2014

Peter Stöger: 'Ich halte uns nicht für Taktikfüchse'

Peter Stöger hat es in wenigen Jahren von der österreichischen Regionalliga in die deutsche Bundesliga geschafft. Damit ist er aktuell der erfolgreichste heimische Trainer. Ein Gespräch über die Bedeutung von Gegneranalysen, warum man Spieler früher grobe

Es ist ruhig rund um das Geißbockheim in Köln, wo Peter Stöger und seine Mannen trainieren. Der Trainingsplatz liegt mitten in einem Naturpark. Links, rechts, vorne und hinten – alles grün. In Köln heißt es: Stöger hat den Durchblick trotzdem nicht verloren. Trotz der vielen Bäume sieht er den Wald, was in Köln nicht jeder Trainer der Vergangenheit von sich behaupten konnte. Ein paar Kiebitze sind da, vielleicht hundert an der Zahl. Peter Stöger und Manfred Schmid wirken entspannt. Als Stöger kam, war noch ein bisschen Chaos im Klub, die Stimmung war leicht negativ. Viel wurde gemeckert, beinahe wie in Wien. Das Blatt hat sich gedreht. Stöger ist froh, den Sprung nach Deutschland gemacht zu haben. „Ich bin froh, dass ich da bin. Wirklich sehr froh", sagt Stöger.


90minuten.at: Herr Stöger, wie schwer ist es als Österreicher zu einem Klub wie Köln zu kommen?
Peter Stöger: Ich glaube, dass viel Glück dazu gehört. Aber ich bin auch nicht so vermessen zu glauben, dass ich die Nummer eins auf der Liste war. Da waren andere Leute, wo die Gespräche nicht gepasst haben oder die vielleicht selbst abgesagt haben. Ich wollte diese Chance wahrnehmen und es war absolut richtig.


Roger Schmidt war ebenfalls Kandidat in Köln, auch ein Trainer der österreichischen Liga.
Genau. Aber bei Roger Schmidt war das eine andere Situation. Ich habe jetzt gelesen, dass ich der Türöffner für Roger Schmidt war. Das finde ich überhaupt nicht passend. Roger Schmidt kennt man in Deutschland, der hat auch in Paderborn gute Arbeit geleistet und deshalb ist auch der Ralf Rangnick auf ihn aufmerksam geworden. Mit meiner Person hat der Wechsel von Roger Schmidt mit Sicherheit nichts zu tun. Es ist alles recht nett, was man jetzt über mich sagt, aber diesen Schuh darf ich mir nicht anziehen, weil es einfach nicht stimmt.


Didi Kühbauer meinte einmal, er müsste ins Champions League-Viertelfinale kommen, Thomas Parits meinte, man müsse mit einem österreichischen Klub den Europacup gewinnen, um im Ausland wahrgenommen zu werden. Sie wurden bloß österreichischer Meister. Warum trotzdem das Interesse?
Ich glaube, dass der österreichische Markt schon wahrgenommen wird. Es ist aber trotzdem schwer, weil die Konkurrenz irrsinnig groß ist. Es gibt viele Trainer, die hier einen Job haben wollen. Es hängt vielleicht auch damit zusammen, dass wir Red Bull Salzburg, mit den hier gut bekannten Roger Schmidt und Ralf Rangnick, in die Schranken weisen konnten.


Denken Sie, dass man in Köln sehr auf ihre Spielweise geschaut hat oder hat man sich einfach gedacht: der Stöger macht einen seriösen, vernünftigen Eindruck?
Sie wussten, wie ich mit Austria Wien gespielt habe. Das war für sie logischerweise wichtig, weil man als Köln ähnlich auftreten muss wie die Austria, wenn man Meister werden will. Der persönliche Kontakt war dann für beide Seiten sehr positiv. Ich bin der Meinung, dass man als Trainer flexibel arbeiten muss. Was geben die Jungs von der Qualität her, wo fühlen sie sich wohl und was kann man ihnen für ein System, eine Spielanlage schneidern, damit sie erfolgreich sind. Natürlich habe ich mein Lieblingssystem, aber als Trainer musst du flexibel sein.


Was ist ihr Lieblingssystem?
Am liebsten würde ich 4-3-3 spielen, mit offensiv orientierten Spielern. Aber die wenigsten Kaderzusammenstellungen lassen es zu, das zu entwickeln. In den wenigsten Fällen kannst du sagen: ich spiele nur 4-3-3. Ich bin der Meinung, dass man auch auf Formschwankungen reagieren muss. Dann spielen wir ein 4-4-2 oder ein 4-2-3-1. Manchmal ist es besser defensiv gestaffelt zu spielen, ein anderes Mal stört man früh vorne. Es kommt darauf an, wie die Jungs drauf sind, welche Spieler man zum Einsatz bringt und wie der Gegner aufgestellt ist. Dazu versuchen wir Spielformen so aufzubauen, damit für jeden klar ist: für diese Position wird das und das verlangt. Das gibt mir die Möglichkeit über die Woche etwas zu überlegen, aber vor allem im Spiel zu reagieren und die Jungs wissen sofort was zu tun ist. Es ist nicht so, wenn mir ein Kernspieler ausfällt, dass ich keine Alternative habe. Die Jungs wissen, wenn wir einen Spieler bringen, verändert sich die Systematik des Spiels in diese oder jene Richtung.

 

< blockquote>

Mit Dreißig habe ich mir gedacht: Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich Trainer werde...Ich dachte mir, der Trainerjob ist ein undankbarer Job.< /div>< /div>< /blockquote >


Wann haben Sie bemerkt, dass Sie ganz gerne Trainer sein würden?
Eigentlich habe ich mich eher in der strategischen Planung gesehen, so in die Richtung Sportdirektor. Ich habe aber bald festgestellt, dass mir die Arbeit mit den Spielern Spass macht, einfach jemandem etwas beizubringen. Meine Freundin hat schon gegen Ende meiner Karriere bemerkt, dass viele meiner Gedanken, wie die eines Trainers waren. Da habe ich schon versucht den jungen Spielern zu erklären, wie man sich aus einer Situation am ehesten befreit. Mit Dreißig hab ich mir gedacht: Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich Trainer werde. Natürlich sind die Trainer wichtig aber in letzter Instanz erledigen es die Spieler. Ich dachte mir, der Trainerjob ist ein undankbarer Job.


Jürgen Klopp hat einmal gesagt: „Als Trainer kann ich endlich ein Fußballspiel beeinflussen, das konnte ich als Spieler nicht."
Ich glaube zwar, dass man Ideen vorgeben kann, aber als Spieler habe ich zwei oder drei Meter vorm Tor den Ball reingeschossen oder nicht. Das konnte ich entscheiden. Jetzt kann ich Dinge vorgeben, aber der Spieler entscheidet ob er trifft oder nicht. Und trotzdem bin ich als Trainer in der Verantwortung. Ich glaube, dass ein Trainer wichtig ist, was das Gesamtkonstrukt betrifft. Keine Frage. Aber ich glaube auch, dass ein Trainer weiter unten mehr Einfluss und Gewicht hat als weiter oben, in den Sphären der internationalen Topmannschaften. Dort entscheidet die Einzelqualität der Spieler. Weiter oben ist es irgendwann ausgereizt. Da wissen die Spieler sehr viele Dinge und wie sie das umzusetzen haben.


Aber ist es nicht für einen Trainer reizvoller mit sehr guten Spielern taktisch zu arbeiten als mit eher limitierten Spielern?
Ja, aber du triffst ja im Normalfall als sehr gute Mannschaft mit sehr guten Spielern auch auf sehr gute Spieler. Dann geht es: extreme Qualität gegen extreme Qualität. Die Spieler sind flexibel genug zu erkennen: Hoppla, der Gegner versucht das und sie können sich darauf einstellen. Je weiter du nach unten kommst, wo die Spieler weniger gut ausgebildet sind, kannst du den Gegner mit einem gewissen Schachzug vor massive Probleme stellen. Weiter unten haben die Spieler vielleicht gewisse Dinge noch nicht gehört.


Aber es könnte ja auch so sein, dass bei beispielsweise Bayern gegen Real, zwar beide Teams enorm qualitative Spieler haben, aber gerade aufgrund der Ausgeglichenheit an Spielintelligenz und Qualität wieder der Trainer mit der besseren Strategie entscheidet, oder?
Ja, oder die Einzelqualität.


Inter Mailand gegen Barcelona oder Chelsea gegen Bayern im Champions League-Finale wären Gegenbeispiele für den Sieg von Strategie gegen Einzelqualität.
Ja, kann schon sein. Nur glaube ich halt, dass du unten schneller größere Qualitätsschübe erzeugen kannst, mit gewissen Schachzügen. Und je weiter du nach oben kommst, desto weniger hast du diese Möglichkeit.


Vielleicht gibt es oben noch mehr Kniffe und Schachzüge.
Schauen wir mal (lacht). Ich habe dort oben noch nicht gearbeitet. Vielleicht sage ich wirklich einmal, wenn ich mit einer Champions-League-Mannschaft arbeiten darf: Das habe ich nicht gewusst.


< blockquote>

Jeder meiner Trainer hatte seine großen Stärken, aber ich habe nie gesagt: Ich will so sein wie die.< /div>< /div>< /blockquote >


Hatten Sie einen Trainer, den Sie heute als Vorbild bezeichnen würden, der Ihnen Gusto auf den Job gemacht hat?
Nein, hatte ich nicht. Ich habe sicher die besten österreichischen Trainer gehabt: Happel, Weber, Hickersberger. Ich durfte mit allen arbeiten. Jeder hatte seine großen Stärken, aber ich habe nie gesagt: Ich will so sein wie die. Oft habe ich versucht von Situationen zu profitieren, wo ich das Gefühl hatte: Das hat der Mannschaft extrem wehgetan. Wo es der falsche Zeitpunkt war etwas zu sagen oder die Art und Weise falsch war. In diese Situationen versuche ich mich dann wieder hineinzuversetzen. Ich habe versucht Situationen mitzunehmen, wo ich mir dachte: das war kontraproduktiv.


Sie haben einmal gesagt: „Die Dinge, die man früher als Trainer gedacht oder praktiziert hat, waren nicht falsch. Sie funktionieren aber einfach nicht mehr." Was funktioniert nicht mehr?
Das ist deshalb so, weil du ja früher als Spieler zwangsläufig an den Verein gebunden warst, vor Bosman. Man hat die Spieler ganz anders behandeln können.


Grober?
Ja, grober. Weil ja jedem klar war: du hast eh keine Möglichkeit den Verein zu verlassen. Der Verein setzt eine Ablöse fest, die funktioniert oder funktioniert nicht. Wenn sie nicht funktioniert und du keinen Vertrag hast, dann kannst du 18 Monate nirgends spielen. Ich will nicht sagen, dass du in Geiselhaft warst, aber in irgendeiner Form warst du schon sehr eingeengt.

 

< blockquote>

Der Hans Krankl durfte mir einen Spitz geben. Das darf ich auch sagen, weil ich den Hans mag.< /div>< /div>< /blockquote >

 

Hans Krankl erzählte einmal darüber, dass er ihnen nachgerannt ist und einen Spitz androhte.

Ja, das hat er eh gemacht. Das darf ich auch sagen, weil ich den Hans mag. Das hat er auch tun dürfen.


Das durfte er?
Ja, er hat das tun dürfen. Aber heute muss man schon sehr aufpassen. Eine Mannschaft ist ein sehr zerbrechliches Gebilde, weil permanente Fluktuation sein kann.

 

 


Also einen Spitz geben Sie keinem Spieler?
Nein (schmunzelt). Wenn der Hans solche Sachen über Leute sagt, dann auch nur über solche, die er sehr schätzt. Grundsätzlich ist es aber so, dass man ganz anders arbeiten muss seit Bosman. Man muss als Trainer schauen, wie viel Verständnis bringt man für den Einzelnen auf – ohne, dass man seine Glaubwürdigkeit in der Truppe verliert. Man muss viel vorsichtiger vorgehen als früher, was das Teamgefüge betrifft.


Konnte man die Spieler früher mehr mit Autorität überzeugen, heute mit Fachlichkeit?

Heute reicht Autorität nicht mehr aus. Aber ich glaube, dass die Trainer, die früher so gearbeitet haben, auch heute super Trainer wären, weil sie sich darauf einstellen würden. Sie sind mit ihrer Situation damals am besten umgegangen, daher waren sie auch die Top-Trainer damals und ich glaube auch, dass die Top-Spieler, die damals gut waren, sich heute darauf einstellen würden, dass das Tempo höher ist. Der Herbert Prohaska wäre heute genauso ein Weltklassespieler. Und genauso wären die Top-Trainer von damals auch die Top-Trainer von heute, davon bin ich überzeugt. Aber man kann es nicht vergleichen.


Wie funktioniert das Trainersein heute bei ihnen? Was sind die ersten Dinge, die Sie einer neuen Mannschaft in Sachen Spielphilosophie vermitteln und wie schnell geht das?
Das dauert schon seine Zeit. Es war auch hier nicht so leicht, weil wir zu Beginn einen Kader von überschaubarer Größe hatten. Beim ersten Training waren nur neun Spieler da, es war noch Urlaubszeit für die Teamspieler. Im Trainingslager waren wir 17 Feldspieler. Da geht es darum, eine gewisse Ballsicherheit zu bekommen, die für jede Systematik notwendig ist. Und dann geht es um Varianten, wie wir uns versuchen freizustellen, Räume zu öffnen, wie man Räume schaffen kann. Dann haben wir versucht unseren Kader aufzufüllen. Nur mussten wir uns dabei Zeit lassen, weil wir nicht die budgetären Möglichkeiten haben zwei oder dreimal danebenzugreifen. Die Spieler, die wir geholt haben, sind spät zu uns gekommen. Dadurch hatte ich zwar ein Restrisiko, falls es von Beginn an nicht geklappt hätte, aber dieses Risiko habe ich auf mich genommen. Denn es ist wichtig, dass die Spieler zum Klub passen und das abdecken was fehlt.

 

War die Gegneranalyse eine Herausforderung? In Österreich kannten Sie die Mannschaften, in Deutschland weniger.
Das war nicht schwierig, weil wir permanent Informationen bekommen haben. Und auf der anderen Seite hatten wir schon viele Informationen, weil die deutsche ja vor der österreichischen Bundesliga spielt und wir immer zugeschaut haben. Ich habe als Trainer natürlich Köln besonders beobachtet, weil Royer und Maierhofer noch dabei waren und mich das interessiert hat. Ich wusste schon einiges über die zweite Liga. Es war dann auch schnell klar, dass wir Kombinationsfußball spielen werden und nicht über, beispielsweise, Standardsituationen. Dafür haben wir einen von der Körpergröße zu kleinen Kader. Wir haben versucht die Tore herauszuspielen, egal welcher Gegner kommt.

 

< blockquote>

Wir trainieren, erklären, sprechen darüber und am Ende der Woche visualisieren wir.< /div>< /div>< /blockquote >

 

Trotzdem ist die Gegneranalyse schon irgendwo das Fundament ihrer Trainingsarbeit.

Ja, das ist die Hauptaufgabe vom Manfred Schmid, der in dem Bereich vieles abdeckt und auch die Gegner videotechnisch präsentiert. Das macht er super.

 

Wie kann man sich das konkret vorstellen?
Wir glauben schon Anfang der Woche zu wissen, wie der Gegner spielen wird. Bei der Videoanalyse geht es eher darum Schwächen zu erkennen, weil wir davon ausgehen, dass wir in den meisten Spielen auch dominant sind. Auf diese Schwächen versuchen wir unter der Woche dann zu trainieren um das auszunützen. Einen Tag vor dem Spiel bekommen die Spieler Videomaterial, um ihnen zu zeigen, warum wir etwas trainiert haben. Manche sagen: zu Beginn der Woche möchte ich den Gegner schon zerlegt haben und alles gesehen haben. Wir trainieren, erklären, sprechen darüber und am Ende der Woche visualisieren wir. Jeder macht das anders. Ich weiß auch nicht, welche Methode die gescheiteste ist. Möglicherweise ist es auch von Mannschaft zu Mannschaft verschieden was richtig ist. Wir zeigen, wo der Gegner verwundbar ist und wo wir aufpassen müssen.


Dahingehend werden dann auch die Laufwege trainiert?
Ja, klar. Wenn der Gegner relativ hoch steht, dann wirst du versuchen gezielt Bälle hinter die Kette zu bringen. Bei einem Gegner, der sehr weit auf eine Seite verteidigt, wirst du versuchen Spielverlagerungen reinzubringen. Wenn eine Mannschaft Räume zwischen den Ketten hat, wirst du versuchen in die Ketten reinzukommen. Es ist unterschiedlich: je nachdem was der Gegner hergibt, versuchen wir über das Jahr unsere Möglichkeiten zu nützen, indem wir das trainieren. Jeder hat unabhängig davon seine Schwerpunkte und dort, wo wir glauben, dass wir am ehesten erfolgreich sein können, dort versuchen wir in der Woche vor einem Spiel Schwerpunkte forciert zu trainieren.

 

Bei Wr. Neustadt, Austria und jetzt in Köln war immer Manfred Schmid ihr Assistent. Sind Sie beide von den Talenten und Stärken sehr ähnlich veranlagt oder bringt jeder für sich ganz eigene Talente in die Trainingsarbeit mit ein?

Das sollen andere beurteilen. Ich glaube, dass wir eine gute Kombination haben und den Fußball ähnlich sehen. Wir haben die ähnliche Meinung darüber, wie wir ein Spiel anlegen wollen, wie wir verteidigen wollen, was für uns wichtige Räume sind, auf welcher Höhe wir stehen wollen. Trotzdem ergänzen wir uns in vielen Bereichen. Ich will jetzt aber auch nicht verraten, welche Schwächen wir haben. Das muss nicht jeder wissen, vielleicht ist es noch nicht aufgefallen (lacht). Aber als Gesamtwerk „Trainerteam" sind wir sehr gut aufgestellt.


Darf oder sollte man heute als Trainer das sagen, was Pep Guardiola letzte Woche gesagt hat: „Ich habe mich bei der Taktik vertan"?
Das habe ich auch schon gesagt. Im Herbst (überlegt), weiß nicht welches Spiel das war, aber da habe ich gesagt: „Falsche Formation gewählt." Habe in der Pause reagiert, habe es verändert und es hat funktioniert. Ich glaube, dass ich das bei Austria Wien auch einmal gesagt habe, als wir zu Hause 0:4 gegen Wolfsberg verloren haben.

 

< blockquote>

Ich habe kein Problem damit zu sagen: Da bin ich falsch gelegen.< /div>< /div>< /blockquote >

 

Wie haben die Medien darauf reagiert?

Überrascht aber positiv. Ich habe kein Problem damit zu sagen: da bin ich falsch gelegen.


In Köln gibt es zwei Boulevardblätter. In Österreich kann man es sich mit dem Boulevard gut stellen, wenn man ihnen gelegentlich etwas exklusiv verrät. Wie ist das hier?
Es gibt keine Exklusivinfos. In diesem Jahr war es nie so, dass jemand eine Exklusivinfo darüber hatte, dass Spieler A oder B spielt. Wir als Trainerteam wissen spät wer spielt und auch die Spieler wissen es spät. Damit ist die Gefahrenquelle, dass etwas nach draußen kommt, relativ gering. Bei Austria Wien war das ähnlich. Es kann uns niemand böse sein, wir versuchen die offene Kommunikation.


Dem Kölner Express haben Sie ein Interview in der Sauna, nur mit Handtuch bekleidet, gegeben. Versucht man dem Boulevard so anderswo ein Zuckerl zu geben?
Nein, überhaupt nicht. Aber ich weiß auch nicht, ob ich das noch einmal so machen würde. Aber ich versuche Verständnis für die Arbeit der Journalisten aufzubringen. So wie wir uns versuchen am deutschen Fußballmarkt durchzusetzen, versuchen die sich über Interviews und Geschichten festzusetzen. Wie weit ich in den Boulevard reingehe und was ich von mir preisgebe, entscheide ich selbst. Wie weit gehe ich und wo ist dann wirklich Schluss. Ich habe eher Verständnis dafür, wenn jemand sagt: Der Körper schaut nicht so aus, dass man unbedingt in der Sauna sitzen muss. Für mich war das wurscht. Der Journalist hat eine wahnsinnige Freud´ damit gehabt. Und ich hatte kein Problem damit. Für mich ist nicht Entscheidend, was ein anderer drüber denkt, sondern nur: Kann ich dafür stehen und denke ich, dass es eine witzige Geschichte ist. Der hat jetzt einen Pluspunkt in seiner Firma drinnen, weil er etwas gebracht hat, was andere vielleicht nicht gehabt haben. Er hat sich gefreut, weil er seinen Job gut gemacht hat. Ich versuche da Verständnis aufzubringen. Das haben sie mitbekommen und deshalb haben sie auch Verständnis dafür, dass sie andere Informationen, die mir sehr wichtig sind, nicht bekommen.


Sie waren ja selbst eine Zeit lang TV-Analytiker und Zeitungskolumnist. Zwei Analysen über ihr Spiel mit der Austria und ihre Meinung dazu. Hans Krankl analysierte: „Die Austria hat einen Lauf." Ärgert man sich als Trainer, wenn man viel Arbeit investiert und dann alles mit einem bloßen Lauf begründet wird?
Jeder der dabei war, weiß, dass man viel dafür gearbeitet hat. Trotzdem kann einmal schnell etwas wie ein Lauf ausschauen. Aber die Basis ist die beinharte Arbeit.

 

< blockquote>

Ich halte uns nicht für ein Konzepttrainerteam oder für Taktikfüchse. Das ist für mich Schablone. Und wir halten nichts von Schablonen.< /div>< /div>< /blockquote >

 

Das deutsche Taktikportal „Spielverlagerung.de" schrieb: „Im Spielaufbau machen sich die Veilchen in erster Linie die großen gruppentaktischen Mängel österreichischer Vereine zunutze. Sie zeigen, wie leicht man sich mit ausgereiften taktischen Mitteln abheben kann."
Aber wir haben es hier in Köln auch geschafft. Und man sagt ja immer, dass die Deutschen taktisch extrem ausgereift sind. Es liegt an der Umsetzung der spielerischen Idee. Ich glaube, dass es nicht so ist, dass die Jungs gegen die wir gespielt haben, nicht gewusst haben, was wir in vielen Bereichen umgesetzt haben. Sie konnten es einfach nicht verhindern. Schwächen gibt es bei jeder Mannschaft, die Frage ist, ob man sie ausnützen kann. Ich muss aber auch sagen: Ich halte uns nicht für ein Konzepttrainerteam oder für Taktikfüchse. Das ist für mich Schablone. Und wir halten nichts von Schablonen.


Im Grunde ist ja ein Konzepttrainer jeder Trainer, sofern er ein Konzept hat.
Konzepttrainer, heißt es immer, ist der, der stundenlang Taktikschulung macht, bis zum Erbrechen. Und das sind wir nicht. Das machen wir nicht. Natürlich ist das ein wesentlicher Bestandteil, aber nicht alles. Es geht schon darum, Situationen erkennen zu können und den Spielern die idealen Lösungsmöglichkeiten mitzugeben.

 

< blockquote>

Ich habe damals gemeint: Man hätte den Andi Herzog als Teamchef nehmen können.< /div>< /div>< /blockquote >

 

Sie sagten letzte Woche: „In Österreich hatte ich den Eindruck, man nimmt österreichischen Profitrainern nicht so ab, dass sie ihr Geschäft verstehen." Warum denken Sie, dass das so ist?
Ich habe das Gefühl, dass man in Deutschland davon ausgeht, dass der Trainer Qualität hat. Unabhängig davon, ob der dann Qualität zeigt oder nicht. In Österreich ist der Klassiker: Der oder der wird forciert, weil er den oder den kennt. Ein Beispiel: Als ich gesagt habe, dass ich mir einen Österreicher als Teamchef gewünscht hätte, sagten einige gleich: Eh klar, der wollte es selber werden. Aber soweit war mir das schon bewusst, dass ich von Wr. Neustadt aus keine Chance hatte. Ich habe gemeint: Man hätte den Andi Herzog nehmen können.

 


Warum sollte der Andi Herzog Teamchef werden?
Warum nicht.


Weil er noch nie eine Profimannschaft trainiert hat und weil er noch nicht nachgewiesen hat, dass es zum Teamchef reicht.
Aber es gibt Leute, die sind erfolgreichste Trainer und hatten auch keine Stationen. Mourinho hat nicht viele Stationen gehabt und auf einmal war er da.


Mourinho hat es aber mit dem Außenseiter Porto geschafft die Champions League zu gewinnen.
Aber wo war er vor Porto?


Er war Trainer bei portugiesischen Vereinen.
Aber hauptsächlich Assistent. Ich sage das auch deshalb, weil man einem Österreicher nicht so schnell abkauft, dass er etwas kann.


Vielleicht weil die letzten österreichischen Teamchefs nicht überzeugt haben.
Ich habe ja auch keine Probleme mit dem Herrn Koller. Es gibt ja andere auch als den Andi Herzog. Aber wir haben Situationen, wo abgestempelt wird: Das ist die 78er-Partie, das die 98er-Partie.


Wer wäre denn ein österreichischer Teamchef, den Sie befürworten würden?
Nein, ich beschäftige mich ja auch gar nicht damit. Zu gewissen Dingen sage ich nichts mehr. Weils mich nichts angeht und weil es mir auch egal ist.


< blockquote>

Der Grundzugang in Österreich ist, dass man niemandem etwas zutraut.< /div>< /div>< /blockquote >


Man hatte bei Ihnen immer ein wenig den Eindruck, es stört Sie, dass der österreichische Trainer unter einem schlechten Ruf leidet. Stört Sie das, weil Sie von den heimischen Trainern restlos überzeugt sind oder weil ein schlechter Ruf auch ihre Erfolgsaussichten einschränken hätte können?
Ich darf mich was Österreich betrifft auch nicht beklagen. Ich habe mich immer in einer angenehmen Situation gesehen, weil ich das Gefühl hatte, es gibt mehr Leute, die glauben, dass ich seriös arbeite. Aber das Gesamtbild in Österreich ist verzerrt. Der Grundzugang ist, dass man niemandem etwas zutraut. Ich bin nicht persönlich gekränkt, weil ich nicht das Gefühl hatte, dass man mich schlecht behandelt hat.


Sie sind wertgeschätzt worden.
Ja, ja. Ich habe das eh erfahren. Aber ich habe bei vielen anderen das Gefühl, dass sie das nicht kriegen.


Das würde ja aber auch zeigen: Wenn man gute Arbeit leistet wird man wertgeschätzt und wenn man keine gute Arbeit leistet wird man nicht wertgeschätzt.
Ich glaube, dass manche überhaupt nicht die Möglichkeit bekommen, dass sie zeigen können, was sie können. Als ich hierher gekommen bin, hat man mit meinem Namen nichts anfangen können. Nichts. Niemand. Es waren einige wenige Leute, die sich schlau gemacht haben über meine Person. Deshalb bin ich auch froh, dass das funktioniert hat, weil die sonst schwer in der Kritik gewesen wären.


Die Kölner hätten ja aber auch sagen können: Wir wollen einen Kölner als Köln-Trainer und wenn nicht einen Kölner, dann wenigstens den Toni Polster. Vielleicht ist es ja manchmal ganz gut, wenn von außen jemand kommt, wie Sie jetzt in Köln.
Ja, darum ging es mir damals aber auch bei der Teamchef-Geschichte: Dann brauche ich aber auch nicht hergehen und sagen: Die österreichische Trainerausbildung ist die beste, die wir haben in Europa.


< blockquote>

Dann sagen wir: Wir haben eine durchschnittliche Trainerausbildung und bringen auch nur durchschnittliche Trainer heraus.< /div>< /div>< /blockquote >


Vielleicht ist sie das auch nicht.
Dann brauche ich es aber auch nicht sagen. Dann sagen wir: Wir haben eine durchschnittliche Ausbildung und bringen auch nur durchschnittliche Trainer heraus. Aber wenn wir die beste Ausbildung haben, dann sollten wir auch gute Trainer herausbringen.


Was würden Sie sagen: Ist die Ausbildung gut?
Ich kann sie nicht vergleichen. Aber sie ist besser geworden. Es gibt Leute, die Dinge entscheiden und die tragen auch die Verantwortung dafür.


Es gibt derzeit viele Trainer, die Sie als Vorbild sehen. Adi Hütter hat gesagt, dass er nach Deutschland will, Damir Canadi auch. Werden Ihnen bald österreichische Trainer folgen?
Ich bin überzeugt davon, dass sie das schaffen können. Das sind gute Trainer. Aber ich habe aufgehört Namen zu sagen, weil sonst sagt wieder irgendjemand: Ah, das ist sein Freund. Man glaubt das in Österreich. Deshalb bin ich auch froh darüber, die Chance bekommen zu haben, den Blick einmal auf etwas anderes zu legen. Das tut mir persönlich sehr gut.


Sie sind froh, dass Sie da sind, oder?

Ja, ich bin wirklich froh. Wirklich froh. Schon nach drei, vier Monaten, wo ich noch nicht wusste, in welche Richtung es geht, war ich froh, dass ich diesen Schritt gemacht habe. Ich habe soviel kennen gelernt, soviel gesehen und soviel festgestellt, dass ich der Meinung bin, dass wir in Österreich einen wirklich guten Job machen, mit den Rahmenbedingungen, die wir haben. Es ist etwas Außergewöhnliches, dass man hier unter solchen Bedingungen arbeiten darf.

 

< blockquote>

Wenn wir mit Köln zwischen Platz 10 und 12 wären, dann könnten wir permanent weiterentwickeln, weil wir in einem gesicherten Bereich wären.< /div>< /div>< /blockquote >

 

Ihr Ziel war die Bundesliga. Das ist erreicht. Wie geht's jetzt weiter?
Ich habe schon irgendwie das Gefühl, dass ich einmal dort angekommen bin, wo ich hinwollte. Jetzt wollen wir uns festsetzen, mit dem Klub in der Liga bleiben. Hier in Köln wird schon geträumt von einstelligen Platzierungen in der Bundesliga. Ich sage einmal: wenn wir es schaffen zwischen Platz 10 und 12 zu sein nächstes Jahr, dann wäre das großartig. Weil wir dadurch zumindest das Gefühl hätten, dass wir weiter permanent entwickeln könnten, in einem gesicherten Bereich. Letztendlich ist entscheidend, dass man am Schluss auf Platz 15 steht. Aber für uns Trainer wäre es wichtig, wenn man nicht nur ganz unten drinnen ist. Weil es extrem stressig, extrem fordernd ist. Man kann dann weniger ausprobieren und weniger weiterentwickeln.

 

Sie sind mit Köln nächstes Jahr Abstiegskandidat und nicht Meisteranwärter. Was heißt das für die Spielanlage?
Wir werden uns schon ein paar Dinge überlegen müssen. Der Stamm der Meistermannschaft wird auch nächstes Jahr bleiben. Die Spieler haben gewisse Qualitäten und die verändern sich nicht. Wir werden auch in der Bundesliga nicht auf Standardsituationen setzen, weil wir keine große Mannschaft haben. Wir werden weiter auf ein gepflegtes Fußballspiel setzen. Vermehrt werden wir uns Defensivvarianten aneignen müssen, die wir heuer weniger gebraucht haben. Wir werden auch am Umschaltspiel arbeiten müssen. Wir wollen schon versuchen, so wie wir in der 2. Liga gespielt haben, das auch oben umzusetzen. Mal schauen ob es funktioniert. Wenn es klappt, ist es das was die Spieler am besten können. Und wenn es nicht klappt, müssen wir in verschiedenen Bereichen adaptieren.

 

Sie treffen im nächsten Jahr auf Trainer wie Klopp, Guardiola oder Tuchel. Da wird jedes Spiel zur Systemschlacht. Wie stellt man sich als Trainer darauf ein?
Zwischen erster und zweiter Liga ist ein Klassenunterschied – was Schnelligkeit und was individuelle Klasse betrifft. Es wird eine wirkliche Herausforderung für uns. Letztes Jahr hatten wir die Möglichkeit im Pokal auswärts gegen Mainz zu spielen, da sind wir weiter gekommen, auch wenn Kollege Tuchel nicht auf der Bank gesessen ist und Mainz in keiner guten Form war. Pokalspiel ist das eine und das jede Woche zu haben das andere. Es ist für viele Spieler und auch für mich Neuland.


Macht Sie der bisherige Erfolg eher satt oder durstig?
Also satt bin ich noch gar nicht. Und auch meine Mannschaft nicht. Vom Gefühl her ist der wichtigste Schritt gemacht und jetzt heißt es weiter aufzubauen und nicht wieder runtergehen. Das ist für den Verein extrem wichtig. Die Aufgabe ist mindestens so reizvoll wie heuer.

 

Köln wird sich für die nächste Saison verstärken müssen, hat aber wenig Budget zur Verfügung. Da bietet sich der österreichische Markt ja beinahe an. Sie haben es trotzdem bereits ausgeschlossen. Warum?
Was für die Spieler an Ablösesummen gefordert wird, ist für unser Budget zu viel. Etliche Spieler aus Österreich könnten hier wahrscheinlich auch Fuß fassen. Aber für uns wird es wahrscheinlich kein österreichischer Spieler werden.

 

< blockquote>

Wir hatten oft Beobachter in Österreich. Und sie sind mit überschaubarer Zufriedenheit zurückgekommen.< /div>< /div>< /blockquote >

 

Hat man sich von Seiten Kölns über die Ablöseforderungen erkundigt?
Zum Teil und zum Teil, was im Vorjahr verlangt wurde. Das ist für uns nicht machbar.

 

Sportdirektor Jörg Schmadtke war beim Wiener Derby. Er soll nicht begeistert gewesen sein.
Wir hatten oft Beobachter in Österreich. Und sie sind mit überschaubarer Zufriedenheit zurückgekommen.

 

Das heißt: österreichische Spieler wären auch mit geringeren Ablöseforderungen kein Thema gewesen?
Es war wohl die Kombination aus beidem. Man steht oft vor der Entscheidung, ob wir bei einem Spieler von uns, der viel zum Titel beigetragen hat, die Option ziehen für ein paarhunderttausend Euro oder eine siebenstellige Ablöse für einen neuen Spieler überweisen – da gehen die Argumente aus.


Aber es wird Verstärkungen geben?
Wir werden den Kader verändern. Drei, vier, fünf Spieler. Wir versuchen den Kader ausgeglichen aufzustellen. Aber die Zeit, wo ausländische Team- oder Ex-Teamspieler in höherem Alter hier hergekommen sind, ist vorbei. Das kann ich ausschließen, so lange Jörg Schmadtke und ich hier sind.

Danke für das Gespräch.
g.gossmann@90minuten.at

Schon gelesen?