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#TimeToGoMassimo: Aus Liebe wurde Hass

Leeds United gehörte vor ein paar Jahren noch zu den Topmannschaften Englands. Heute stehen Abstiege, Insolvenz und ein verrückter Besitzer im Vordergrund. Von Marco Stein

 

Ein Artikel in Kooperation mit Cavanis Friseur

cavanis friseur

 

Seit Jahren verfolge ich das Geschehen um Leeds United und darf mich stolz Fan des Vereins nennen. In den letzten Jahren gab es nur selten positive Nachrichten um die Whites. Als ich begann mich stärker für den Verein zu interessieren, war Leeds im Besitz von Ken Bates, einem Investor, der zuvor Chelsea für eine enorme Summe an Roman Abramowitsch verkauft hatte. Bei Leeds soll es jedoch Liebe auf den ersten Blick gewesen sein. In Wahrheit war der Verein jedoch nichts anderes als ein Weg noch mehr Geld zu machen. Er rettete Leeds vor der Insolvenz, verpflichtete billige Spieler und setzte weiterhin auf die gute Jugendakademie. Bereits wenig später war der Wiederaufstieg in die Championship, die zweite Liga Englands geschafft. Verstärkungen waren jedoch Mangelware. Stattdessen musste der damalige Trainer Simon Grayson mit Leihspielern auskommen. Im Gegenzug wurden die besten Spieler für viel Geld an andere Vereine verkauft. Das erwirtschaftete Geld wurde jedoch nie in den Kader gesteckt, sondern landete viel mehr in den Taschen von Bates. Durch viele weitere Skandale starteten die Fans einen Protest gegen den Besitzer.

 

„Was konnte schon schlimmer sein als Ken Bates?“
Nach langem hin und her sah sich Bates gezwungen den Verein an eine britisch-arabische Investmentfirma namens GFH Capital zu verkaufen. Zwar gab es im Internet kaum Infos zu dem Unternehmen, jedoch „was konnte schon schlimmer sein, als Ken Bates?“ – Doch man lag falsch, auch ich. Die Freude und die Euphorie über den Abschied von Bates waren dermaßen groß, dass man die Realität nicht wahrnahm. Mit den neuen Besitzern holte man sich scheinbar neues Geld ins Boot, die den Fans den Himmel auf Erden versprachen. Und tatsächlich, bereits wenige Wochen nach der Übernahme wurde etwas Geld in die Hand genommen und ein paar Neuzugänge fixiert. Dabei wollte GFH Capital nur einen guten ersten Eindruck machen, um vom wahren Geschehen hinter dem Verein abzulenken, denn in der Zwischenzeit hatte das Unternehmen die Anteile des Vereins in tausende kleine Teile zersplittert und diese gewinnbringend in Saudi-Arabien verstreut. Hinzu kamen dubiose Zahlungen, wie beispielsweise ein Millionenbetrag an eine Spendenorganisation, die diesen Betrag nie erhalten haben soll.

 

Nachdem der Verein erneut kurz vor dem Aus stand und sich auch die Transferpolitik in Grenzen hielt, kamen Gerüchte um neue mögliche Besitzer auf. Red Bull, ein Saudi und zu guter Letzt ein Italiener: Massimo Cellino. Der Cagliari-Besitzer galt als verrückter Typ mit großer Klappe, doch sollte stets das Maximum aus dem sizilianischem Verein herausgeholt haben. Erst durch einen Streit mit der Gemeinde Cagliari aufgrund des Stadions, soll sich das Verhältnis zerrüttet haben. So war Cellino auf der Suche nach einem neuen Verein und wurde mit Leeds fündig. Wenig später nach seiner Übernahme kaufte er große Teile GFH Capitals auf und entließ die Saudis. Aber auch ein „Trainerrausschmiss“ sorgte für einen Eklat. Cellino wurde von seinem Berater über die Unfähigkeit im Verein informiert und ließ rigoros alle am Deadline Day entlassen – auch den damaligen Trainer Brian McDermott, der eigentlich gute Arbeit leistete und einen tollen Ruf bei den Fans hatte – so zumindest GFH Capital, nachdem sie den Verein verließen. Nachdem sich viele Spieler beschwerten und auch viele Fans schockiert reagierten, wurde die Entlassung noch am nächsten Tag aufgehoben. In den nächsten sieben Tagen folgte ein verrücktes hin und her, ob McDermott nun entlassen sei oder nicht, bis heute ist unklar wer oder was der Grund für die Entlassung und Wiedereinstellung des Trainers war und wer die Entscheidung traf.

 

Die Fans liebten Cellino und Cellino liebte die Fans
Nichtsdestotrotz stand auch ich wieder dem ganzen positiv gegenüber. Massimo Cellino hatte mit Cagliari einen schuldenfreien Verein, der seine besten Spieler über lange Zeit, trotz vieler Angebote, halten konnte und jährlich gute Spieler verpflichtete. Da kann man über seine Verrücktheit und seinen lockeren Mund hinwegsehen. Die Fans waren erneut euphorisch, noch mehr als damals bei der Übernahme von GFH Capital. Cellino schmiss Bierrunden, trat in Karaoke-Bars auf und stand mit den Fans gemeinsam auf der Tribüne. Die Fans liebten Cellino und Cellino liebte die Fans. Durch sein lockeres Mundwerk fingen die Whites auch wieder zu träumen an. Bereits in zwei Jahren sollte man wieder in der Premier League spielen und das Stadion sollte wieder im Besitz des Vereins sein. Alles war einfach perfekt. Ehe der Star des Vereins keine Lust auf das Trainingslager hatte. Ross McCormack soll Cellino noch immer den Rausschmiss McDermotts übel genommen haben und sich mit dem neuen Besitzer angelegt haben. Nachdem er sich weigerte mit aufs Trainingslager zu fliegen, wurde er für eine Rekordsumme von rund 12 Millionen Euro an Fulham verkauft. Leise aber doch machten die ersten Stimmen gegen Cellino die Runde. Nach einem kurzen Intermezzo mit Dave Hockaday als Trainer wurde nach einem Tipp seines Beraters Darko Milanic, ein Freund von Cellinos Berater und zu seiner Zeit Trainer bei Sturm Graz, der neue Trainer der Whites. Nach nur einem Monat wurde Milanic freigestellt, vor allem die Begründung für seine Anstellung („Trainer sind wie Wassermelonen. Du findest die Wahrheit über sie erst heraus, wenn du sie öffnest. Ich weiß nicht, wieso ich mich für ihn entschied. Er sah einfach gut aus.“) und seine Entlassung („Er hat einfach eine Verlierermentalität“) blieben den Fans – auch in Österreich - in Erinnerung.

 


Cellino hatte eine geniale Idee?!
Cellino aber hatte eine geniale Idee parat: Neil Redfearn, seit eh und je Leeds United-Fan, Akademieleiter und stetiger Interimscoach des Vereins, wurde der Posten des Trainers angeboten. Er sollte zum damaligen Zeitpunkt der längstdienende Trainer im Amt des Italieners werden. Nach Monaten des Reinredens, der eigenartigen Transferpolitik und der Unzufriedenheit gab „Redders“, wie er von den Fans genannt wurde, seinen Rücktritt bekannt und verließ damit nach vielen Jahren den Verein. Erstmals stieß der Italiener auf harte Kritik der Fans. Aber auch sein Ersatzmann, Uwe Rösler, konnte nicht überzeugen und wurde nach zwei Siegen, fünf Unentschieden und vier Niederlagen entlassen.

 

Ersetzen sollte ihn ein Mann, der zwar nun von den Fans wegen seiner Leidenschaft geliebt wird, aber durch eine Aussage von vor ein paar Jahren einen schweren Start hatte. „Leeds ist kein großer Verein. Versteht mich nicht falsch, sie waren es einmal, aber jetzt sind sie nur noch ein von Marionetten geführter Zirkus. Wenn sie mir jemals einen Job anbieten würden, würde ich es ablehnen. Ich will der Kapitän eines Cruiseliners, nicht der Titanic sein“, so Steve Evans im Herbst 2014. Trotz schlechter und inkonstanter Leistungen (Leeds war fast acht Monate ohne Heimsieg) war er bis vor wenigen Tagen im Amt und damit der längst amtierende Trainer der Cellino-Ära. Zuletzt häuften sich Gerüchte um eine Anstellung von Cannavaro und anderen Italienern, während Steve Evans noch im Amt war.

 

Ähnlich wie bei seinen Trainern handhabt es Cellino auch bei seinen Spielern. „Auch ein blindes Huhn findet mal ein Korn“, so oder so ähnlich lautet die Devise Massimos. Bereits in der ersten Transferperiode wurden 15 neue Spieler verpflichtet, in der Hoffnung, dass zumindest einer davon so richtig einschlägt. Dabei wurde die Elf, so oft es auch dementiert wurde, von Cellino bestimmt und manche Spieler einfach vorweggelassen – was bei vielen Fans auf Unverständnis traf. So wurde zum Beispiel der junge Brasilianer Adryan – einer der wenigen, der wenn er spielte, groß aufgeigte –einfach für viele Monate nicht in den Kader berufen, was für eine große Suchaktion der Fans sorgte. Auch Casper Sloth erlitt ein ähnliches Schicksal. Trotz toller Leistungen in den ersten Spielen, kam er über die nächsten Monate nicht mehr zum Einsatz.

 

Neben seiner eigenartigen Transfer- und Einsatzpolitik gab es ein weiteres Problem. Der 59-jährige Italiener wurde der Steuerhinterziehung schuldig gesprochen und damit vom Besitz des Vereins suspendiert. Leeds United lag damit zwar in den Händen Cellinos, jedoch hatte dieser keine Befugnis den Verein zu leiten. Dem Italiener verging der Spaß, viele Fans wollten ihn loswerden, zudem stand er vor einer erneuten Verurteilung. „Wenn sie mich sperren und jemand anderer kommt, der nicht für den Klub kämpft, dann ist er [der Verein] tot.“ Leeds United in einer Zwickmühle.

 

Aufgrund dieser Situation war Massimo Cellino bereit, an die eigenen Fans zu verkaufen. „Ich werde 100% an die Fans verkaufen, wenn sie sie kaufen und nach dem Klub schauen wollen. Ich bin traurig und es ist mir peinlich. Mein Traum war es mein Bestes zu tun, aber ich habe nichts erreicht und meine Familie ist nicht mal bei mir.“ Tatsächlich kam es zu einer Einigung mit den Fans und der Übernahme sollte nichts mehr im Wege stehen, doch im letzten Moment machte Cellino einen Rückzieher und lehnte das Angebot ab. Als am Ende der Wintertransferperiode auch noch Eigenbauspieler Sam Byram den Verein Richtung West Ham verließ, wurde aus dem Frust der Fans Hass. Auf Twitter häufte sich der Hashtag #TimeToGoMassimo; die Elland Road war vor den Spielen voll von Plakaten, auf denen man den Rücktritt des Besitzers forderte.

 

Aber nicht nur Massimo, sondern auch seine Söhne gerieten in die Schlagzeilen. Auf Twitter beleidigte Edoardo Cellino, Sohn des Besitzers und immerhin Geschäftsführer im Verein, einen Leeds-Fan und wurde dafür zu einer Strafe verurteilt und war gezwungen die Vereinsführung zu verlassen. Wenige Tage später fiel auch sein Bruder, Ercole Cellino, ebenfalls Geschäftsführer, durch einen Instagram-Post auf. Nachdem dieser die Hashtags „#gestapo“ und „#ss“ gepostet hatte, wurde der Italiener von vielen für seine nationalsozialistischen Hashtags kritisiert. Auch seine (schwache) Entschuldigung, dass die Hashtags „offensichtlich nur ein Spaß“ waren, traf bei den Fans auf Unmut. Hinzu kam eine drei Spiele-Sperre, sowie eine 5.000 Pfund hohe Strafe.

 

Binnen weniger Wochen folgte eine Reihe von Rücktritten. Der Head of Recruitment, der Academy Director und der Tormanntrainer verließen alle den Verein, nachdem sie nicht mehr mit Cellino zusammenarbeiten wollten. Nach mehrere Protestaktionen der Fans scheint die Cellino-Familie nun realisiert zu haben, dass sie nicht mehr erwünscht sei. Nach einer Freisprechung der Steuerhinterziehung vor italienischem Gericht sitzt er nun seine erneute Suspendierung der Football League als Besitzer des Vereins ab.

 


Ungeklärte Fragen im Verein
„Es ist besser damit nach außen zu gehen, nicht weil ich unehrlich bin, sondern weil ich müde und verletzt und einsam bin. Wenn ich die Zeit zurückdrehen könnte und du mich fragen würdest, ob ich zu diesem Verein kommen würde, würde ich „niemals“ sagen. Wenn niemand kommt, dann habe ich keine andere Wahl als den Verein zu führen. Viele Leute haben mich angerufen, aber die waren nur interessiert. Ich sehe keine Geld“, so der Italiener. Nichtsdestotrotz sei Cellino willig bei jedem Angebot zu verhandeln.

 

Außerdem sei die Familie von Fans eingeschüchtert, was jedoch eher nach einem schlechten Versuch für Mitleid klingt. „Ich habe Angst den Zug zu nehmen, falls jemand auf mich zukäme. Meine Familie kommt nicht mehr nach Leeds weil sie Angst haben.“

 

Größere Angst sollte Cellino jedoch vor den Behörden haben. Vor wenigen Tagen sah sich Leeds United mit einer Klage rund um den Verkauf von Ross McCormack und der Leihe von Adryan konfrontiert. Leeds United, Besitzer Massimo Cellino, sowie der Berater Derek Day wurden allesamt angeklagt beim Transfer von Ross McCormack illegale Geldtransaktionen vorgenommen zu haben. Cellino soll im Namen des Vereins Geld an den Berater überwiesen haben, was ein Bruch der FA-Regelstatuten sei. Ein Präzedenzfall wäre der Transfer von Calum Chambers von Southampton zu Arsenal. Die Londoner wurden damals zu einer Strafe von 60.000 Pfund verurteilt. Jedoch soll Cellino eine weitere Klage bekommen haben, zu der es bisher noch zu wenige Infos gibt. Leeds United soll bei der Leihe von Adryan gegen die geänderte Drei-Parteien-Regelung der FIFA verstoßen haben. Welche Auswirkungen das auf den Verein, Massimo Cellino und den Verkauf des Vereins haben könnte wird sich noch zeigen.

 

Derzeit gibt es einige ungeklärte Fragen im Verein. So stehen in der kommenden Saisons beispielsweise derzeit nur 21 Profis im Kader, wobei einige vor dem Absprung stehen soll. Vor allem die beiden Eigenbauspieler Charlie Taylor (Sunderland) und Lewis Cook (mehrere Interessenten aus der Premier League) sollen vor einem Wechsel stehen. Der Kader wäre damit nicht nur zu schwach, sondern auch noch viel zu klein. Das größte Fragezeichen stand bis vor einigen Tagen aber hinter dem Trainerposten. Steve Evans bekam nicht mehr das Vertrauen des Besitzers, daher befand sich Massimo Cellino auf Trainersuche, ohne dem damals noch amtierenden Trainer jedoch über seine Lage zu informieren. „Ich kann mir dieses Mal keinen Fehler erlauben. Ich habe ein gutes Gefühl, es wird ein ganz spezieller Mann“, so der Italiener vor seinem Treffen mit seinem Favoriten auf den neuen Posten. Karl Robinson ist Trainer der MK Dons und überzeugte, trotz des Abstieges aus der Championship, mit seinem Spielstil und gilt als Förderer Dele Allis, der unter dem erst 35-jährigen Trainer aufblühte. Obwohl sich Cellino jedoch keinen Fehler mehr erlauben wollte, erschien er beim ersten Treffen mit seinem Wunschtrainer bereits eine Stunde zu spät. Noch am selben Nachmittag bestätigte der Besitzer, dass Karl Robinson kein Interesse hätte und absagte. Bereits zwei Tage später traf sich Massimo Cellino mit Darrell Clarke von den Bristol Rovers, einem ebenfalls sehr jungem Trainer, unter dem den Rovers der Durchmarsch von der Conference National in die League One gelang. Allerdings auch dieser lehnte ab und soll Cellino skeptisch gegenüber gewesen sein. Vor 25 Jahren holte Leeds United zuletzt die englische Meisterschaft, vor etwas mehr als zehn Jahren spielte man noch in der Champions League, heute lehnen zwei Trainer ab, mit den Argumenten, dass ihre aktuellen Vereine, ein abgestiegener Zweitligist und ein aufgestiegen Viertligisten, in ihren Augen ein größeres Potential hätten – ein Stich ins Herz aller Leeds-Fans.

 

Nichtsdestotrotz wurde ein neuer Trainer gefunden, sogar ein recht bekannter. Ex-Swansea-Trainer Garry Monk ist der neue Trainer der Whites. Die Fans haben ihre Freude an seiner Anstellung, dennoch haben die Fans die vorigen Wochen nicht gut verkraftet und die Turbulenzen gingen weiter. Viele weigerten sich Saisontickets zu kaufen und so sind die Verkaufszahlen derzeit auf einem Rekordtief. Selbst der Facebook-Post des Vereins, mit dem das neue Saisonticket beworben werden sollte, löste einen Shitstorm aus. „We are Leeds. We are Proud. We are United?! – Einen Scheißdreck sind wir“ – die Whites lassen ihren Frust freien Lauf, wenig später musste der Post in „Sichere dir dein Saisonticket“ geändert werden, um dem Shitstorm der Fans zu entgehen.

 

Die Fans und Cellino sind gespalten wie noch nie, auch die letzten Cellino-Unterstützer wurden überzeugt und sind der Meinung, dass der Italiener eher eine Last für Leeds United ist. Während viele noch immer auf den Verkauf des Vereins hoffen, wartet auf Trainer Garry Monks ein Haufen Arbeit. Man kann gespannt sein, ob die Swansea-Legende Leeds United einen Hauch Premier League geben kann.

 

Ein Artikel in Kooperation mit Cavanis Friseur

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