Interviews / 2013

Helmut Spahn: 'Der Fußball wird mit Maßnahmen überfrachtet, um gesellschaftlichte Probleme zu lösen'

Punkto Sicherheit in den Stadien sieht Helmut Spahn, Geschäftsführer des ICSS, eine große Lücke in der Wahrnehmung der Medien und den Fakten. Der Sicherheitsexperte ist auch davon überzeugt, dass ein entspanteres Verhältnis zwischen Fans und Polizei mögli

 

Die Sicherheit in den deutschen Stadien war eines der großen Themen im vergangenen Jahr. Es gab hier sehr viel Bewegung, sehr viel Polemik, sehr viel Populismus. Wie würden Sie die Sicherheit in Deutschlands Stadien beurteilen. Teilen Sie die allgemeine Meinung der Medien, dass es gefährlich ist, ins Stadion zu gehen?
Das ist für mich natürlich ein bisschen schwierig zu beantworten, da ich sechs Jahre lang in Deutschland für die Sicherheit zuständig war. Hier klafft jedenfalls eine große Lücke zwischen der Wahrnehmung der Medien und den Fakten. Ich habe auch damals angefangen, mit den Fans über Pyrotechnik zu sprechen, was dann abgebrochen wurde, als ich den DFB verlassen habe. Was wir am Anfang gemacht haben im Jahr 2006, obwohl das nicht spannend ist: Wir haben Daten gesammelt. Wie viel Sicherheitsrelevante Vorkommnisse haben wir überhaupt. Wenn man sieht, wir haben in Deutschland 46.000 Zuschauer im Schnitt, also Millionen pro Jahr. Dafür passiert eigentlich wenig. Es gab 800 Verletzte – das haben wir an einem Tag beim Oktoberfest in München. Im Fußball wird der Bürgerkrieg proklamiert und auf dem Oktoberfest habe ich die gleiche Zahl an Verletzten an einem Tag wie im Fußball in einem Jahr. Das gehört in Relation gesetzt.

 

Und trotzdem springt die Politik dann auf den Zug auf und meint, es muss mehr für die Sicherheit in den Stadien getan werden ...
Auf dem Oktoberfest stechen der Ministerpräsident und der Bürgermeister das Fass Bier an und fordern zum kollektiven Besäufnis auf. Im Fußballstadion gibt es oft nur alkoholfreies Bier, Plastikbecher ... Auf dem Oktoberfest entstehen die meisten Verletzungen, weil sich die Leute gegenseitig die Gläser auf den Kopf schmeißen. Fußball ist extremst erfolgreich. Der Sport spielt eine herausragende Rolle, auch im politischen Leben. Fußball wird auch von der Politik genutzt, um eine Message zu transportieren. Wenn ein Innenminister versucht, mehr Polizei einzustellen, ist es klar, dass er dies mit Auseinandersetzungen zwischen Fans und Polizei, die dann in allen Medien sind, zu begründen.

 

Ein weiteres Problem in der öffentlichen Wahrnehmung sind auch die Bilder auf diversen Social Media Kanälen, die unkontrolliert in die Öffentlichkeit kommen, oder?
Das ist eine der größten Herausforderung der Zukunft. Alles, was im Stadion passiert, ist drei Sekunden später auf Facebook, Twitter oder YouTube. Diese Problematik muss man sensibel betrachten und vor allem als positive Chance sehen. Es gibt heute keine Geheimnisse mehr, alles was passiert, dringt auch an die Öffentlichkeit.

 

Hat man in Deutschland aus Ihrer Sicht schlussendlich die richtigen Entscheidungen getroffen oder waren es dann am Ende doch zum Großteil populistische Maßnahmen?
Es klingt ein Stück weit arrogant, wenn ich nach zwei Jahren, nachdem ich vom DFB weggegangen bin zu sagen, wie man es hätte anders machen können. Ich glaube, entscheidend war, dass man wieder kommuniziert hat. Die Kommunikation war ja abgeschnitten. Das Sicherheitskonzept der DFL, das von den Fans extremst kritisiert wurde, weil sie nicht eingebunden wurden. Das hat man ein Stück weit erkannt und einen Teil der Fans eingebunden. Man muss aber auch dazu sagen, dass es kein Wunschkonzert ist. Natürlich gibt es Bedürfnisse auf der einen, aber auch auf der anderen Seite. Zunächst muss die Sicherheit auf allen Seiten im Vordergrund stehen. Wir können nicht Sicherheitskonzepte ausrichten nach einer Minderheit von 3.000 Personen und die anderen 48.000 Personen werden vergessen. Aber es gibt eine Schnittmenge, die ist so groß, dass man Konzepte erarbeiten kann, die beiden Bedürfnissen gerecht werden. Ich glaube, dass man in Deutschland auf einem richtigen Weg ist. Das Thema Pyrotechnik wird aber wieder kommen ...

 

Pyrotechnik ist aber jetzt mal kein Thema mehr und nicht mehr erlaubt...
Es gibt einen Präsidiumsbeschluss, wo die Verwendung von Pyrotechnik nicht erlaubt ist und es ist auch legitim, dass ein Verband so entscheidet.

 

Die Fans verteidigen sich oft, dass alle in einen Topf geworfen werden und die negativen Schlagzeilen allen zugeordnet werden, obwohl nur ein kleiner Anteil dafür verantwortlich ist. Wie ist hier Ihre Einschätzung?
Was heißt kleiner Anteil? Wir haben unterschiedliche Gruppen im Stadion, wir haben Fans, wir haben Sponsoren, Familienvater, immer mehr Frauen und auch Ultra-Gruppierungen, die auch unterschiedlich formiert sind. Einige Ultra-Gruppen engagieren sich im sozialen Bereich, anderen haben sich den Kampf gegen das Establishment auf die Fahnen geheftet. Das muss man auch anerkennen in der Entwicklung eines jungen Menschen, der dann bestimmte Feindbilder im Kopf hat wie z.B. Schule, Eltern, Polizei, etc. Das spielt sich dann auch im Stadion ab. Im Stadion hat man diese Entwicklungen aber weit besser unter Kontrolle als sonst wo, auch was die Themen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit betrifft.

 

Aber trotzdem ist es in den Medien immer ein Thema und man hat den Eindruck, dass es nur in den Stadien passiert...
Ja, kaum passiert etwas, sind 15 Kameras da, die das auch aufnehmen und übertragen. Ich glaube, man überfrachtet den Sport im Allgemeinen und Fußball im Speziellen mit Forderungen nach Maßnahmen, um gesellschaftliche Probleme ein Stück weit zu lösen. Das kann aber der Sport nicht.

 

Glauben Sie, dass es in Deutschland auch in Richtung England geht, wo die Ticketpreise derart erhöht wurden, dass die „richtigen" Fans sich das Erlebnis nicht mehr leisten können?
Ich hoffe nicht. Das englische Modell ist ja ein Produkt von Katastrophen, die passiert sind. Es gab eine Vielzahl an Toten. Das gab es in Deutschland bisher nicht. Wenn ich in einem englischen Stadion bin, ist es schon eigenartig: Die Infrastruktur ist gut, aber ich darf auf der Tribüne weder Essen noch Trinken. Wenn ich mich danebenbenehme, habe ich Ruckzuck ein Lebenslanges Stadionverbot, die Ticketpreise sind enorm hoch. Der Fußball hat auch ein Stück weit eine soziale Verantwortung, damit auch jemand, der keine Arbeit hat, am Erlebnis Fußball teilnehmen kann. In England gibt es keine Tickets unter 60, 70 Euro. Die Leute sind dann in Kneipen, die Stimmung und die Zuschauerzahlen in England gehen nach unten.

 

Kann das Verhältnis zwischen Polizei und Fans jemals wieder entspannter sein oder ist das ein Wunschtraum?
Ja, ich war ja selbst über 25 Jahre Polizeibeamter und habe auch Fußballeinsätze in unterschiedlichsten Funktionen mitgemacht. Für mich ist das Entscheidende, mit den Leuten zu sprechen. Oft ist Polizei sprachlos. Man ist da, man agiert, aber man erläutert nicht. Ich bin des Öfteren als Einsatzleiter in die Ultra-Kurve gegangen – in Uniform – hab mich vorgestellt und die Besonderheiten des heutigen Tages mit den Fans erläutert. Wenn sich dann Fans über die Grenzen bewegt haben, bin ich nochmal hingegangen und habe gesagt: He, wir haben doch miteinander gesprochen. Die waren dann überrascht und meinten: Ja, du hast ja Recht. Wenn ich als Polizei aber einfach einen Bereich räume, ohne zu erklären, warum man das tut, dann werde ich eine Auseinandersetzung haben. Aber: Es gibt natürlich auch Gruppierungen, die nur darauf aus sind, die Auseinandersetzung zu suchen. Das darf man auch nicht vergessen. Wenn die Polizei den Eindruck erweckt, auf Seiten der Fans zu sein, wird sich das Ganze aber ein Stück entspannen.

 

In Österreich wird oft von Seiten der Vereine das Argument verwendet, dass die sozialen Probleme in der Gesellschaft gegeben sind und man als Verein machtlos ist. Eine Ausrede?
Das ist zu kurz gegriffen. Natürlich gibt es gesellschaftliche Probleme und wie ich schon weiter oben gesagt habe, kann der Fußball nicht diese Probleme alleine lösen. Aber es ist der falsche Weg zu sagen: Das ist nicht unser Problem, da müssen sich andere darum kümmern. Dann schaut man auf den Staat und auf die Polizei und die Polizei wird dann irgendwann die Führung übernehmen und dann wird die Polizei vorschreiben, was im Stadion zu passieren hat. Zunächst ist aber der Verein dafür verantwortlich, wie man sich im Stadion zu verhalten hat. Der hat dafür zu sorgen, dass dieses Spiel ordentlich über die Bühne gebracht wird. Ich glaube schon, dass ein Verein viel dafür tun kann.

 

Was sind die geeignetsten Maßnahmen von Vereinen diesbezüglich?

Die Vorbildfunktion von Spielern und Trainern ist aus meiner Sicht hier nicht hoch genug einzuschätzen. Was auch fehlt ist, dass der Verein mit einer Stimme spricht. Oft sagt der Präsident des Vereins etwas anderes als der Fanbeauftragte oder als der Manager oder die Spieler. Spieler äußern sich oft unüberlegt, was rivalisierende Vereine betrifft. Das alles trägt natürlich dann im Fall der Fälle dazu bei, die Stimmung negativ aufzuheizen. Es gab Spiele in Deutschland, die abgebrochen wurden und trotzdem haben die Spieler danach mit den Fans gefeiert. Da würde ich mir wünschen, dass der Verein dies unterbindet – eine Art Liebesentzug. Wenn ihr euch nicht so verhaltet, dass es keine gewalttätigen Auseinandersetzungen mehr gibt, dann wollen wir mit euch auch nichts zu tun haben. Das fehlt mir ein bisschen, weil man immer denkt, man muss mit allen ein bisschen gut Freund sein. Und das funktioniert nie.

 

Zur Person Helmut Spahn
Helmut Spahn war Sicherheitschef der WM 2006 und mehrere Jahre Sicherheitsbeauftragter des Deutschen Fussball-Bunds. Außerdem agierte er seit 2007 als Sicherheitsoffizier bei mehreren UEFA-Events. Jetzt ist Spahn als Geschäftsführer der ICSS – International Centre for Sports Security tätig. Vor einigen Wochen war die ICSS in Wien zu Gast.

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