai Srivaddhanaprabha erstmals verkündete, was das Vereinsziel der Besitzer sei, machte ein leises Gelächter die Runde. Man wolle nach Europa und eine Marke werden. Nur wenige glaubten daran. Wirft man jetzt einen Blick auf die Tabelle, sieht man, dass das Ziel höchstwahrscheinlich erreicht wird. Auch in den Nachrichten findet kaum ein anderer Verein häufiger Erwähnung als die Foxes. Das Image des kleinen Vereins, des Underdogs, der die Großen ärgert scheint, Leicester weltweit Beliebtheit zu bringen und tatsächlich zu einer Marke zu machen. Weshalb die Investoren (und deren investierte Millionen in den Verein), in den Medien jedoch kaum Erwähnung finden, bleibt ein interessanter Fakt am Rande.

 



 


Die sportlichen Erfolge der Foxes

Im Sommer 2008 wurde mit Nigel Pearson ein Trainer engagiert, der später über viele Spiele auf der Trainerbank der Foxes platznehmen sollte. Mit 96 Punkten holte er sofort den Meistertitel in der League One und schaffte damit den sofortigen Wiederaufstieg. Bereits in der darauffolgenden Saison landeten die Foxes auf Platz fünf und damit auf einem Playoff-Platz, doch scheiterten im Halbfinale im Elfmeterschießen an Cardiff – die später 3:2 gegen Blackpool verlieren sollten. 2010 sollten sie erneut in die Playoffs kommen, aber trotz guter Leistungen lud der damalige Besitzer Milan Mandaric mit Paulo Sousa einen Trainer zum Playoff-Rückspiel ein.

 

„Man muss kein Raketenwissenschaftler sein, um zu verstehen was hier abgeht.“ – Trainer Nigel Pearson über die Einladung von Paulo Sousa.< /div>< /div>

 

Pearson war zwar bei den Fans und den Spielern sehr beliebt, für Mandaric galt jedoch nur der Aufstieg. Nachdem dieser den Verein an die King Power Group verkauft hatte, gaben die Fans kund, dass sie Nigel Pearson zurückhaben wollen. Und so kam es dann auch. Zwar kam diese Entscheidung bei seinem vorigen Verein, Hull City, und dessen Fans nicht sehr gut an, die Romanze zwischen den Foxes und Pearson sollte davon jedoch nicht aufgehalten werden.

 

Jahre später sollte der Verein nach tollen Leistungen auf und abseits des Platzes endlich wieder den Sprung in die Premier League schaffen. Gut gescoutete Spieler, sowie Pearson und die Unterstützung der Fans sind die Hauptgründe für die Erfolge.

 

Nach einem turbulenten Jahr als Aufsteiger schafften die Foxes nach Serien von dreizehn und acht sieglosen Spielen tatsächlich noch den Klassenerhalt, indem sie sieben der letzten neun Spiele gewannen. Aber Nigel Pearson schmiss die Nerven. Öfter gab er wütende Interviews und berichtete davon, seinen Vertrag nicht zu erfüllen oder antwortete kryptisch, dass seine Zeit bald ein Ende hätte. Zeitungen feuerten die Gerüchte einer Entlassung des Trainers weiter an. Das sowieso bereits zerrüttete Verhältnis zwischen dem Trainer und dem Präsidium wurde am 30. Juni 2015 beendet. Das rassistische Sextape seines Sohnes soll der letzte Tropfen gewesen sein, der das Fass zum Überlaufen brachte. Nach 289 Spielen und einer Siegesquote von 48,44 Prozent musste der Engländer Leicester City verlassen.

 


The Tinkerman

Zwei Wochen später wurde ein neuer Trainer vorgestellt: Claudio Ranieri, bei Griechenland nach peinlichen Niederlagen entlassen, wurde zum neuen Trainer des Vereins ernannt. Ranieri war zuvor beim AS Monaco in Frankreich unter Vertrag und brachte die Monegassen zurück in die Ligue 1 – wenn auch teils mit enttäuschenden Leistungen. Später wurde er Trainer der Nationalmannschaft Griechenlands, wurde jedoch nach nur vier Spielen, in denen er nur zu einem einzigen Punkt kam und sogar gegen die Färöer-Inseln verlor, entlassen.

 

Seine großen Erfolge sind bereits etwas länger her, dennoch wird der Italiener in England noch immer als „the Tinkerman“ bezeichnet, auf Deutsch als „der Bastler“. Mit einem bereits sehr guten Kader hatte Ranieri bei Leicester City nur mehr wenig zu tun. Man agierte schlau auf dem Transfermarkt, merzte Schwächen aus und arbeitete am Teambuilding. „Jeder bleibt länger und macht noch extra Einheiten. Jemand geht noch in die Tiefkühltemperaturkammer und man denkt sich „Oh, wenn er reingeht, dann gehe ich auch rein“. Ob es wirklich hilft oder nicht, ich weiß es nicht … Es könnte nur eine Kopfsache sein, aber wir machen es alle und wir gewinnen, also werden wir nicht damit damit aufhören“, so Danny Simpson.

 

Leicester City ist mehr als nur ein Underdog an der Spitze der Premier League. Leicester City ist einer der interessantesten Vereine Englands. Die Foxes verfügen über ein sehr gutes Scouting und zeigen wiedermal, wie sehr es dem englischen Fußball in diesem Bereich mangelt. Der Kader ist eine Mischung aus jungen, gut gescouteteten Spielern, die durch die vielen älteren, erfahrenen Spieler bodenständig bleiben und von den Fans, die sich durch ihr tollen Besitzer voll auf die Unterstützung der Spieler konzentrieren können, bei jedem Spiel mit voller Kraft supportet werden. Hinzu kommt, dass Leicester City derzeit mit viel Selbstvertrauen und einem gewissen Quäntchen Glück spielt. Laut Trainer Claudio Ranieri habe sein Vorgänger Nigel Pearson alles richtig gemacht und er habe kaum etwas ändern müssen. Einzig die Verpflichtungen von Riyad Mahres und N’Golo Kanté, der Esteban Cambiasso ersetzen sollte, waren im Sommer von großer Bedeutung.

 

Doch wo wird man die Foxes in den nächsten Jahren finden? – Diese Saison sind sie zwar noch die Underdogs, doch wie die King Power Group bereits vor einigen Jahre sagte: Das Ziel ist Europa. Und dort werden sie sicher auch in den nächsten Jahren zu finden sein. In der Tat gibt es einige Parallelen zu Chelsea. Claudio Ranieri brachte in den Frühen 2000ern ein damals bankrottes Chelsea in die Champions League. Der Italiener setzte damals auf unbekannte, junge Spieler wie John Terry oder Frank Lampard. Erst durch diese Erfolge wurde der Russe Roman Abramowitsch auf den Verein aufmerksam und übernahm ihn im Sommer 2003 für 210 Millionen Euro.

 

Die Foxes sind auf dem Weg zum Meistertitel. Sie haben zurecht viele Sympathien gewonnen, jedoch aus dem falschen Grund. Leicester City ist kein kleiner Verein und die Spieler verdienen sehr wohl sehr viel Geld, das ist aber kein Grund den Verein deshalb weniger zu mögen. Die Besitzer aus Thailand, sollen sehr freundlich sein, die Spieler ehrgeizig und immer für ihre Fans da und auch die Foxes selbst sind bei jedem Spiel lautstark und stehen immer hinter dem Verein. Leicester City ist kein Underdog, sondern das Paradebeispiel dafür, dass der moderne Fußball sehr wohl wunderschön und sympathisch sein kann. 

 

>>> Linktipp: Leicester Till I Die

 

Ein Artikel in Kooperation mit Cavanis Friseur

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