Interviews / 2014

Leo Windtner: ‚Ich sehe derzeit keine Alternative zu Sepp Blatter'

Seit 2008 ist der Oberösterreicher Leo Windtner Präsident des ÖFB. Ein Gespräch über die Gefühlslage nach dem erfolgreichen Länderspieljahr 2014, warum Sepp Blatter nicht von Österreich aus gestürzt wird und es zum Thema Nationalstadion noch keine konkreten Pläne gibt.

Das Gespräch führte Michael Fiala 

 

Interviewtermin mit ÖFB-Präsidenten Leo Windtner. Es gab schon unangenehmere Zeiten für den Oberösterreicher, um Interviews zu geben. Windtner kommt gerade von der ÖFB-Jahrespressekonferenz, bei der er stolz erzählte, dass über alle ÖFB-Auswahlen hinweg 75% der Spiele im Jahr 2014 nicht verloren wurden, 55% wurden gewonnen. Das lange Reden überlässt er bei dieser Pressekonferenz Willi Ruttensteiner. Windtner hält sich zurück, will nicht um jeden Preis im Vordergrund stehen. Aber auch bei anderen Themen wie Sepp Blatter und das neue Nationalstadion ist der ÖFB-Präsident zurückhaltend, wie das Interview zeigen wird. Er hat dazugelernt: Vollmundige Aussagen wie noch vor einem Jahr, bei denen er das neue Rapid-Stadion als mögliche neue Spielstätte für das Nationalteam gesehen hat, kommen ihm dieses Mal nicht über die Lippen. Auch beim Thema ÖFB-Finanzen herrscht noble Zurückhaltung. Unddass von Österreich aus die FIFA nicht reformiert wird, wird in diesem Interview auch schnell klar. Windtner, der nach diesem Gespräch noch weitere Interviews geben wird, informiert noch kurz vor Beginn des Gesprächs Gigi Ludwig, dass er sich verspäten wird, nimmt noch einen kräftigen Biss von seinem grünen Apfel und nimmt Platz.

 

90minuten.at: Wie geht es Ihnen, wenn Sie auf die Tabelle der Gruppe G blicken und Österreich mit vier Punkten Vorsprung auf Platz eins sehen?
Leo Windtner: Da geht es mir gut und es kommt spontan Freude auf. Die Freude ist trotzdem einigermaßen gedämpft, weil kein Anlass zum Jubel besteht. Wir haben eine tolle Zwischenbilanz, aber wir sind noch lange nicht am Ziel.

 

Österreich hält nach vier Spielen bei zehn Punkten. Haben Sie sich angesehen, wie viel Punkte in den vergangenen Jahren im Durchschnitt genügt haben, um zumindest Platz zwei zu erreichen?
Das habe ich mir sehr oft angesehen, aber ich bin mir einig mit dem Teamchef Marcel Koller: Wir werden hier nicht die Statistik bemühen, wir werden auch hier nicht kalkulatorisch oder spekulativ vorgehen, sondern uns von einem Spiel zum anderen voll darauf konzentrieren, weil jede Kalkulation ist Spekulation und die Wahrheit liegt bekanntlich am Platz. Und das ist das nächste Mal am 27. März 2015 in Vaduz in Liechtenstein.

 

" Ich sehe derzeit keine Alternative (zu Sepp Blatter, Anm.), aber ich lasse mich gerne überraschen." - ÖFB-Präsident Leo Windtner

Es ist eine nicht alltägliche Situation: Derzeit sind Sie bemüht, den Ball flachzuhalten bzw. den Jubel zu dämpfen. Vor drei, vier, fünf Jahren unter Teamchef Constantini haben Sie oft auch das Prinzip Hoffnung bemüht ...
Das ist richtig. Die Funktion und das Selbstverständnis haben sich verändert, weil man tatsächlich die wirklich erfreuliche, gewaltige, positive Emotion eher zügeln muss. In früheren Jahren war es zwingend notwendig, hier ständig Durchhalteparolen auch voranzustellen, um alle nach wie vor vom Weg zu überzeugen.

  

Wie sieht der Weg nach Frankreich aus Ihrer Sicht im Jahr 2015 aus?
Wir müssen dieselbe Herangehensweise wählen wie bisher. dh. jeden Gegner voll ernst nehmen, das Glück geradezu erzwingen und mit einem starken Kollektiv wie zuletzt auftreten. Dann ist die Chance voll intakt.

 

Wenn die Qualifikation gelingen sollte, ist der sportliche Erfolg eine klare Sache. Sie meinten vor einigen Wochen: „Eine Qualifikation würde uns auch finanziell gut tun." Vor ein paar Jahren lag das ÖFB-Budget bei kolportierten 20 Mio. Euro pro Jahr. Wie hoch ist das Budget des ÖFB derzeit?
Das ist relativ offiziell. Wir sind bei rund 25 Mio. Euro. Wir sind nicht vermögend aber wir sind solide aufgestellt. Natürlich helfen uns solche Länderspieljahre wie heuer über die Runden zu kommen. Es wäre für den ÖFB ein leichter Rückenwind in materieller Hinsicht, wenn wir bei der Euro dabei wären.

 

 

Kann man das quantifizieren? Was heißt das finanziell konkret für den Verband, wenn man sich für die Euro qualifiziert?
Das wäre glaube ich jetzt zu früh, Kalkulationen aufzustellen. Tatsache ist, dass man gewisse Startgelder bekommt, auf der anderen Seite ist auch klar, dass Aufwand mit dem Aufenthalt, der Vorbereitungsphase, etc. damit verbunden ist. Daher lassen wir die Dinge an uns herankommen. Wenn wir nach Frankreich fahren, ist es sowohl in sportlicher Hinsicht ein Traum, den wir erreicht haben; es wird uns aber sicher auch nicht in materieller Hinsicht schaden.

 

Die Finanzierung von Sportverbänden in Österreich war in den vergangenen Wochen ein Thema. Können Sie einen Einblick geben, wie sich das ÖFB-Budget auf die verschiedenen Posten aufteilt?
Natürlich ist Bundessport-Förderung ein großer Posten, der bleibt aber nicht beim ÖFB, sondern geht Großteils an die Landesverbände, wo Infrastruktur in den kleinen Orten geschaffen wird, damit Fußball auch an der Basis gesichert ist. Das ist ein großer Teil des Kuchens, der sofort hinauswandert. Der ÖFB per se lebt natürlich von den TV-Rechten, von den Marketing-, Werbe- und Zuschauer-Einnahmen.

  

Aber kann man das in Prozenten nennen wie sich das Budget aufteilt?
Das verändert sich immer wieder. Ein erfolgreiches Länderspieljahr wie 2014 mit einem Zuschauerboom wirkt sich da natürlich aus. Daher wäre es nicht ganz seriös, die Ziffern hier aufzuzählen.

  

Damit wären wir schon voll im Thema „Transparenz im Fußball." Auch die FIFA tut sich schwer, Zahlen öffentlich zu kommunizieren. Da hat es sehr viele Diskussionen gegeben in den vergangenen Wochen und Monaten. Wie lautet eigentlich Ihr Urteil zu dem Bericht der FIFA-Ethikkommission. Die FIFA-Ethikhüter konnten keine Beweise für gravierende Bestechung finden. Der Chefermittler widerspricht? Ist die FIFA für Sie in den vergangenen Jahren ein transparenter Verband gewesen?
Ich glaube, dass mit der Befassung der Ethik-Kommission schon ein Schritt in die richtige Richtung unternommen wurde. Mit Michael Garcia wurde ein Chefermittler nominiert, der die entsprechende Kenntnis und den Hintergrund mitgebracht hat. Ich vermag jetzt nicht abzusehen, was in dem 42-seitigen Bericht, den er geliefert hat, an tatsächlichen relevanten Tatbeständen abzuleiten ist. Ich kann nur von den Medienberichten und den offiziellen FIFA-Berichten ausgehen, demzufolge der Vorsitzende der Ethik Rechtsprechungskommission Joachim Eckert festgestellt hat, dass es nicht derartige schwerwiegende Vorwürfe gibt, dass man hier eine Revision der Vergabe durchführen müsste. Es gibt aber hier einige Hinweise auf Verfehlungen von Einzelpersonen bis hin zu dem Hinweis, und der ist für mich besonders bedauerlich, dass sich ein Großteil des FIFA-Exekutivkomitees die Bid-Books nicht einmal angesehen hat. Das ist für mich unverständlich. Auf der anderen Seite hat Garcia angekündigt, dagegen zu berufen, weil er sich fehlinterpretiert fühlt. Zwischenzeitig wurde ein italienischer Experte ausfindig gemacht, der die entsprechende Interpretation herstellen soll. Ich kann nur abwarten, ob eine Berufung erfolgt. Wenn diese kommt, wird das Ganze sicherlich im Berufungs-Komitee, bei dem ich Mitglied bin, abgehandelt werden. Das wird sicherlich eine umfassende Verhandlung werden.

  

Unabhängig davon, ob die Causa jetzt in Berufung geht oder nicht, möchte ich meine Frage nochmal wiederholen: Fühlen Sie sich als oberster Kopf des ÖFB von der FIFA transparent informiert?
Ich glaube, dass die Transparenz verbessert worden ist. Es wird auch in Zukunft nicht mehr das Exekutiv-Komitee die Vergabe von Weltmeisterschaften durchführen, sondern der FIFA-Kongress. Ob das eine Verbesserung wird, bleibt dahingestellt. Man hat in der Vergangenheit diese Vergaben zur Kenntnis genommen, weil wenig echte Kritik geübt wurde. Katar ist sicherlich ein Sonderfall, da gibt es keine Diskussion, vor allem auch wenn man die ganz klimatische Situation und die Umweltvoraussetzungen beachtet. Ob man Katar das noch wegnehmen kann, bezweifle ich, weil mittlerweile Milliarden-Investitionen getätigt worden sind. Wenn nicht echte Betrugs-Tatbestände vorliegen, steht es außer Zweifel, dass die Vergabe so ok ist. Wie weit man den Zeitpunkt der Austragung der WM 2022 verändert, bleibt abzuwarten. Es ist den meisten Leuten klar, dass man die WM nicht in den Sommermonaten abhalten kann, auch wenn die Stadien tiefgekühlt werden. Die Menschen bewegen sich ja auch außerhalb.

  

Kennen Sie Jérôme Champagne?
Ich kenne Jérôme Champagne nur vom Sehen, ich habe noch nie mit ihm gesprochen. Er ist ein selbsternannter Kandidat, das wird von mir zur Kenntnis genommen.

 

Sie haben im Rahmen einer Pressekonferenz gemeint, die UEFA müsste künftig viel mehr an einem Strang ziehen, um in der FIFA mehr Gehör zu finden. Wie ist die Stimmung innerhalb der UEFA zum Thema Sepp Blatter?
Ich glaube es ist klar feststellbar, dass natürlich im Rahmen der UEFA eine gewisse kritische Stimmung gegenüber Sepp Blatter zu spüren ist. Seitens der anderen Konföderationen herrscht aber eine absolut affirmative Stimmung bzgl. Blatter vor. Das hängt sehr damit zusammen, dass Blatter sehr viel für die dritte Welt getan hat. Das ist auch voll und ganz anzuerkennen. Das kritische Potenzial in Europa richtet sich nicht ausschließlich auf Sepp Blatter in Person, sondern auf das Rundherum, das in den letzten Jahren entstanden ist, wenn mehrere Exekutivkomitee-Mitglieder aus der FIFA in den letzten Jahren ihr Amt aufgrund von Unregelmäßigkeiten – um es sanft auszudrücken – zurücklegen mussten. Das ist eigentlich eine Beschreibung der Situation.

  

DFL-Präsident Rauball hat Blatter zum Rücktritt aufgefordert, aus England war Ähnliches zu hören. Wird das auch Thema sein beim UEFA- TEP-Meeting Anfang Dezember in Frankfurt?
Ich glaube, dass das sicher nebst anderen Themen ein wesentlicher Punkt sein wird. Es hat sich allerdings bereits Michel Platini im August ganz aus dem Rennen genommen und nicht als Gegenkandidat zur Verfügung zu stehen. Daher wird es schwierig sein, Alternativen aufzutreiben, wenn man nicht an Jérôme Champagne denkt. Ich glaube, das Wesentliche wird sein, in Frankfurt klar zu legen, dass die UEFA eine geschlossene Position braucht, um überhaupt hier auftreten zu können.

  

Um das Thema FIFA und Sepp Blatter abzuschließen: Ist es aus Ihrer Sicht Wert, sich eine Alternative zu Sepp Blatter zu überlegen?
Da müsste sich eine spontane, außergewöhnliche Opportunität ergeben. Ich sehe derzeit keine, aber ich lasse mich gerne überraschen.

 

Ein anderes Dauerthema, das auch den ÖFB betrifft, ist die Infrastruktur. Immerhin: Rapid hat den Stadionbau beschlossen. Ein gutes Signal für den gesamtösterreichischen Fußball?

Wenn ein neues Stadion mit einer Kapazität von 24.000 bzw. 28.000 Plätzen gebaut wird, dann ist das prinzipiell ein positives Signal. Dass hier eine andere Lösung ala München wesentlich besser gewesen wäre, liegt auf der Hand. Dem jetzt nachzutrauern, bringt einfach nichts. Dass wir mit dem Ernst Happel Stadion zwischenzeitlich nicht mehr konkurrenzfähig sind und daher gar nicht mehr an eine Bewerbung eines Champions-League-Finales oder eines Europameisterschafts-Matches denken brauchen, ist bekannt. Das Thema wird im Rahmen unseres Projektes 2020 noch abgehandelt.

  

Ziemlich genau vor einem Jahr sagten Sie in der Sky-Sendung „Talk und Tore": „Das Wichtigste ist, dass für Rapid eine Heimstätte entsteht, die auch für uns als ÖFB in Zukunft nutzbar ist." Ist das neue Rapid-Stadion für Sie künftig eine Spielstätte des ÖFB?
Es wird in extremen Ausnahmefällen mit 24.000 Zuschauern für uns nutzbar sein. Wir wollen jedoch sicherlich den Kurs fortsetzen, demzufolge wir im Ernst Happel Stadion den Heimvorteil noch verstärken wollen. Unsere Voraussetzungen werden hier in Relation zu den anderen Ländern jedoch immer schlechter.

  

Letztes Jahr hat man darauf gehofft, dass das Rapid-Stadion für das Nationalteam tauglich ist. Dieses Ziel kann man jetzt nicht mehr verfolgen, was aus Rapid-Sicht immer klar gewesen sein dürfte.
Ich glaube die Situation mit Rapid und Hanappi-Stadion ist eine ganz spezifische. Das ist auch eine klubeigene Angelegenheit, in die wir uns nicht einmengen wollen ...

  

... aber vor einem Jahr haben Sie es ja mit mehreren öffentlichen Aussagen versucht ...
Ja, aber man hat feststellen müssen, dass man hier den Standort und die Situation auch in Zukunft unter neuen modernen Voraussetzungen halten will. Daher hat es für uns keine Zuschaltmöglichkeit gegeben.

 

Im Zuge Ihrer Wiederwahl im Jahr 2013 nannten Sie „die mögliche Bewerbung für die EM 2020" als einen der wesentlichen Punkte Ihrer Amtsperiode. Von dieser Ansage ist bekanntlich nicht viel übergeblieben. Österreich hat rund um die Bewerbung für die Euro 2020 vorzeitig die Segel gestrichen. Warum ist es in Österreich so schwierig Infrastrukturprojekte zu initialisieren und umzusetzen. Rund um Österreich entstehen viele neue Stadien, die ein Vielfaches kosten, siehe auch die Friends Arena in Stockholm ...

Es hängt damit zusammen, dass der grundsätzliche Stellenwert des Sports bei uns nicht jenen Stellenwert hat wie in den skandinavischen Ländern. Und außerdem haben wir beim Fußball die Nachhaltigkeit der Euro 2008 nicht so konzipieren können, so dass wir für längere Zeit ausgesorgt haben, wie es etwa in Deutschland passiert ist bei der WM 2006.

  

Das Nationalstadion ist jetzt eines Ihrer Themen seit mehr als einem Jahr. Welchen konkreten Zeitplan können Sie nennen?
So konkret kann ich das nicht sagen, weil wir das im Rahmen der Projektgruppe 2020 beraten. Das wäre nicht legitim, dem vorzugreifen. Wir werden diese Dinge in den nächsten Monaten sicherlich in Endredaktion bringen. Aber das Anliegen als solches ist absolut präsent.

 

 

Gibt es positive Signale von Bund oder Gemeinde zum Thema Nationalstadion?
Da gibt es bisher keine konkreten Signale, weil wir zuerst mit unserem Thema ordentlich aufgestellt sein sollten. Dann werden wir die Signale senden.

 

Sind Sie enttäuscht, dass es keine Signale von Bund oder Gemeinde gibt?
Ich glaube, wir haben hier im letzten Jahr auf dieses Thema nicht so richtig draufgedrückt. Wir haben gesagt, wenn wir sportlichen Erfolg haben, wäre es ein Rückenwind für diese Sache. Wenn der sportliche Erfolg so anhält, werden wir diesen Rückenwind hoffentlich nützen können.

  

Ist ein Modell wie in Stockholm denkbar? Dort wurde eine Arena für mehr als 300 Mio. Euro hingestellt. Eigentümer neben dem Schwedischen Verband ist die örtliche Kommune, eine staatliche Immobiliengesellschaft und eine private Immobiliengesellschaft? So etwas in der Art mit weniger Budget: Wäre das ein Weg, den man in Österreich gehen könnte?
Ich glaube, dass man über das alles nachdenken wird müssen. Wir werden aber zur Realisierung eines Projektes in jedem Fall die öffentliche Hand benötigen, das ist klar.

Danke für das Interview! 

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