Stefan Reiter: 'Ich kann meine Fehler nicht mit Geld zustopfen'
Bundesligaaufsichtsrat und Ried-Manager Stefan Reiter erklärt im Gespräch mit 90minuten.at den Status Quo des heimischen Fußballs. Es geht um Trends im heimischen Fußball, um die Frage, wie Spieler zu halten wären – und wie eine Mannschaft wie die SV Ried
90minuten.at: Die Saison 2016/17 ist noch jung, einige Spiele haben wir schon gesehen, in Liga, Cup und international. Was sagen Sie als Bundesliga-Aufsichtsrat dazu? Nicht alles war berauschend.
Stefan Reiter: Ich möchte eine Gegenfrage stellen. Welche Erwartungen haben Fans und Journalisten? Ich gehe davon aus, dass die Erwartungen immer relativ hoch sind. Ich weiß nicht, warum das so ist. Meine Erklärung ist, dass der Konsum von internationalem Topfußball auf die heimische Liga runter gebrochen wird.
Das ist eine spannende Aussage, gibt die Liga doch als Ziel aus, einen Champions League-Fixplatz zu erreichen. Das wäre Rang 12 in der Fünfjahreswertung, in der Gegend von Ligen wie Niederlande, Schweiz oder der Türkei. Wie passt das zusammen?
Das passt zusammen! Wir müssen einem Trend gegensteuern. Wir hatten in den letzten Jahren einen massiven Abfluss von Spielern! Es waren solche, die in der Bundesliga gespielt haben und auch jene, die diese ersetzen sollten. Die sind weg. Die fehlen für die europäischen Erfolge, sie sind der Grund, warum man dann nur in die dritte oder vierte Qualirunde kommt. Ein Beispiel: Die Medien überschlagen sich zum Start der zweiten deutschen Bundesliga. Da gibt es Doppelseiten mit Sätzen wie: „Die zweite deutsche Bundesliga ist in österreichischer Hand.“ Nicht nur die, es gibt eine Reihe an Ligen mit vielen jungen Österreichern. Das merkt man bei Einberufungslisten von Nachwuchsmannschaften. Ich bin oft erstaunt, wenn ich lese, wo die alle spielen – Wolverhampton, Stoke und so weiter. Und die kennt kaum wer. Da muss man gegensteuern.
Wie?
Es gibt zwei Möglichkeiten. Eine ist einfach. Wir brauchen sehr viel Geld. Hätten wir mehr Geld, würden sie nicht alle davon rennen. Wenn ich als 22-Jähriger in der zweiten deutschen Liga 25.000 Euro Monatsgehalt habe und hier 10.000, ist das ja klar. Aber das wird nicht gehen. Der zweite Weg ist mühsam und er wird dauern. Wir müssen die jungen Spieler und vor allem auch deren Eltern überzeugen, dass sie mit 15, 16 Jahren Profifußballer werden wollen. Dafür sind wir da. Das ist eine Kernaufgabe von mir als Sportdirektor. Sicher will jeder bei Real oder Bayern spielen. Aber auch dort können nur elf spielen. In Ried auch, aber wir sind nicht so gut wie Real Madrid. Das heißt, dass du leichter Profi werden kannst. Es ist zwar auch mühsam, weil wir in der Akademie auch mehr als 150 Kinder haben. Bei Ried oder Rapid ist es leichter, Profi zu werden als bei Real oder Napoli.
Dieser Weg wird kein leichter sein. Als einer der Hauptinitiatoren der Zwölferliga gibt es nun statt vereinfacht 110 Startelfplätze 132.
Das ist ein gutes Argument, aber nur eines. Das ist ein Teil des Ganzen. Aber wir sind Österreich. Wir wissen, dass unsere Liga wirtschaftlich, organisatorisch oder wie auch immer nie so stark sein wird wie etwa die deutsche Bundesliga. Wenn ich sage: Ich will in 15 Jahren so stark sein wie die Premier League, habe ich meinen Job verfehlt, weil das geht sich nicht aus.
Abgesehen davon, dass jede halbwegs fitte Mannschaft passabel verteidigen kann – sei es das isländische Nationalteam oder Partizani Tirana – sieht man, dass sich österreichische Mannschaften gegen lokale Konkurrenten wie Spartak Trnava oder Slovan Liberec schwer tun bis unterlegen sind. Da klingt der Champions League-Fixplatz nach Träumerei, oder?
Moment! Ein Ziel zu haben ist nie eine Träumerei. Ob es erreichbar ist, wird man sehen. Wenn ich nicht sage, dass ich den Großglockner besteigen will, werde ich das nicht erreichen. Denn habe ich dieses Ziel nicht, komme ich nicht einmal auf den Kasberg rauf. Man darf sich sehr wohl hohe Ziele stecken; man kann sie im Laufe der Zeit aber auch revidieren. Es liegt ja nicht an einem selbst, sondern kommt auch auf die Umstände drauf an. Gehe ich auf den Berg und es kommt ein Gewitter, werde ich stehen bleiben müssen.
Was bedeutet das für den Fußball?
Ich kann nicht beeinflussen, ob in Tschechien irgendwo ein Investor einsteigt oder der ungarische Präsident einen Klub übernimmt und pusht. Die Gegebenheiten in anderen Ländern sind nicht beeinflussbar und immer anders als hier. Daran müssen wir uns anpassen. Da muss man im Prozess das Ziel ändern. Das ist weder unmoralisch, noch dumm oder unrealistisch.
Kann ich also sagen: Mit der Ligareform versucht man zu beeinflussen, was man halt kann?
Der Grund für den Reformprozess war nicht die höchste Spielklasse. Das muss ich immer wieder sagen. Es geht um die zweite Spielklasse. Wir wollen endlich den Übergang zwischen Amateur- und Profifußball sinnvoll gestalten. Es ist ein Beginn und es ist bis dato nie etwas passiert. Es kommen aus unserer Akademie die Burschen zu mir, die keinen Profivertrag bekommen haben, gehen in die Regional- oder Landesliga und ich helfe ihnen. Ich werde jedes Jahr blass, was dort zu verdienen ist. Das zu ändern ist ein Teil des Prozesses, nicht die Lösung. Wir versuchen a) eine Trennlinie zu ziehen und b) wollen wir in der höchsten Spielklasse echten Profisport und wollen den verbessern. Wir haben immer wieder eine Mannschaft in der Champions League und in der Europa League. Das es mehr werden, sollte eine Dauereinrichtung werden. Das ist das Ziel und das ist möglich.
Derzeit ist es ruhig puncto Reform. Wann tut sich wieder etwas?
In den Sommermonaten bin ich nur für die SV Ried tätig, im Herbst werden wir uns wieder verstärkt und massiv diesen Plänen widmen.
Reden wir noch über die SV Ried. Es gibt einen neuen Trainer, der anscheinend besser passt als so manch frühere Entscheidung.
Die Transferpolitik der SV Ried hat sich im Wesentlichen 15 Jahre kaum verändert. Ich kann mich nicht erinnern, dass wir in den letzten Jahren einen Stammspieler aus einer anderen Liga geholt haben. Dasselbe gilt auch für die Trainer. Aber viele Spieler, die belächelt wurden, als sie gekommen sind, sind Nationalspieler geworden oder in Österreich oder im Ausland verpflichtet worden. Auch Trainer. Wir greifen ja nicht in einen Topf hinein und sagen: Den oder den verpflichten wird. Es gibt zu jeder Verpflichtung eine Geschichte. Man findet aber auch nicht immer den Richtigen. Das braucht auch bei der SV Ried Zeit. Wenn mir einer kurz davor abspringt, kommt man aber unter Druck. Dann hat man kein großes Reservoir mehr, sondern nur einen kleinen Pool. Dann passieren Fehler. Das war aber heuer nicht der Fall. Das ist aber – noch einmal – kein Angriff auf die österreichischen Trainer.
Wie war das bei Christian Benbennek?
Es hat im Sommer 2015 eine Grundsatzentscheidung im Verein gegeben. Die Frage war: Nehmen wir im Sommer 2016 etwas Bewährtes und Bekanntes oder etwas Neues und Riskanteres? Dann haben wir zwei Töpfe gemacht und uns das angesehen. Ab Jänner 2016 habe ich beide Töpfe gefüllt. Bei den Bekannten war der Topf schnell voll, beim zweiten Topf habe ich von Jänner bis Mai Namen zusammen getragen und recherchiert. Es kam wer dazu und dann wieder weg. Bevor ich die beiden Töpfe geöffnet habe – und es waren in beiden nicht viele Namen drinnen – bin ich zum Präsidium gegangen und wollte eine weitere Grundsatzentscheidung, welchen der beiden Töpfe wir nehmen. Wir haben uns nach langer Diskussion ohne Namen zu nennen für den Topf mit den riskanten Namen entschieden. Wir hätten Paul Gludovatz auch überreden können, noch ein Jahr dran zu hängen.
Aber dann verschiebt man es nur um ein Jahr, logisch. Geht es da bei Benbennek auch um neue Reize? Ein Heimo Pfeifenberger war ja auch schon bei Grödig und Neustadt, ist jetzt beim WAC – man kennt seine Ideen in einer Zehnerliga.
Das trifft – auch wenn es mit dem Trainer jetzt nicht viel zu tun hat – den Nagel auf den Kopf. Ein kleiner Verein wie Ried muss, will er in einem Zehner- oder Zwölferfeld überleben, ein Alleinstellungsmerkmal haben. Nach dem Wiederaufstieg hatten wir es in Form der talentierten jungen Spielern, die woanders aus verschiedensten Gründen keinen Durchbruch hatten. Das ist aufgegangen. Über Jahre! Jetzt machen das die meisten anderen auch. Plötzlich waren wir in diesem Segment nicht mehr alleine. Dann haben wir lange überlegt, was das sein kann. Jetzt nähern wir uns wieder so einem Alleinstellungsmerkmal an. Das ist das des Risikos. Ich kann ja meine Fehler mit Geld nicht zu stopfen. Wenn ich heute vier falsche Spieler geholt haben und zehn Millionen Euro herum liegen habe, hole ich halt vier neue. Irgendwann wird es schon klappen. Das ist keine Kritik, das ist das gute Recht. Wir können das nicht, also brauchen wir etwas anders und daran arbeiten wird Tag und Nacht: Dass wir ein Alleinstellungsmerkmal haben
Wir danken für das Gespräch!