Andy Marek: ‚Fanarbeit ist kein Wunschkonzert'

Hat die Liga ein Sicherheitsproblem? Wie kann man mehr Fans ins Stadion holen? Und sind Transparente wie „Sohn einer Hure" für diese Ziele kontraproduktiv? Im Rahmen des Sport & Marke-Kongresses in Wien diskutierten unter der Führung von 90minuten.at-Chef

 

Christian Ebenbauer ...

... über den aktuellen Fanzuspruch der Bundesliga: „Bei der Diskussion darf man nicht vergessen, dass wir in den 1990er Jahren eine viel tiefere Talsohle durchschritten haben, als das jetzt der Fall war. Nichts desto trotz sind wir mit dem aktuellen Schnitt nicht zufrieden, zumindest scheint es nach dem stetigen Zuschauerrückgang seit der Saison 2007/08, als wir knapp an die 10.000er-Marke herangekommen sind (Anm. laut offizieller Bundesliga-Statistik lag der Schnitt bei 9.284 Fans pro Spiel), wieder bergauf zu gehen. Gegenüber der Vorsaison konnten wir den Schnitt in der laufenden Saison leicht steigern (Anm. von 6.165 auf 6.425)."

 

... über Strategien, wie die Fans zurück ins Stadion gelockt werden sollen: „Wir bemerken seit einiger Zeit, dass vermehrt in die Infrastruktur investiert wird und diese Entwicklung stimmt uns auch sehr positiv. Dabei darf man aber nicht vergessen, dass der Hauptmotivator für einen Stadionbesuch immer noch der sportliche Erfolg und die Qualität der Spiele ist und diesbezüglich sind Spiele wie zuletzt Rapid gegen Salzburg natürlich Werbung für die Bundesliga. Darüber hinaus muss es uns auch gelingen, die unglaublich positive Entwicklung rund um das Nationalteam für die Bundesliga zu nutzen und als Zugpferd zu sehen, um mehr Zuschauer ins Stadion zu bekommen."

 

... über die Motivation der Fans ins Stadion zu gehen: „Eine von uns in Auftrag gegebenen Meinungsumfrage zeigt ganz klar: Fans gehen vor allem wegen dem Sport, den Emotionen und wegen dem sozialen Gefüge ins Stadion. Die Umfrage zeigt aber auch, warum Fans nicht ins Stadion gehen und da wird zuerst die mangelhafte sportliche Leistung angeführt und an zweiter Stelle dann die Angst vor Ausschreitungen und Bedenken wegen Rauf- und Saufbolden und an dritter Stelle der schlechte Komfort in den Stadien."

 

< blockquote>

Wir haben kein Sicherheitsproblem in Österreich. Wir haben hier keine gewalttätigen Ausschreitungen und werden dafür von vielen anderen Ländern und Ligen auch beneidet. < /div>< /div>< /blockquote >

 

... zur Frage, ob die Bundesliga ein Sicherheitsproblem hat: „Nein, definitiv nicht. Wir haben kein Sicherheitsproblem in Österreich. Wir haben hier keine gewalttätigen Ausschreitungen und werden dafür von vielen anderen Ländern und Ligen auch beneidet. Für das Pyrotechnik-Problem und Schmähgesänge müssen wir natürlich Lösungen finden, aber das sind keine Sicherheitsthemen."

 

... die aktuelle Imagekampagne der Bundesliga: Gemeinsam mit unserem Partner Tipico wollten wir eine Imagekampagne ins Leben rufen, um einen Bogen vom Kunstland Österreich bis hin zu den alten Helden des Fußballs und den jungen Talenten zu spannen. Dazu haben wir uns den jungen österreichischen Künstler Nazar als Unterstützung ins Boot geholt, was grundsätzlich auch gut funktioniert hat. Von bestimmten Aussagen Nazars halte ich nicht viel, aber wir können ihm auch nicht vorschreiben, was er zu sagen hat und gerade in den Bereichen Kunst und Satire muss man auch Freiräume eingestehen und respektieren, was nicht heißt, dass man diese Aussagen gutheißen muss. Auch unabhängig davon haben wir in den kommenden Jahren viele Projekte in Planung und wir sind überzeugt davon, den 10.000er-Schnitt bis 2020 zu erreichen."

 


Andy Marek ...

... über die Zuschauerentwicklung Rapids in den vergangenen Jahren: „Wir haben immer gewusst, dass wir unglaubliches Fanpotenzial haben, aber von alleine kommen die Leute trotz ihrer Verbindung zu Rapid nicht ins Stadion. Besonders deutlich wurde das in unserer erfolgreichen Europacup-Saison 1995/96, als wir vor einem ausverkauften Ernst-Happel-Stadion gespielt haben und Tage darauf kamen in der Meisterschaft plötzlich nur 4.000 Zuschauer. Rund um die Jahrtausendwende haben wir daher begonnen, mit unterschiedlichen Initiativen mehr Leute ins Stadion zu bringen. Wir haben Fans mit hunderten Bussen nach Wien gebracht, sie mit Tickets versorgt, unseren Kids Club gegründet, eine Wirtshaustour absolviert und uns wirklich um jeden Fan bemüht und dieser mühsame Weg hat sich schlussendlich auch ausgezahlt."

 

... über die Zäsur durch den Platzsturm gegen die Austria 2011: „Nach dem Erfolg der zuvor geschilderten Maßnahmen haben wir uns wieder ein wenig zurückgelehnt und verbunden mit dem Platzsturm 2011 bedeutete das einen kleinen Einschnitt bei den Zuschauerzahlen. Wir wussten zwar, dass wir die Fanbase nach wie vor haben, aber wir konnten sie nicht mehr abholen und das wollen wir nun wieder ändern. Daher beginnen wir wieder mit einer Wirtshaustour im Burgenland und wir wollen auch mit einer Käfigtour hier in Wien die Leute für Rapid begeistern und schlussendlich ins Stadion bringen. Aber das ist harte Knochenarbeit."

 

... über das „Sohn einer Hure"-Transparent beim Spiel Rapid gegen Salzburg: „Wir haben in den Jahren von 2000 bis 2010 erlebt, was positive Stimmung im Stadion bewirken kann, als ganz klar zu sehen war, das viele Leute auch nur deswegen zu unseren Spielen gekommen sind. Fanarbeit ist aber bekanntlich kein Wunschkonzert, wir haben es dabei immer wieder mit Fans zu tun, die oft auch einmal überraschend reagieren. Wir heißen die Botschaft auf dem Transparent „Sohn einer Hure" natürlich nicht gut, aber wir können solche Transparente im Vorfeld nicht ausschließen."

 

< blockquote>

 Das Potenzial ist riesig, aber wir müssen uns um jeden Fan bemühen und kämpfen. < /div>< /div>< /blockquote >

 

... über das Fanpotenzial der Bundesliga: „Das Potenzial ist riesig, aber wir müssen uns um jeden Fan bemühen und kämpfen. Dafür brauchen wir noch mehr Ideen, wie wir mehr Leute ins Stadion bekommen. Am liebsten wäre mir, die Bundesliga würde das ganze Geld, das Rapid heuer schon an Strafen gezahlt hat, dafür verwenden, allen Vereinen Karten abzukaufen und diese dann an Vereine und Schulklassen weitergeben. Dort ist das Interesse durchaus gegeben und nur so kann es uns auch gelingen, langfristig mehr Leute ins Stadion zu bringen. Da würde ich mir von der Bundesliga als Dachverband noch mehr erwarten."

 


Philip Newald über ...

... die Entscheidung von tipp3 das Naming Right der Bundesliga nicht mehr wahrzunehmen: „Wir hatten sechs Jahre lang die Namensrechte der Bundesliga, dann aber den Change zum Nationalteam gemacht, weil dort die Begeisterung und Emotion noch größer ist. Aufgrund der jüngsten Entwicklung sehen wir diese Entscheidung auch bestätigt, wobei wir der Bundesliga als Partner erhalten geblieben sind."

 

... das Spiel Rapid gegen Salzburg: „Ein tolles Spiel – nicht nur wegen dem Spielverlauf, sondern auch wegen der tollen Unterstützung der Fans und der ganz speziellen Stimmung im Stadion. Aber der lässige Fananhang hat sich dann mit einem Red Bull-kritischen Transparent leider selbst ins Knie geschossen. Dabei geht es mir gar nicht um die Kritik an sich, sondern darum, wie sie vorgetragen wurde. Ich habe nichts gegen Bengalen im Stadion, aber ich habe etwas gegen gefährliche Leuchtstifte und gegen Bezeichnungen wie Sohn einer Hure, die da auf dem Transparent verwendet wurde. Das kann ich einfach nicht verstehen. Mit ihren vielen tollen Choreografien und Aktionen gelingt es den Rapid-Fans immer wieder zu begeistern, gerade in diesem Spiel haben sie die Mannschaft mit toller Stimmung zurück ins Spiel geholt und dann kommt so etwas."

 

... über Sicherheitsprobleme in den heimischen Stadien: „Wir haben in Österreich das Glück, keine Nazi- oder ausgeprägte Hooliganszene in den Stadien zu haben, die Spiele beeinflusst und dort massiv Präsenz zeigt. Da geht es in vielen anderen Ländern weit grauslicher zu und auf diesen Punkt darf man in Österreich durchaus auch ein wenig mehr Aufmerksamkeit legen. Das wird bei uns immer als selbstverständlich wahrgenommen, aber schon ein Blick über die Grenzen zeigt, dass es das nicht ist."

 

< blockquote>

 Ich gehe in Österreich von einer fußballinteressieren Öffentlichkeit von rund 1,5 Mio. Menschen aus. < /div>< /div>< /blockquote >

 

... über die Zahl der fußballinteressierten Österreicher: „Wenn man sich die Einschaltziffern bei den Qualifikationsspielen der Nationalmannschaft ansieht und dann noch ein paar tausend Fans dazuzählt, dann gehe ich in Österreich von einer fußballinteressierten Öffentlichkeit von rund 1,5 Millionen Menschen aus. Das ist nicht wenig, allerdings muss es gelingen, diese Leute schlussendlich auch wirklich ins Stadion zu bringen."