Magic Time: Die Ruhe des Abu Barry
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Magic Time: Die Ruhe des Abu Barry

Ein gambischer Straßenfußballer soll Millionen nach Favoriten bringen. Doch der ist fokussiert, relaxed und gut drauf - ob vor dem Block West oder in der Kabine.

Abubakr Barry schlendert am 28. September 2025 seelenruhig in Richtung Ersatzbank. Es sind über 100 Meter, die der Gambier zurücklegen muss.

Er geht den Block West entlang, die Rapid-Fanszene tobt, Barry wird beschimpft, Bier wird in seine Richtung geschüttet. Doch der Austrianer - mit einem Tor und einem Assist hat er soeben den 3:1-Sieg der Veilchen fixiert - hat nach seiner Auswechslung keine Eile, was rund um ihn passiert, scheint ihm völlig egal zu sein.

Es ist eine Szene, die das Gemüt des 25-Jährigen perfekt beschreibt.

Ein stilles Wasser

"Das sind Fans mit Emotionen, für mich ist das normal. Mir war bewusst, dass sie Bier werfen werden, dass sie mich beschimpfen werden. Das ist schon okay", sagt er. Und auch diese Sätze sind sinnbildlich für Barrys Einstellung. Alles cool, relax.

Mitte Februar sitzt der Mittelfeldspieler beim Interview in der 90minuten-Redaktion. Was er trinken will? Stilles Wasser. Natürlich.

Wenn der Kicker spricht, tut er das leise. Seine Antworten präzise, on point, nie ausschweifend. Genauso wie er Fußball spielt.

Bei der Ankunft kritisch beäugt

Gegenspieler kennen das: Abu Barry entwischt
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Gegenspieler kennen das: Abu Barry entwischt

Eineinhalb Jahre nach seiner Ankunft in Wien-Favoriten ist Barry unumstrittener Leistungsträger der Veilchen, vielleicht sogar der beste Achter der Liga und das heißeste Transfereisen im violetten Feuer.

Wer hätte das gedacht, als er im Sommer 2024 beim FAK andockte? Fünf Saisonen in Israels zweiter Liga standen in seiner Vita. Schon ein Jahr zuvor hatte der Klub einen Kicker aus der Liga Leumit verpflichtet - den Stürmer Silva Kani. Das Projekt war gescheitert - sechs Spiele, kein Tor.

Im Sommer sollen Millionen fließen

Barry allerdings stellte sich schnell als Verstärkung in der Mittelfeld-Zentrale heraus, war von Start weg Stammkraft.

Und nun soll er im Sommer Millionen in die violetten Kassen spülen. Bis 15. April kann der Klub die Option ziehen und seinen Vertrag bis Sommer 2027 verlängern. Gleichzeitig wird über eine Vertragsverlängerung darüber hinaus verhandelt.

Sieben Angebote im Winter

Das Ziel ist aber klar: Im Sommer möglichst viel Geld für den Gambier zu kassieren. Schon im Winter wäre ein Wechsel möglich gewesen.

"Wir hatten vier Angebote aus der MLS, zwei aus der englischen Championship und eine aus Frankreich", verrät sein Berater Assaf Shvartz. Er sitzt beim Interview neben Barry, ist übers Derby-Wochenende aus Israel angereist.

Ich hatte damals keinen Klub. Ich wollte nicht, dass es so endet, dass ich zurück nach Gambia gehe.

Der Mann ist - keine Überraschung angesichts seines Jobs - redseliger als sein Schützling. Wenn er spricht, wenn er Geschichten aus vergangenen Tagen erzählt, muss Barry mehrmals herzlich lachen. Es ist keine klassische Berater-Klient-Beziehung.

"Er ist mehr als ein Manager für mich, er ist Teil meiner Familie", sagt Barry. Die beiden arbeiten seit Sommer 2023 zusammen.

Nach vier Saisonen bei vier unterschiedlichen Klubs in Israels 2. Liga hätte Barrys Karriere enden können, bevor sie so richtig begann.

Magic Time

"Wir haben uns in einer kritischen Situation kennengelernt. Ich hatte damals keinen Klub. Ich wollte nicht, dass es so endet, dass ich zurück nach Gambia gehe", sagt Barry.

Shvartz ist zu diesem Zeitpunkt in Gambia, um Talente zu beobachten. Auf der Tribüne hinter ihm sitzt Barry. Der Israeli erinnert sich: "Ich habe ihm einen Spieler gezeigt und ihm gesagt: Der ist speziell. Er macht Dinge, die man nicht lernen kann. So wie du."

Kurz darauf bringt er den Kicker bei Bnei Yehuda unter. In dieser Saison gelingt ihm der Durchbruch - der Klub scheitert am letzten Spieltag nur aufgrund der schlechteren Tordifferenz am Aufstieg, Barry glänzt mit neun Toren und vier Assists und schafft es ins Team der Saison.

Magic Time. Wenn Shvartz Barry vor jedem Spiel eine Nachricht schreibt, dürfen diese beiden Worte nicht fehlen. Es ist ihr Code. Das sind die Momente, in denen ein Raunen durchs Publikum geht, weil der Kicker etwas Besonderes macht.

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Es sind Barrys Dribblings in Räume, die viele vorher gar nicht so richtig erahnen. Das Tor zum Frühjahrsauftakt in Salzburg, als Barry mit einer Körpertäuschung dafür gesorgt hat, dass sich zwei Salzburger gegenseitig abräumen und plötzlich so viel Platz hatte. Magic Time.

"Wenn ich spiele, spüre ich, dass ich bestimmte Dinge tun muss. Es ist einfach so ein Gefühl, ich muss nicht darüber nachdenken", sagt das Veilchen. "Eine Gabe", nennt es sein Manager.

Erst mit 16 im Verein

Angeeignet hat sich Barry dieses außergewöhnliche Können als Kind auf der Straße.

"Mein Vater wollte, dass ich mich auf die Schule konzentriere, deswegen habe ich erst mit 16 Jahren bei einem Verein angefangen. Davor habe ich auf der Straße gespielt. Auf der Straße lernst du zu dribbeln", sagt Barry.

Bruder Hamza

Sein großes Vorbild: "Mein großer Bruder Hamza! Ich habe immer zu ihm aufgeschaut, wegen ihm habe ich mit dem Fußball begonnen."

Hamza Barry ist sechs Jahre älter als sein kleiner Bruder Abubakr. Mit 19 Jahren verließ er Gambia, spielte bei Valletta FC auf Malta, auf Zypern bei Apollon Limassol, in Israel bei Maccabi Netanya und Hapoel Tel Aviv, in Kroatien bei Hajduk Split, in den USA bei der zweiten Mannschaft von LA Galaxy, in Dänemark bei Vejle und nun beim saudischen Zweitligist Al-Zulfi.

Ich wollte jemand sein, den die Menschen kennen, auf den die Menschen stolz sind.

"Europa war mein Traum, seit er dort gespielt hat. Er ist immer wieder mit Geschenken nach Hause gekommen, hat mir Schuhe gebracht. Er hat mich motiviert", sagt "Abu" über seinen großen Bruder.

Und so ging er mit 18 Jahren dann seinen eigenen Weg - nach Israel. Jedes Jahr wechselt mehr als eine Handvoll Talente aus dem westafrikanischen Land nach Israel. 21 von ihnen haben in den vergangenen zehn Jahren in den beiden höchsten Spielklassen gekickt.

"Ich habe davor nichts über Israel gewusst. Ich wollte einfach Fußball spielen, meine Karriere vorantreiben. Es war am Anfang schwer in Israel. Aber ich wollte meine Träume verfolgen. Ich wollte jemand sein, den die Menschen kennen, auf den die Menschen stolz sind", erzählt Barry.

Eine andere Welt in violett

Fünf Jahre später klopfte die Austria an. Aber nicht nur. Es gab mehrere Angebote, ein zweites aus Europa, einige von israelischen Erstligisten.

Ein neutraler Gesichtsausdruck - Standard bei Barry
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Ein neutraler Gesichtsausdruck - Standard bei Barry

"Ich habe den ganzen Tag mit meinem Bruder Hamza gesprochen. Er hat mir Ratschläge gegeben, aber auch gesagt, dass es am Ende meine Entscheidung ist. Er hat mir gesagt, dass Österreich ein guter Schritt für meine Karriere wäre, dass die Austria ein großer Klub ist. Bevor das Angebot gekommen ist, habe ich nichts über Österreich gewusst", sagt Barry.

Letztendlich sagt er zu. Und wieder muss er sich auf eine völlig andere Welt einstellen.

Der FAK-Profi erzählt lachend: "Als ich hierher gekommen bin, hatten wir am zweiten Tag zwei Mal Training. Ich bin von 8 bis 16 Uhr beim Stadion gewesen. Als ich nach Hause gekommen bin, habe ich sofort meinen Bruder angerufen und gefragt: 'Was bitte ist das?' Er hat nur gelacht und mir erklärt, dass es da eben anders läuft. Ich habe mich schnell daran gewöhnt. Mich macht das besser."

Ortis Chance, Helms Vertrauen

Die Verantwortlichen der Veilchen arbeiten mit dem Neuzugang. Sie stellen seine Ernährung um, investieren viel Zeit in seine Defensivarbeit am Feld.

"Manuel Ortlechner hat mir die Chance gegeben, Stephan Helm hat mir das Vertrauen geschenkt. Ich bin hier eine bessere Version meiner selbst geworden", ist sich der achtfache Nationalteamspieler sicher.

Ein Leben am Laaerberg

Sofort nach seiner Ankunft bezieht Barry eine Wohnung gleich neben dem Stadion. Sein Nachbar ist seit diesem Sommer Kelvin Boateng.

Der Laaerberg ist Barrys Heimat. Von der Zwei-Millionen-Stadt Wien sieht er in der Regel nicht viel.

Nachbarn und Freunde: Barry und Boateng
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Nachbarn und Freunde: Barry und Boateng

"Die Stadt ist schön, aber ich bin nicht oft draußen. Ich konzentriere mich auf den Fußball. Ich weiß, woher ich komme, ich weiß, wo ich hin will - da muss man auf Dinge verzichten. Die meiste Zeit nach den Trainings verbringe ich damit, mich zu erholen und zu schlafen. Ich schlafe wirklich viel. Ich lese Bücher und ich spiele mit 'Boa' PlayStation", sagt er.

Wenn er aber unterwegs ist, fällt er inzwischen auf: "Ich habe das Gefühl, dass mich die meisten Fans lieben. Ich liebe sie auch. Am Feld tue ich alles für sie, weil sie es verdienen, dass wir ihnen etwas zurückgeben. Wenn ich draußen bin, werde ich oft erkannt. Mich freut das. Manchmal habe ich eigentlich keine Zeit für Selfies und Autogramme, aber ich nehme mir sie trotzdem. Und dann sehe ich ein Lächeln in ihren Gesichtern."

Voller Fokus, keine Gefühlsregungen

"Er ist unheimlich klar im Kopf", sagt Coach Helm über ihn. Mit wem auch immer man über den Mittelfeldspieler spricht, die Aussagen decken sich: Höchst professionell, voll fokussiert, immer gut gelaunt, immer entspannt.

Darauf angesprochen, grinst Barry: "Ich kann doch keine schlechte Energie in die Kabine bringen! Wenn du Fußball spielst, musst du jeden Moment genießen. Ich bin immer ruhig und gut drauf."

Auch wenn du es mir nicht ansiehst, ich mache alles, um nicht zu verlieren!

Wer Barry am Rasen erlebt, bekommt derlei Gefühlsregungen nicht zu sehen. Ob eine 3:0-Führung nach 15 Minuten oder ein 0:2 nach 90 Minuten - der neutrale Gesichtsausdruck bleibt.

"Ich hasse es, zu verlieren. Auch wenn du es mir nicht ansiehst, ich mache alles, um nicht zu verlieren", sagt er. Seine Entspanntheit mag auf der Gewissheit beruhen, dass dieser eine Moment in jedem Spiel irgendwann kommt. Und dann: Magic Time.

Was passiert im Sommer?

Aber wie lange ist sie noch im violetten Trikot zu erleben? Im Winter lehnte der 25-Jährige alle Angebote ab: "Ich wollte bleiben. Ich fühle mich sehr wohl hier. Ich würde gerne einen Titel mit der Austria gewinnen."

Dass der nächste Schritt aber bevorsteht, ist allen klar. "Die Top-5-Ligen sind mein Traum. Aber ich konzentriere mich auf die Gegenwart. Mal sehen, was passiert", will er nicht spekulieren.

Und dann verlässt Abubakr Barry die 90minuten-Redaktion wieder. Entspannt schlendert er neben seinem Manager durch den zweiten Bezirk - als ob er den Block West im Allianz Stadion entlangginge…

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