Michael Krammer: ‚Muss ich ein Hund gewesen sein, um ein guter Tierarzt zu sein?‘

Im November wurde Michael Krammer für weitere drei Jahre zum Rapid-Präsidenten gewählt. Im ausführlichen 90minuten.at-Inteview spricht der Manager über die sportliche Durststrecke, die bewusst in Kauf genommene Kritik in Sachen Liga-Solidarität, warum er

90minuten.at: Vor wenigen Tagen wurde Fredy Bickel der Öffentlichkeit vorgestellt. Rapid hat sich wieder für einen international erfahrenen Sportdirektor entschieden. Vielleicht können sie kurz zurückblicken, wie sind Sie auf Bickel gekommen?
Michael Krammer: Wir haben unsere Kriterien, die wir bei der Bestellung von Andreas Müller gehabt haben, noch einmal mit den Erfahrungen der vergangenen drei Jahre nachgeschärft, um auch den künftigen Schwerpunkten für die kommenden drei Jahre wie etwa Nachwuchsarbeit, Trainingszentrum Gestaltung und auch die wirtschaftliche Co-Verantwortung der SK Rapid GmbH zu entsprechen. Eine Bestellung des Sportdirektors gestaltet sich ja ähnlich transparent wie jene eines Trainers. Es gibt Datenbanken, Medienberichterstattung, etc. Wir haben Experten im Team, die die Suche beginnen, teilen dann in zwei Gruppen, jene mit Vertrag und ohne Vertrag. So nähert man sich an eine Liste von rund fünf Kandidaten an. Dann gab es die ersten Telefoninterviews und drei kamen ins Finale. Diese drei mussten sich erstmals auch einem Persönlichkeitstest unterziehen, der von einem Personalberater durchgeführt wurde. Erst dann kam es zu den persönlichen Hearings.

 

War Fredy Bickel auch ihr persönlicher Favorit?
Ich kann sagen, dass der Personalausschuss, der um ein paar externe Persönlichkeiten angereichert wurde mit einem Personalberater oder auch beispielsweise unserem ehemaligen Präsidenten Günther Kaltenbrunner, der auch Trainer und Spieler war, sowie unserem Vorsitzenden des Beirates der SK Rapid GmbH, Robert Grüneis, und Kuratoriumsvorsitzenden Dietmar Hoscher Fredy Bickel einstimmig beschlossen hat.

 

Bislang gab es eine Spielphilosophie, die verfolgt wurde: Stichwort durchgängiges 4-3-3-System. Fredy Bickel sagte bei seiner Vorstellung: Das wird überbewertet. Er will dem Trainer nicht vorschreiben wie er spielen soll. Ist das damit die Abkehr einer einheitlichen Spielphilosophie?
Die Philosophie ist klar: wir wollen offensiv und dominant spielen. Ein starres Spielsystem hat auch Rapid sehr ausrechenbar gemacht. Ich kenne keinen Topverein, der ein Spielsystem in jeder Phase durchzieht. Kurz gesagt: Spielphilosophie ja, ein starres Spielsystem aber nein.

 

Ging es beim Hearing auch immer schon um konkrete Pläne? Was hat Herr Bickel präsentiert, was für Rapid eventuell auch neu war?
Es gibt einige Dinge, die er eingebracht hat im Hearing. Das Herausziehen von außergewöhnlichen Persönlichkeiten und diese speziell zu betreuen ist etwa ein Thema, über das ich jetzt aber noch nicht so viel sprechen möchte. Das war sehr interessant. Auch in der Schweiz hatte Fredy Bickel ähnliche Voraussetzungen, dass es mit Basel einen Verein gibt, der finanziell weit über den anderen liegt, aber die Young Boys der Topmagnet für die Talente des Landes waren. Das war sehr interessant, wie man das macht, auch wenn man nicht das größte Budget hat.

 

Inwiefern waren die finanziellen Rahmenbedingungen von Rapid im Rahmen der Bickel-Bestellung ein Thema? In der Schweiz hatte Bickel durchaus gute Arbeit geleistet, aber auch immer wieder das notwendige Budget dafür zur Verfügung gestellt bekommen.
Wir haben das detailliert besprochen. Bei den Young Boys gab es oft auch das OK von Investoren, die vielleicht ein Zusatzbudget zur Verfügung gestellt haben. Bei uns ist das anders, wir wissen was wir investieren können und was nicht. Das haben wir auch klar kommuniziert. Wir budgetieren mit einem ausgeglichen Ergebnis aus dem nationalen Bewerb, sollten dann zusätzliche Einnahmen aus der Qualifikation für einen internationalen Bewerb möglich sein, kann und wird man darüber reden, wie dieses Geld eingesetzt wird.

 

Die Reihenfolge der Bestellung, zuerst Trainer, dann Sportdirektor war eher unüblich. Inwiefern war es auch ein Thema, ob der Sportdirektor zum Trainer passt?
Es ist nicht ganz unüblich, wie am Beispiel Franco Foda und Günter Kreissl ersichtlich ist.

 

.. aber in so kurzem Abstand ist es doch eher ungewöhnlich. Es hätte auch der Plan sein können, einen Interimstrainer zu installieren, dann den Sportdirektor, der sich dann einen neuen Trainer sucht, der durchaus dann auch Damir Canadi hätte heißen können?
Das wäre eine Möglichkeit gewesen, wir haben uns aber dagegen entschieden, weil die Lage so angespannt war. Daher wollten wir nicht mit einem Interimstrainer weitermachen und dann noch eine Veränderung in Kauf nehmen müssen, wenn dann endgültig der neue Trainer kommt.

 

Zurück zur Ursprungsfrage: Inwiefern war es ein Thema, ob der Sportdirektor auch zum neuen Trainer Damir Canadi passt?
Wir haben, Damir Canadi bereits kennend, versucht, dies über den Persönlichkeitstest auszuloten. Man nimmt idealerweise nicht jemanden, der genauso ist, sonst sprühen die Funken.

 

Es hatte also einen Einfluss auf die Wahl des Sportdirektors, dass Rapid einen Trainer bereits gehabt hat. Sonst hätte man evtl. das eine oder andere Kriterium anders gewichtet?
Man hätte in der Persönlichkeitsauswahl vielleicht andere Schwerpunkte gewählt. Es ist aber so oder so wichtig, dass man als Sportdirektor oder Geschäftsführer Sport diese Persönlichkeitsmerkmale hat, die Fredy Bickel mitbringt, unabhängig davon, wer gerade Trainer ist.

 

Sie haben jetzt innerhalb von wenigen Wochen zwei der wichtigsten Personalentscheidungen getroffen, die es im Klub gibt und übernehmen damit auch die volle Verantwortung, wenn dies nicht klappen sollte, mehr als es bisher war? Die Frage stelle ich auch deswegen, weil Sie im Fall von Mike Büskens gemeint haben, dass dieser Trainer damals von Andreas Müller als alternativlos präsentiert wurde? Es wirkt so, als würden Sie für Mike Büskens nicht die Verantwortung übernehmen wollen als Präsident.
Andreas Müller war auch eine Entscheidung des Präsidiums mit mir an der Spitze, insofern ändert sich da nicht viel. Die Trainerentscheidung ist die Verantwortung des Geschäftsführers Sport, das werde ich auch in Zukunft so halten. Natürlich wird die Entscheidung dem Präsidium vorgelegt, um das abzusegnen. Aber dort, wo die Kompetenz liegt, liegt auch die Verantwortung.

 

 

Muss ich ein Hund gewesen sein, um ein guter Tierarzt zu sein?

Michael Krammer

Weder Zoran Barisic oder Andreas Müller mussten Ziegelschupfen oder Business-Plan errechnen. Die konnten sich auf ihre Aufgaben im sportlichen Bereich konzentrieren. Wir haben mehr Geld als je zuvor zur Verfügung gestellt.

Michael Krammer

Das Adrenalin hat da ein bisschen die Synapsen in Mitleidenschaft gezogen.

Michael Krammer

… Unsolidarisch? Ja, aber ..

Michael Krammer

Aber ist das Ganze auch eine Lehre aus der Büskens-Müller-Freistellung? Büskens wurde laut Ihrer Aussage als Alternativlos präsentiert, das war wohl auch einer der Hauptgründe, warum Müller gehen musste. Wird man diese Entscheidungen künftig stärker hinterfragen als bisher?
Definitiv. Das war schon auch ein Lerneffekt aus der Trainerauswahl, die im Juni Mike Büskens zu uns brachte.

 

Oft wird von Ihnen der Personalausschuss zitiert, der Trainer und Sportdirektor bestellt hat. Wer sitzt da eigentlich konkret drinnen? Auf den offiziellen Seiten ist dazu nichts zu finden?
Der Personalausschuss besteht von Präsidiumsseite aus Martin Bruckner, Gerhard Höckner und mir. Dazu kamen in diesem Fall der Günther Kaltenbrunner, der die Sport-Insight mitbringt, Christoph Peschek und der Vorsitzende des Beirats der SK Rapid GmbH, Robert Grüneis.

 

Aber haben Sie nicht die Befürchtung, dass dieser Personalausschuss zu wenig Sportkompetenz besitzt, um derart wichtige Entscheidungen wie die Auswahl des Trainers oder Sportdirektors zu treffen?

Ich habe mir das schon oft überlegt: Was ist die zusätzliche Qualifikation von jemanden, der früher selber Profi-Fußball gespielt hat, bei der Personalentscheidung zu einem Sportdirektor? Muss ich ein Hund gewesen sein, um ein guter Tierarzt zu sein? Ich habe Spezialtechniker eingestellt, aber ich bin kein Techniker. Man kann Kriterien so abstrahieren und festlegen, dass man diese Personen sehr wohl qualifiziert aussuchen kann. Sowohl bei Trainer und Sportdirektor sind die Kriterien so transparent wie bei kaum einem anderen Job. Ich könnte mir keine Person vorstellen, die selber Fußball gespielt hat, die uns da entscheidend weiterhelfen hätte können.

 

Immer wieder heißt es auch, Fans reden bei Personalentscheidungen mit. Ihnen war es in den vergangenen Wochen wichtig, das zu dementieren. Wo können Fans bzw. Mitglieder mitreden, wo ist die Grenze?
Mitglieder haben ein sehr hohes Mitgestaltungsrecht bei Rapid, weil sie das Präsidium wählen und Anträge stellen können bei der Hauptversammlung. Es gibt auch einige Ausschüsse, im Rahmen derer Fans mitreden können. Das gehört zu einem Mitgliederverein. Dann gibt es das große Gerücht, die Fans reden beim SK Rapid bei wichtigen Entscheidungen mit. Ich frage mich dann immer: Wer ist damit gemeint? Sind das nur jene, die im Block West sitzen, sind das auch jene, die auf der Allianz-Tribüne sitzen? Natürlich berücksichtigt man, wenn man Entscheidungen zu treffen hat, egal welche es sind, die Interessen der Stakeholder von Rapid. Das sind die aktive Fanszene, die Mitglieder, die Partner, Medien, die Sponsoren. Da fließt auch ein, wie eine Entscheidung in der Rapid-Community ankommt. In Zusammenhang mit Trainer und Geschäftsführer Sport habe ich oft gehört: Der muss eine Rapid-Vergangenheit haben. Entscheidend aber aus meiner Sicht ist, dass jemand diese Position einnimmt, der Persönlichkeitsmerkmale mitbringt, die zu Rapid passen. Ein introvertierter Tüftler wird es daher eher nicht werden.

 

Sie meinten zuletzt etwa auch, dass ein zu starker Einfluss von Fans auch das Gegenteil bewirken könnte? Canadi ist daher aber nicht als Trotzreaktion zu verstehen, weil er keine Rapid-Vergangenheit besitzt?
Canadi wurde deswegen genommen, weil er ganz eindeutig der beste war im Rahmen unseres Auswahlverfahrens. Und da wurde auch berücksichtigt, dass der eine Punkt „Wirkung in der Rapid-Community“ nicht mit voller Punktanzahl bewertet wurde.

 

Damir Canadi deutete zuletzt an, dass er gerne den einen oder anderen neuen Spieler für seine Idee von Fußball hätte. Sie sind nicht der Sportdirektor, aber geben Sie das „Go“ für neue Spieler im Winter?
Natürlich müssen zunächst der Geschäftsführer Sport und der Trainer zusammensitzen. Es gibt ein paar Prämissen: Wir haben einen sehr großen Kader mit 29 Mann, es kommen im Jänner fast alle Verletzte zurück. Es gibt eine klare Vorgabe von mir: Mehr Spieler dürfen es im Kader nicht sein.

 

 

Ein interessanter Punkt in der Amtszeit von Müller war auch, dass Rapid plötzlich neun Legionäre im Kader hatte, obwohl nur sechs im Kader stehen dürfen, wenn man am Österreicher-Topf mitnaschen will. Wurde dies mit Fredy Bickel auch besprochen?
Definitiv. Es wird künftig nach Ablauf der gültigen Verträge nur noch so viele Legionäre geben, wie es der Österreicher Topf vorsieht.

 

Vor wenigen Tagen wurden Sie erneut zum Rapid-Präsidenten gewählt und haben Ihre Ziele formuliert. Die wirtschaftliche Bilanz unter Ihrer Amtszeit ist durchaus beeindruckend, nicht zuletzt das Stadion, in dem wir hier sitzen, ist ein Beweis dafür. Sportlich läuft man diesem Anspruch aber weiterhin hinterher. Wenn Sie zurückblicken: Haben sich zu viele Ressourcen mit der Entwicklung des Wirtschaftsbetriebs Rapid beschäftigt und man darauf gehofft, dass Geld auch Tore schießt? Ist das die Kehrseite der Medaille, wenn man derartige Monsterprojekte auf die Beine stellt?
Nein, ganz sicher nicht. Wir machen das alles nur, damit wir sportliche erfolgreich sein können. Ich wüsste nicht, welche Ressource man hätte umschichten sollen, um den sportlichen Erfolg zu erhöhen. Weder Zoran Barisic oder Andreas Müller mussten Ziegelschupfen oder Business-Plan errechnen. Die konnten sich auf ihre Aufgaben im sportlichen Bereich konzentrieren. Wir haben mehr Geld als je zuvor zur Verfügung gestellt. Dieser Vorwurf ist absurd. Es wurde alles getan, um den sportlichen Erfolg sicherzustellen.

 

Sie haben bei Ihrer sportlichen Bilanz auch gemeint, dass Rapid unter Ihrer Führung immerhin drei Mal zweiter wurde …
… die Europa League Gruppenphase gewonnen, Sechzehntelfinale ..

 

… es kommt aber dann doch auch immer wieder der finanzielle Vergleich zu Red Bull Salzburg. Sinngemäß meinten Sie daher: So schlecht sind die zweiten Plätze also nicht, wenn man das Budget von Salzburg ansieht. Heißt das umgekehrt, dass Rapid den Vizemeister künftig gepachtet hat?
Ich kann und will das so nicht akzeptieren.

 

Ja, aber einerseits muss die finanzielle Unterlegenheit gegenüber Salzburg als Argument herhalten, wenn Rapid zweiter wird. Andererseits will man Meister werden. Wie löst sich dieser Knoten auf?
Wenn wir es in der Saison 2014/15 nach dem Helsinki-Aus in der Meisterschaft geschafft haben, sechs Punkte mehr zu erspielen als Red Bull Salzburg, dann muss es auch möglich sein, den Titel zu holen. Man kann es nicht fordern, wir müssen aber mit aller Kraft daran arbeiten. Das Gute ist: Wir müssen nicht, wir wollen es.

 

Ich habe Sie damals in der Pressekonferenz der Hauptversammlung dafür kritisiert, dass Sie als Ventocom-Geschäftsführer auch gleichzeitig Geschäftspartner des SK Rapid sind, dem Sie vorstehen. Dabei geht es aus meiner Sicht überhaupt nicht darum, dass ich daran zweifle, dass diese Vereinbarung, dass Sie den Gewinn an Rapid abführen, nicht eingehalten wird, sondern vielmehr darum, dass man sich als Rapid-Präsident generell von Geschäften mit dem eigenen Unternehmen fernhalten könnte bzw. sollte. Ich nehme an, Ihre Meinung hat sich dazu nicht mehr geändert?
Nachdem ich zu 100% ehrenamtlich tätig bin - es ist viel mehr geben als zu bekommen - ist es so, dass ich genau bei dieser Konstruktion sehr hohe Ansprüche gestellt habe. So wie wir das aufgesetzt haben mit der gemeinsamen Gesellschaft RTK, die von Rapid und Ventocom gegründet wurde, mit vollster Transparenz und die sicher auch nach meiner Zeit als Präsident bestehen wird, ist es ein Community-Produkt, das Rapid genauso weiterbringen kann wie eine Mitgliedschaft oder eine Cashback-Card …

 

… das ist unbestritten …
... aber es gab keine Alternative. Entweder wir, in dem Fall Ventocom mit Rapid, machen es oder niemand macht es.

 

Aber es ist ein Sponsoring mit einer Gegenleistung?
Ja. Die Ventocom bekommt Plätze in der Ebene eins im Business-Klub. Es ist eine ganz normale vertragliche Vereinbarung.

 

Aber abschließend gefragt: Die Problematik, dass ein Präsident per se keine Geschäftsbeziehung mit dem eigenen Klub eingehen sollte, sehen Sie nicht?
Schauen wir mal, wie intensiv die Geschäftsbeziehung überhaupt ist: Ich bin geschäftsführender Gesellschafter bei Ventocom, mir gehören 30%. Der Ventocom gehören 75% der RTK, dh. wenn man das umrechnet sind wir bei einem persönlichen Anteil von rund 25% meinerseits. Das ist also die Verflechtung. Und der Nutzen für den Klub könnte bei bis zu 500.000 Euro pro Jahr liegen.

 

Um auch noch einmal die finanzielle Kluft zu Red Bull Salzburg anzusprechen: Wie wichtig sehen Sie eigentlich die Rolle von Red Bull im österreichischen Fußball? Ist es gut für Rapid, dass man aus sportlicher und finanzieller Sicht eine übergeordnetes Team hat, nach dem man sich strecken muss bzw. kann?
Man muss mit dem Geschäftsmodell, das Red Bull im Fußball pflegt, nicht einverstanden sein, um zu sagen, dass es sportlich eine Herausforderung ist …

 

Aber tut Red Bull dem österreichischen Fußball gut?
Sportlich gesehen, ja.

 

Das heißt, es gibt auch Aspekte, die sie nicht gut finden?
Ich kann diesem Konzernansatz, der bei Liefering beginnt, über Salzburg geht und in Leipzig endet mit einer Dependance in New York, wo hin- und herverschoben wird, nichts abgewinnen, überhaupt nicht. Aber rein sportlich gesehen ist das für uns eine große Herausforderung und wir mögen Herausforderungen.

 

 

Aber diese Spitzen gegen Red Bull Salzburg wird es weiter geben? Zuletzt haben Sie im Sommer gemeint, dass es Rapid den Salzburgern dann zeigen wird, wie man in die Champions League kommt. Sie haben das zwar zuletzt relativiert, aber wie war das dann eigentlich gemeint?
Davon lebt doch der Fußball, auch von solchen Aussagen …

 

… aber man wird an Aussagen dann auch gemessen. Und von einer Champions League Teilnahme ist Rapid derzeit so weit entfernt wie schon lange nicht mehr …
Das muss ich dann aushalten. Der Zeitpunkt des Interviews war nach dem 5:0 gegen Ried und nach dem 4:0 Auswärtssieg gegen Trencin. Das Adrenalin hat da ein bisschen die Synapsen in Mitleidenschaft gezogen. (lacht laut)

 

Eines ihrer Ziele ist auch das Erreichen der Top 50 in Europa. Wird man dieses Ziel - kombiniert mit der immer größer werdenden Schere, die in Europa aufgeht - nicht adaptieren müssen?
Die Top 50 würde ich aktuell als herausfordernd, aber realistisch in den nächsten Jahren erreichbar sehen. Aktuell sind wir auf Platz 74. Wenn wir nächstes Jahr wieder in eine Gruppenphase kommen, werden wir nicht mehr so weit entfernt sein. Wenn das zwei Jahre in der Art und Weise gelingt, dann kratzen wir in den Top 50. Die Frage ist dann aber auch: Können wir dann dort bleiben? Man muss sich in diesem Zusammenhang auch genau ansehen, was sich im europäischen Fußball tut. Bilden sich regionale, alternative Ligen innerhalb oder auch außerhalb der UEFA? Oder lassen sich kleinere Verbände mit ein bisschen mehr Schmerzensgeld abspeisen?

 

Wie sehen Sie generell die Entwicklung in europäischen Fußball. Dies kann doch eine Liga wie Österreich bzw. einen Klub wie Rapid nicht zufriedenstellen? Was kann hier getan werden?
Ich glaube, je mehr sich diese Super-League-Klubs vom normalen Fußball entfernen, desto weniger sollte man auf diese Rücksicht nehmen. Mir wäre sogar am liebsten gewesen, wenn sich diese SuperLeague-Klubs verabschieden und dann in Peking oder sonst wo spielen. Man hätte dann wieder einen traditionellen Meister-, UEFA- und Cupsieger-Cup installieren können, mit deutlich mehr Zusehern, davon bin ich überzeugt. Das ist eine sehr ungesunde Entwicklung.

 

Inwiefern wird aus diesem Blickpunkt die Liga-Reform der gesamten Liga nützen und auch Rapid im Speziellen?
Es ist anscheinend aufgrund der finanziellen Situation vor allem in der Sky Go Ersten Liga unumgänglich geworden, diese Reform herbeizuführen. In Anbetracht der Rahmenbedingungen ist zumindest für die oberste Spielklasse ein halbwegs gutes Ergebnis dabei herausgekommen. Generell wird die Liga durch Playoff & Co medial interessanter. Wir haben es auch geschafft, das Projekt Infrastruktur aufzusetzen, um mittelfristig 16 Vereine ganz oben zu haben, um wieder zu einem normalen Ligenformat zurückkehren zu können.

 

Wie sehen Sie die neue zweite Liga? Es gibt viele Bedenken, dass diese Liga kaum Möglichkeiten schafft, an den Profisport anzuknüpfen?
Diese Bedenken teile ich.

 

Das heißt, man hat ein Ligenformat beschlossen, wo es mehr oder weniger oben eine geschlossene Liga mit 12 Vereinen gibt?
Unter den derzeitigen Rahmenbedingungen sieht dies so aus. Aktuell wird aber eine Potenzialanalyse durchgeführt: wo gibt es Zuschauer-, Einwohner- und Infrastrukturpotenziale und welche Investitionen sind zu tätigen, um Profifußball dort zu ermöglichen. So könnten wir wieder auf 16 Profivereine kommen.

 

 

Wohnen da manchmal zwei Seelen in Ihrer Brust? Oft gab es heftige Kritik an der Liga (Stichwort: Sie haben der Liga ausgerichtet, ob sie weiß, wie man Marketing buchstabiert), gleichzeitig sind die Aufsichtsrat der Bundesliga. Da gibt und gab es auch unter der Hand oft Kritik, dass man als Aufsichtsrat nicht so populistisch agieren sollte und diese Kritik intern besprechen könnte. Es gibt Aufsichtsräte in der Liga, die das anders handeln.
Das kommt in Aufsichtsräten schon das eine oder andere Mal vor, das ist nichts Ungewöhnliches …

 

… aber fühlen Sie sich manchmal hin- und hergerissen? Es gibt andere Aufsichtsratskollegen, die medial der Liga nicht ausrichten, was sie zu tun hat?
Das ist vielleicht dem geschuldet, dass ich in meiner Erstfunktion Rapid-Präsident bin und die Medien für Rapid ein größeres Ohr haben als für andere Vereine. Da muss man Sachen manchmal gar nicht so laut sagen, damit es gehört wird. Auf der anderen Seite ist es uns als Rapid bewusst, dass es eine Wechselwirkung gibt. Alleine macht eine starke Rapid wenig Sinn, wir brauchen eine funktionierende Liga. Daher gibt es das eine oder andere Mal Kritik, aber nicht mit dem Ziel, etwas schlecht zu machen, sondern um es zu verbessern. Wir wollen den Zuschauerschnitt nicht nur steigern, weil Rapid ein neues Stadion hat, sondern weil die Vermarktung der Liga besser wird, weil an der Attraktivierung der Infrastruktur gearbeitet wird.

 

 

Die Liga hat vor wenigen Tagen das Naming-Right von Tipico mit der Bundesliga verlängert. Bei der Klubkonferenz, wo das beschlossen wurde, waren zunächst nur sechs, am Ende dann sieben von zehn Vereinen anwesend (Anm. der Redaktion: Rapid war anwesend, gefehlt haben St. Pölten, WAC und Admira Wacker; SV Mattersburg ist nachgekommen). Wie sehen Sie das als Bundesliga-Aufsichtsrat?
Vielleicht sollte man das Geld dann nur auf die sechs oder sieben Klubs aufteilen. (lacht). Nein, im Ernst: Das ist traurig.

 

Die Liga hatte aber Mühe mit der Verlängerung des Vertrags, weil Rapid Leistungen des bisherigen Vertrags an einen anderen Wettanbieter verkauft hat. Rechtlich ok, aber moralisch unter der Hand von vielen Seiten kritisiert. Konterkariert man damit nicht die ligaweiten Marketing-Bemühungen, wenn man damit den künftigen Naming-Right-Vertrag torpediert? Ist das von Rapid …
… Unsolidarisch? Ja, aber das sind Klubleistungen, die wir in der ersten Phase des Vertrags zur Verfügung gestellt haben. Der Unterschied zwischen dem was wir für das Naming Right ohne Klubleistungen bekommen und dem, was wir mit Klubleistungen bekommen, sind ein paar Tausend Euro im Jahr. Das ist ein Witz. Ich glaube, es macht Sinn jene Dinge zentral zu vermarkten, die auch zentral zu vermarkten sind. Der Name der Liga, das Logo auf den Dressen, etc. Aber keine Leistungen, die bei den Klubs liegen. Eine Bande bei Rapid ist mehr wert als in Mattersburg. Ich glaube nicht, dass es möglich ist, die Klubleistungen zentral besser zu vermarkten, als wir es individuell können. Das beste Tool für die Zentralvermarktung ist das Naming-Right, da bekommt man unschlagbare Werte. Ich habe das damals mit meinem Team bei Orange selbst analysiert und wollten das haben, doch leider sind wir von T-Mobile und tipp3 überboten haben. Ob ich dann noch in jedem Stadion eine Band habe, ist unwesentlich im Vergleich dazu.

 

Eines der spannendsten Themen der nächsten ein, zwei Jahre aus Liga-Sicht ist wohl auch der neue TV-Vertrag. Welche wirtschaftliche Vision sollte die Liga hier an den Tag legen?
Ich würde da gar nicht so sehr von einer Vision sprechen, die kann man zwar haben, aber das nützt alles nichts, wenn man die Grundprinzipien der Vorgehensweise nicht einhält. Es wurde mit der Arbeitsgruppe ein erster, wichtiger Schritt getan, wo auch Klubvertreter dabei sind. Es wurde ein Termin- und Projektplan ausgemacht. Das ist auf Schiene und wir werden uns entsprechend einbringen.

 

Es ist kein Geheimnis, dass Rapid künftig einen größeren Teil vom Kuchen haben will als bisher…
Wir sind der Überzeugung und das trifft nicht nur auf Rapid zu, dass jene Vereine, die eine höhere, mediale Attraktivität haben, auch mehr vom TV-Topf bekommen sollten. Das ist wettbewerbsrechtlich auch notwendig, sonst ist es das Ausnützen eines Monopols und wäre rechtlich bedenklich. Es muss einen leistungsgerechten Verteilungsschlüssel geben.

 

Diesbezüglich haben Sie auch wieder die TV-Eigenvermarktung des SK Rapid ins Spiel gebracht. Wie soll das aus Ihrer Sicht funktionieren?
Alles, was theoretisch möglich ist, muss man vorbereiten und das tun wir auch. Unsere Priorität gilt aber der Zentralvermarktung und an dieser mitzuarbeiten.

 

Aber wie stellen Sie sich eine Eigenvermarktung vor? Rapid muss ja auch gegen irgendwen spielen?
Die Eigenvermarktung ist nicht unser Ziel, wir bereiten uns trotzdem darauf vor, sollte es notwendig sein.

 

Aber wie soll das funktionieren?
Wir können unsere Heimspiele vermarkten, wenn wir das wollen.

 

Aber wenn neun Klubs gegen den Willen des SK Rapid einen Vertrag beschließen?
Die Rechtssituation ist schon so, dass, wenn es keine leistungsgerechte Ausschüttung gibt, der gesamte TV-Vertrag rechtlich in Frage gestellt werden kann. Entweder es gibt eine leistungsgerechte Ausschüttung oder es gibt ein Rechtsproblem. Wenn es dieses Problem gibt, werden wir uns selbst vermarkten. Aber noch einmal: Es ist nicht unser Ziel, wir wollen in einer starken Bundesliga spielen, aber auch mit einer klaren Wertschätzung dafür, dass wir das Zugpferd sind. Nicht nur bei uns zu Hause, sondern auch dann, wenn wir zu Gast sind, kommen immer die meisten Fans zu den jeweiligen Klubs.

 

Letzte Frage: Wenn das Jahr 2019 kommt und Sie zurückblicken, welches Ihrer Ziele sollte dann auf jeden Fall erfüllt sein?
Ich möchte schon ganz gern einen Titel gewinnen. Mein erstes Rapid-Match war 1968, dann hat es 14 Jahre bis zum nächsten Meistertitel gedauert. Das muss nicht noch einmal so lange dauern.

Danke für das Interview!