Marc Janko: 'Wir sind wieder eine Nation, die international ernst genommen wird'

Im Interview mit 90minuten.at spricht Marc Janko über die Entwicklung der Nationalmannschaft, warum er den Vergleich mit Robert Lewandowski nicht zu scheuen braucht, Sympathie allein für das Nationalteam nicht reicht und warum ein Wechsel nach Österreich

 

Zwischen Hochzeit und Klubsuche ist es nicht leicht, einen Termin mit Marc Janko zu finden. Klar, wer 31 Jahre alt ist, der möchte irgendwann für klare Verhältnisse sorgen. In einem Punkt sind sie klar: Auf Nationalmannschaftsebene ist Marc Janko ein erfolgreicherer Torschütze als etwa Bayern-Star Robert Lewandowski oder Luca Toni. Auf Klubebene kommt er da nicht mit. Und genau darum geht es im Interview.

 

90minuten.at: Das Debüt im Teamdress jährt sich am 23. Mai 2016 zum 10. Mal. Es war damals in meiner Erinnerung ein grausiges Spiel, 1:4 gegen Kroatien im Happelstadion unter Josef Hickersberger. Wie wurde aus dem Fußballzwerg ein Tabellenerster der Qualifikation?
Marc Janko: Ich will nicht das Wort Quantensprung in den Mund nehmen, aber in diesen zehn Jahren hat sich einiges getan. Immerhin schlagen wir auch große Nationen. Wir treten komplett anders auf, auch von der Spielanlage her, wir sind auch dagegen scheinbar übermächtige Gegner dominant. Die FIFA-Weltrangliste spiegelt es ja wider. Wir sind wieder eine Nation, die international ernst genommen wird.

 

Wenn man die Kader vergleicht, dann sieht man, dass in den letzten 10 Jahren die Anzahl der Legionäre deutlich anstieg. Andererseits hatte Ex-Teamchef Constantini nahezu den identen Kader wie jetzt Marcel Koller zur Verfügung. Wie hoch ist dieser, von jedem Teamchef nur bedingt beeinflussbare, Faktor auf die Leistungen?
Man muss schon sagen, dass das auch mit rein spielt. Ich will nicht respektlos gegenüber der heimischen Liga in den letzten zehn Jahren sein, aber wenn du auf einem höheren Niveau trainierst und spielst, macht das viel aus. Es ist nun einmal Fakt, dass international das Level höher ist und das war auch immer schon so.

 

 Ich möchte frühere Teamchefs nicht durch den Kakao ziehen.< /div>< /div>

 

Konkret: Inwieweit könnte ein "Geht's auße und spülts" heute funktionieren?
Das funktioniert nicht mehr. Ich habe in dem Geschäft auch einige Jahre auf dem Buckel und weiß, dass es – das klingt nur abgedroschen – keine kleinen Gegner mehr gibt. Jeder kann laufen, kann sich gut hinten rein stellen. Wenn du da nicht gut vorbereitet bist, kannst du an speziellen Tagen Probleme bekommen; egal, wie der Gegner heißt. Die Kluft zwischen Klein und Groß ist nicht mehr so da wie früher. Das Spiel wird mehr seziert, mehr gelesen, taktisch besser analysiert und informativer aufgearbeitet als vor zehn, fünfzehn Jahren. Man sieht den Fußball heute auf eine andere Art.

 

Marcel Koller ist ein Tüftler. Welche Unterschiede zur früheren Nationalteamzeit stellen Sie persönlich fest?

Ich möchte frühere Teamchefs nicht durch den Kakao ziehen. Jeder Trainer ist anders und ich kann nur sagen, dass Marcel Koller einfach ein sehr akribischer Arbeiter ist, der sehr viel Wert aufs Detail legt. Das heißt, dass es viele Taktikeinheiten gibt, egal wie der Gegner heißt. Dieser wird analysiert und wir versuchen, die Schwächen des Gegners für uns zu nutzen. Ganz entscheidend ist auch, dass zum ersten Mal seit Jahren Konstanz da ist. Er hat einen Kern an Spielern gefunden, denen er vertraut und die das in sie gesetzte Vertrauen schon etliche Male zurückgezahlt haben. Es gibt einfach weniger Fluktuation bei den Spielern. In meiner Erinnerung hat es in den letzten Qualifikationen nicht so einen Stamm gegeben wie jetzt. Jeder weiß, woran er ist und weiß, was er von den anderen auf und neben dem Feld erwarten kann. Der David Alaba hat das neulich in einem Interview gesagt: Wir sind eine verschworene Einheit. Dieser Mythos von den elf Freunden (Anm.: legendärer Spruch, der fälschlicherweise Deutschlands 1954er Weltmeistertrainer Sepp Herberger zugeschrieben wird.) ist mittlerweile beinahe ein Fakt. Ich habe jahrelang nicht geglaubt, dass so etwas auf Profiebene möglich ist. Aber beim Nationalteam haben wir das. Das habe ich nur in der Jugend erlebt. Man braucht dieses besondere Umfeld, um erfolgreich zu sein. Die letzten Ergebnisse sprechen da Bände.

 

Koller will kein Wunderwuzzi sein. Ihr habt oft nur knapp gewonnen, statt 16 Puntken könnten es auch weniger sein, wenn der Gegner in der Schlussphase einen Lucky Punch landet. Muss Glück auch sein, um weiter zu kommen?
Stimmt schon, aber das Spiel in Russland hätte genauso gut auch 2:0 für uns ausgehen können. Es gibt in einem Spiel auf dem Niveau immer Situationen, die das Spiel lenken und beeinflussen. Da entscheiden Nuancen und Details, sicherlich auch etwas Glück und Unglück. Aber wir sind noch keine Nation wie etwa Deutschland, die dermaßen bestimmend auftritt, über alles drüber fährt. Wir sind auf einem guten Weg in einen Kreis, zu dem wir lange nicht mehr dazu gehört haben. Österreich hat es noch nie geschafft, sich für eine EM zu qualifizieren und da sind solche Spiel gegen direkte Konkurrenten verständlicherweise sehr eng. Wir können nicht sagen, dass wir Russland, Montenegro und Schweden an die Wand spielen. So weit sind wir – vielleicht noch – nicht.

 

Wo sehen Sie im Nationalteam noch Verbesserungsbedarf? Ist es nur die Coolness vorm Tor?
Es fehlen in erster Linie die konstanten Ergebnisse gegen die wirklich großen Nationen. Wenn wir das früher oder später schaffen, können wir uns langsam zum Kreis der Großen dazu zählen. Momentan sind wir da noch nicht dabei. Eine Topmannschaft zeichnet aus, dass sie in den entscheidenden Momenten nachlegen kann oder auch einmal das Tempo raus nehmen kann, wenn das Spiel gelaufen ist. Dass man total bestimmend ist, haben wir auch noch nicht so drinnen. Es wäre aber vermessen, das jetzt schon zu erwarten.

 


Die Qualifikation zur Euro 2016 ist für Sie nur noch Formsache oder doch mehr?
(lacht) Sie werden sich die Antwort denken können. In unseren Köpfen ist drinnen, dass wir noch nicht bei der EM sind, dass wir noch punkten müssen.

 

Gehen wir davon aus, dass sich Österreich für die Euro 2016 qualifiziert. Österreich liegt derzeit im FIFA-Ranking auf Platz 11 der europäischen Teams. Das Achtelfinale zu fordern klingt nicht so verkehrt, oder?
(lacht noch mehr) In Österreich geht es immer sehr schnell. Das ist einerseits gut, weil eine Euphorie herrscht. Das ist schön, wenn sich die Menschen mit dem Nationalteam identifizieren und mitfiebern. Aber man muss andererseits die Kirche auch im Dorf lassen. Man darf nicht erwarten, dass wir Europameister werden, nur weil wir zur EM fahren. Es sollte nicht erwartet werden, dass die Bäume in den Himmel wachsen.

 

Ich habe überall meine Tore gemacht, egal wo ich gespielt habe.< /div>< /div>

 

Kommen wir zu Ihnen persönlich. Sie meinten letztens: „Ich bin kein Sozialprojekt von Marcel Koller". Andererseits: Hätte Koller nicht so sehr auf Sie gesetzt, Ihre Karriere wäre wohl in den vergangenen zwei, drei Jahren anders verlaufen?
Das glaube ich nicht. Darum drücke ich das ja auch immer so aus. Natürlich bin ich ihm sehr dankbar. Es war ja nicht risikofrei, mich immer einzuberufen. Er hat einfach etwas in mir gesehen und sieht immer noch, dass ich der Mannschaft helfen kann. Sonst hätte er das nicht gemacht. Das meine ich mit „Sozialprojekt". Klar hat er mir die Stange gehalten, aber ich habe das Vertrauen mit wichtigen Toren und Assists immer zurückgezahlt. Wäre das nicht der Fall, dann hätte ich mir realistischerweise auch den blauen Brief von ihm erwarten können. Da wäre ich nicht böse gewesen. Vertrauen bekommt man geschenkt, man muss es früher oder später aber auch wieder zurückzahlen. Da hätte ich ihm noch so sympathisch sein können, irgendwann hätte er mich nicht mehr eingeladen.

 

Wie erklären Sie es sich, dass ein Fachmann wie Marcel Koller auf Sie setzt, aber seit dem Wechsel nach Porto kein Klub aus Europa, der ihren Vorstellungen entsprochen hat?
Was ich mir ankreiden lassen kann, ist, dass die Zeit in der Türkei einfach nicht erfolgreich war. Das war total enttäuschend und frustrierend. Alles andere war für mich erfolgreich. Das kann jeder sehen, wie er will, aber für mein Ego und mein persönliches Empfingen war es bisher auch auf Klubebene sehr gut. Ich habe überall meine Tore gemacht, egal wo ich gespielt habe. Dass man eine Station hat, wo es nicht so rennt, ist auch klar. In der Türkei haben so viele Faktoren mitgespielt, über die ich öffentlich aber nicht reden möchte. Das könnte für mich ungut sein. Es geht aber nicht nur mir so, dass man bei manchen Klubs nicht so zum Zug kommt. Das kann man nicht immer erklären. Ich kann es mir in Bezug auf Trabzonspor teilweise erklären, habe es aber schon abgehakt.

 

 


 

Liegt es vielleicht ein bisschen dran, dass der große "Center Forward" nicht mehr so in Mode ist?
Diese Aussage habe ich auch wahrgenommen. Aber in Wahrheit geht es darum, wer Tore schießen kann und wer nicht. Ob ich ein moderner oder alter Stürmer bin, darum geht es gar nicht. Ich habe mein Spiel über die Jahre angepasst. Bei Red Bull Salzburg habe ich anders gespielt als heute. Ich habe versucht, mich anzupassen. Ich bin vielleicht nicht der modernste Stürmer, der am Feld herum rennt, aber am wichtigsten sind die Tore. Und die schieße ich regelmäßig. Ich mag zwar Selbstbeweihräucherungen nicht, aber statistisch gesehen muss ich mich auf Nationalmannschaftsebene vor Weltklassestürmern wie Luca Toni oder Robert Lewandowski nicht verstecken, auch wenn ich mich nicht mit ihnen vergleichen kann und das rein in Bezug auf Spiele und gemachte Tore sehe. Das sind Weltklassestürmer, das bin ich nicht. Aber trotzdem habe ich immer meine Tore gemacht.

 


Was sind nun Ihre Mindestanforderungen an einen Klub bezüglich Liga oder Land? Welche Kriterien sind für Sie wichtig?
Ich höre mir alles an, aber der Fokus liegt auf dem Ausland. Ich möchte die nächsten paar Jahre auf dem höchstmöglichen Niveau spielen. Wenn ich die Chance habe, nach England oder Deutschland zu gehen, liegt es auf der Hand, dass das Niveau dort, bei aller Wertschätzung für Österreich, höher ist. Ich möchte mir aber keine Türen zuschlagen.

 

Stelle ich für mich fest, dass mir die Bälle um die Ohren fliegen, die Spieler davon laufen und ich keine Durchschlagskraft mehr habe, werde ich so weit sein, dass ich Platz für die Nachkommenden mache.< /div>< /div>

 

Sie sind 31, Ihr nächster Vertrag wird wohl einer der letzten sein oder könnten Sie sich auch vorstellen bis 35, 36 zu spielen, wenn auch vielleicht in einer sportlich weniger lukrativen Liga?
Ich möchte so lange spielen, so lange ich Spaß habe und so lange ich mithalten kann. Stelle ich für mich fest, dass mir die Bälle um die Ohren fliegen, die Spieler davon laufen und ich keine Durchschlagskraft mehr habe, werde ich so weit sein, dass ich Platz für die Nachkommenden mache. So lange ich dieses Gefühl nicht habe, werde ich es genießen. Es ist eine wunderschöne Sache, mein Hobby zum Beruf zu machen. Was danach kommt, lasse ich auf mich zukommen.

 

Bei der Entwicklung des ÖFB-Teams wäre auch eine Qualifikation zur WM 2018 ein realistisches Thema. Dann wären Sie 34. Wie realistisch ist dieses Thema für Sie persönlich?

Das ist mir zu weit vorgeplant. Jetzt müssen wir uns für die Euro qualifizieren. Das wäre ein absolutes Karrierehighlight. Wenn Marcel Koller danach meint, dass er mich noch braucht, bin ich nicht abgeneigt, weiter zu spielen. Wenn er den Schnitt machen will, wäre das auch ok. Das ist aber Zukunftsmusik.

Wir danken für das Gespräch!

>>> Der Sieg gegen Russland mit dem Traumtor von Marc Janko in Bildern