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Im Schatten des Erfolgszwangs: Wieso die Taktik ausstirbt

Die absoluten Topklubs vernachlässigen den Aspekt der Taktik immer mehr. Taktische Wunderdinge präsentieren nicht erst seit Real Madrids Finaltriumph eher die Klubs aus der zweiten Reihe. Von Sascha Felter

Ein Artikel in Kooperation mit cavanisfriseur.de

In den vergangenen Dekaden des Weltfußballs gab es immer wieder Mannschaften, die sich in ihrer Spielweise deutlich von der Konkurrenz abhoben und sogar weitreichende taktische Trends setzten. Seien es Ungarns magische Magyaren aus den 50er-Jahren, die für die damalige Zeit ein berauschend schnelles Angriffsspiel beherrschten. Zwei Jahrzehnte später waren es die Holländer um Trainer Rinus Michels und Starspieler Johan Cruyff, die mit ihrem voetbal total eine neue taktische Flexibilität gepaart mit organisierten Bewegungen in der Offensive wie Defensive ins Spiel brachten. In den Neunzigern gab es mit dem AC Milan unter Arrigo Sacchi eine weitere taktische Neuerung in Form des organisierten 4-4-2-Pressings. Zu Beginn des aktuellen Jahrzehnts gab es mit dem FC Barcelona unter Pep Guardiola eine weitere Mannschaft, die mit ihrem modernen Positionsspiel taktische Trends setzte.

Klare Spielidee,

All diese Mannschaften besaßen einen Trainer der eine klare Spielidee hatte und diese konsequent umsetzte. Das Ergebnis waren Titel über Titel oder zumindest Finalteilnahmen (Sorry an unsere niederländischen Freunde!). Solche taktischen Innovationen gibt es nicht alle paar Jahre. Gerade in der heutigen Zeit ist es immer schwerer, etwas noch nie Dagewesenes zu entwickeln. In irgendeiner Form kam im Fußball jeder taktische Kniff bereits vor. Einige Trainer und Mannschaften bleiben im Gedächtnis, weil sie sich über eine einzigartige Spielweise definierten, andere hingegen weil sie schlichtweg erfolgreich waren. Sie besaßen kein besonderes Charakteristikum, keine klare Identität.

Während die Fußballwelt zu Beginn dieses Jahrzehnts einige Teams hervorbrachte, die von Trainern mit einer klaren Idee geführt wurden, geht der Trend seit zwei bis drei Jahren eher dahin, dass sich die Mannschaften die zur Weltspitze gehören, weniger über die Spielweise definieren. Carlo Ancelottis Real Madrid zeichnete sich noch durch den ein oder anderen taktischen Kniff im Spiel gegen den Ball aus, insbesondere als man die Bayern im Halbfinale der Champions League düpierte. Auch der FC Barcelona, der in der Vergangenheit wie kaum ein anderes Team für eine bestimmte Art von Fußball stand, war selbst beim Champions-League-Triumph 2015 sehr abhängig von seinen Einzelspielern.

Zidane als Sinnbild

Zidanes Madrilenen stehen vielleicht sinnbildlich für die neue Art der Mannschaftsführung. Sie sind die erste Mannschaft, die den Champions-League-Titel zweimal hintereinander gewinnen konnten und den Henkelpott dreimal innerhalb von vier Jahren gewannen. Zidane wird teils zurecht aufgrund seiner Spielweise kritisiert. Sein Team ist im eigenen Ballbesitz kaum durchschlagskräftig und ist dabei von den Einzelspielern abhängig. Auch im Pressing ist man seltsam inaktiv, positioniert sich tief in der eigenen Hälfte und geht sehr oft ohne Struktur auf Balljagd. Real Madrid ist wie kein anderes Team abhängig von seinen Einzelspielern. Sei es Ramos, der sich in jeden Zweikampf wirft und kurz vor Schluss noch per Kopf trifft. Seien es Marcelo und Carvajal die derzeit zur absoluten Weltspitze auf ihren Positionen zählen. Seien es Kroos und Modric, die als bestes Mittelfeldduo der letzten Jahrzehnte Bälle für Cristiano und Benzema servieren. Kurzum: Real ist anders als Barça unter Guardiola oder der BVB unter Klopp nicht mehr als die Summe ihrer Teile. Ihre Teile multiplizieren sich aufgrund ihrer schieren Qualität miteinander.

Dass Trainer die Spielweise ihres Teams auf Einzelspieler ausrichten, ist keine Sache die erst in den letzten Jahren aufkam. Mit der Häufigkeit, mit der sie insbesondere (vermeintliche) Spitzenteams anwenden, ist jedoch höher als gewöhnlich. Der FC Bayern war unter Pep Guardiola ein Musterbeispiel für ein Team mit klarer Spielidee: Ihr Trainer gab ihnen vor, mit welcher Strategie sie vorangehen und welche Mittel für das Umsetzen dieser notwendig sind. Ancelotti lässt seine Spieler an einer deutlich längeren Leine laufen, was die Leistungen des Rekordmeisters in der vergangenen Saison zeigten. Wirklich überzeugen konnten sie zumeist in großen Spielen in denen es Signore Carlo für nötig hielt, aufs Gaspedal zu drücken. Auch Juventus Turin zeichnete sich in dieser Saison nicht durch ein taktisches Merkmal aus. Sie waren eben ein Haufen abgebrühter Spieler denen ein gewisses Grundkonzept eingebläut wurde, ohne dabei zu sehr vom taktischen Korsett erdrückt zu werden.

 

>>> Seite 2: Keine Taktik als neuer Taktiktrend?

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