Die Akte Soriano-Nachfolger
Es war klar, dass Jonatan Soriano nicht mehr ewig in Salzburg bleibt. Mögliche Nachfolger wurden deshalb vor allem in den letzten zwei Transferzeiten geholt. Herausstechen vermag derzeit nur Takumi Minamino, was aber Trainer Oscar Garcia anders sieht. Von Georg Sander
Nur 2005/06 gab es seit dem Red Bull-Einstieg einen Stürmer, der weniger als 14 Saisontore erzielt hatte. Einstellig war noch kein Salzburg-Toptorschütze. Im Winter 2012 kam Jonatan Soriano nach Salzburg, der sowie so beinahe nach Belieben traf. Drei Mal in Folge wurde er Torschützenkönig. Selbst in dieser Spielzeit, mit wenig Einsatzzeit, traf er acht Mal! Der Verlust schmerzt jetzt schon, wie die letzten Ergebnisse zeigen. Nach dem letzten Soriano-Auftritt gegen Ried gabe es zwei 1:0-Siege, ein 1:1-Remis. Im Winter wurden zwar Mergim Berisha von Liefering hochgezogen und Dimitri Oberlin von Altach zurück geholt, aber auch Munas Dabbur in die Schweiz und Frederik Gulbrandsen nach New York verliehen. Die Stürmersuche ist in Salzburg überhaupt keine Erfolgsgeschichte.
Die Liste möglicher Soriano/früher Alan-Kollegen ist lang. Alleine seit Sommer 2013 kamen mit Alexander Aschauer, Yordy Reyna, Marcel Sabitzer, Hee-Chan Hwang, Nils Quaschner, Marco Djuricin, Omer Damari, Smail Prevljak, Dimitri Oberlin, Wanderson und eben Dabbur sowie Gulbrandsen, eventuell sogar Takumi Minamino nicht weniger als 13 Stürmer für die erste Elf. Abgesehen von Sabitzer hat noch keiner explodieren können und Salzburg etwas von Soriano unabhängiger machen. Bewerbsübergreifend 19 verschiedene Torschützen in einer Saison mögen einen Trainer freuen - ein neuer treffsicherer Stürmer wohl noch mehr. Das könnte Takumi Minamino sein, wenn Oscar Garcia das auch sehen würde.
Immer mehr Effizienz
Der 22-jährige Japaner kam im Winter 2015 aus Osaka nach Salzburg. In seiner ersten Halbsaison gelangen ihm, der vornehmlich auf den Außenbahnen eingesetzt wurde, drei Treffer und drei Assists. Einen besonderen Fokus verdient sich aber die Spielzeit 2015/16, unter drei verschiedenen Trainern. Wieder eher auf den Halbpositionen in der Offensive eingesetzt, traf der Japaner zehn Mal. Gemessen an der Einsatzzeit und dem Umstand, von 32 Ligapartien zehn Mal ein- und zwölf Mal ausgewechselt worden zu sein, ergibt das einen Schnitt von einem Tor alle 201 Minuten. Ein annehmbarer Wert für einen Außenbahnspieler. Diese Saison explodierte er aber. Im Sommer war Minamino beim Nationalteam, derzeit trifft er im Schnitt alle 59 Minuten – das kann funktionieren.
Takumi Minamino unterscheidet sich allerdings von Jonatan Soriano. Vergleicht man die Leistungsdaten der Saison 2015/16 in der Bundeliga (da beide da eine in etwa gleich hohe Anzahl an Einsätzen hatten), fällt einiges auf: Soriano ist zwar doppelt so effizient gewesen, Minamino schoss aber genauer. Der Japaner spielt weniger Pässe, mehr längere, ist aber wiederum genauer als Soriano. Und ob man es glaubt oder nicht: Minamino ist auch einen Tick zweikampfstärker als der Spanier. International konnte der quirlige Japaner noch nicht groß aufzeigen. Lediglich ein Tor und ein Assist gelangen gegen Dinamo Minsk im August 2015. Hier hat der Spanier die Nase weit vorne. Unvergessen sein Weitschusstor gegen Ajax. 25 Treffer erzielte Soriano. Bei Vereinen wie Fenerbahce, Ajax, Basel, Celtic, Dinamo Zagreb oder Schalke 04 kennt man das Gefühl, wenn der Spanier zum Torjubel abdreht. Die Frage ist aber, ob das alles wirklich ein großer Makel ist oder sein kann. Minamino war im vergangenen Sommer beim Nationalteam – und mit Soriano hat man es auch nicht in die Champions League geschafft.
Aber wen sieht Oscar Garcia ganz vorn?
Garcia und Minamino ist ohnehin eine komische Geschichte. Trotz Minaminos Effizienz hat ihn der Spanier nicht nur ganz vorne, sondern links, rechts und hinter der Spitze eingesetzt. Wer an vordester Front auflaufen soll, ist nicht klar, die Stürmerpärchen wechseln fast ständig. Dabei wäre doch eine Sache logisch: Sich einmal festlegen und dem betreffenden Spieler Zeit geben. Oder anders ein behutsames Händchen beweisen, damit einer der jungen Kicker durchstarten kann. Denn eines muss man ganz ehrlich sagen: Sportchef Freund hat ganz vorne nicht immer ein glückliches Händchen bewiesen.
Kein leichter Stand beim Trainer
Ein Problemchen gibt es aber für Takumi Minamino: Oscar Garcia ist nicht unbedingt sein größter Fan. Selbst nach der Torgala gegen Ried sagte Garcia: "Es ist nie ein Spieler „Man of the Match“, es ist immer das ganze Team. Minamino hat Tore geschossen, aber Caleta-Car und Miranda haben sehr gut verteidigt, Samassekou hat in der zweiten Hälfte gut gespielt, Hwang hat viel gearbeitet. Ich verstehe, dass einer, der drei Tore schießt, für die Medien der „Man of the Match“ ist, aber für mich war das ganze Team gut." Insofern wird der Japaner wohl noch ein bisschen Überzeugungsarbeit leisten müssen, ehe er der "neue Soriano" werden kann.
Neuer Kapitän
Und dann ist da noch die Sache mit dem Kapitän. Zunächst ist es jetzt Alex Walke. Der 33-jährige Deutsche ist der routinierteste Spieler im Kader, die Entscheidung, ihn zum Spielführer zu machen, soll aber einmal eine vorläufige, bis Sommer gültige sein. Wer könnte es auch sonst sein bzw. ab Sommer? Viele Routiniers stehen nicht zur Verfügung. Nur sechs Spieler über 25 Jahre stehen im Kader. Christian Schwegler wird den Klub jedoch im Sommer verlassen. Bleiben neben Walke nur Andi Ulmer (31), Christoph Leitgeb (31), Paulo Miranda (28) und Marc Rzatkowski (27) als erfahrene Spieler. Letzterer fällt da mehr oder weniger raus, er ist nicht unbedingt Stammspieler, Miranda spricht nicht wirklich gut Deutsch und ist ein Hitzkopf, Leitgeb wird es leistungsmäßig nicht so leicht haben, an Garcias Favoriten Laimer und Samassekou im zentralen Mittelfeld vorbei zu kommen. Bleiben wohl nur Ulmer und Walke. Der deutsche Goalie hat wohl weiterhin die besten Karten, ist aber von der Feldposition her eher weniger geeignet, der berühmte „verlängerte Arm“ am Feld zu sein.
Ob man jüngeren Spielern diese Bürde angedeihen lassen will, ist fraglich. Im „mittleren Fußballeralter“ sind wenige, am ehesten noch Berisha und Lainer. Bei den ganz jungen Dauerläufern wie Laimer oder Lazaro besteht die Gefahr, sich in sechs Monaten den nächsten Kapitän suchen zu müssen. Es bleibt also ein Fragezeichen.
Die Akte ist noch nicht geschlossen
Es deutet vieles darauf hin, dass Garcia dem Japaner Takumi Minamino die Einserposition im Sturm geben wird und aufgrund der Leistungsdaten auch geben wird müssen. Daneben gibt es mit Hwang, Oberlin und den ganzen jüngeren Stürmern genug Platz, um zu reifen. Im Endeffekt muss der Japaner nach zwei Jahren und im für RB-Verhältnisse hohen Alter von 22 Jahren auch langsam liefern. Die Kapitänsfrage indes wird vermutlich mit Alexander Walke beantwortet. Das muss dann für die Champions League-Qualifikation reichen. Oder aber im Sommer ist dann eh schon wieder alles anders.