‚Philosophie ist ein Modewort geworden'
Eine Halbsaison Richtung Liga zwei, dann in der Heimo-Tabelle aufs imaginäre Stockerl. Das Trainerduo Heimo Pfeifenberger/Christian Ilzer hat aus dem Wolfsberger AC eine stabile, taktisch kluge Truppe gemacht. 90Minuten.at hat sich mit den Trainern über t
90minuten.at: Mit nur zwölf Zählern aus 16 Spielen taumelte der Wolfsberger AC in der vergangenen Saison zunächst Richtung Liga zwei. In der Pfeifenbergertabelle lag man dann sogar auf Europacupkurs. Ganz allgemein: Wie geht das, vor allem mit nur einem Zugang?
Heimo Pfeifenberger: Die Mentalitätsg'schicht und der positive Umgang miteinander ist für mich sicherlich eine große Komponente im Abstiegskampf. Man muss die Stärken heraus kitzeln. Und das Wort „Abstieg“ ist bei mir sowie so verboten. Man muss mehr die positiven Sachen sehen als das, was nicht so gut ist.
Beachtenswert ist auch die taktische Entwicklung. Zuerst ging es um die Stabilisierung der Defensive, wie ich annehme. In den ersten 16 Spielen kassierte man 22 Tore, seitdem nur mehr 13.
Pfeifenberger: Zu null spielen ist immer fantastisch. Die Defensivarbeit ist einfach eine sehr gute Basis. Wir haben eine gute Organisation rein gebracht und die Mannschaft hat das gut umgesetzt.
Gerade die besseren Teams haben sehr verschiedene Offensivphilosophien. Wenn ich nun die Defensive stärken will, mache ich das allgemein oder Gegner-zentriert?
Christian Ilzer: Konkret haben wir schon versucht, die Stärken der Mannschaft zu erkennen. Darauf sind wir vorwiegend eingegangen. Das zweite ist, dass wir schnell Ergebnisse bringen müssen. Wir wissen, dass 80 Prozent der Tore so passieren: Ballgewinn, zwei Pässe oder weniger, Tor. Da haben wir uns dann überlegt, wo wir die Ballgewinne machen müssen, um so zum Tor zu kommen und im Umkehrschluss, wo wir genau das beim Gegner verhindern müssen. Das war die Grundüberlegung.
Das eigene Team zuerst, dann der Gegner?
Ilzer: Grundsätzlich haben wir unsere Stärken forciert. Wir haben untersucht, in welchem Bereich die Mannschaft im Spiel mit dem Ball und gegen den Ball richtig stark ist. Eine kompakte Defensive war schon immer eine Stärke vom WAC. Das Spiel gegen den Ball war immer eine Stärke, dann mit dem Ball stark über die Seiten zu kommen und viele Bälle in den Strafraum zu bringen. Das haben wir präzisiert und im Training forciert. Wir wollten aber schon auch wissen, was der Gegner macht!
Pfeifenberger: Die eigene Mannschaft ist das wichtigste.
Es gibt dann Teams, die bedingt durch den Tabellenplatz eher über den Kampf ins Spiel kommen. Beim WAC hat man schon den Eindruck gewonnen, sich doch sehr stark mit dem Gegner zu beschäftigen.
Ilzer: Es gibt immer Merkmale, die einer Mannschaft Rhythmus geben, die sie ausmachen. Die Admira definiert das Ballbesitzspiel über die eigene Hälfte. Sie bauen den Tormann intensivst ein. Diese Tormannpasslinie schnell zu zu laufen, ist uns gegen sie nicht gut gelungen. Aber so kann man ihnen das Aufbauspiel aus der eigenen Hälfte nehmen. Andere Mannschaften haben auch ihre gewissen Muster, die man versucht, ihnen zu nehmen. Da lassen wir dann den ersten Ball nach außen spielen und machen dann zu. Es gibt bei jedem Team diese Details und wenn man die ihnen nimmt, fällt es dem Gegner schwer, den Rhythmus zu finden.
Pfeifenberger: Unser Spiel war von der Denke aber immer das Gleiche. Wir wollten schnell vorn rein kommen, Bälle sichern; wenn das nicht geht, den zweiten Ball holen. Die Grundüberlegung war immer die gleiche, egal ob du weiter vorne oder weiter hinten stehst. Es ist schon wichtig, dass eine Mannschaft spürt, dass man schnell nach vorne kommen will und nicht nur absichert. Verteidigen war bei uns in der Kommunikation ganz selten ein Thema.
Oliver Lederer beschrieb uns gegenüber gut, was innerhalb dieser Saison dem WAC passiert: Geht nicht alles auf, spielst du als kleiner Klub gegen den Abstieg, geht mehr auf, geht’s um den Europacup. Ein Indikator, dass es schwierig ist für kleine, sich konkret nach oben zu arbeiten?
Pfeifenberger: Natürlich ist es schwierig. Es ist auch immer die Frage, welche Spieler man bekommt, wie konstant die sind. Die Admira hat eine super Saison gespielt, genau so wie wir im Frühjahr. Die Frage ist nun, wie stabil wir eine Saison später sind. Welche Spieler bekommen wir? Wie gut sind die Schlüsselspieler? Wenn du in einer kleinen Mannschaft zwei Schlüsselspieler verlierst, tust du dir schwerer, als die großen Teams, die noch ein bisserl mehr Qualität im Kader haben. Die Beständigkeit ist für die kleinen Vereine die größte Herausforderung.
Einen Sportdirektor wird es nicht geben, der die Kampfmannschaft unterstützt.
Pfeifenberger: Nein, aber einen, der die Zusammenarbeit mit Amateuren und Akademie verbessern soll.
Wie viel kann man vonseiten des Trainerteams daran arbeiten, dass ein Weitblick möglich ist?
Pfeifenberger: Es wird schwierig, längerfristig zu planen. Fußball ist kurzlebig, aber ich finde es wichtig, dass kleinere Vereine einen Plan haben und immer wieder jüngere Spieler dazu holen. Die muss man auf längere Sicht in die Mannschaft einbauen. Wir haben eine sehr gestandene Mannschaft, mit Rabitsch nur einen eigenen Jungen drinnen. Das Ziel soll schon sein, dass drei, vier jüngere Spieler mit Perspektive zum Verein kommen. Da muss man sicher ein bisschen umdenken. Da muss man längerfristiger planen als ein Trainer. Für den geht es um den momentanen Erfolg. Unsere Mission war es, den Klassenerhalt zu schaffen. Dann muss sich der Verein deklarieren, in welche Richtung er in den nächsten Jahren gehen will. Das darf nicht nur vom Trainer abhängen.
Ist diese Taktik nun eine Basis, auf der ich Spieler gut einbauen kann? Je klarer die Spielphilosophie der ersten Mannschaften, desto leichter der Einbau junger Spieler – heißt es.
Ilzer: Wir definieren natürlich ein Anforderungsprofil für die Positionen und unsere Idee von Fußball. Es ist gut, wenn man von unten rauf Spieler ausbildet, die zu unserer Idee passen. Das ist ein Ziel, aber ein langfristiges. Aber wir mussten eben ganz kurzfristig denken, brauchten schnellen Erfolg. Jetzt ist es wichtig, den Verein zu entwickeln. Bezogen auf die einzelnen Positionen oder den ganzen Verein.
Pfeifenberger: Es ist aber die Entscheidung des Vereins, ob er eine Philosophie haben will, von den Profis bis zur Akademie. Die Praxis ist ja so, dass wir jetzt mit unserer Philosophie da sind, in einem Jahr kommt ein ganz anderer Trainer mit einer anderen Philosophie und es wird alles umgekrempelt. Ich halte davon eigentlich gar nichts.
Ilzer: Da habe ich eine komplett eigene Meinung. Ich denke, dass man sich mit Vereinsphilosophien sehr einschränkt. Man muss in der Akademie jeden Spielstil ausbilden und folglich dann auch spielen können. Als guter Trainer musst du jede Art von Fußball verstehen und coachen können. Nicht nur einen Stil, der in der Philosophie fest geschrieben ist.
Pfeifenberger: Philosophie ist ein Modewort geworden, wie sehr viele andere auch. Das wird dann transportiert, auch von uns. Im Fußball ist das Wichtige das Einfache. Natürlich brauchst du eine Strategie, Plan sage ich auch nicht so gern. Die Tugenden sind die gleichen wie früher und die wichtigste Sache. Hat eine Mannschaft eine gute Mentalität, kann man sehr viel raus holen.
Aber wenn neun von zehn Vereinen eine Philosophie haben, nur der WAC nicht. Ist das nicht dann ein Nachteil?
Ilzer: Der WAC hat die Chamäleon-Philosophie (lacht). Du musst mehrere Ideen in der Schublade haben. Wir haben eine Vorstellung von Fußball, die ist aber nicht in einer Grundordnung oder Aufstellungszahlen festzumachen. Da geht es um Qualitätsmerkmale, wie wir spielen wollen: Viele Pässe in den Strafraum, hohe Ballgewinne zum Beispiel. Daran messen wir unser Spiel, nicht ob 4-4-2 oder 4-3-3. Wir müssen flexibel sein. Wenn ich mich dem totalen Ballbesitz verschrieben habe, aber ich bin am Tag nicht so spritzig, dann muss ich dem schwächeren Gegner auch etwas anderes aufzwingen, ihm Raum und Ballbesitz geben. Eine Mannschaft, die mehrere Gesichter zeigen kann und ein zwei Dinge richtig gut kann, wird am meisten Erfolg haben.
Pfeifenberger: Wenn ich das beibringen will, dauert das. Wir haben eine Mannschaft bekommen und werden diese auch nicht großartig verändern, weil das auch gar nicht so leicht ist. Wir müssen das also an die Spieler anpassen, die wir da haben.
Ilzer: Von zehn Bundesligamannschaften spielen acht ähnlich. Das ist auch so eine Modeerscheinung und darauf braucht man eine Antwort. Der lange Ball ist ja kein Gelegenheitsball, sondern eine ganz gezielt eingesetzte taktische Maßnahme. Wir wollen einfach schnell in einen gewissen Raum kommen, der weit weg vom eigenen Tor ist. Dort wollen wir den Ball einmal hinlegen, weil wir nicht in hundert Pässe in der eigenen Hälfte investieren wollen und das Risiko vieler Ballverluste eingehen. Wir wollen vorne aktiv sein und einen kurzen Weg zum Tor haben. Viele Mannschaften machen schnell und hoch viel Druck auf den Ball. Wir schießen ihn da drüber. Man reagiert also auf den aktuellen Fußball.
Also gemäß finanziellen Möglichkeiten wird geschaut, welche Spieler möglich sind und dann, wie gespielt wird?
Pfeifenberger: Wir wollen versuchen, unseren Stil nicht zu ändern, sondern wollen ihn optimieren. Allzu viel werden wir nicht ändern. Weil das für den Großteil der Truppe sehr gut passt. Ein paar Veränderungen wird es geben, wir werden uns überlegen, wen wir dazu holen. Sonst werden wir wieder auf unseren Spielstil bauen.
Zuletzt noch: Was sagen eigentlich Trainer zur Ligaformatsdiskussion, zur Idee der Zwölferliga mit Playoffs?
Pfeifenberger: Ich bin davon kein großer Fan. Du kannst ins vordere Playoff rein rutschen. Wir wollen in egal welcher Liga so weit vorne wie möglich mitspielen. Es zählen dann 22 Spiele und dann fängt das Ganze von vorne an. Wenn du Glück hast, machst du 22 Spiele keine Punkte, dann geht es los und du gewinnst mehr Spiele und steigst nicht ab. Das passt für mich hinten und vorne nicht zusammen. Ich bin für eine Sechzehnerliga. Da könnte man auch noch mehr Junge einbauen und es wäre sicher entspannter und der Fußball interessanter, weil man generell mehr Risiko gehen könnte.
Ilzer: Plus U21-Mannschaften dazu. Das war früher eine gute Plattform.
In einer größeren Liga kann ich aufregender spielen?
Pfeifenberger: Das finde ich schon. Da ist das Risiko nicht so groß. Eine Zehnerliga ist sehr intensiv, vor allem in der zweiten Liga. Zwei Absteiger sind ja ein Wahnsinn. In einer größeren Liga können sich junge Spieler besser entwickeln. Jetzt verschwindet da jeder Absteiger von der Bildfläche. Je mehr Vereine du hast, desto besser ist es. Ich bin nach wie vor für zwei Sechzehnerligen. Es heißt zwar immer in Österreich, dass das nicht geht, aber wenn man innovativ ist und gute Sponsoren findet, in die Ligen und die Infrastruktur investiert, wenn man Konzepte entwickelt, ist das auf alle Fälle möglich. So lange ein Spieler in der Regionalliga mehr Geld verdient als in der Regionalliga oder zum Teil in der Bundesliga, ist das genau das Krebsgeschwür des Fußballs. Wenn wir das nicht in den Griff bekommen, wird sich nichts ändern.
Wir danken für das Gespräch!