‚Wie, bitte schön, kann es sein, dass Italien vier Fixplätze bekommt?‘
Am Mittwoch wird ein neuer UEFA-Präsident gewählt. Die wenige Tage zuvor durchgebrachte CL-Reform hat die kleinen Ländern ein weiteres Mal in den Hintergrund gedrängt. Wie stehen die österreichischen Klubs und die Bundesliga dazu? 90minuten.at hat nachgef
Vier CL-Fixplätze für die Top-Nationen auf Kosten der kleineren Länder. England, Deutschland, Spanien, Italien und Frankreich geben die Regeln vor. Wenn es jedoch darum geht, einen neuen UEFA-Präsidenten zu küren, sind die Anwärter auch auf die Stimmen der Kleinen angewiesen. Österreich ist in Athen durch eine ÖFB-Delegation unter der Leitung von Präsident Leo Windtner vertreten.
90minuten.at hat sich zuvor bei Bundesliga-Präsident Hans Rinner und den potenziellen rot-weiß-roten Champions-League-Klubs umgehört, wie sie die Reform sehen und ob sie eine Chance sehen, den Status wieder zu verbessern.
Hans Rinner (Gepa Pictures)
90minuten.at: Die kleinen Länder verlieren immer mehr Einfluss, die Schere zwischen Reich und Arm geht auch im Fußball immer mehr auf. Wie ist die Reform aus österr. Sicht zu sehen?
Hans Rinner: Österreich trifft diese Reform genauso hart wie jede mittlere und kleine Liga in Europa. Wir leisten wertvolle Arbeit für den europäischen Fußball, fördern den Wettbewerb. Es kann nicht sein, dass mit dieser Reform eine Elitenbildung weiter vorangetrieben wird, die von kleineren Klubs noch mehr nimmt und gleichzeitig noch weniger als bisher zurückgibt. Von sportlichem Wettbewerb kann da nicht mehr die Rede sein. Im Gegenteil: Eine Weiterentwicklung wird so erschwert, langfristig jegliche Lebensgrundlage genommen. Und das hat dann negative Auswirkungen auf ganz Europa, auch auf die reichen Top-Klubs.
Es scheint so, als ob sich nur noch die großen 5 Ligen die Spielregeln ausmachen. Täuscht dieser Eindruck?
Es ist eine Reform für und von den Top-Klubs in Europa. Künftig stellen die Top-4-Nationen immer mindestens die Hälfte der 32 Champions-League-Teilnehmer, plus eventuell zwei weitere Titelverteidiger. Dass die ECA, deren Hauptthema in jüngster Vergangenheit immer die Bildung einer Superliga war, und die UEFA nun eine gemeinsame Gesellschaft für Klubbewerbe gründen, verdeutlicht noch mehr, wer bereits jetzt den Ton angibt.
Wie kann man mehr Einfluss geltend machen?
Eine interessante Frage, wenn man bedenkt, dass weder die Bundesliga noch der ÖFB in irgendeiner Form zu der Reform informiert, geschweige denn eingebunden waren. Mittlere und kleine Verbände, Ligen und Klubs müssen sich jetzt zusammentun und geschlossen gegen diese Ausgrenzung auftreten.
Muss im Endeffekt auch über eine Alternative zur Champions League unter der Führung der UEFA nachgedacht werden?
Die UEFA als Dachverband von 55 Mitgliedsverbänden muss sich ihrer Aufgabe bewusst sein, sämtliche Interessen gleichwertig zu vertreten. Das ist hier offensichtlich nicht geschehen. Daher müssen sich all jene, zu deren Lasten diese Reform geht, Gedanken machen, welche Möglichkeiten und Alternativen es gibt. Was spricht dagegen, einen dritten Wettbewerb für alle Meister einzuführen? Der Name „Champions League“ wird mit dieser Reform sowieso ad absurdum geführt.
Welche Rolle spielt die EPFL/Pangl in diesen Überlegungen bzw. welchen Einfluss gibt es durch diese Vereinigung, etwas zu verändern?
Unter dem Dach der EPFL können sich alle leidtragenden Ligen dieser Reform formieren und ihre Interessen und Anliegen bei der UEFA anbringen. Nach der Sitzung des Aufsichtsgremiums hat Georg Pangl bereits angekündigt, dass man den Reformprozess neu aufrollen will, weil er intransparent war. Auch die Überlegungen, künftig bei nationalen Spielansetzungen nicht mehr Rücksicht auf die internationalen Bewerbe nehmen zu wollen, sind in dieser Situation angemessen.
Christoph Peschek über die CL-Reform und die Wahl zum neuen UEFA-Präsidenten
Christoph Peschek (Gepa Pictures)
90minuten.at: Wie ist diese Reform aus österr. Sicht zu sehen?
Christoph Peschek: Es macht keinen Sinn, die Reform ausschließlich aus österreichischer Sicht zu betrachten. Der Fußball in Europa steht vor der ultimativen Zerreißprobe. Die Kluft zwischen den großen und kleinen Vereinen wird unüberbrückbar groß. Die Mittelschicht im Fußball bricht weg. Es entsteht eine noch stärkere Zweiklassengesellschaft. Die Topklubs aus den vier, fünf besten Ligen spielen in einer Art NBA des Fußballs unter sich und der Rest – gut 50 europäischen Verbände – verkümmert zu Statisten. Was hat das mit Solidarität und Fairplay zu tun? Und weshalb boxen ECA und UEFA eine derart wegweisende Entscheidung wenige Wochen vor der Wahl des neuen UEFA-Präsidenten durch? Mag sein, dass den kleinen Vereinen der ein oder andere Euro mehr überbleibt, aber in der Relation sind alle kleinen und mittleren Ligen die großen Verlierer. Es gibt viele offene Fragen und viele Ungereimtheiten. Wie, bitte schön, kann es sein, dass Italien vier Fixplätze zugesprochen bekommt? Zu unserer Position: Rapid tauscht sich regelmäßig mit verschiedensten europäischen Vereinen aus. Wir alle wussten, dass die Androhung der Super-League seit geraumer Zeit im Raum steht. Allein der Zeitpunkt der Entscheidung hat uns überrascht. Zudem hat man uns nie über die Konsequenzen im Detail informiert. Wir wurden, so wie der Großteil der Vereine, vor vollendete Tatsachen gestellt. Deswegen auch der Unmut. Wir haben beim ECA-Meeting vergangene Woche ganz klar Stellung bezogen und auch eingebracht, dass die Chancen für den Einzug in die Gruppenphase der Champions League für die Meister aus mittleren und kleineren Verbänden nicht noch weiter verringert werden dürfen! Als Vorsitzender der ECA vertritt Karl Heinz Rummenigge in erster Linie schließlich die Interessen von 220 Vereinen aus 53 europäischen Verbänden, nicht nur jene des FC Bayern München.
Gibt es eine Chance, etwas an diesem Status zu ändern?
Die EPFL, die Vereinigung der europäischen Verbände, hat Donnerstag das Kriegsbeil ausgegraben und angedroht, dass sich die Ligen nicht mehr dem UEFA-Kalender unterwerfen werden, wenn die UEFA nicht einlenkt und sich rasch mit allen Stakeholdern noch einmal an einem Tisch setzt. Ich bin gespannt, wie ECA und UEFA darauf reagieren. ÖFB und österreichische Bundesliga, die Mitglieder der EPFL ist, versuchen derzeit im Verbund mit anderen kleineren Ländern, konstruktive Vorschläge in die Debatte einzubringen. Klar ist, dass die Erhöhung der Fixstarter für uns Nachteile bringt. Der österreichische Meister muss früher in die CL-Qualifikation einsteigen. Zu einem Zeitpunkt, wo sich die Klubs noch in der Vorbereitung befinden. Ganz zu schweigen von der Gelder-Umverteilung zulasten der Europa League.
Was kann man als kleines Land hier überhaupt noch ausrichten? Muss man langfristig über Alternativen zur Champions League nachdenken?
Dem Anschein nach vordergründig wenig. Andererseits darf man die Kleinen nicht unterschätzen. Ein kleines Land wie Slowenien stellt mit hoher Wahrscheinlichkeit den nächsten UEFA-Präsidenten. Sollte Alexander Ceferin nächsten Mittwoch nicht gewählt werden, würde der holländische Verbandspräsident Michael van Praag die Geschicke Europas leiten. Beide haben sich in ihren Wahlprogrammen als „Anwalt der kleinen Ligen und Verbände“ geoutet und auf das notwendige Gleichgewicht im Fußball verwiesen. Ich bin gespannt, ob der neue UEFA-Präsident sich tatsächlich als Robin Hood gibt. Auf jeden Fall wird die Reform der vorerst wichtigste Agendapunkt.
Was kann Rapid machen?
Rapid ist und bleibt eine der exklusivsten Adressen in Europa, wir sind österreichischer Rekordmeister. Mag sein, dass unser Hauptaugenmerk in der Vergangenheit sehr stark auf dem Stadion und heimischen Agenden lag. Aber das wird sich ändern. Wir werden uns zukünftig auf internationaler Ebene mehr engagieren. Wir werden diese Entscheidung auf jeden Fall nicht tatenlos hinnehmen und uns bemühen, auch in Europa gebührend Gehör zu verschaffen.
Austria-Vorstand Markus Kraetschmer im 90minuten.at-Interview
Markus Kraetschmer (Gepa Pictures)
90minuten.at: Wie ist diese Reform aus österr. Sicht zu sehen?
Markus Kraetschmer: Aus Sicht der kleineren Länder natürlich sehr kritisch, weil es sportlich sehr schwierig in Zukunft für uns werden wird. Diese Reform stärkt in erster Linie das UEFA-Topprodukt Champions League. Was die finanzielle Thematik betrifft, wird es noch einiger Informationen bedürfen, aber da wird es mit dem ÖFB noch Gespräche geben.
Was kann man als kleines Land hier überhaupt noch ausrichten?
Kraetschmer: Das muss man realistisch sehen, dass es ein Kampf gegen Windmühlen ist und sich die Großen durchgesetzt haben. Dieser Zug ist abgefahren, aber vielleicht haben wir eine Möglichkeit noch einige Schrauben zu optimieren. Dennoch stellen wir uns dieser Herausforderung, wollen weiter Punkte für die Wertung und den Klubkoeffizienten sammeln. Aber es hilft kein Jammern, wir müssen überlegen, was wir tun können.
Jochen Sauer, Geschäftsführer Red Bull Salzburg, auf Anfrage von 90minuten.at zur CL-Reform
Jochen Sauer (Gepa Pictures)
„Für kleine und mittlere Klubs ist diese von der UEFA getroffene Entscheidung zur Änderung der Zugangsbedingungen zur Champions League keine gute Nachricht, sie spiegelt, mit den bisher bekannten Details, ausschließlich die Interessen der großen europäischen Klubs und der TOP 5 Ligen wider. Vor allem ist anzuprangern, dass diese Reformentscheidung auf eine absolut undemokratische Art und Weise innerhalb der UEFA und der ECA zustande kam, sie erfolgte offensichtlich im kleineren Kreis ohne echten und umfassenden Diskussionsprozess. Anlässlich der Auslosung zur diesjährigen CL/EL Gruppenphase sowie im letzten ECA-Meeting wurden wir lediglich über das Ergebnis und die Umsetzung der Reform informiert. Der Ablauf des Entscheidungsprozesses ist auch deshalb sehr ärgerlich, da sowohl die UEFA als auch die ECA die Interessen aller europäischen Verbände und Klubs ausreichend berücksichtigen sollten. Da sich noch etliche Details der Reform in Diskussion befinden, kommt es jetzt darauf an, dass wir Anpassungen auch im Sinne der kleineren Ligen und Klubs erreichen müssen. In diesem Zusammenhang müssen wir uns auch dafür einsetzen, dass das Format der Europa League sowohl sportlich als auch finanziell nicht in den Hintergrund gedrängt wird.“
Hinweis: Von Sturm Graz kamen bisher keine Antworten auf die Fragen, die am Donnerstag, 8. September, übermittelt wurden.