Stefan Lainer: 'Es ist nicht gut, wenn die ganze Mannschaft umgebaut wird'
Wie tickt Oscar Garcia? Ist die Fluktuation schuld an Red Bull Salzburgs mangelnden internationalen Erfolgen? Wie alt ist ein Führungsspieler bei Salzburg? Diese Fragen wollte man irgendwie schon immer einem Salzburg-Spieler stellen. 90minuten.at hat es b
90minuten: Mit 24 sind Sie oft einer der ältesten Feldspieler bei Red Bull Salzburg. Nehmen Sie das auch so wahr?
Stefan Lainer: Ich bin im oberen Drittel. In vielen anderen Mannschaften wäre ich einer der jüngeren. Das stört mich nicht weiter. 24 Jahre ist jung. Die besten Jahre kommen noch. Ich mache mir keine Sorgen, dass ich für unsere Mannschaft zu alt werde.
Sehen Sie sich als Führungsspieler?
Das hat mit dem Alter wenig zu tun. Es kommt immer auf den Typ an. Ich will immer 100 Prozent abrufen und Vollgas geben. Von außen macht es dann den Eindruck, dass das die Spieler sind, die voran gehen, wenn es nicht so gut läuft. Ich will meinen Teil dazu beitragen. Im Herbst habe ich mich gut entwickelt und mich immer mehr zu einem wichtigen Spieler entwickelt.
Was fehlt Ihnen dazu noch?
Je besser man spielt, desto mehr Selbstvertrauen hat man und kann in schwierigen Situationen voran gehen. Das ist nicht nur bei mir so. Darum gibt es bei uns nicht nur einen, sondern mehrere Führungsspieler. Es gibt auch bei mir schlechte Tage. Es müssen aber immer Männer am Platz stehen, die Verantwortung übernehmen, wenn es schlecht läuft.
Ist es da bei euch auch akzeptiert, wenn einer in diesen Situationen etwas abtaucht?
Ob das ok ist? Das ist doch normal, dass dann eher jüngere Spieler manchmal etwas in den Hintergrund treten und dann die älteren mehr Verantwortung übernehmen. So sagt man das halt und ich denke, dass das auch zutrifft. Die, die mehr Erfahrung haben, wissen, dass es noch beispielsweise 30 Minuten geht und da kann viel passieren und sie scheißen sich wenig und spielen drauf los. Das zu tun ist halt wichtig im Fußball und ich glaube, dass das vor allem auch mit Erfahrung zu tun hat.
Inwiefern ist die hohe Fluktuation in der Salzburger Mannschaft für Sie eine Herausforderung als Spieler?
Darüber mache ich mir nicht so viele Gedanken. Es gehen Spieler, es kommen neue. Das ist überall so. Da wird in den Medien mehr kommentiert Aber wir bekommen immer so viele gute, neue Spieler, die oft qualitativ noch besser sind. Sicher ist es nicht gut, wenn die ganze Mannschaft umgebaut wird, aber zwei, drei, vier Spieler kann man immer ersetzen
Die Medien meinen, dass es an dieser Fluktuation liegt, dass es mit der Champions League-Quali nicht und nicht klappt.
Es ist natürlich nicht gut, wenn eine Mannschaft sich übers Jahr einspielt und dann viele gehen. Freilich sucht man Gründe, wenn man ausscheidet und die Medien konzentrieren sich dann manchmal auf die Transfers. Das mag auch einen Teil dazu beitragen. Aber für mich ist das nicht entscheidend. Es ist schwierig den einen Grund zu finden. Irgendwann passt es vielleicht und dann sind vorher vier Spieler weggegangen und vielleicht war das dann der Grund, warum wir es geschafft haben. Es hängt alles von Erfolg und Misserfolg ab und leider waren wir in der Champions League noch nicht erfolgreich. Dass man da Gründe sucht, ist klar.
Könnte man sagen: Salzburg hat große Spiele abgeliefert - aber zur falschen Zeit? Wenn ja, wie kann man das ändern, dass man eben nicht erst im Herbst voll da ist?
Wenn wir nicht viele große Spiele zum richtigen Zeitpunkt abgeliefert hätten, hätten wir nicht zuletzt dreimal in Serie Meisterschaft und Cup gewonnen. Und Red Bull Salzburg hätte auch nicht in der Europa League für außergewöhnliche Spiele gesorgt. Aber natürlich waren auch weniger gute Matches dabei. Malmö hat mitten während der Saison die Qualispiele. Für die ist das etwas einfacher, weil die in Hochform sind, wenn die Spiele stattfinden. Wir sind es nicht, weil das mit die ersten Spiele sind, die wir bestreiten. Das können wir nicht ändern, wir können deswegen ja nicht später spielen. Das ist jetzt keine Ausrede, aber es ist halt schwierig, wenn du in der Phase Spieler verlierst, neue integrieren musst und keine Zeit dafür hast. Da gibt es zu wenige Pflichtspiele davor. Die Mannschaft muss sofort funktionieren.
Wie lang brauchen Sie, wenn Sie einen neuen Vordermann haben? Wann sind Sie aufeinander abgestimmt?
(denkt länger nach) Ich würde sagen mindestens drei, vier Spiele. So ist es bei mir, denke ich. Im Idealfall hat man noch mehr Zeit. Wenn aber der, der kommt, eine gewisse Qualität hat, ist es aber einfacher, mit ihm zu spielen und man gewöhnt sich sehr schnell daran.
Salzburg hat in den vergangenen Jahren wieder viele Fans verloren, obwohl die Leistungen ansprechend waren. Anscheinend können sich viele nicht mehr mit einer Mannschaft identifizieren, die als Ausbildungs-Team für RB Leipzig gilt. Wie nehmen Sie die Stimmung im eigenen Stadion wahr?
Es ist für neutrale Zuseher und auch Salzburg-Fans einfach interessant zu sehen, wie wir uns gegen eine bekannte Topmannschaft wie Schalke verkaufen. Interessanter vielleicht als etwa gegen den WAC. Für mich ist das schade, wenn gegen Altach, die zu dem Zeitpunkt Tabellenführer waren und wir einige Punkte hinten waren, nur fünftausend Leute kommen. Gegen den Tabellenführer hätte ich mir wirklich mehr erwartet. Wir haben super gespielt und 4:1 gewonnen. Das ärgert einen schon und ich verstehe es nicht ganz, dass nicht mehr kommen. Wir können das kaum ändern. Wir liefern gute Spiele ab, fighten, geben alles.
Welches Feedback bekommen Sie von den Fans diesbezüglich?
Der engere Kern ist auch gegen vermeintlich schwächere Gegner da. Wieso sich die breite Masse dann nicht so interessiert, liegt vielleicht schon am Gegner, wenn er nicht so attraktiv ist. Die Zuseher bevorzugen Schalke, das verstehe ich. Aber es geht immer um drei Punkte, es ist eng in der Meisterschaft und spannend. Und ich möchte noch anfügen, dass es, glaube ich, noch nie so viele Österreicher in der Red Bull-Ära in der Mannschaft gab und jetzt gibt es sogar zwei richtige Salzburger (Anm.: eben Lainer selbst, Laimer). Der Anteil heimischer und lokaler Spieler ist recht hoch.
Reden wir über Leipzig: Inwiefern schwirrt dieser Klub auch in Ihrem Kopf herum. Wird man zu Salzburg geholt mit den Worten: “Und wenn Du gut spielst, winkt ein Vertrag in Leipzig?”
Der Martin (Anm.: Hinteregger) und andere haben gezeigt, dass es nicht nur Leipzig gibt. Mir ist das auch egal, wenn ich lese, dass Leipzig uns die Spieler weg schnappt. Wenn Dayot Upamecano nicht zu Leipzig gegangen wäre, wäre er vielleicht zu Barcelona oder Real gegangen oder zu einem anderen Topklub. Im Endeffekt wäre er schwer zu halten gewesen. Wo er hingeht ist nicht entscheidend. Wir als Mannschaft müssen ihn ersetzen und noch stärker werden. Für mich persönlich ist Leipzig nicht unbedingt die erste Wahl.
Welchen Karriereplan verfolgen Sie oder denken Sie hier nicht besonders an die Zukunft?
Ich kam ja von Liefering zu Ried. Das war ein Schritt nach vorne. Von Ried zu Salzburg waren zwei Schritte und ich will mich hier etablieren. Ich zeige wohl, dass ich hier Stammspieler sein kann. Ich habe mir noch keine Gedanken gemacht, wo im Ausland ich hin will, denn ich will jetzt mal mit Red Bull Salzburg Meister und Cupsieger werden und im Idealfall in die Champions League einziehen.
Sie gelten nicht als der beste Techniker, zeichnen sich daher mit Ihrem Einsatz aus. Wo sehen Sie noch Ihr Potenzial, sich weiterzuentwickeln? Oder liege ich Ihrer Meinung nach komplett falsch?
Das ist eine schlechte Analyse (lacht). Aber die Fans und neutralen Zuseher sehen halt oft die Übersteiger und sagen, dass das ein Edeltechniker ist. Aber die nächsten drei Annahmen springen weg und die Schüsse gehen auf den Oberrang. So viel mal dazu. Für mich ist ein guter Techniker der Philipp Lahm. Der macht keine Übersteiger oder so etwas. Aber bei ihm sitzt jede Ballannahme, auch wenn der Ball noch so schlecht kommt, bei ihm sitzt jeder Pass. Das ist mein Anspruch, da will ich hinkommen. Außerdem sind Übersteiger auf meiner Position ohnehin nicht gefragt. Man muss die einfachen Sachen richtig machen. Wie Lahm. Gewisse Dinge, wie Jonny Sorianos Ruhe vor dem Tor, kann sich jeder abschauen. Er bleibt unter Druck ruhig und sucht die richtige Lösung. Das gehört auch zur Technik.
Betrifft das auch die Defensive? Im Nationalteam sucht man immer wieder Rechtsverteidiger und da geht es eben ums Abwehrverhalten.
Verbessern kann ich mich in allen Bereichen. Da habe ich aber den richtigen Trainer, denn er will alles perfekt machen. Wenn du dir einmal einen Meter ersparst, dann sieht er das ganz genau und spricht das an. Er hat mich in diesem Jahr in Defensive und Offensive sehr verbessert und ich kann von ihm, von Christian Schwegler, Paolo Miranda oder eigentlich von vielen anderen auch lernen.
Oscar Garcia ist ein international anerkannter Fachmann. Geht der Trainer auch auf Ideen der Spieler ein oder ist das kein Thema?
Im Endeffekt hat der Trainer seine eigenen Ideen und die übermittelt er uns. Die sind sehr gut und es gibt ein Konzept mit einer Idee dahinter. Es gibt eine klare Trainerphilosophie. Trotzdem gibt es einen Freiraum für Kreativität. Wenn ich eine eigene Entscheidung treffen möchte, ist das kein Problem. Der Coach will Rückpässe, einen Pass auf die erste Stange oder einen Chip auf die zweite. Das trainieren wir immer. Aber der Trainer ist offen für Ideen. Ich habe im Training viele Kopfbälle trainiert und der Trainer hat das gemerkt. Das haben nicht viele Coaches gesehen, Oscar Garcia hat aber gemerkt, dass ich ein Naserl dafür habe. Jetzt habe ich von ihm die Chance bekommen, vorne bei Standards rein zu gehen – auch wenn ich nur 1,75 groß bin.
Der Trainer wirkt manchmal ein bisschen kurz angebunden. Wie läuft die Kommunikation mit ihm ab?
Er gibt seine Kommandos auf Englisch, das ist für niemanden ein Problem, alle verstehen ihn. Sein Büro ist immer offen, wir können mit allen Anliegen kommen. Aber er ist keiner, der Stunden lang mit Spielern redet. Das finde ich gut. Er behandelt alle gleich, redet nicht mit einem lange und der andere fühlt sich dadurch benachteiligt. Und er redet sehr oft mit der ganzen Mannschaft, er macht seine Anweisungen vor dem Team . Er geht punkto Taktik schon individuell auf uns ein. Wenn er mit wem redet, geht es nur um das Fußballerische.
Wir danken für das Gespräch!