Martin Harnik: ‚Ich war noch nie ein Spieler, der ewige Treue geschworen hat'

Dem Abstieg knapp entronnen und beim VfB noch ein Jahr unter Vertrag. Mit 28 Jahren steht Martin Harnik vor einer richtungsweisenden Entscheidung für den Herbst seiner Karriere. Von Michael Fiala

 

In einem an Spannung kaum zu überbietenden Finish in der Deutschen Bundesliga ist Martin Harnik mit dem VfB Stuttgart dem Abstieg sprichwörtlich in letzter Sekunde entronnen. Wenige Tage später bereitet er sich mit dem ÖFB-Team auf sein letztes Saisonspiel vor. An seinem 28. Geburtstag steht Harnik den Medienvertretern Rede und Antwort.

 

„Keine Tendenz"
26 Mal stand Harnik in dieser Saison in der Startelf des VfB Stuttgart. Neun Tore und drei Torvorlagen sind eine gute Bilanz für den Fast-Absteiger, der nicht zuletzt auch durch die Leistung des Österreichers die Klasse halten konnte. Doch ob Harnik auch kommende Saison das Vfb-Trikot tragen wird, steht jedoch in den Sternen. Sein Vertrag läuft noch ein Jahr, immer wieder wurde er in den vergangenen Tagen mit anderen Klubs wie HSV, Köln und zuletzt auch Hannover 96 in Verbindung gebracht. Harnik sieht sich selbst in einer mehr als komfortablen Situation: „Es ist eigentlich nichts Besonderes, dass in der klubfußballfreien Zeit Gerüchte entstehen. Da mein Vertrag nur noch ein Jahr läuft, liegt es auf der Hand, dass das auch bei mir so ist. Es wurde schon in den letzten Wochen viel spekuliert. Grundsätzlich habe ich keine persönliche Tendenz", sagt Harnik, der in diesem Jahr Parallelen zu Weltstar Sami Khedira aufweist.

 

Parallelen zu Sami Khedira
Khedira war so wie Harnik jetzt fünf Jahre bei einem Klub, ist so wie Harnik 28 Jahre alt. Dem deutschen Weltmeister war klar, dass es in diesem Jahr die wohl letzte Chance für eine neue Herausforderung gibt, denn in zwei, drei Jahren ist es dann wohl zu spät. Daher hat sich Khedira aus eigenen Stücken vom Weltklub Real Madrid verabschiedet. Harnik sieht das ähnlich: „Der nächste Vertrag, den ich unterschreiben werde, wird höchstwahrscheinlich mein letzter im Profifußball sein. Ich bin im Moment in einer komfortablen Situation. Ich habe einen Vertrag bei einem Verein, der Gott sei Dank in der ersten Liga spielt. Dementsprechend kann ich alle Anfrage auf mich zukommen lassen." Der entscheidende Satz kommt zum Schluss: „Aber ich war noch nie ein Spieler oder Mensch, der jemandem ewige Treue geschworen hat. Da bin ich offen und ehrlich. Ich kann mir viele Dinge vorstellen, aber am Ende muss es natürlich für alle Seiten passen." Harnik spricht damit die Ablöseforderungen der Schwaben an, die bei kolpotierten fünf bis sieben Millionen Euro liegen sollen.

 

Der letzte Vertrag?
Mit 28 Jahren vom möglicherweise letzten Vertrag zu sprechen, verwundert ein wenig. Doch Harnik erklärt: „Also sechs, sieben weitere Jahre Profifußball wären sportlich. Es wäre schön, wenn es so kommt. Und ich würde mich sicher nicht dagegen wehren. Aber realistisch enden die meisten Karrieren mit 32 oder 33." Ein Verbleib bei Stuttgart hängt nicht zuletzt auch davon ab, ob Harnik und das System Zorniger (Anm. d. Redaktion: Alexander Zorniger, ehemals RB Leipzig-Trainer, wurde als neuer VfB-Trainer vorgestellt) harmonieren. Gedanken dazu hat sich Harnik noch nicht machen können, bisher gab es naturgemäß kein Training unter Zorniger. Telefoniert habe Harnik mit dem neuen Trainer jedoch schon.

 


Harnik und Zorniger – geht das?
Ob er sich das laufintensive System unter Zorniger vorstellen kann? Harnik: „Das ist natürlich eine Sache, die man sich erst einmal anschauen und kennenlernen muss. Ich habe bisher nur mit ihm telefoniert und RB Leipzig ein wenig verfolgt, weil es natürlich ein Riesen-Thema in der zweiten Liga war, aber dabei weniger auf den Trainer oder dessen Spielstil geachtet. Deswegen werde ich abwarten müssen, wie gut ich in dieses System passe."

 

Dass Harnik der Deutschen Bundesliga aber erhalten bleibt, ist sehr gut möglich. „Selbstverständlich habe ich einen speziellen Bezug zur deutschen Bundesliga. Es gibt ja auch nur wenige Dinge, die gegen Deutschland sprechen. Selbst wenn ich nicht dort geboren und aufgewachsen wäre." Dennoch sei ein Engagement auch außerhalb Deutschlands vorstellbar: „Ich bin jetzt in einem Alter, wo ich auch ein bisschen weiter von zu Hause weg wohnen kann. Vorstellbar ist einiges, aber das ist am Ende immer eine Frage des Gesamtpakets", sagt Harnik und verweist auf das Gesamtpaket in Stuttgart, das auch nicht schlecht sei. Gespräche über eine Vertragsverlängerung laufen, Deadline will sich der ÖFB-Teamspieler aber keine setzen: „Ich habe ja auch noch Vertrag. Das darf man ja bei der ganzen Geschichte nicht vergessen. Ich bin nicht der Einzige, der entscheidet", sagt Harnik und bringt wieder die Ablösesumme ins Spiel.

 

Noch einmal alles mobilisieren
Doch zunächst gilt seine volle Konzentration dem Spiel in Moskau und verweist so wie auch Koller darauf, dass das Team noch nicht qualifiziert sei: „Die Ausgangsposition kann trügerisch sein. Wir wollen nicht auf die Euphoriebremse treten oder pessimistisch sein, aber wir haben erst die Hälfte der Spiele gespielt. Es ist in dieser Gruppe nicht nur rechnerisch, sondern auch praktisch noch alles möglich. Dem müssen wir uns bewusst sein." Harnik rechnet nach der langen Saison mit einer schwierigen Aufgabe, „nicht nur körperlich, sondern auch geistig. Der Abstiegskampf zehrt natürlich schon ganz schön und man ist natürlich irgendwann leer. Für uns wird es wichtig sein, dass alle Spieler noch einmal alles mobilisieren, um in den letzten 90 Minuten dieser Saison alles rauszuhauen."