Christoph Freund: ‚Salzburg besteht nicht nur aus Keita‘
Die ersten Wochen und Monate in der Amtszeit als Sportdirektor von Red Bull Salzburg waren für Christoph Freund mehr als turbulent. Diese Zeit lässt er im Gespräch mit 90minuten.at Revue passieren und spricht vor allem über Trainerbestellungen und die Kad
90minuten.at: Offiziell sind Sie seit Anfang Juli 2015 sportlicher Leiter bei Red Bull Salzburg. Ihr Vorgänger, Ralf Rangnick, hatte nach wenigen Monaten einen Rausflug gegen Düdelingen zu verantworten und wurde am Ende Zweiter. Wie lautet Ihr bisheriges Resümee?
Christoph Freund: Es war im Sommer ein sehr turbulenter Start. Einige Leistungsträger haben uns verlassen und es kam zu einem Umbruch in der Mannschaft. Wir waren überzeugt, dass wir durch die Neuverpflichtungen einen guten Kader haben. Dann kamen viele Verletzungen dazu und wir sind mit einer extrem jungen und unerfahrenen Mannschaft in die entscheidenden Spiele gegangen. Es ist schon unser Weg, junge Spieler zu entwickeln und zu fördern, aber wenn man in so wichtigen Phasen mit so vielen Jungen spielt und die Erfahrenen nicht da sind, kommt einfach zu viel zusammen. Es war eine harte Zeit. Aber über eine Mannschaft wie Minsk muss man drüber kommen. Das war eine bittere Enttäuschung. Auch in der Bundesliga hatten wir aus besagten Gründen einen schlechten Start und haben letztlich kurz vor der Winterpause den Trainerwechsel vorgenommen. Im Nachhinein gesehen war dies ein wichtiger Schritt. Jetzt haben wir einen Gegentorschnitt von 0,5, zuvor von 1,5 und höher. Es war eine turbulente und lehrreiche Zeit. Jetzt sind wir auf Schiene, es gibt Ruhe im Verein und in der Mannschaft.
Gab es diese Ruhe rund um die Personalien Zeidler und Hinteregger nicht? War es zwischenmenschlich schwierig?
Da will ich nicht zu viel rein interpretieren. Für uns ist es wichtig, dass es nach dem Trainerwechsel funktioniert hat. Für uns als Verein war es der richtige, wenn auch nicht einfachste, Schritt.
Unter Oscar Garcia, dem ein Yabo und ein Leitgeb auch fehlen, ist ein gewisser Abbau in Halbzeit zwei nicht von der Hand zu weisen. Woran liegt es? Es ist auch unter Oscar nicht alles Gold, was Tabellenspitze ist.
Es war uns klar, dass nicht alle Teilbereiche der Spiele sofort so funktionieren, wie es sich Oscar vorstellt. Aber er hat eine Struktur, eine Stabilität in die Mannschaft rein gebracht. Wir wollen das Spiel wie gegen Austria Wien oder in der ersten Halbzeit gegen Mattersburg gestalten. Wir haben Phasen, in denen wir es sehr gut machen und Phasen, in denen wir noch Probleme haben. Man sieht, dass die Mannschaft noch nicht so gefestigt ist. Und natürlich fehlen die erwähnten Spieler auch ihm; auch ein Keita ist noch nicht bei 100 Prozent. Unsere Jungen entwickeln sich gut, aber die tun sich auch leichter, wenn eine gute Struktur in der Mannschaft herrscht.
Wie groß ist die Abhängigkeit von Naby Keita? Soriano lass ich außen vor, er tut eben, was ein Stürmer tut.
Es ist unbestritten, dass Naby Keita ein außergewöhnlicher Spieler ist. Aber Red Bull Salzburg besteht nicht nur aus ihm, wir gewinnen Matches auch ohne ihn. Freilich verleiht er unserem Spiel eine Note, die wir ansonsten nicht hätten. Das fällt auch den Zuschauern auf, weil er Pässe schlägt und Tore schießt, die dieses Außergewöhnliche unterstreicht. Er hat internationale Qualität und es ist uns bewusst, dass er nicht vier, fünf Jahre bleiben wird. Aber ich denke, es tut ihm gut, noch mindestens ein Jahr in Salzburg zu spielen um auch dauerhaft richtig fit zu sein, sich weiter zu entwickeln und hoffentlich zwei Mal in der Woche Leistung zu bringen.
Wie zufrieden sind sie mit möglichen Ersatzleuten, die schon länger da sind, wie Lazaro, Berisha oder Minamino? Ohne Keita ist es anscheinend doch nicht genug. Herausreißen, als These, tun sie es nicht.
Valon Berisha hat sich in den letzten Monaten seit seinem Kreuzbandriss zu einem extrem wichtigen Spieler entwickelt und ist deutlich weiter als zu dem Zeitpunkt als er zu uns gekommen ist. Er hat in der laufenden Saison die zweitmeisten Assists aller Bundesliga-Spieler. Er hat natürlich einen anderen Spielstil als Keita, aber Valon will ich nicht missen. Valon ist ein absoluter Leistungsträger und Vorbild in Punkto Einstellung und Mentalität in der Mannschaft. Tino (Anm.: Lazaro) war in den letzten Jahren sehr viel verletzt. Jetzt bleibt er hoffentlich fit und muss dann auch in Form von Toren und Vorlagen abliefern. Da braucht es auch einen Spielrhythmus. Takumi Minamino hat eine außergewöhnliche Statistik, wenn man Spielminuten und Tore gegenüber stellt (Anm.: von den Stammspielern mit 20 oder mehr Partien netzt Soriano alle 102 Minuten, Minamino ist gleich auf mit Kienast, mit 178). Tino ist 19, Minamino 21, Berisha 23; das sind alles junge Spieler.
Oscar Garcia möchte noch einmal nachlegen, vor allem denkt er in Richtung Flügelstürmer und 4-3-3-Grundordnung. Da gäbe es Berisha, Atanga, Lazaro, Minamino, Hwang, etc. Werden Sie im Sommer kräftig umbauen müssen? Ein Mukhtar oder Damari werden wohl kaum noch benötigt.
Wir haben einen Kader von 22, 23 Feldspielern. Es gibt einen Konkurrenzkampf. Bei Damari und Mukhtar ist es so, dass sie ausgeliehen sind und wir werden sehen, was in den nächsten zwei Monaten passiert. Natürlich haben wir die Augen offen und wollen die Mannschaft gemeinsam mit Oscar punktuell verstärken. Im Winter war er noch nicht in die Kaderplanung involviert. Wir wollten keine Schnellschüsse. Bei Munas Dabbur (23, Stürmer bei Grasshoppers Zürich) hat es aus anderen Gründen nicht geklappt. Wir haben jetzt einen guten Kader und natürlich will jeder Trainer den Kader verbessern. Aber das gelingt im ersten Schritt im Training, im zweiten durch punktuelle Verstärkung.
Der Meistertitel ist nicht unrealistisch. Das heißt dann Champions League-Quali. Nach dem Verpassen dieser gab es nun schon zwei Mal ordentlich Brösel, mit Sadio Mané und Martin Hinteregger. Rüsten Sie sich für so einen Fall? Auch wenn Keita ein anderer Typ ist.
Wir sprechen viel mit den Spielern über unsere Planung und auch ihre Ziele. Es kommt immer Dynamik rein, wenn einer aufgrund seiner Leistungen interessant wird. Das Ziel ist es aber – die Mannschaft zusammen zu halten und die Quali möglichst erfolgreich zu spielen. Ich möchte aber noch festhalten: Letztes Jahr hatten wir nach 28 Runden um einen Punkte mehr, so wie bei Roger Schmidt im ersten Jahr. Unter Ricardo Moniz in der Meistersaison waren es nach 28 Runden sogar acht Punkte weniger. Es läuft also nicht alles schief. Wir hatten in dieser Saison nach drei Runden einen Punkt, jetzt haben wir einen guten Schnitt, sind Tabellenführer und stehen erneut im Cup-Halbfinale obwohl wir in den letzten eineinhalb Jahren an die zehn Leistungsträger um sehr viel Geld abgeben haben. (Anm.: Das Interview wurde vor dem Duell mit dem SK Rapid Wien geführt.)
In der Öffentlichkeit ist man von „Champions League ist ein Muss" abgekommen. Ist das nun eine realistische Einschätzung oder doch schon vorgezogene Krisen-PR?
Wenn der Sommer kommt und wir scheiden aus wie zuletzt gegen Malmö, dann ist das immer eine sehr große Enttäuschung. Entscheidend ist, dass wir uns als Mannschaft weiter entwickeln, stabiler werden. Dazu wollen wir so viele Spiele wie möglich gewinnen. Wenn man dann die Chance hat, Europa- oder Champions League zu spielen, dann ist es das klare Ziel, dass man diese Spiele gewinnen will. Man kann ja nicht mit der Erwartungshaltung reingehen, dass es nicht so schlimm ist, wenn man nicht gewinnt. Wir wollen auch als Meister so weit wie möglich kommen. Aber man kann's ja nicht herbei reden. Früher haben wir gesagt, dass wir in die Champions League kommen wollen und eine gute Rolle spielen wollen. Letztes Jahr haben wir verkündet, es ist nicht mehr unbedingt ein Muss. Entscheidend ist, was in den Spielen passiert. Wir können ja in Salzburg nicht sagen: Unser Ziel ist es, nicht international zu spielen.
Nach wie vor gilt: Immer Meister werden?
Das ist unser Ziel, ja.
Ein Alex Zickler würde heutzutage nicht mehr zu Red Bull Salzburg gehen. Da sind wir uns einig. Welchen Weg will man gehen: Teenager holen und aufbauen oder fast schon für die große Bühne fertige, also die Modelle Hinteregger oder Sabitzer?
Es gibt sicherlich beide Wege, die man im Auge haben muss. In erster Linie wollen wir die Jungs selber ausbilden. Darum haben wir eine außergewöhnliche Akademie mit super Mitarbeitern; und wir haben den FC Liefering, der eine optimale Plattform ist, damit sich die Jungs weiter entwickeln. Wir wollen die besten Österreicher in Salzburg haben, sie selber ausbilden und sie an die erste Mannschaft heran führen. Aber es wird immer wieder Spieler geben, die wie ein Marcel Sabitzer zu uns kommen und so den Weg in eine größere Liga schaffen. Wir wollen in den Teichen fischen, wo wir in den letzten zwei, drei Jahren gescoutet haben. Mané kam aus der dritten französischen Liga, Keita aus der zweiten, Kampl aus der zweiten deutschen Liga. Das ist unser Weg.
Sehen Sie bei der direkten Konkurrenz in der eigenen Liga Spieler, die diesen Parametern entspricht?
Einige, aber nicht sehr viele. Wenn man unsere Liga her nimmt, gibt es ein paar, die immer wieder ihr Potential zeigen. Da ist aber dann die Frage, ob diese Spieler gleich ins Ausland gehen oder wir noch eine Chance auf sie haben. Die österreichische Liga ist für junge Spieler sicher eine interessante Plattform. Aber, wir müssen schnell sein, wenn sich einer in Österreich gut entwickelt und für größere Vereine im Ausland interessant wird.
Wenn wir an die Schmidt/Stöger-Saison denken, macht es da überhaupt Sinn, die direkte Konkurrenz zu schwächen? Auf lange Sicht schneidet man sich ja ins eigene Fleisch, wenn man der Konkurrenz die Besten weg kauft, wie etwa Sabitzer?
Das haben wir in den letzten Jahren sehr wenig gemacht und ist auch nicht unsere Absicht. Es kann in Einzelfällen, wie bei Marcel Sabitzer, vorkommen, ist aber nicht unser favorisierter Weg. Wir wollen die Talente früher zu uns holen und in der Akademie und in Liefering ausbilden. Es ist sehr wichtig, dass wir eine starke Liga haben; ein starkes Rapid, eine starke Austria und ein starkes Sturm Graz. Das Nationalteam besteht aus vielen Legionären, die zum Großteil in Österreich ausgebildet wurden. Die Jungs sollten möglichst lange in Österreich bleiben und die Liga stärken. In den Akademien wird sehr gute Arbeit geleistet.
Ist das auch der Grund, warum man Spielern wie Honsak oder Lainer zuvor kaum Steine in den Weg legt, sie bei guter Entwicklung zurückkauft und so die Liga ein auch finanziell ein bisschen aufpeppelt?
Unser Focus liegt ganz klar auf der sportlichen Entwicklung der Spieler. Und nachdem die Jungs ein, zwei Jahre in Liefering spielen, bekommen sie so mehr Spielpraxis auf höherem Niveau. Das ist gut für den FC Red Bull Salzburg, für deren Entwicklung und auch gut für die Liga, wenn von unserem Pool an jungen Spielern einige zurück in die Liga gehen. Alle werden es bei uns nicht schaffen können. Ich bin aber davon überzeugt, dass in ein paar Jahren viele auch bei anderen Vereinen tragende Rollen spielen, weil die Ausbildung bei uns sehr, sehr gut ist.
Wir danken für das Gespräch!
>>> Tauschst du schon oder suchst du noch? Die gratis Panini-Tauschbörse auf 90minuten.at!