Eine meisterliche Fanverarsche

Will denn niemand Meister werden? Den Titel scheint dieses Jahr jenes Team zu bekommen, das es am wenigsten nicht will. Eine Anklageschrift an die Verantwortlichen bei Red Bull Salzburg, Rapid Wien und Austria Wien. Von Georg Sander.

 

Anfang der Rückrunde fragte der ORF die Bundesligatrainer, wer denn Meister werden würde. Nach 20 Spielen im Herbst war Salzburg mit zwei Punkten Vorsprung vor der Austria Winterkönig, einen Punkt hinter den Veilchen lauerte der SK Rapid. Die Trainer sagten Dinge wie „Ich hoffe aber natürlich, dass das Red Bull Salzburg sein wird“ (Oscar Garcia), „Salzburg oder Rapid wird Meister, und wir werden versuchen, sie so lange wie möglich zu ärgern.“ (Thorsten Fink) und „Favorit ist Salzburg, aber im Fußball ist immer alles möglich.“ (Zoran Barisic).

 

Tiefstapeln war also angesagt. Und ob bewusst oder unbewusst, die Leistungen der drei Top-Klubs reihen sich an diese Aussagen an. Aber es sind nicht nur die Aussagen, die an eine Verarsche der eigenen Fans denken lässt. Fehlt der Glaube an einen selbst, leisten sich die Coaches taktische Klogriffe, ist man mehr mit sich selbst beschäftigt als mit den anderen? Soll am Ende die Admira einen Lauf starten oder der SK Sturm wie 2011 Meister werden, obwohl man das nie wollte und sich alle anderen eher blöd anstellten? Gut, 14 Punkte aufzuholen ist dann doch etwas unrealistisch. Fakt ist, dass in diesem Jahr viele Krampfspiele und wohl eine passabel gespielte Halbsaison reichen werden, um Meister zu werden. Gewagte Theorie, ja. Aber hier die Herleitungen:

 

Austria Wien mag die Kälte nicht
Bis zum 16. Spieltag war die violette Welt mehr als in Ordnung. Nach einem schwachen siebten Rang und einer Neuausrichtung der sportlichen Leitung gab man selten Punkte ab. Zwei Remis gegen die Bullen aus Salzburg, zwei späte Remis gegen die Admira und Grödig, ein Remis gegen die Rieder, eine Niederlage in Graz – und eine 2:5 Klatsche daheim gegen Rapid. Dankenswerterweise haben aber Derbys so und so die Ausrede des besonderen Spiels parat. Nach den zwei Unentschieden in Runde 15 und 16 gegen Salzburg und die starke Admira riss der Faden. Fünf Niederlagen, eine Punkteteilung gegen den SVM und zwei knappe Siege gegen Sturm und Grödig – Fink ist ausgerechnet. Dabei ist das fast logisch. Nur in den ersten fünf Runden der Spielzeit gab es drei deutliche Siege. Alle acht anderen Triumphe waren mit nur einem Tor Unterschied. Wer so minimalistisch am Rande des Remis wandelt, der braucht sich nicht wundern, wenn einem das irgendwann um die Ohren fliegt. Mit etwas mehr Grips und Plan wäre da mehr drin, als plötzlich mit sieben Punkten Rückstand den Meisterteller zu verschenken. Und was macht Fink? Er hakte die Meisterschaft ab und stellt die Qualität seines Kaders in Frage. Produktive Selbstreflexion sieht anders aus. Dem 4:1 in Salzburg ließen die Veilchen nun wieder sieben, zum Teil schmeichelhaft ergatterte Zähler folgen; man ist mit fünf Punkten wieder in einer gewissen Schlagdistanz. Schmeichelhaft ist aber vor allem die spielerische Note der Violetten. 22 von 45 Ligatoren entsprangen Standards. Was das heißt, kann sich nun jeder selbst beantworten.

 


Salzburg ist nach wie vor mit sich selbst beschäftigt
Nach einem richtig schlechten Saisonstart ist man in Salzburg hauptsächlich mit sich selbst beschäftigt. Unzählige Verletzungen, „doofer“ Hinteregger, „doofer“ Zeidler, rumpelnder Garcia. Jaja, die Bullen haben die besten Einzelspieler und haben jüngst bewiesen, dass die auch 2015/16 recht gut zusammen spielen können. Das schönste Trainingszentrum, das größte Budget, anscheinend übermächtige Gegner aus Malmö und Minsk, Trainerwechsel, zum Teil Ungekicke wie in den schlimmsten Trap-/Moniztagen. Ok, Garcia folgt der Devise „Jugend forscht“ und dann heißt die zentrale Kette auch notgedrungen derzeit Caleta-Car – Schmitz – Laimer – Oberlin. Im Zweifelsfall soll bzw. muss es dann Keita richten.

 

Das Lazarett lichtet sich nun wieder, aber auch die sportliche Leitung hat wohl Fehler gemacht. Mit Miranda steht ohnehin nur ein erfahrener Innenverteidiger am Lohnzettel, der nun gelbgesperrt ist. Mit Sörensen ist die 19-jährige Nummer drei verletzt. Wer ersetzt ihn? Der 20-jährige Bernardo? Rechtsverteidiger bzw. Mittelfeldspieler Schmitz? Oder doch der 17-jährige Dayout Upamecano? Den 21-jährigen Lukas Gugganig gab man ja sicherheitshalber zum FSV Frankfurt ab. Wo er Stammspieler ist. Doch am Ende wird man mit hoher Wahrscheinlichkeit wieder ganz oben stehen und sich das nächste Double aufs Revers heften können, ehe im Sommer wieder drei Schlüsselspieler gehen, sicherheitshalber vermutlich nach einem von Verletzungen (tut doch endlich was!) geplagten grauslichen europäischen Kurzauftritt der Katzenjammer ausbricht. Aber wäre das wirklich Salzburgs Schuld?

 

Ob diese Rapid meisterlich ist?
Logischerweise entscheidet sich die Meisterschaft nicht im Spätsommer. Aber dass Rapid zu Beginn der Saison acht Zähler Vorsprung auf Salzburg hatte, lässt sich kaum wegdiskutieren. Hatte man im Herbst noch die ach so "böse Doppelbelastung" als Ausflucht parat, ist diese mit einem 0:10 gegen Valencia mehr als deutlich verloren gegangen - und prompt endete auch die 2016er-Siegesserie der Grün-Weißen. Ein Grundproblem dieser Spielzeit ist, dass man es kaum einmal schafft, 90 Minuten konstant gut zu spielen. Vielleicht gab es deshalb erst zwei Remis. Im Frühjahr punktete man zunächst aber meisterlich. Mit dem 0:0 in Altach scheint der Faden zu reißen. Admira hin oder her – wer gegen Valencia Budget ins Treffen führt, darf sich von den armen Südstädtern im eigenen Stadion niemals so vorführen lassen. Das muss erst mal aus den Köpfen raus. Und dann muss man just nach Ried, die mit dem Rücken zur Wand stehen und schon bewiesen haben, dass sie gegen die Großen punkten können.

 

Was sagt es aber aus, wenn man just in der Saison das erste Mal seit 2008 super Meisterchancen hat, in der Salzburg einen enormen Stiefel produziert. Vor allem in Tornähe pflegt man ein Abhängigkeitsverhältnis, von dem gar die Keita-süchtigen Bullen träumen. Florian Kainz traf nicht nur sechs Mal in der Liga, er bereitete auch 14 Tore als Assistgeber vor. Was gegen Wolfsberg, in Graz und gegen Grödig gut gegangen ist, flog den Rapidlern schon zwei Mal im Frühjahr gegen die Admira um die Ohren. Und leider gibt es nur noch drei Duelle gegen Teams auf tabellarischer Augenhöhe. Die Schwäche gegen die sechs anderen ist halt leider mittlerweile so legendär wie der Block West und Steffen Hofmann.

 


Ist es als Fan des heimischen Fußballs wirklich zu viel verlangt, dass die Facharbeiter und ihre Vorgesetzten nicht nur hin und wieder einmal souverän 36 Runden runter biegen? Sind Zaubersaisonen wie Rapids 2008er-Campaign, der Schmidt'/Stöger'sche 13er-Paarlauf sowie Meister Schmidts 2014er-Souveränität die Ausnahme?

 

Wie beurteilt ihr die drei Spitzenklubs? Ist für die Austria wirklich nicht mehr drinnen? Müsste man von Salzburg nicht mehr verlangen können als sie jetzt zeigen? Und schöpft Rapid mit Trainer Barisic das Maximum aus?