Günter Kreissl: ‚Fodas Arbeitsweise ist begeisternd‘

Sturm-Graz-Sportdirektor Günter Kreissl hat einen Kader zusammengestellt, der die Liga derzeit überrascht. Im Interview mit 90minuten.at spricht er darüber, wie er das gemacht hat, wie die Kommunikation mit Trainer Franco Foda abläuft und warum er nicht w

 

90minuten.at: Nur sechs erhaltene Tore in zehn Spielen und 22 geschossene bei nur je einer Niederlage und einem Unentschieden (Anm. d. Redaktion: Das Interview wurde vor dem Spiel gegen Ried geführt). Was macht Sturm derzeit so stark?
Günter Kreissl: Die Basis ist der Umbruch im Sommer gewesen. Ziel war es, den Charakter der Mannschaft zu verändern, einen neuen Schwung rein zu bringen. Das geht am besten eben mit neuen Menschen, die noch nicht mit irgendwelchen Dingen vorbelastet sind. Zweitens hat das erste Spiel nach einer resultatsmäßig durchschnittlichen Vorbereitung viel Schwung gebracht. Die Mannschaft hat gesehen, dass vieles möglich ist, wenn man gegen Red Bull Salzburg 3:1 gewinnt. Genauso wichtig war im Nachhinein betrachtet auch die Niederlage im zweiten Spiel in Ried. Da haben alle gesehen, dass man alles geben muss, sonst ist es gegen jeden Gegner schwierig. Die Kombination dieser zwei Ergebnisse war eine super Basis für diese Truppe. Es ist mir aber auch bewusst, dass wir sehr viele Spiele knapp gewonnen haben.

 

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Ich habe Franco Foda nicht analysiert, sondern wir haben viele Gespräche geführt, welche Spielertypen der Mannschaft helfen können. < /div>< /div>< /blockquote >

 

Franco Fodas taktische Vorstellungen sind seit Jahren bekannt. Haben Sie die Neuzusammenstellung des Kaders eher aus wirtschaftlichen Gründen vorgenommen – nehmen, was da ist – oder eher indem Sie geschaut haben, wer Fodas Umstellungen umsetzen kann?
Es war eine Mischung aus mehreren Dingen. Jeder hat seinen Stil zu arbeiten. Ich möchte nur Spieler verpflichten, bei denen ich das Gefühl habe, dass auch der Trainer sie sehr gerne haben möchte. Ich habe Franco Foda nicht analysiert, sondern wir haben viele Gespräche geführt, welche Spielertypen der Mannschaft helfen können. Das war einmal ein erfahrener, charakterstarker Innenverteidiger, der Linksfuß ist – Schulz. Ein echter box-to-box-Spieler, der laufstark und offensiv wie defensiv gut ist – Matic. Und dann brauchte es Speed und Spieler, die Umschaltspiel beherrschen – wie zum Beispiel Huspek, Hierländer, Schmerböck. Gekommen sind ausschließlich Spieler, die für uns beide Wunschspieler waren. Da geht es im Prozess auch nicht um zwölf Spieler, die man versucht zu durchleuchten, sondern um 50 oder 60. Natürlich mussten wir das auch in unseren wirtschaftlichen Rahmen bringen und es gibt sicherlich einige Spieler, die hier weniger verdienen als bei anderen Stationen. Aber sie wollten zu uns.

 

Die Anforderungen erinnern ein bisschen an auch kleinere Vereine. Wie sammeln Sie die Spieler zusammen?
Wir achten genau auf den Charakter und das heißt, dass man zum Teil auch jemanden einfliegen lässt, um mit ihm zu sprechen. Etwa Matic oder Schulz, dann gab es ausführliche Gespräche. So ähnlich war es auch bei Hierländer. Ich habe bei allen Neuen versucht herauszufinden, wie sehr sie zu Sturm Graz möchten. Zum Teil waren es auch Spieler, die ausdrücklich den Wunsch hatten, zu Sturm zu kommen. Diese Informationen kommen ja von unterschiedlicher Seite. Du hast deine eigenen Aufzeichnungen, das Scoutingnetz, es gibt aber auch Spielervermittler, mit denen man eine gewisse fachliche Vertrauensbasis hat. Da kam bei dem einen oder anderen Spielervermittler der Wunsch, dass sein Spieler gerne zu Sturm Graz will.

 

Deni Alar war ja in Wien nicht glücklich, auch Uros Matic soll allen vier großen Klubs angeboten worden sein.
Matic hat einen österreichischen Vermittler. Ich habe das mit den vier Großklubs nicht gewusst, habe es auch nur gelesen. Aber er wurde mir angeboten, wir haben ihn uns intensiv angesehen mit seiner Laufstärke, Torgefahr und er ist auch Linksfuß. Bei einem persönlichen Treffen hat die Chemie zwischen Spieler und Verein sofort gestimmt. Intensives Videostudium ist bei jedem wichtig, der nicht aus der österreichischen Liga kommt. Bei einem Fabian Koch muss ich nicht stundenlang Videos schauen.

 


96 % der Einsatzzeit in der Liga fallen auf 13 Spieler. Sieben davon sind Neuzugänge (Schmerböck war verliehen). Die letzte Saison von Sturm war nicht berauschend, aber es ist sicherlich nicht leicht, den verbliebenen Spielern „neue“ vorzusetzen und vorzuziehen.
Zunächst gab es zum Teil Verträge. Aber ich bin von den Spielern, die da geblieben sind, auch sehr überzeugt. Weder ich noch die Spieler unterteilen den Kader da in neu oder alt. Du hast Testspiele und dann kristallisiert sich heraus, wer so zu Beginn die ersten elf, zwölf, 13 Spieler sind. Ich habe nicht den Eindruck, dass sich Spieler ungerecht behandelt fühlen. Außerdem ist es im Erfolg nicht so leicht, in eine Mannschaft hineinzurutschen, da geht es gar nicht um einen Klasseunterschied. Ich verstehe diese mediale Unterscheidung in alte und neue Spieler, für die Mannschaft ist das bald nicht mehr wichtig, weil es sehr schnell verschmilzt. Diese Statistik spricht ja auch nicht nur für das Trainerteam, sondern für den gesamten Stab bis zur medizinischen Abteilung, weil dass nur 13 Spieler einen Großteil der Einsatzzeit absolvieren ist ja nur möglich, wenn ich wenig Verletzte habe.

 

Sturm Graz spielt unter dem Duo Foda/Kreissl keinen außergewöhnlichen Fußball. Sicher stehen, dem Gegner den Ball überlassen, eiskalt zuschlagen. Das ging 10 Runden gut, wackelte aber schon gegen den WAC und deutlich gegen Salzburg trotz Siegen. Ist Sturm 2016/17 also weniger FAK 2012/13 als WAC 2014/15?
Ich kann das noch nicht beantworten. Die Zeit wird zeigen, ob das eher eine WAC- oder FAK-Sache wird. Dazu gehört es auch, dass die Medien laufend die Meisterfrage stellen. Es ist eine Meisterschaft aber mit einem Marathonlauf zu vergleichen. Kein Journalist geht bei der Zehnkilometermarke zum führenden Läufer des Marathons und fragt: „Du, ist es realistisch, dass du gewinnst?“ Da kann noch so viel passieren und das ist uns auch bewusst. Wir wollen uns auf jedes Spiel konzentrieren. Ried und Mattersburg zuhause werden neue Aufgaben. Diese Spiele werden wahrscheinlich anders als die letzten. Wir wollen ja auch nicht zwingend weniger Ballbesitz. Das hat sich entwickelt. Die Austria hatte gegen uns zum Beispiel viel Ballbesitz. Warum? Weil sie sich in der eigenen Abwehr die Bälle hin und her gespielt haben, um das Spiel ruhig aufzubauen und Lücken zu finden. Wenn man sich da kontrolliert verhält, hat man um ein Eck weniger Ballbesitz. Das heißt ja noch nichts für die Spieldominanz. Es kann in Zukunft sein, dass wir gegen defensiv eingestellte Gegner selber wieder mehr Ballbesitz haben. Da müssen wir geduldig sein, bis sich Räume auftun. Wir arbeiten hart und haben in der Länderspielpause fast jeden Tag doppelt trainiert. Das ist die Basis, um die Wahrscheinlichkeit, erfolgreich zu sein, zu erhöhen.

 

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 Er arbeitet Dinge unglaublich schnell auf, er adaptiert viel für den nächsten Gegner. Er hat für alle Gegner einen Spielplan, nicht nur mit Worten, sondern er arbeitet die ganze Woche daran. < /div>< /div>< /blockquote >

 

Franco Foda hat bei seinem Comeback als Sturm-Trainer betont, dass er reifer geworden ist, seine Persönlichkeit sich verändert hat. Er ist nicht dafür bekannt, während der Saison viel umzubauen. Er hat nach dem Salzburgspiel betont, man müsse hart arbeiten. Wie läuft der Austausch mit ihm ab?
Ich muss wirklich sagen, dass seine Arbeitsweise begeisternd ist. Er arbeitet Dinge unglaublich schnell auf, er adaptiert viel für den nächsten Gegner. Er hat für alle Gegner einen Spielplan, nicht nur mit Worten, sondern er arbeitet die ganze Woche daran. Er ist extrem akribisch. Es ist uns aber allen bewusst, dass wir uns weiter entwickeln müssen, in allen Faktoren, bei der Physis, den Abläufen im Spiel, beim Spiel mit und ohne Ball.

 

Das heißt, wir können uns nach der Länderspielpause einen veränderten Sturm Graz erwarten?
Das weiß ich nicht, was heißt das für Sie? Dass wir eine andere Spielanlage haben? Solche Dinge? Wir sind ja sehr erfolgreich mit dem was wir tun. Ich bin aber nicht im Trainerstab; der ist mit Foda, Kristl, Szabics und Loch toll aufgestellt, die stimmen alles auf die bevorstehenden Aufgaben ab. Es ist auch nicht unser Anspruch, alle zwei Monate öffentlich das Gefühl zu vermitteln, dass wir unseren Plan verändert haben. Unser Hauptziel ist es, Wege zu finden, wie wir gegen den Gegner erfolgreich sein können. Das ist bis jetzt überragend gelungen.

 

Und Sie meinen, dass der Kader auch bei Verletzungen, Gelbsperren und so weiter gut genug aufgestellt ist?
Es geht nicht nur um die Qualität als solches, sondern auch um den Lauf. Den Lauf, den Deni Alar hat, da kannst du auch Spieler haben, die du gleich gut bewerten würdest und es ist trotzdem nicht gesagt, dass die in denselben Lauf hinein kommen. Aber wir haben für die Spitze mit Edomwonyi, Zulechner und Kienast weitere gute Spieler. Dasselbe gilt etwa für den Torhüter; Daniel Lück ist ein super Keeper, der das aber in der breiten Öffentlichkeit noch nicht zeigen konnte. Wir haben in der Defesive mit Schoissengeyr, einen Spieler, der richtig gut in die Innenverteidigung passt. Auf den Außenbahnen mit Potzmann einen Spieler, der schon viele Bundesligaspiele gemacht hat. Im Zentrum gibt es Piesinger, Lovric, außen Dobras oder Andi Gruber. Wir haben richtig viele gute Alternativen im Kader. Mir ist nicht bange vor Ausfällen.

 


Sie haben gerade ein paar junge Spieler angesprochen. Sturm war vor ein paar Jahren der Ausbildungsverein in Österreich. Kainz war ein Millionenregen für Rapid. Als Sportvorstand hat man doch auch einen Plan, wie man junge Spieler entwickelt und verkauft.
Nein, das ist so nicht ganz richtig. Man stellt einen Kader zusammen und versucht auch, möglichst vielen jungen Spielern aus dem eigenen Nachwuchs Plätze im Kader zu geben, um diesen Spielern eine Plattform zu geben. Das sind beispielsweise Romano Schmid, Dario Maresic, Lukas Skrivanek aber auch Spieler wie Gruber, Schmerböck, Schoissengeyr oder Lovric. Wir haben sehr viele Spieler, die jung sind oder über den eigenen Nachwuchs in den Kader gekommen sind. Viele sind auch U-Nationalteamspieler. Wir haben da eine Quote, die sich vor niemandem in Österreich verstecken muss. Diese Spieler müssen den Trainer überzeugen, dass sie einfach bessere Alternativen auf der Position sind als andere. Aber es gibt keinen Druck und ich habe großes Gottvertrauen, dass sich die Dinge so entwickeln, wie sie sein sollen. Ich werde nichts tun, um irgendwelche Verkäufe zu lukrieren, indem ich dem Trainer sage: Du musst den oder den spielen lassen, damit wir mit ihm Geld machen können. Es ist ein Ziel, den Verein so zu führen, dass wir nicht auf Verkäufe angewiesen sind. Natürlich gibt es eine Schwelle, wenn Angebote aus England, Deutschland kommen, wenn der Ertrag so hoch ist, dass man überlegen muss. Da muss aber so viel Geld übrig bleiben, dass ich gegebenenfalls adäquaten Ersatz holen kann. Das ist aber nicht das Ziel. Ich will mit Sturm Graz maximalen Erfolg haben.

 

Das Kapitel Sturm Graz als Ausbildungsverein ist also wie schon öfters erwähnt vorbei...
Ich will kein Ausbildungsverein als Selbstdefinition sein. Ich will es vielleicht sein, weil wir so gut arbeiten. Aber ich will mir den Titel nicht geben. Da ist ein wesentlicher Unterschied. Wenn du top arbeitest, wirst du dich immer wieder von Spielern trennen müssen, weil sie top Angebote haben. Für mich heißt Ausbildungsverein, dass ich jemanden ausbilde, damit er woanders richtig gut ist. Ich will jemanden ausbilden, damit er für Sturm Graz richtig gute Leistungen bringt. Wenn wir dann gute Angebote bekommen, schließe ich nichts aus, aber ich will mich selbst nicht als Ausbildungsverein definieren.

 

In weiterer Folge gibt es auch keine Vorgabe, dass im Kader aus Prinzip so und so viele Leute aus dem eigenen Nachwuchs sein müssen.
Es gibt eine Vereinslinie, die heißt 17+8, das heißt, dass wir zu 17 Profispielern, wenn es geht, acht Spieler haben möchten, die entweder aus dem eigenen Nachwuchs kommen oder ein gewisses Alter nicht überschreiten. Das haben wir dieses Jahr. Aber ich will mich von Zahlen nicht zur Gänze einschränken lassen.

 

Sie vermitteln das Gefühl, dass alles angerichtet ist, damit es so weiter geht wie bisher. Sie wollen öffentlich keine Ansagen machen, aber reicht Ihnen ein Europacupstartplatz?
Wir wollen mehr Punkte als letztes Jahr machen. Wie kann man festmachen, dass wir uns weiter entwickelt haben? Wir hatten in drei der vier letzten Saisonen am Schluss 48 Punkte. Diese Grenze wollen wir einmal auf jeden Fall knacken. Da sind wir auf einem guten Weg, das zu schaffen. Ein weiteres Ziel ist, dass jeder – Fans, Sponsoren, Medien – zum Saisonende sagt, dass das dieses Jahr ein ganz anderes Sturm Graz war. Das soll im Mai gesagt werden. Momentan wird das jeder sagen. Aber ich bin mir bewusst, dass so etwas auch schnell wieder umschlagen kann.

Wir danken für das Gespräch!

 

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