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Die Leiden des Roberto Mancini

Roberto Mancinis Zeit bei Inter ist vorbei. Das liegt einerseits am Chaos im Verein und andererseits auch an seinem schwierigen Charakter. Von Thomas Hürner

 

Ein Artikel in Kooperation mit Cavanis Friseur

cavanis friseur

 

Es ist kein Zufall, dass die Mannschaft von Inter Mailand im Rahmen eines Testspiels heute, Mittwoch, gegen Borussia Mönchengladbach (Anpfiff: 20.45 Uhr) ausgerechnet in der kleinen Hafenstadt Jesi , nur unweit vom Spielort Ancona, übernachtet. Es war ein persönliches Anliegen von Roberto Mancini, der sich ein freudiges Wiedersehen mit Freunden und Bekannten aus seiner Heimatstadt erhoffte. Der mittlerweile 51-Jährige verließ den 40.000-Einwohnerort einst im Knabenalter, um erst als Spieler und dann als Trainer Karriere zu machen. Der italienische Traditionsklub traf wie erwartet ein, Mancini jedoch fehlte. Sein Vertrag war zwei Tage vor Abreise im beidseitigen Einvernehmen aufgelöst worden.

 

Der sportliche Erfolg ließ zu wünschen übrig
Die Trennung kam wenig überraschend, bereits seit Wochen spekulierten die italienischen Gazzetten über interne Querelen zwischen Mancini und der Klubführung. Erst im Juni erwarb die Suning Holdings Group, ein chinesischer Großkonzern, die Mehrheitsanteile bei Inter. Neben frischen Geldern versprach Zhang Jindong, Schirmherr von Suning, einen Paradigmenwechsel auf dem Transfermarkt. Bisher durfte Mancini, ganz nach englischem Vorbild, in einer Teammanager-Rolle viel Einfluss bei etwaigen Zu- oder Abgängen üben. Immer wieder betonte der Italiener öffentlich, dass er etwas in die Jahre gekommene Spieler wie Yaya Touré, den er bereits bei Manchester City trainierte, präferiere. "Um enge Spiele zu gewinnen, braucht es Spieler mit seiner Gewinner-Mentalität und Erfahrung", sagte Mancini, angesprochen auf den Ivorer, erst im Juli.

 

Der indonesische Investor Erick Thohir, vormals Mehrheitseigner des Klubs und immer noch Präsident, bedachte Mancini im November 2014 ganz bewusst mit einer Position, die über die des einfachen Übungsleiters hinausgeht. Der Italiener durfte gerade zu Anfang schalten und walten wie er wollte, genoss im Rahmen der finanziellen Möglichkeiten vollstes Vertrauen. Obwohl vom Financial Fairplay gegeißelt, schaffte es Mancini, gemeinsam mit Sportdirektor Piero Ausilio, den ein oder anderen Hochkaräter nach Mailand zu lotsen. Der sportliche Ertrag ließ jedoch zu wünschen übrig. Der 51-Jährige holte mit 1,63 Punkten pro Spiel weniger Zählbares als sein gescholtener Vorgänger Walter Mazzari (1,65). Mancini schaffte es ebenso wenig, eine nachhaltige Spielidee zu implementieren. Vor allem die Offensive wirkte ideenlos und basierte größtenteils auf der individuellen Klasse von Spielern wie Ivan Perisic, Mauro Icardi oder Stevan Jovetic.

 

Der Bruch kam mit der Übernahme der Chinesen
Thohir stand öffentlich stets zu seinem Trainer, verkündete im Juli gar, dass Mancini der Star der Mannschaft und Fixpunkt für die Zukunft Inters sei. Intern gab es jedoch bereits zu diesem Zeitpunkt Meinungsverschiedenheiten, insbesondere das Verhältnis zwischen Mancini und Geschäftsführer Michael Bolingbroke soll lange nicht mehr das Beste gewesen sein. Der endgültige Bruch kam jedoch mit der Übernahme der Chinesen. Mancini fühlte sich außen vor gelassen, zu wenig in die operativen Zukunftsplanungen des Klubs eingebunden. Der Italiener sagte später, er habe bis kurz vor Abschluss der Verhandlungen mit Suning nicht einmal von ernsthaften Übernahmegesprächen gewusst.

 

Von einem Trainerwechsel wollten die Chinesen aber bei der Übernahme nichts wissen. Sie sprachen Mancini das Vertrauen aus, wollen den Klub aber in eine andere Richtung lenken und vermehrt auf junge Spieler setzen. Als Koordinator der neuen Vereinsphilosophie fungiert hinter den Kulissen seit kurzem ein gewisser Kia Joorabchian. Ein Mann, so mysteriös wie sein Name. Der im Iran geborene Geschäftsmann soll auch jeweils einen britischen und kanadischen Ausweis haben, die jeweils mit unterschiedlichen Geburtsdaten versehen sind. Ansonsten ist über den 45-Jährigen ist nur wenig bekannt. Joorabchian verfügt über exzellente Kontakte auf dem südamerikanischen Spielermarkt und machte sich einst mit dem Doppeltransfer von Carlos Tévez und Javier Mascherano zu West Ham United einen Namen. Er soll auch für die überraschenden und teuren Transfers von Ramires und Alex Teixeira zu Jiangsu Suning, dem Hausklub der chinesischen Investoren, verantwortlich sein. Dass sich Inter und Mancini letztlich trennten, machen viele italienische Fußballexperten unter anderem am iranischen Geschäftsmann fest. Joorabchian und Mancini kennen sich nämlich noch aus Zeiten, in denen der Italiener Trainer von Carlos Tévez bei Manchester City war. Der argentinische Angreifer und Mancini gerieten immer wieder aneinander, Tévez wurde wegen Disziplinlosigkeit suspendiert. Bereits damals soll Joorabchian seine Kontakte spielen lassen und die Strippen für Mancinis Entlassung gezogen haben. So auch diesmal.

 


Mancini bekam nicht genug
Trotz aller Unstimmigkeiten versuchte man bis zuletzt, die Wogen intern zu glätten. Mancini musste zwar auf Wunschspieler Yaya Touré verzichten, bekam von Suning jedoch mit Antonio Candreva ein teures Einstandsgeschenk, das er ebenso gefordert hatte. Inter zahlt für den 29-Jährigen an Lazio Rom samt Boni etwa 25 Millionen Euro. Sportdirektor Ausilio gelang das Kunststück, Europa League-Sieger Éver Banega vom FC Sevilla ablösefrei zu verpflichten. Mancini wurde darüber hinaus zugesichert, dass kein Leistungsträger verkauft wird. Für die Rolle des Co-Trainers wurde extra Mancinis Wunschkandidat Angelo Gregucci von US Alessandria losgeeist. Mancini war das alles aber nicht genug.

 

Auch eine Vertragsverlängerung zu höheren Bezügen - Mancini war bereits der bestbezahlte Trainer der Serie A - lag unterschriftsreif auf dem Tisch. Ein Nettogehalt von sechs Millionen Euro hätte Mancini laut der Gazzetta dello Sport bekommen sollen. Die Chinesen bestanden jedoch auf eine Klausel, die eine Qualifikation zur Champions League voraussetzt, um das Arbeitsverhältnis sicher fortzuführen. Mancini war damit nicht einverstanden, drängte seither auf eine Auflösung des bisherigen Kontrakts.

 

Es dürfte nun das wohl endgültige Ende einer ehemals erfolgreichen Liaison sein. In seiner ersten Amtsperiode führte Mancini Inter zurück an die nationale Spitze. Der zweite Streich begann voller Euphorie, mündete letztlich aber im Chaos. Das liegt nicht nur an den strukturellen Veränderungen im Klub, sondern auch an Mancinis schwierigem Charakter. Er gilt als impulsiv und wenig kritikfähig, Niederlagen sind meist der Unfähigkeit seiner Stürmer oder unerfahrenen Youngster zuzuschreiben.

 

Sein Nachfolger wird Frank De Boer, der in den Niederlanden ähnliches geschafft hat wie Mancini einst bei Inter. Bis zu seiner Amtsübernahme war Ajax Amsterdam sieben Jahre ohne Titel. Er machte aus dem Rekordmeister wieder eine nationale Macht, wurde viermal in Folge Meister. Der 46-Jährige gilt als Wunschkandidat aller Verantwortlichen, seien es die Chinesen von Suning, Präsident Erick Thohir oder gar der mysteriöse Kia Joorabchian. Ein Trainer, der zur neuen Philosophie des Klubs passt und mit 1,5 Millionen Euro netto nur einen Bruchteil von Mancini verdient. Und in Jesi freuen sie sich am Mittwochabend nicht über Mancini, sondern über einen Traditionsklub, der intern endlich wieder über eine einheitliche Linie verfügt.

 

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