Liebe Rapid- und Austria-Fans: Das mit dem Titel wird wieder nichts
Der oberflächliche Eindruck mag täuschen, doch Red Bull Salzburg geht als klarer Favorit in die Meisterschaft, da kann Rapid noch so tief in die Tasche greifen wie nie zuvor. Auch die Austria wird daran nichts ändern können. Von Georg Sander
Red Bull Salzburg – ein neues Niveau
Es ist wohl ein Novum in der Ära Rangnick: Das erste Mal seit 2012 wurden tatsächlich erfahrene Kicker geholt. Vor allem von Munas Dabbur (24) und Marc Rzatkowski (26) ist einiges zu erwarten. Hinzu kommen die internen Neuzugänge bzw. Rückkehrer Reinhold Yabo und Christoph Leitgeb sowie Martin Hinteregger. Ebenfalls neu sind Stoßstürmer Frederik Gulbrandsen (23), Flügelstürmer Wanderson von Getafe (21) und Stefan Stangl (24). Stellt man die Zugänge den Abgängen wie Hany Mkhtar, Omer Damari, Benno Schmitz oder Yasin Pehlivan gegenüber, sieht man, was das heißt.
Und dann gibt es noch den Abgang von Naby Keita.Der ging nach einigem Hin und Her doch zu RB Leipzig. Wie sehr er fehlen wird, ist noch unklar. Klar ist hingegen, dass Salzburg letzte Saison einen Punkteschnitt von 2,05 Punkten pro Ligapspiel hatte, mit Keita 2,06, ohne ihn (nur sieben Spiele), waren es 2,0 Punkte. Nun zu sagen, dass er die Mannschaft auseinander reißen wird, ist kühn. Noch dazu stand er auch bei den peinlichen Auftritten in Minsk und Malmö auf dem Spielfeld. Eine Spiel gewinnt halt keiner alleine. Eine Verantwortungsstreuung, die auch die jungen Österreicher Laimer und Lazaro, beide mit guten Chancen auf einen Stammplatz, in die Pflicht zur Spielgestaltung nimmt, kann so verkehrt nicht sein.
Es gibt eigentlich nichts, was gegen einen Meister aus Salzburg spricht, aber dieses Jahr könnte es noch deutlicher werden als in der über weite Streckten verhauten Saison 2015/16. Angesichts der diesjährigen Qualität in der Kaderbreite scheint auch ein Hoffen auf eine Salzburger Europacup-Gruppenphase wie ein Strohhalm, an den man sich in Hütteldorf klammern will. Denn die haben auf jeden Fall auch drei Stammspieler verloren. Die einzige Chance ist, dass sich Salzburg im Nicht-Toreschießen verzettelt. Das scheint wenig wahrscheinlich.
90minuten.at-Erwartung: Rang 1
FK Austria Wien – Wer ist die Austria?
Dynamik. Wenn es einen großen Unterschied zwischen Rapid, Salzburg und Austria gab, dann war es die Dynamik, die den Veilchen im Offensivspiel da und dort fehlte. Hier wurde nachgebessert; schon im Winter mit Lucas Venuto, aber auch jetzt mit Heimkehrer Ismael Tajouri und Neuzugang Felipe Pires. Auch in der Defensive gab es Handlungsbedarf, sind doch 48 Gegentore für einen Drittplatzierten etwas viel. Zu diesem Zweck ersetzt der ebenfalls dynamischere Petar Filipovic von der SV Ried den hölzernen und langsamen Vance Shikov. Filipovic' Rieder kassierten ja auch nur drei Gegentore mehr als die Veilchen und wenn man zumindest mit Vizemeister Rapid mithalten will, muss hinten öfter die Null stehen. Rapid spielte in der Liga zwölf Mal zu Null, die Austria nur neun Mal.
Aber auch vorne muss sich etwas tun. Bei der Causa Kevin Friesenbichler, der noch Benfica Lissabon gehört, tritt man auf der Stelle, Larry Kayode beziffert die Wahrscheinlichkeit eines Verbleibs öffentlich bei lediglich 50 Prozent. Alex Gorgon, Toptorschütze mit 19 Treffern, ist weg. Auch die 65 Tore, nur eines weniger als Rapid, sollen nicht täuschen. 20 davon erzielte man, abgesichert am dritten Rang, in den letzten fünf Spielen, satte neun gegen den SVM.
Auf die Gefahr hin, sich zu wiederholen: Auch die Veilchen haben Probleme an vorderster Front, wenn nur einer aus dem Duo Friesenbichler/Kayode gehen sollte. Etwas Fink-typisch hingegen ist es, dass man die Dynamik weniger über die Taktik als über die Spieler herstellt. Das sollte mit den Neuzugängen klappen. Ob es aber ausreicht, auch nur Rapid zu fordern oder gar Salzburg, steht angesichts der sich abzeichnenden Torflaute in den Sternen.
90minuten.at-Erwartung: Rang 2 – 4
SK Rapid Wien, all-in?
Durch das neue Stadion so viel Budget aus dem nationalen Bewerb wie noch nie, agieren die Hütteldorfer bei den Transfers offensiver als sonst. Den Umzug in die neue Heimat im Allianz-Stadion haben sich aber viele wohl anders vorgestellt: Die Mission 33 hat man verhauen, die starke linke Seite mit Stangl/Kainz ist weg, mit Mike Büskens kam ein Trainer, der als Ex-Kollege von Sportdirektor Müller ein gewisses Geschmäckle - auch wenn sie bisher noch nicht gemeinsam essen waren - aufweist; und von dem niemand so richtig weiß, wie er sich schlagen wird. Doch das haben die Rapid-Fans längst vergessen, denn das mediale Dauerfeuer rund um die neue Spielstätte, inkl. Heiligenschein, hat ihren Teil dazu beigetragen - und die Medien haben es großteils geschluckt.
Doch zurück zum Sportlichen: Neben den bekannten Innenverteidigern holte man einen vierten, erfahrenen Mann in Person von Admiras Christoph Schösswendter. Max Wöber soll als Schrammel-Backup links außen fungieren. Joelinton von Hoffenheim – Achtung, Geschmäckle-Geruch, weil Ex-Müller-Arbeitgeber – soll den nun verletzten Mate Jelic und Tomi unter Druck setzen. Wie schnell sich Arnor Traustason einfügen kann, ist offen, genau so wie bei Petsos-Ersatz Ivan Mocinic. Fakt ist: Zum neuen Stadion gesellt sich auch eine offensive Einkaufspolitik. Jetzt muss es nur noch gut gehen.
Es ist dieser Mannschaft mit dem neuen Stadion und einer grün-weißen Wand im Rücken durchaus zu zutrauen, sich das erste Mal seit 2008 den Meisterteller zu sichern. Blickt man auf Rapids Historie jüngerer Vergangenheit, dann ist es fast ein All-in wie beim Pokern. Die entscheidende Frage ist, ob man es in 36 Runden schafft, einen Punkt (bzw. arithmetisch gemäß Torverhältnis) besser zu sein als Salzburg. Der Schlüssel liegt hierbei wie gewohnt nicht in den direkten Duellen, sondern gegen die vermeintlich Kleinen - die bekannte Schwachstelle in den vergangenen Jahren. Hier ist vor allem auch Büskens gefordert.
90minuten.at-Erwartung: Rang 2 – 3