Robert Gucher: ‚In Österreich ist Taktikarbeit eher oberflächlich‘
Italien-Legionär Robert Gucher spricht im 90minuten.at-Interview über das Abschneiden der österreichischen Nationalmannschaft bei der Euro, seine persönliche Paris-Erfahrung, warum Italien dieses Mal überraschen kann und wieso Taktikarbeit in Italien so w
90minuten.at: Wie geht es Ihnen, wo und wie halten Sie sich aktuell fit?
Robert Gucher: Ich bin im Training, bin über den Sommer mit meinem Privattrainer Bernd Wolf in Graz immer im Training. Wir haben einen Trainingsplan, den wir über Jahre weiterentwickeln und stets auf andere Sachen Wert legen, wo ich mich verbessern kann, vor allem im körperlichen Bereich. Wir trainieren täglich und ich versuch fit zum Trainingslager zu kommen, um dort dann nur mehr Feinheiten zu machen.
Österreich ist nach der Gruppenphase der EM ausgeschieden. Wie haben Sie die Spiele des österreichischen Teams gesehen?
Ich hab natürlich vor dem Fernseher oder beim Public Viewing mitgefiebert. Ich glaube, dass alles vorher zu stark von außen aufgebaut worden ist. Das ganze Team hat eigentlich gewusst, dass es schwierig wird. Es war für viele das erste große Turnier und dass so etwas eigentlich einen Überraschungsfaktor hat. Mit einem guten Start kann man weit kommen, mit einem schlechten Start kann es gleich vorbei sein - und das haben wir leider zu spüren bekommen.
War die Erwartungshaltung zu hoch?
Dass die Erwartungshaltung hoch ist, ist auf der anderen Seite wieder normal nach den Ergebnissen aus der Quali. Aber wenn man es objektiv betrachtet hat, muss man sagen: Österreich war das erste Mal bei einer EM qualifiziert, wir haben wenige turniererfahrene Spieler gehabt und von dem her kann man nur versuchen das Positive mitzunehmen, auf die letzte Halbzeit aufzubauen und den Weg weiterzugehen. Das Wichtigste wird sein, dass die Euphorie im Land nicht wieder runter geht und wir trotzdem stolz auf das Team sind und was sie erreicht und erlebt haben. Wir werden wieder auf die richtige Schiene aufspringen, mit mehr Erfahrung. Alle miteinander werden wir dann besser vorbereitet sein, damit beim nächsten Anlauf wieder die Quali geschafft wird, und auch beim Turnier für Furore gesorgt werden kann. Das geht aber nur mit dem zwölften Mann und mit dieser Euphorie und das wird hoffentlich so bleiben und weitergehen.
< blockquote> Aber haben Sie sich im Vorfeld mehr erwartet von Österreich? Was sagen Sie zur bisherigen Leistung Italiens? Und welches Team hat Sie bis jetzt am meisten überzeugt? Wer wird im 10. Juli in Paris im Finale spielen? Apropos Paris: Sie haben auch schon mal in Paris gespielt und zwar im Jahr 2003 im Danone Nations Cup im Alter von 12 Jahren. Welche Erinnerungen haben Sie daran? Wie wichtig sind derartige Nachwuchsturniere für Sie persönlich gewesen? Sie waren auch bereits einmal im Kader des österreichischen Nationalteams und sind wohl einer jener Kandidaten, die nach der Abrufliste ganz oben stehen. Mit 25 sind Sie auch im besten Fußball-Alter. Welche Ziele haben Sie diesbezüglich? Hatten Sie Kontakt mit Marcel Koller in den letzten Monaten? Kommen wir zu Ihrer Situation in Italien. Wie ist Ihr abschließender Blick auf die vergangene Saison nach dem Abstieg? Warum hat es nicht geklappt? Wenn Sie die Spielweise in Italien betrachten. Wie kann ein Spieler wie Sie hier besonders profitieren bzw. dazulernen? < blockquote> Und speziell für Ihre Entwicklung? Wie sieht die taktische Arbeit in Italien aus? Unterscheidet sich diese zu anderen Stationen ihres Fußballer-Lebens? Ein Wechsel innerhalb Italiens, um wieder in der Serie A zu spielen ist nicht ausgeschlossen, oder? Sie haben aber auch einen Wechsel in andere Länder nicht ausgeschlossen?
Ich hab immer gesagt, man darf sich nichts erwarten. Man darf träumen und hoffen, aber nichts erwarten - weil ich weiß, wie es in dem Geschäft läuft. Es kommt auf Kleinigkeiten an, die aber dann ausschlaggebend sein können. In der Quali gehst du locker in jedes Spiel, bist vielleicht auf einer Euphoriewelle, alles ist positiv. Außerdem kann man von zehn Spielen mindestens drei verlieren und man hat trotzdem noch die Chance, sich zu qualifizieren. Beim Turnier kommt es halt wirklich auf 90 Minuten drauf an. In unserer Gruppe war es auch noch so, dass Island und Ungarn doch Länder sind, die sich hinten reinstellen und die ganze Quali so gespielt haben - auf Konter. Und wir eigentlich immer das Angriffspressing gespielt haben. Das Angriffspressing kann man in dem Turnier, wo es auf ein Spiel ankommt, aber nicht so spielen, weil wenn man einmal hinten eine Unkonzentriertheit hat und der Gegner das Tor schießt, holt man das dann nicht mehr auf. Das hat man bei den engen Ergebnissen gesehen, dass sehr viele auf Abwarten spielen und es eben auf alle möglichen Kleinigkeiten ankommt. Das hat uns sicher nicht in die Karten gespielt. Ich hätte es ihnen aber auch zugetraut, sehr weit zu kommen. Ich wollt einfach nach der EM nicht enttäuscht sein. Dass wir das als Land aber haben erleben dürfen - 30.000 österreichische Fans nach Frankreich zu bringen, das hat es schon lang nicht mehr gegeben! Das sind die positiven Dinge die man rausnehmen muss, um für das nächste Mal wieder gerüstet zu sein.
Vor der EM hab ich mit vielen Freunden darüber gesprochen, dass Italien erstmals bei einem Turnier ist, bei dem vor dem Turnier keine richtige Euphorie in Italien aufgekommen ist. Wenn man einfach nur die Namen der Spieler mit den vergangenen Jahren vergleicht, kommt keine Euphorie auf. Italien hat Topstarts gehabt, jetzt sind es eher Spieler, die nicht den klingenden Namen besitzen, oder vielleicht nicht die besten in Italien sind, aber der Teamchef hat die Spieler mitgenommen, die in das Antonio-Conte-System passen. Und das ist genau das, was uns - also uns ist gut gesagt - den Italienern und ich bin ja ein halber Italiener, Hoffnung gibt, dass sie weit kommen. Wir wissen, dass Antonio Conte jede Mannschaft in Schwierigkeiten bringen kann. Es ist schon ein Wahnsinn, wie sie in das Turnier gestartet sind. Jetzt, mit der Auslosung, muss man schauen, da muss alles zusammenpassen und da kommt es auf Kleinigkeiten an. Die Euphorie kann in Italien aber innerhalb von 90 Minuten auf 100 gehen und das ist genau nach dem ersten Spiel passiert. Eigentlich haben sie schon sehr viel Positives erreicht, weil es hat sich wirklich niemand etwas erwartet. Gegen Irland haben sie natürlich die Spieler geschont, weil gegen Spanien brauchst du jeden Spieler auf hundert Prozent, um das zu überstehen. (Anmerkung: Das Interview wurde am Tag vor der Partie Italien vs Schweden geführt)
Ich hab vor der EM auf Belgien getippt. Belgien hat von der Auslosung her auch den leichteren Weg, weil sich die Großen alle gegenseitig raushauen werden. Ich hätte die Kroaten aber auch weiter gesehen, die haben mich wirklich überzeugt. Es ist aber so viel möglich, die Franzosen haben auch das ganze Land hinter sich, bei den Engländer (Anmerkung: Das IV wurde vor dem Ausscheiden Englands gegen Island geführt) und den Italienern weiß man nie. Und Spanien muss an einem guten Tag gegen jeden gewinnen, die haben einfach das fußballerisch beste Team. Es ist aber schön zu sehen, dass die großen Länder nun doch die Überhand gewonnen haben. Ins Achtelfinale haben es doch ein paar Außenseiter geschafft, was schön ist, aber im Endeffekt werden sich die Großen das Match ausmachen.
Das ist jetzt natürlich wieder hochgekommen, als die Österreicher dort gespielt haben und man das Stadion sieht. Das war ein Wahnsinn. Es waren damals schon über 30.000 Leute, der Danone Nations Cup ist dort riesig aufgezogen worden. Und für uns war das als Kinder ein richtiges Highlight - der Aleksandar Dragovic war auch dabei. Es war richtig cool, der Weg dorthin ist auch nicht leicht gewesen. Das war dann die Draufgabe unter die besten vier zu kommen. Das zu schaffen war schon ein großer Erfolg.
Immer wichtig, vor allem wenn man jetzt als Erwachsener zurückdenkt, sagt man, dass das Mini-Turniere sind oder eigentlich nichts zählt. Aber in dem Alter will man, wenn man dort ist einfach jedes Spiel gewinnen. Da bekommt man aber schon sehr viele Sachen eingeimpft, wie den Siegeswillen; also verlieren hab ich noch nie können. Das waren schon wichtige Turniere und vor allem Erfahrungen die man dort mitnimmt.
Ein Ziel ist sicher wieder ins Nationalteam zurückzukommen. Es war eine riesen Ehre dabei gewesen zu sein, aber es war klar, dass die 23, die sich es am meisten verdient haben auch mitfahren, und es war auch richtig. Es geht aber nur über den Verein zurück ins Nationalteam. Wenn man im Verein die Leistung bringt, kommt alles andere automatisch. Ich kenn jetzt alle Leute, und habe auch jedem einzelnen Spieler vor der EM eine SMS geschickt, es hat auch jeder zurückgeschrieben, die waren richtig euphorisch. Das ist einfach eine richtig coole Truppe, wo natürlich jeder Österreicher rein will. Und ich werde alles daran setzen, wieder dorthin zu kommen.
Nein, das wird alles über den Teammanager geregelt.
Es ist natürlich ein bisschen Wehmut dabei, weil wir es in der vorletzten Runde noch in der eigenen Hand gehabt haben. Wir sind mit 14, 15 Spielern aus der dritten Liga durchmarschiert sind und der Verein hat auf die Spieler gebaut, die uns dorthin gebracht haben und wir wollten das mit denen schaffen.
Wir haben alles versucht, aber leider die direkten Duelle immer verloren und gegen die Großen eigentlich gut gespielt. Aber das Positive war, dass wir bei unserem vorletzten Heimspiel, als der Abstieg fixiert wurde, Standing Ovations bekommen haben und das ganze Stadion aufgestanden ist und gesungen hat. Da kommen dann auch Tränen des Stolzes, weil wenn man es nüchtern analysiert, ist es eigentlich ein Wunder, dass wir aus der dritten Liga so raufmarschiert sind. Auch für den Verein war das ein Wahnsinn, die Topklubs in unserem kleinen Stadion zu haben. Auch die gegnerischen Spieler haben sich bei unseren Fans nach und teilweise auch einen Tag vor dem Spiel blicken lassen; es ist alles sehr familiär abgelaufen. Es ist jeder begeistert, welche Euphorie bei uns entstanden ist. Viele Spieler haben gesagt, dass es vor unseren 10.000 Fans so wie vor 50.000 im Olympico von AS Rom war. Da merkt man, welch enormer Hexenkessel durch die Euphorie entstanden ist. Aber es ist natürlich schade, weil einen Abstieg will keiner auf seiner Visitenkarte stehen haben. Wenn man es aber nüchtern betrachtet, war es ein super Jahr für uns, in dem wir tolle Erfolge gefeiert haben, tolle Erfahrungen sammeln durften, sowohl wir Spieler als auch der Verein.
Wenn man sich allein die EM ansieht, wie Italien sich im Block bewegt. Über Italien sagt man immer, dass sich die nur hinten reinstellen und die Null nach Hause bringen wollen. Das sieht aber nur so aus, wenn der Gegner am Ball stark ist und großen Wert auf Ballbesitz legt. Dann lassen sie sich auf nichts ein und machen dicht. Sonst wird in Italien sehr viel Pressing gespielt. Mit den Ergebnissen hat man auch gemerkt, dass sich das ein bisschen verändert hat. Aber wenn der Gegner den Ball hat - auch wenn sie stärker sind - wird es für sie trotzdem schwer durchzukommen, weil da jeder seine Aufgabe hat.
Man lernt dadurch zu antizipieren und Spielsituationen besser zu erkennen und man verlässt sich auf den Mitspieler. Die Taktik ist monatelange Arbeit, die man intus haben muss, um dort zu bestehen. Das ist nicht so wie in Deutschland oder England, wo Spielern auch viele Freiheiten gegeben werden. Deswegen tun sich auch Spieler wie Podolski und Shaqiri schwer, wenn diese nach Italien kommen. Eigentlich braucht man sechs Monate bis ein Jahr, bis man da richtig hineinkommt. Das hat man bei vielen Topstars schon gesehen, weil einfach ein komplett anderer Fußball gespielt wird. Du hast deine Freiheiten nicht und musst dich an Sachen halten in der Defensiv-Phase und auch in der Offensive gibt es fixe Laufwege. Von dem her ist alles ein bisschen schematisch. Wenn man das aber verstanden hat, kann man in Punkto Taktik in jedem anderen Land bestehen. Das Spiel sagt natürlich nicht jedem zu, aber es gibt Spielertypen, die sehr davon profitieren.
Ja, das unterscheidet sich schon. Es wird überall auf Taktik Wert gelegt, aber es ist nirgendwo so wie es in Italien ist. Es gibt natürlich unterschiedliche Trainer, die auf verschiedene Sachen Wert legen, aber hier in Italien legt jeder extrem viel Wert auf die Taktik. Da geht es wirklich um Zentimeterarbeit mit Videoanalysen, etc. In Österreich ist das bei den Klubs eher oberflächlich, die nennen das zwar Taktiktraining, aber man kann das mit unserem Taktiktraining nicht vergleichen - da liegen Welten dazwischen. Die Ansätze sind überall da, aber es wird nicht so verfeinert, weil dann auf andere Dinge Wert gelegt wird, etwa auf technische Bereiche. In Italien heißt es: Die Technik musst du sowieso beherrschen. Wichtig ist, dass du die Taktik verstehst, sonst spielst du nicht.
Natürlich, es ist aber so, dass ich mich in Frosinone sehr wohl fühle, das weiß auch jeder. Es steht eine Vertragsverlängerung im Raum, ich hab noch ein Jahr Vertrag. Das Ziel von jedem Fußballer ist es aber auch, in der höchsten Liga des Landes zu spielen, das ist sowieso klar. Ich lasse den Sommer jetzt auf mich zukommen und werde dann schauen was passiert - und da hab ich eigentlich keinen Druck. Jeder weiß, wie wohl ich mich fühle und das mein Ziel die Serie A ist, es kann also für beide Seiten nur positiv ausgehen. In Italien kommen die Transfers aber erst jetzt langsam ins Rollen. Ich konzentrier mich aufs Sportliche und wo es dann weitergeht werden wir am Ende der Transferzeit sehen.
Das Wichtigste ist, dass das Gesamtkonzept passt. Und ich muss spüren, dass mich der Verein haben will. Ich habe jetzt auch einen neuen Trainer in Italien. Wir werden sehen, was er für Ideen hat und wie er mit mir plant, das kann man auch noch nicht wissen. Das heißt, es kommen aufregende Monate auf mich zu, und wenn das Trainingslager losgeht, werden wir Gespräche führen und mehr erfahren. Das ist in Italien so üblich, dass man eigentlich vorher wenig macht, weil doch alle auf Urlaub sind und mit der EM geht es jetzt auch noch ein bisschen weiter. Es gibt also noch genug Zeit für Gespräche.
Danke für das Gespräch!