2014

Alexander Zorniger: ‚Für mich ist Fußball noch immer ein Fehlerspiel. Auch in Zeiten von Tiki-Taka.'

RB Leipzig Trainer Alexander Zorniger sprach mit österreichischen Journalisten in Leipzig über den Unterschied zwischen Salzburg und Leipzig, warum österreichische Spieler mit dem täglichen Widerstandstraining zunächst ihre Probleme haben und warum der An

 

Die Spielidee von Salzburg und Leipzig ist prinzipiell dieselbe. Wenn man Leipzig am Montag im Spiel gegen Kaiserslautern gesehen hat, ist ein großer Unterschied zu erkennen. War das ein Ausreißer oder ist hier generell noch viel zu tun?
Alexander Zorniger: Ja, das war ein Ausreißer, das war nicht unser bestes Spiel. Prinzipiell ist die Spielidee gleich, wir wollen den Ball so hoch wie möglich erobern, wollen so schnell wie möglich vor das gegnerische Tor kommen. Aufgrund des Spielermaterials sind wir hier aber noch ein bisschen davon entfernt. Wir arbeiten uns in der Regel sehr schnell über die motorische Geschwindigkeit nach vorne. Salzburg vor allem damals noch mit Mane und mit Kampl, Soriano, Alan versucht, diese Geschwindigkeit über Ballbesitz nach vorne zu bringen, über Tempodribblings, über Ballstafetten. Das ist nicht unser Ziel. Wir sprechen nur vom Gegnerpass, um den Ball wieder zurückzuerobern. Ich denke, wir haben in diesem Jahr gegen Bochum, Paderborn, Düsseldorf, etc. ausgezeichnete Spiele abgeliefert.

 

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Wir müssen uns immer kritisch hinterfragen, wir kennen unsere Ziele wie Deutsche Bundesliga oder Champions League. Aber im Moment helfen uns diese Ziele wenig weiter. Wir müssen uns auf unsere tägliche Arbeit konzentrieren. Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht. Derzeit hab ich das Gefühl, wir ziehen wieder mehr daran, als das Gras zu düngen. < /div>< /div>< /blockquote >

 

Sehen Sie einen Niveauunterschied zwischen der österreichischen Bundesliga und der zweiten Liga in Deutschland?

Ich habe viele Spiele verfolgt und ich will da überhaupt nicht werten, aber die Ausgeglichenheit der zweiten Liga in Deutschland ist wesentlich höher als in der österreichischen Bundesliga.

 

Ist es für Sie eigentlich überraschend, dass RB Leipzig nach dem Aufstieg schon wieder vorne mitspielt?

Wir müssen selbst ständig unsere Ansprüche reflektieren. Normalerweise müsste es eine Überraschung sein, wir denken aber nicht zu sehr an die Tabellensituation, sondern wie wir Fußball spielen wollen. Da war es nicht so überraschend, wie die Mannschaft gespielt hat, sondern eher, wie sie sich in der Liga festgesetzt hat. Gegen Aue und Kaiserslautern hat man gesehen, dass wir noch vor Denksportaufgaben stehen, die uns gestellt werden, die uns fordern bzw. auch überfordern. So auch gegen Kaiserslautern. Wir orientieren uns nicht daran, ob wir Dritter oder Achter sind, sondern was setzen uns die Gegner für Aufgaben und wie gehen wir damit um. Ich bin nicht überrascht, dass wir diese Aufgaben bisher ganz gut hinbekommen haben. Jeder, der in seinem Beruf erfolgreich ist, macht sich nicht so viele Gedanken, was kann negativ laufen. Er orientiert sich eher daran: Was ist gut gelaufen und wie können wir das fortsetzen. Wir müssen uns immer kritisch hinterfragen, wir kennen unsere Ziele wie Deutsche Bundesliga oder Champions League. Aber im Moment helfen uns diese Ziele wenig weiter. Wir müssen uns auf unsere tägliche Arbeit konzentrieren. Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht. Derzeit hab ich das Gefühl, wir ziehen wieder mehr daran, als das Gras zu düngen.

 

Welche Denksportaufgabe hat Kaiserslautern den Leipzigern gestern gestellt, mit der die Leipziger so ihre Probleme hatten?

Individuelle Qualität auf den Außenpositionen, schnelle Bewegungen, die uns in die Lage versetzt haben, dass wir gemeint haben, wir machen lieber nochmal zwei, drei Schritte zurück, weil sich prinzipiell ein Spieler in der Tiefe des Raumes im Verteidigen wohler fühlt. Da ist unser nach vorne Verteidigung auf der Strecke geblieben. Das hat dazu geführt, dass wir auf den Außenpositionen bei den 1:1-Situationen isoliert waren. Da waren wir nicht aggressiv genug.

 

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 Wir machen unsere Arbeit unabhängig von der Liga. Wir schauen immer, wie unsere Spielweise zu der Liga passt. Wenn es irgendwann in ein, zwei oder drei Jahren so weit ist, dass wir ganz oben spielen, muss es unabhängig von handelnden Personen sein, unabhängig von Spielern oder Trainern. < /div>< /div>< /blockquote >

 

Nach dem Spiel haben Sie die Spieler in einem Kreis versammelt. Passiert dies nach jedem Match?

Nein, das passiert nicht immer, das habe ich mir abgewöhnt. Es gibt zwei Aspekte in der Beurteilung: die emotionale und die analytische. Die emotionale kann ich nur direkt nach dem Match rüberbringen. Die analytische Beurteilung erfolgt dann in den Tagen danach im persönlichen Gespräch mit dem jeweiligen Spieler. Das sofortige Verpflanzen im Kopf von den Spielern, wenn wir etwas geschafft oder nicht geschafft haben – also die emotionale Schiene – gehört für mich schon auch dazu.

 

Ist Ihre tägliche Arbeit zum Teil auch schon auf die Spielweise für die oberste Deutsche Liga ausgerichtet oder gilt der Fokus den Spielen in der zweiten Liga?

Wir machen unsere Arbeit unabhängig von der Liga. Wir schauen immer, wie unsere Spielweise zu der Liga passt. Wenn es irgendwann in ein, zwei oder drei Jahren so weit ist, dass wir ganz oben spielen, muss es unabhängig von handelnden Personen sein, unabhängig von Spielern oder Trainern. Wenn man da in der Lage ist, unabhängig von der Liga nur noch an der individuellen Qualität zu arbeiten, dann ist es der optimale Fall.

 

Ralf Rangnick meinte, dass man Kampl und Ramalho gerne in der Red Bull Familie behalten möchte. Das setzt jedoch voraus, dass RB Leipzig in die Deutsche Bundesliga aufsteigt. Erhöht das für Sie den Druck?

Nein, für mich nicht. Dann verkaufen wir sie für ein paar Millionen und sie sind weg. Das ändert an meinem Arbeiten nichts. Meine Spieler, die ich gerade habe, beeinflussen meine Arbeit und wie wir Fußball spielen. Da die Grundphilosophie ähnlich ist, zählt nur die Frage, ob wir einen Spieler bekommen können, der nicht das erste Mal von Gegenpressing, Umschaltverhalten, Durchsichern oder vom vertikalen Blick hört. Dann hätten wir ein Problem. Ob der Spieler aus der Jugend rauskommt oder aus einem anderen Verein – wichtig ist, dass er die gleiche Philosophie gelernt hat. Bei uns werden die Spieler jeden Tag vor so viele Widerstände gestellt, durch das Trainerteam und auch durch das ganze Drumherum, da ist kein Platz für das Denken: „Was mache ich hier eigentlich." Kampl hat jedenfalls gezeigt, welch unglaubliche Qualität er in seinem Spiel hat. Aber das sage ich auch zu meinem Spieler Yussuf Poulsen, dass er dann zu einem Verein wechselt, und dass alle im Verein wissen, welche Qualität er hat. Beim Umschaltverhalten könnte man bei Kampl jedenfalls noch deutlich arbeiten.

 


Wenn Sie sich im Winter einen Spieler von Red Bull Salzburg aussuchen könnten. Wer wäre das?

Schwierig. Ich finde Martin Hinteregger sehr gut. Unter dem Strich würde mich aber für Kevin Kampl entscheiden. Und für André Ramalho. Das sind die Spieler, die einfach gut zu uns passen würden. Soriano und Alan sind natürlich auch sehr interessant, die sind aber auch meistens daraus ausgerichtet, dass sie einen klinisch reinen Pass bekommen. Den gibt es bei uns eher selten.

 

Bekommen Sie regelmäßig von Salzburger Spielern eine DVD, um immer up to date zu sein oder sind die regelmäßig vor Ort?

Wir waren zwei Mal mit der Mannschaft vor Ort, gegen Düdelingen und gegen Basel im Rückspiel, wir waren keine Glücksbringer. Ich sehe regelmäßig Sky Sport Austria, ich lasse mir keine Extra-Mitschnitte machen, ich bin Trainer von RB Leipzig, das ist mein Fokus.

 

Wie funktioniert die Kommunikation zwischen Salzburg und Leipzig bzgl. möglicher Spieler?

Ich verlasse mich hier 100%ig darauf, was Ralf Rangnick zur Verfügung stellt. Ich bin dann nur in das Endscouting eingebunden. Ich bin nicht mit dabei, wenn es vier Spieler für eine Position gibt, die für uns interessant sein könnten. Für so etwas habe ich viel zu wenig Zeit. In den ersten beiden Jahren hatten wir einen intensiven Austausch zwischen Salzburg und Leipzig, wo es auch darum ging, beide auf einen Stand bzgl. der Philosophie zu bringen, auch mit den Cheftrainern Roger Schmidt. Mit dem Adi Hütter hatte ich bisher noch gar keinen Kontakt.

 

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 Fußball ist keine Wohlfühloase, wo wir dann sagen: Na gut, das war nichts, trainieren wir eine Woche weiter und alles wird gut. Das ist schon auch ein Widerstandstraining Woche für Woche. < /div>< /div>< /blockquote >

 

Und wie funktioniert das Ganze, wenn Spieler von Leipzig für Salzburg interessant sein könnten?

Ich sage dann zu Ralf Rangnick, der Spieler X ist für uns gerade noch kein Thema und lasst den irgendwo wenn möglich mit unserer Philosophie ein Jahr Spielpraxis bekommen. Wir haben natürlich auch nicht immer eine 100%ige Trefferquote. Es gibt Spieler, wo ich dann auch sage: Es reicht nicht. Und dann bin ich weit vom Menschen Zorniger entfernt, dass ich dann sage, dass wir für den ein Plätzchen bitte suchen.

 

Sie haben auch drei Österreicher im Kader von RB Leipzig. Niklas Hoheneder ist ja leider schwerer verletzt und wird noch weiter ausfallen. Wie sieht es mit Georg Teigl und Stefan Hierländer aus. Wie zufrieden sind Sie?

Hoheneder war bis zu seiner Verletzung ein absoluter Stammspieler und hatte eine sensationelle Entwicklung, trotz seiner fehlenden Muskulatur. Er tut uns prinzipiell sehr gut. Derzeit haben wir nur zwei Innenverteidiger, dh. Leistungsschwankungen und Verletzungen können wir derzeit nur schwer abfedern. Stefan Hierländer kommt aus der Philosophie. Bei ihm war für mich immer die Frage an ihn: ‚Wie gehst du mit Widerständen um?' Er war in Salzburg immer so der 12. Mann, ist öfters eingewechselt worden. Sein Anspruch war es schon Stammspieler zu sein. Dann muss ich aber auch die Schlüsse ziehen aus der Zeit in Salzburg. Die Daten sprechen immer für ihn. Er hat die höchste Durchschnittsgeschwindigkeit, die höchste Laufgeschwindigkeit. Aber er muss auch dort auftauchen, wo es gilt. Man hat es auch gestern beim Match gegen Kaiserslautern bei einem Kopfballduell gesehen: Da erwarte ich mir von ihm, dass er da voll reingeht und eventuell dann halt drei Wochen mit Halskrause herumrennt. Das ist mir zu passiv. Er hat noch zu viele Schwankungen, die kann man sich nicht erlauben. Fußball ist keine Wohlfühloase, wo wir dann sagen: Na gut, das war nichts, trainieren wir eine Woche weiter und alles wird gut. Das ist schon auch ein Widerstandstraining Woche für Woche. Und beim Georg Teigl ist die Grenze noch nicht abzusehen. Seine Geschwindigkeit ist seine größte Waffe und daraus muss er noch viel mehr machen. Georg ist einer der Spieler, der nicht sagen muss, hier bin ich, gib mir den Ball. Er muss sagen: ‚Ab jetzt, hier in den Raum ,dort will ich den Ball hinhaben.' Das macht er noch zu wenig. Er hat sich aber brutal weiterentwickelt im letzten dreiviertel Jahr. Ich möchte natürlich auch nicht dem Kollegen Koller in seinen Job reinreden. Aber wenn ich sehe, wer aus der zweiten deutschen Bundesliga ein Thema für das Team ist, ist Georg Teigl auch nicht so weit weg. Er muss Konstanz reinbringen und mehr Überzeugung mitbringen.

 

Welchen Eindruck haben Sie über den österreichischen Fußball in den vergangenen Jahren gewonnen?

Er hat sich auf jeden Fall weiterentwickelt. Vor allem durch die gute Jugendarbeit. Man muss natürlich schauen, was unter dem Strich rauskommt. Wenn man diese Qualität an Einzelspielern in der Nationalmannschaft – sehr viele Spieler aus der deutschen Bundesliga – hat, muss man aber auch einen entsprechend hohen Anspruch an die Nationalmannschaft haben, da diese Spieler eigentlich jeden Tag auf einem Top-Level arbeiten. Meiner Meinung nach hat das Team mit Marcel Koller einen sehr guten Trainer.

 

Wenn man mit Spielern spricht, die von Österreich nach Deutschland wechseln, hört man oft, dass diese jetzt noch mehr geben müssen, um überhaupt mit dabei zu sein. Sie haben vorher den täglichen Kampf gegen den Widerstand als einen zentralen Bestandteil angesprochen. Merken Sie, dass Spieler aus Österreich damit zunächst Probleme haben?

Ja. Das hängt auch mit dem Akzeptieren einer höheren Fehleranzahl zusammen. Dieses Thema muss man in die Köpfe der Spieler bekommen. Der Mensch neigt zur Faulheit. Für mich ist Fußball noch immer ein Fehlerspiel. Auch in Zeiten von Tiki-Taka. Dann glaube ich halt, dass der Zuschauer sich mehr mit einem Spiel identifiziert, wo diese Fehler gemacht werden, wo aber dann auch versucht wird, diese Fehler zu korrigieren bzw. aus dem Fehler etwas rauszuholen. Wahrscheinlich ist Pep Guardiola der beste Trainer der Welt, aber trotzdem sage ich, dass nicht jedem zwingend diese Art Fußball gefallen muss. Er meint, du kannst das Spiel nur kontrollieren, wenn du den Ball hast. Ich sage: Du kannst das Spiel viel besser kontrollieren, wenn du nicht den Ball hast – nur subtiler. Gib dem Gegner den Ball und er hat das Gefühl, er hat alles im Griff. Wenn du dann aggressiv bist, die Bälle eroberst, eine gute Raumaufteilung hast, um dem Gegner die Luft zum Atmen zu nehmen, bekommst du richtig Probleme. Die Gegner sind taktisch so gut geschult, die Mannschaften stehen so kompakt. Aber was muss ich eigentlich machen, wenn ich in der Sekunde wo ich den Ball habe, den Ball verliere. Das bedeutet aber auch, Fehler zu akzeptieren. Da muss man sich umstellen, wenn man hier herkommt. Teigl als auch Hierländer hatten damit Probleme.

 


Wird in Salzburg Ihrer Meinung nach anders trainiert?

Ich glaube, in Leipzig ist die Intensität höher. Das kann ich nicht sagen, weil ich dort zugesehen habe, sondern das merke ich aus den Gesprächen mit den Spielern und den Kollegen. Die Intensität des Trainings hat aber noch nichts zu sagen über die Qualität des Trainings, das möchte ich schon dazusagen. Nur weil man mit Medizin-Bällen unter dem Arm herumläuft, muss das noch kein gutes Training sein. Ich denke schon, dass wir eine extrem hohe Intensität im Training haben, weil der Grundgedanke der ist, dass man nichts von Spielern erwarten soll, was man auch nicht mit ihnen trainiert.

 

Wie gehen Sie eigentlich damit um, dass Trainer wie Thomas Tuchel ins Spiel als neuer RB Leipzig-Trainer gebracht werden?

Es ist schon so – das sage ich mit allem Selbstvertrauen: Besser als mein Trainerteam und ich als Cheftrainer hat hier den Job noch niemand gemacht. Zwei arriviertere Trainer haben das Ziel Aufstieg nicht geschafft. Es muss sich keiner Gedanken über meine Qualität machen – die habe ich mehr als ausreichend nachgewiesen. Wenn mir dieser Moloch Profifußball nicht zuwider wird, habe ich durchaus Ambitionen, diesen Weg weiterzugehen.

 

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 Für mich war frühzeitig sehr klar, wie kontrolliere ich den Knackpunkt in dem Spiel, die Pause zwischen eigenem Ballbesitz und Spiel gegen den Ball oder Spiel gegen den Ball und eigenem Ballbesitz. Diese Pause gibt es bei uns nicht mehr. < /div>< /div>< /blockquote >

 

Ist Ihnen der Profifußball zuwider?

Ein paar Sachen haben schon sehr wenig mit dem normalen Leben zu tun, da sind wir uns hoffentlich einig. Wenn ich überlege, was Journalisten manchmal für einen Scheiß schreiben müssen, wovon die gar nicht überzeugt sind, dann denk ich mir schon, das ist extrem Schwarz-Weiß.

 

Haben Sie Ihre Spielphilosophie, die Sie aktuell vermitteln, immer schon so gesehen?

Für mich war frühzeitig sehr klar, wie kontrolliere ich den Knackpunkt in dem Spiel, die Pause zwischen eigenem Ballbesitz und Spiel gegen den Ball oder Spiel gegen den Ball und eigenem Ballbesitz. Diese Pause gibt es bei uns nicht mehr. Bei uns gibt es Aktion, Aktion, Aktion. Aktion mit dem Ball, Aktion gegen den Ball. Und nicht Aktion, Pause, Aktion. Bevor ich im Profibereich gearbeitet habe, habe ich das System schon bei meinen Mannschaften gespielt und habe das dann bestätigt gesehen, als Jürgen Klopp als Trainer aufgekommen ist. Diese Spielweise ist für mich schon an dem orientiert, was ich unter Fußball verstehe.

 

Sie haben gerade von Aktion, Aktion, Aktion gesprochen. Wie viel „Aktion" verträgt der menschliche Körper?

Das ist eine prinzipielle Frage. Wie viel Belastung verträgt der Profi. Wie viel Belastbarkeit verträgt ein Schwimmer. Wie viel verträgt ein Turner? Das ist mit dem Trainingsaufwand eines Fußballers nicht zu vergleichen. Es gibt andere Faktoren, die das beinträchtigen: Öffentliche Wahrnehmung, Reisestrapazen, englische Wochen, etc. Das ist die interessanteste Frage. Ich glaube, dass die Belastbarkeit des Spielers im Wesentlich vom Kopf her limitiert wird und nicht von den Beinen.

 

Die soziale Kompetenz als Trainer wurde in den vergangenen Jahren wichtiger. Welchen Grundgedanken vertreten Sie bei dieser Thematik?

Ich muss gerade kurz überlegen, ob es eine Beleidigung für einen Fußballtrainer ist, wenn man sagt, er ist ein Mensch. Ich gehe normal mit den Leuten um, ich versuche mit allen Personen, die in meinem Umfeld sind, normal umzugehen. Ich bin jetzt fünf Jahre Profitrainer, habe davor zehn Jahre einen normalen Job gehabt. Ich weiß, wie man normal miteinander umgeht, natürlich schafft man das nicht immer. Ich denke mir, wenn als zivilisierter Mitteleuropäer mit einem durchschnittlich ausgeprägten Intelligenzquotienten ausgestattet ist und dann mit Leuten arbeitet, müsstest du einen Vorteil haben, weil sie dich verstehen. So gehe ich auch mit den Spielern um. Das ist ein Geben und Nehmen. Machst du einem Spieler klar, dass du ihn respektierst, wirst du von diesem Spieler auch etwas zurückbekommen. Vorausgesetzt, du schaffst die Unterscheidung, dass dem Spieler klar wird, du bist nicht immer nur der Mensch Zorniger, sondern auch der Trainer Zorniger, der manchmal andere Entscheidungen trifft als der Mensch Zorniger. Junge Spieler können das nicht immer unterscheiden. Man redet mit ihnen privat über Familie, Krankheiten, etc; und wenn man am nächsten Tag dann sagt, dass sie in der Situation die Ballorientierung halten müssen, die vertikale Defensive aufbauen müssen, dann sagt der Spieler, aber gestern haben wir doch ganz anders miteinander gesprochen. Das ist manchmal ein Problem.

 

Wie sehr schmerzt es Sie als Trainer, dass RB Leipzig in fast ganz Deutschland angefeindet wird?

Nicht arg. Die wissen einfach viele Sachen nicht. Der Fan begleitet das Thema Fußball fast nur emotional. Kein Verein, der Qualität haben will, kann sich nur daran orientieren, was die eigenen Fans sagen, denn die orientieren sich viel zu sehr an der Emotionalität. Wenn Spiele gegen uns abgesagt werden, die vorher noch zugesagt waren – darüber rege ich mich auf. Die Vereine fragen an und sagen dann ab. Wenn es dann dazu kommt, dass derartige Spiele wegen ein paar Fans abgesagt werden, hat sich dieser Verein von der sportlichen Entscheidungsfähigkeit entfernt. Wir wollen aber natürlich alle auch ein Stück weit geliebt werden für das was wir machen. Ich kann aber mittlerweile einschätzen, warum das oft nicht so ist. Ich lese keine persönlichen Kommentare in Zeitungen oder Online-Portalen mehr, denn da ist zu wenig Qualität in der Aussage. Ich war jetzt schon bei einigen Vereinen und ich kann sagen, dass die Menschen hier bei RB Leipzig mit so viel Herzblut dabei sind, wie ich es noch bei keinem anderen Verein erlebt habe. Bei anderen Vereinen geht es oft darum, Besitzstände zu wahren, bei uns geht es darum, besser zu werden, etwas weiterzubringen. Es kann sich nicht nur Leipzig bei Red Bull bedanken, dass sie hier her gekommen sind, sondern Red Bull auch, dass sie Leipzig als Standort bekommen haben. Die Emotionalität und der Dankbarkeit der Menschen hier ist viel, viel wichtiger. Es gibt hier noch keine 40.000 Red-Bull-Anhänger, aber wohl 60.000 Fußball-Anhänger. Wir müssen uns weiter die Dinge erarbeiten, über die Weise wir Fußball spielen, wie wir uns als Menschen präsentieren und vieles mehr. Wir werden hier nicht nur respektiert sondern haben auch Zuneigung bekommen, es hat in den letzten 16 Jahren in einem Umkreis von 100 Kilometern keinen professionellen Fußball gegeben, bevor RB Leipzig angetreten ist. Diesen Respekt bekommen wir niemals aber in absehbarer Zeit bei den Fans der anderen Mannschaften. Mich interessiert im Moment nur, was in Leipzig gedacht wird und nicht was wo anders über uns gedacht wird.

Danke für das Gespräch!

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